Kün­di­gung wegen außer­dienst­li­cher Straf­tat

Für nicht hoheit­lich täti­ge Arbeit­neh­mer des öffent­li­chen Diens­tes gel­ten nach § 41 Satz 1 TVöD-BT‑V kei­ne wei­ter­ge­hen­den ver­trag­li­chen Neben­pflich­ten als für die Beschäf­tig­ten der Pri­vat­wirt­schaft.

Kün­di­gung wegen außer­dienst­li­cher Straf­tat

Die frü­her in § 8 Abs. 1 Satz 1 BAT und § 8 Abs. 8 MTArb vor­ge­se­he­nen beson­de­ren Anfor­de­run­gen an das außer­dienst­li­che Ver­hal­ten der Arbeit­neh­mer sind, wie das Bun­des­ar­beits­ge­richt in einer aktu­el­len Ent­schei­dung betont, von den Tarif­ver­trags­par­tei­en auf­ge­ho­ben wor­den.

Eine Kün­di­gung ist aus Grün­den im Ver­hal­ten des Arbeit­neh­mers gemäß § 1 Abs. 2 KSchG sozi­al gerecht­fer­tigt, wenn der Arbeit­neh­mer eine Ver­trags­pflicht erheb­lich – in der Regel schuld­haft – ver­letzt hat, das Arbeits­ver­hält­nis dadurch auch künf­tig kon­kret beein­träch­tigt wird, eine zumut­ba­re Mög­lich­keit einer ande­ren, wei­te­re Stö­run­gen zuver­läs­sig aus­schlie­ßen­den Beschäf­ti­gung nicht besteht und die Lösung des Arbeits­ver­hält­nis­ses in Abwä­gung der Inter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le bil­li­gens­wert und ange­mes­sen erscheint 1. Der Arbeit­neh­mer muss dazu nicht eine Haupt­pflicht aus dem Arbeits­ver­hält­nis ver­letzt haben. Auch die erheb­li­che Ver­let­zung einer ver­trag­li­chen Neben­pflicht kann eine Kün­di­gung sozi­al recht­fer­ti­gen 2.

Die Straf­tat als Ver­stoß gegen ver­trag­li­che Ver­pflich­tun­gen[↑]

Ein nicht mit hoheit­li­chen Auf­ga­ben betrau­ter Arbeit­neh­mer des öffent­li­chen Diens­tes ver­letzt durch eine außer­dienst­li­che Straf­tag aber kei­ne arbeits- oder tarif­ver­trag­li­che Neben­pflicht, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt:

Aller­dings hat­ten sich Ange­stell­te und Arbei­ter nach den außer Kraft getre­te­nen Rege­lun­gen des § 8 Abs. 1 Satz 1 BAT und des § 8 Abs. 8 Satz 1 MTArb so zu ver­hal­ten, wie es von Ange­hö­ri­gen des öffent­li­chen Diens­tes erwar­tet wer­den konn­te. Danach hat­ten sie auch ihr außer­dienst­li­ches Ver­hal­ten so ein­zu­rich­ten, dass das Anse­hen des öffent­li­chen Arbeit­ge­bers nicht beein­träch­tigt wür­de. Eine außer­dienst­lich began­ge­ne Straf­tat von eini­gem Gewicht ver­moch­te auf die­ser tarif­li­chen Grund­la­ge die ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung eines Ange­hö­ri­gen des öffent­li­chen Diens­tes zu recht­fer­ti­gen 3.

