Kün­di­gung eines Tarif­ver­tra­ges – und kei­ne Schrift­form

Die Kün­di­gung eines Tarif­ver­trags muss nicht in Schrift­form gemäß § 126 BGB erklärt wer­den.

Kün­di­gung eines Tarif­ver­tra­ges – und kei­ne Schrift­form

Zwar bedür­fen Tarif­ver­trä­ge nach § 1 Abs. 2 TVG der Schrift­form. Das Tarif­ver­trags­recht kennt kei­nen eigen­stän­di­gen Schrift­form­be­griff. Die Schrift­form rich­tet sich daher grund­sätz­lich nach § 126 BGB und den in der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Kon­kre­ti­sie­run­gen die­ser Vor­schrift 1.

Für die Kün­di­gung eines Tarif­ver­trags gel­ten aber kraft Geset­zes kei­ne Form­vor­schrif­ten. Vor­be­halt­lich ande­rer Abre­den im Tarif­ver­trag selbst begeg­net jeden­falls eine der Text­form des § 126b BGB ent­spre­chen­de Kün­di­gungs­er­klä­rung kei­nen recht­li­chen Beden­ken.

Das Schrift­form­ge­bot des § 1 Abs. 2 TVG iVm. § 126 BGB ist für die Kün­di­gung nicht ent­spre­chend her­an­zu­zie­hen 2. Hier­für fehlt es an der erfor­der­li­chen Rege­lungs­lü­cke.

Das zeigt bereits § 7 Abs. 1 Satz 1 TVG. Danach sind die Tarif­ver­trags­par­tei­en ver­pflich­tet, "die Urschrift oder eine beglau­big­te Abschrift" eines jeden Tarif­ver­trags und sei­ner Ände­run­gen dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les zu über­sen­den. Das Außer­kraft­tre­ten ist ledig­lich "mit­zu­tei­len", ohne dass es bei der Kün­di­gung des Tarif­ver­trags einer Über­sen­dung des Kün­di­gungs­schrei­bens bedürf­te. Vor allem aber man­gelt es – aus­ge­hend vom Zweck des § 1 Abs. 2 TVG – an einer ver­gleich­ba­ren Inter­es­sen­la­ge. § 1 Abs. 2 TVG dient der Klar­stel­lung des Ver­trags­in­halts und dem Gebot der Nor­men­klar­heit 3. Die­ser Zweck erfor­dert kei­ne Erstre­ckung auf die Tarif­ver­trags­kün­di­gung. Die dem Tarif­ver­trag Norm­un­ter­wor­fe­nen wären bei einer dem Schrift­form­erfor­der­nis unter­lie­gen­den, allein gegen­über dem Tarif­ver­trags­part­ner zu erklä­ren­den und nicht publi­ka­ti­ons­be­dürf­ti­gen Kün­di­gung nicht anders gestellt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 26. Juli 2016 – 1 AZR 160/​14

  1. BAG 21.09.2011 – 7 ABR 54/​10, Rn. 33, BAGE 139, 197; 7.07.2010 – 4 AZR 1023/​08, Rn. 14[]
  2. eben­so ErfK/​Franzen 16. Aufl. § 1 TVG Rn. 32; Gamill­scheg Kol­lek­ti­ves Arbeits­recht Band I § 13 II 1 a; Kempen/​Zachert/​Stein TVG 5. Aufl. § 4 Rn. 189; Oet­ker in Jacobs/​Krause/​Oetker/​Schubert Tarif­ver­trags­recht 2. Aufl. § 8 Rn. 10; Wiedemann/​Thüsing 7. Aufl. § 1 TVG Rn. 319; für einen den Tarif­ver­trag auf­he­ben­den Ver­trag vgl. BAG 8.09.1976 – 4 AZR 359/​75, zu III 2 der Grün­de; aA Bep­ler in Henssler/​Moll/​Bepler Der Tarif­ver­trag 2. Aufl. Teil 3 Rn. 213; Däub­ler TVG/​Deinert 4. Aufl. § 4 Rn. 122; Däub­ler TVG/​Nebe 4. Aufl. § 1 Rn. 172 f.; Löwisch/​Rieble TVG 3. Aufl. § 1 Rn. 1443[]
  3. vgl. BAG 17.02.2016 – 2 AZR 613/​14, Rn. 22 mwN[]