Leih­ar­beit­neh­mer im Zulie­fer­be­trieb – und der Bran­chen­zu­schlag der Auto­mo­bil­in­dus­trie

Betrie­be, die nach ihren aus­schließ­li­chen oder über­wie­gen­den betrieb­li­chen Tätig­kei­ten den Fer­ti­gungs­pro­zess eines Kata­log­be­triebs iSd. § 1 Nr. 2 Satz 2 Halbs. 1 des Tarif­ver­trags über Bran­chen­zu­schlä­ge für Arbeit­neh­mer­über­las­sun­gen in der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie vom 22. Mai 2012 (TV BZ ME) unter­stüt­zen, unter­fal­len nach § 1 Nr. 2 Satz 2 Halbs. 2 TV BZ ME dem fach­li­chen Gel­tungs­be­reich des Tarif­ver­trags über Bran­chen­zu­schlä­ge für Arbeit­neh­mer­über­las­sun­gen in der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie vom 22.05.2012.

Leih­ar­beit­neh­mer im Zulie­fer­be­trieb – und der Bran­chen­zu­schlag der Auto­mo­bil­in­dus­trie

Der Leih­ar­beit­neh­mer hat nach § 2 Abs. 1 bis Abs. 3 TV BZ ME nach der sechs­ten voll­ende­ten Woche des Ein­sat­zes bei der S für die wei­te­re Dau­er der unun­ter­bro­che­nen Über­las­sung an die­se Anspruch auf einen Bran­chen­zu­schlag.

Nach § 1 Nr. 2 Satz 1 TV BZ ME gilt der fach­li­che Gel­tungs­be­reich des TV BZ ME fach­lich ua. für tarif­ge­bun­de­ne Mit­glieds­un­ter­neh­men des iGZ, die im Rah­men der Arbeit­neh­mer­über­las­sung Beschäf­tig­te in einem Kun­den­be­trieb der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie ein­set­zen, wobei nach § 1 Nr. 2 Satz 2 TV BZ ME die dort genann­ten Betrie­be als Kun­den­be­trie­be der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie gel­ten. Im vor­lie­gen­den Fall war der Leih­ar­beit­neh­mer einem gemäß § 1 Nr. 2 Satz 2 TV BZ ME als Kun­den­be­trieb der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie gel­ten­den Betrieb zur Arbeits­leis­tung über­las­sen.

Nach dem Kata­log des § 1 Nr. 2 Satz 2 Halbs. 1 TV BZ ME gel­ten als Kun­den­be­trie­be der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie ua. Betrie­be des Wirt­schafts­zweigs Auto­mo­bil­in­dus­trie und Fahr­zeug­bau, soweit sie nicht dem Hand­werk zuzu­ord­nen sind [1].

Betrie­be des Wirt­schafts­zweigs Auto­mo­bil­in­dus­trie und Fahr­zeug­bau sind neben den­je­ni­gen der Auto­mo­bil- und Fahr­zeug­her­stel­ler im enge­ren Sin­ne (wie im Streit­fall der O AG) alle Betrie­be, deren über­wie­gen­de Tätig­keit als Glied einer Fer­ti­gungs­ket­te unmit­tel­bar auf die Fer­ti­gung eines Auto­mo­bils oder eines sons­ti­gen Fahr­zeugs sowie sei­ner Bestand­tei­le gerich­tet ist. Dies hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­nem am heu­ti­gen Tag ergan­ge­nen Urteil in einem Par­al­lel­ver­fah­ren [2] ent­schie­den.

Ein sol­cher Betrieb ist der­je­ni­ge der S nicht. Sei­ne über­wie­gen­den Tätig­kei­ten sind sol­che aus dem Bereich Logis­tik und Sequen­zie­rung. Die­se unter­stüt­zen zwar die Pro­duk­ti­on von Auto­mo­bi­len, sind aber nicht unmit­tel­bar in die Fer­ti­gungs­ket­te der O AG ein­ge­bun­den.

Doch ist bei Unter­stüt­zungs­be­trie­ben wie dem­je­ni­gen der S der fach­li­che Gel­tungs­be­reich des TV BZ ME nach des­sen § 1 Nr. 2 Satz 2 Halbs. 2 eröff­net.

Die­se Bestim­mung erwei­tert ("sowie") den fach­li­chen Gel­tungs­be­reich des Tarif­ver­trags auf Repa­ra­tur, Zube­hör, Mon­ta­ge, Dienst­leis­tungs- und sons­ti­ge Hilfs- und Neben­be­trie­be. Gemeint sind damit Betrie­be, die nicht ori­gi­när einem der in § 1 Nr. 2 Satz 2 Halbs. 1 TV BZ ME genann­ten Wirt­schafts­zwei­ge unter­fal­len, die aber nach ihren aus­schließ­li­chen oder über­wie­gen­den betrieb­li­chen Tätig­kei­ten den Fer­ti­gungs­pro­zess eines Kata­log­be­triebs unter­stüt­zen und des­halb zum ent­spre­chen­den Wirt­schafts­zweig in dem Sin­ne "gehö­ren", dass sie ihm zuzu­ord­nen sind.

Das folgt aus dem Ober­be­griff "Hilfs- und Neben­be­trieb" [3], für den die aus­drück­lich genann­ten Repa­ra­tur, Zube­hör, Mon­ta­ge- und Dienst­leis­tungs­be­trie­be – klar­ge­stellt durch die Ver­knüp­fung "und sons­ti­gen" – Regel­bei­spie­le sind. Kenn­zeich­nend für den Hilfs- oder Neben­be­trieb ist, dass der betref­fen­de Betrieb ein selb­stän­di­ger Betrieb ist, der für einen ande­ren Betrieb – dem Haupt­be­trieb – eine Hilfs­funk­ti­on aus­übt und den dort ver­folg­ten Betriebs­zweck unter­stützt [4].