Die­se Rege­lun­gen wur­den in die seit dem 1. Okto­ber 2005 gel­ten­den Tarif­wer­ke des öffent­li­chen Diens­tes nicht über­nom­men. Die Vor­schrift des § 41 TVöD-BT‑V hat den frü­he­ren Ver­hal­tens­maß­stab zumin­dest für die nicht hoheit­lich täti­gen Beschäf­tig­ten des Bun­des und der Kom­mu­nen auf­ge­ge­ben. Nach § 41 Satz 1 TVöD-BT‑V ist nun­mehr „die im Rah­men des Arbeits­ver­trags geschul­de­te Leis­tung gewis­sen­haft und ord­nungs­ge­mäß aus­zu­füh­ren“. Nach Satz 2 der Bestim­mung müs­sen sich Beschäf­tig­te, die hoheit­li­che Auf­ga­ben wahr­neh­men, über­dies „durch ihr gesam­tes Ver­hal­ten zur frei­heit­lich demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung im Sin­ne des Grund­ge­set­zes beken­nen“. Dar­über hin­aus­ge­hen­de Anfor­de­run­gen an die pri­va­te Lebens­füh­rung stellt der TVöD nicht mehr, auch nicht an ande­rer Stel­le 4. Die Vor­ga­ben in § 3 TVöD-AT betref­fen nur dienst­li­che Pflich­ten. Mit der Neu­re­ge­lung haben sich die Tarif­ver­trags­par­tei­en inso­weit von ihrer bis­he­ri­gen Ori­en­tie­rung am Beam­ten­recht ent­fernt und das Arbeits­ver­hält­nis im öffent­li­chen Dienst als eine „nor­ma­le Leis­tungs­aus­tausch­be­zie­hung“ 5 aus­ge­stal­tet 6. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en – und damit auch die Arbeit­ge­ber – haben für die nicht hoheit­lich täti­gen Arbeit­neh­mer des öffent­li­chen Diens­tes ersicht­lich kei­ne wei­ter­ge­hen­den Ver­hal­tens­pflich­ten mehr begrün­den wol­len als die­se auch für die Beschäf­tig­ten in der Pri­vat­wirt­schaft gel­ten. Sie sind in die­ser Hin­sicht die beru­fe­nen Sach­wal­ter des öffent­li­chen Inter­es­ses. Dar­auf hat die Recht­spre­chung Bedacht zu neh­men.

Die Straf­tat als Ver­stoß gegen das Rück­sicht­nah­me­ge­bot[↑]

Gemäß § 241 Abs. 2 BGB ist jede Par­tei des Arbeits­ver­trags zur Rück­sicht­nah­me auf die Rech­te, Rechts­gü­ter und Inter­es­sen ihres Ver­trags­part­ners ver­pflich­tet. Dies dient dem Schutz und der För­de­rung des Ver­trags­zwecks 7. Der Arbeit­neh­mer hat sei­ne Ver­pflich­tun­gen aus dem Arbeits­ver­hält­nis so zu erfül­len und die im Zusam­men­hang mit dem Arbeits­ver­hält­nis ste­hen­den Inter­es­sen des Arbeit­ge­bers so zu wah­ren, wie dies von ihm unter Berück­sich­ti­gung sei­ner Stel­lung und Tätig­keit im Betrieb, sei­ner eige­nen Inter­es­sen und der Inter­es­sen der ande­ren Arbeit­neh­mer des Betriebs nach Treu und Glau­ben bil­li­ger­wei­se ver­langt wer­den kann 8. Er ist auch außer­halb der Arbeits­zeit ver­pflich­tet, auf die berech­tig­ten Inter­es­sen des Arbeit­ge­bers Rück­sicht zu neh­men 9. Die Pflicht zur Rück­sicht­nah­me kann des­halb auch durch außer­dienst­li­ches Ver­hal­ten ver­letzt wer­den 10. Vor­aus­set­zung ist aller­dings, dass durch das – rechts­wid­ri­ge – außer­dienst­li­che Ver­hal­ten des Arbeit­neh­mers berech­tig­te Inter­es­sen des Arbeit­ge­bers beein­träch­tigt wer­den. Das ist der Fall, wenn es nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf den Betrieb oder einen Bezug zum Arbeits­ver­hält­nis hat 11.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch für eine außer­dienst­lich began­ge­ne Straf­tat. Der Arbeit­neh­mer ver­stößt mit einer sol­chen Tat gegen die schuld­recht­li­che Pflicht zur Rück­sicht­nah­me aus § 241 Abs. 2 BGB, wenn sie einen Bezug zu sei­nen arbeits­ver­trag­li­chen Ver­pflich­tun­gen oder zu sei­ner Tätig­keit hat und dadurch berech­tig­te Inter­es­sen des Arbeit­ge­bers oder ande­rer Arbeit­neh­mer ver­letzt wer­den. Das ist regel­mä­ßig anzu­neh­men, wenn der Arbeit­neh­mer die Straf­tat zwar außer­dienst­lich, aber unter Nut­zung von Betriebs­mit­teln oder betrieb­li­chen Ein­rich­tun­gen began­gen hat. Fehlt dage­gen ein sol­cher Zusam­men­hang mit dem Arbeits­ver­hält­nis, liegt eine Ver­let­zung der ver­trag­li­chen Pflicht zur Rück­sicht­nah­me auf die Inter­es­sen des Arbeit­ge­bers regel­mä­ßig nicht vor 12.

Kün­di­gung aus per­so­nen­be­ding­ten Grün­den wegen der Straf­tat[↑]

Aller­dings kann die (außer­dienst­li­che) Bege­hung von Straf­ta­ten Zwei­fel an der Zuver­läs­sig­keit und Ver­trau­ens­wür­dig­keit eines Arbeit­neh­mers begrün­den. Straf­ba­res (außer­dienst­li­ches) Ver­hal­ten eines Beschäf­tig­ten kann dazu füh­ren, dass es die­sem an der Eig­nung für die künf­ti­ge Erle­di­gung sei­ner Auf­ga­ben man­gelt. Dar­aus kann, abhän­gig von der Funk­ti­on des Beschäf­tig­ten, ein per­so­nen­be­ding­ter Kün­di­gungs­grund fol­gen. Ob ein sol­cher Grund vor­liegt, hängt von der Art des Delikts und den kon­kre­ten Arbeits­pflich­ten des Arbeit­neh­mers und sei­ner Stel­lung im Betrieb ab 13. So wer­den Straf­ta­ten eines im öffent­li­chen Dienst mit hoheit­li­chen Auf­ga­ben betrau­ten Arbeit­neh­mers grund­sätz­lich auch dann zu einem Eig­nungs­man­gel füh­ren kön­nen, wenn sie außer­dienst­lich began­gen wur­den und es an einem unmit­tel­ba­ren Bezug zum Arbeits­ver­hält­nis fehlt. Gene­rel­le Wer­tun­gen las­sen sich gleich­wohl nicht tref­fen. Maß­geb­lich sind die Umstän­de des Ein­zel­falls .

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 10. Sep­tem­ber 2009 – 2 AZR 257/​08

  1. BAG, 31.05.2007 – 2 AZR 200/​06 – Rn. 14, AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 57 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 71[]
  2. BAG, 02.03.2006 – 2 AZR 53/​05 – Rn. 21, AP BGB § 626 Krank­heit Nr. 14 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 16; BAG 24.06.2004 – 2 AZR 63/​03 – zu B III 1 der Grün­de, AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 49 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 65[]
  3. vgl. BAG, 21.06.2001 – 2 AZR 325/​00 – zu B I 2 a der Grün­de mwN, AP BAT § 54 Nr. 5 = EzA BGB § 626 nF Nr. 189; BAG, 08.06.2000 – 2 AZR 638/​99 – zu B I 2 a der Grün­de, BAGE 95, 78[]
  4. Clemens/​Scheuring/​Steingen/​Wiese TVöD Stand Dezem­ber 2007 § 41 BT‑V Rn. 2; Bröhl ZTR 2006, 174, 175, 177[]
  5. Bredendiek/​Fritz/​Tewes ZTR 2005, 230, 237[]
  6. so auch Clemens/​Scheuring/​Steingen/​Wiese aaO; Bröhl aaO; a.A. offen­bar wei­ter­hin KR/​Griebeling 9. Aufl. § 1 KSchG Rn. 451; v. Hoy­nin­gen-Hue­n­e/­Linck KSchG 14. Aufl. § 1 Rn. 591[]
  7. BAG, 23.10.2008 – 2 AZR 483/​07 – Rn. 44, AP BGB § 626 Nr. 218; BAG, 02.03.2006 – 2 AZR 53/​05 – Rn. 21, AP BGB § 626 Krank­heit Nr. 14 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 16[]
  8. BAG, 26.03.2009 – 2 AZR 953/​07 – Rn. 24, AP BGB § 626 Nr. 220; BAG 02.03.2006 – 2 AZR 53/​05 – Rn. 21, aaO[]
  9. BAG, 23.10.2008 – 2 AZR 483/​07 – Rn. 44, aaO[]
  10. ErfK/­Mül­ler-Glö­ge 9. Aufl. § 626 BGB Rn. 83[]
  11. BAG, 27.11.2008 – 2 AZR 98/​07 – Rn. 21, AP KSchG 1969 § 1 Nr. 90 = EzA KSchG § 1 Ver­dachts­kün­di­gung Nr. 4; BAG, 23.10.2008 – 2 AZR 483/​07 – Rn. 58, aaO[]
  12. vgl. Stahlhacke/​Preis 9. Aufl. Rn. 700[]
  13. vgl. ErfK/­Mül­ler-Glö­ge 9. Aufl. § 626 BGB Nr. 85 mwN; Stahlhacke/​Preis 9. Aufl. Rn. 700[]