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist es nicht erfor­der­lich, dass Kata­log- und Unter­stüt­zungs­be­trieb iSd. § 1 Nr. 2 Satz 2 Halbs. 2 TV BZ ME den­sel­ben Inha­ber haben. Für eine sol­che – unge­schrie­be­ne – Vor­aus­set­zung bie­tet die Tarif­norm kei­nen Anhalts­punkt.

Unab­hän­gig davon, dass bei Vor­lie­gen eines Regel­bei­spiels der jewei­li­ge unbe­stimm­te Ober­be­griff erfüllt ist [5], ist es nicht zwin­gend, dass Hilfs- oder Neben­be­trie­be stets den­sel­ben Inha­ber haben müs­sen wie der Haupt­be­trieb.

Der Begriff des Neben­be­triebs stammt aus dem Betriebs­ver­fas­sungs­recht [6]. In der bis zum 27.07.2001 gel­ten­den Fas­sung bestimm­te § 4 Satz 2 BetrVG, dass Neben­be­trie­be, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 1 BetrVG aF nicht erfüll­ten, dem Haupt­be­trieb zuzu­ord­nen waren. In die­sem Kon­text ist es selbst­ver­ständ­lich, dass betriebs­ver­fas­sungs­recht­lich Haupt- und Neben­be­trieb den­sel­ben Rechts­trä­ger haben muss­ten.

Die­ses Ver­ständ­nis ist indes für die Ver­wen­dung des Begriffs in Tarif­ver­trä­gen nicht zwin­gend. Viel­mehr kön­nen Tarif­ver­trags­par­tei­en auto­nom fest­le­gen, ob sie in ihren Rege­lun­gen dem Merk­mal "Neben­be­trieb" das glei­che Ver­ständ­nis wie im Betriebs­ver­fas­sungs­recht oder einen hier­von abwei­chen­den Inhalt bei­mes­sen wol­len. So hat etwa das Bun­des­ar­beits­ge­richt zu einem Tarif­ver­trag, der nach sei­nem fach­li­chen Anwen­dungs­be­reich "für alle Unter­neh­men des Ein­zel­han­dels in Nord­rhein-West­fa­len ein­schließ­lich ihrer Hilfs- und Neben­be­trie­be" gel­ten soll­te, erkannt, eine sol­che For­mu­lie­rung bie­te kei­nen Anhalts­punkt für die Erfas­sung auch bran­chen­frem­der Unter­neh­men [7]. Eben­so ist es von einer Inha­be­r­iden­ti­tät aus­ge­gan­gen bei einem Tarif­ver­trag, der gel­ten soll­te für "alle Betrie­be der Land- und Forst­wirt­schaft (…), deren Neben­be­trie­be" [8].

An einer sol­chen sprach­li­chen Ver­knüp­fung von Haupt- und Neben­be­trieb fehlt es indes in § 1 Nr. 2 Satz 2 Halbs. 2 TV BZ ME. Hät­ten die Tarif­ver­trags­par­tei­en eine Inha­be­r­iden­ti­tät der dort genann­ten Hilfs- und Neben­be­trie­be zu den im vor­an­ge­hen­den Halbs. 1 ange­führ­ten Betrie­ben fest­le­gen wol­len, hät­ten sie dies durch eine ent­spre­chen­de For­mu­lie­rung oder Ein­schrän­kung unschwer klar­stel­len kön­nen. Statt­des­sen haben sie als Anknüp­fungs­merk­mal auf die betrieb­li­che Tätig­keit abge­stellt und dafür die blo­ße Unter­stüt­zungs­funk­ti­on für einen der Kata­log­be­trie­be des § 1 Nr. 2 Satz 2 Halbs. 1 TV BZ ME aus­rei­chen las­sen.

Danach war im hier ent­schie­de­nen Fall der Ein­satz­be­trieb des Leih­ar­beit­neh­mers ein zum Wirt­schafts­zweig der Auto­mo­bil­in­dus­trie und Fahr­zeug­bau gehö­ren­der Dienst­leis­tungs­be­trieb. Neben dem unter­ge­ord­ne­ten Mon­ta­ge­be­reich unter­stützt der Betrieb der S mit sei­nen über­wie­gen­den Tätig­kei­ten Sequen­zie­rung und Logis­tik die Auto­pro­duk­ti­on bei der O AG.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 22. Febru­ar 2017 – 5 AZR 252/​16

  1. zur Abgren­zung Hand­werk – Indus­trie­be­trieb vgl. BAG 21.01.2015 – 10 AZR 55/​14, Rn. 35 f. mwN[]
  2. BAG 22.02.2017 – 5 AZR 552/​14, Rn. 21 ff.[]
  3. zur Iden­ti­tät der Begrif­fe sh. BAG 1.04.1987 – 4 AZR 77/​86, BAGE 55, 154[]
  4. vgl. BAG 29.01.1992 – 7 ABR 27/​91, zu IV 2 der Grün­de mwN, BAGE 69, 286; 17.01.2007 – 7 ABR 63/​05, Rn. 23 mwN, BAGE 121, 7[]
  5. dazu etwa BAG 24.08.2016 – 4 AZR 251/​15, Rn.19 mwN[]
  6. vgl. zur Begriffs­ge­schich­te Richar­di BetrVG 15. Aufl. § 4 Rn. 4[]
  7. BAG 1.04.1987 – 4 AZR 77/​86, BAGE 55, 154[]
  8. BAG 25.04.1995 – 3 AZR 528/​94, BAGE 80, 14[]