Lohn­wu­cher und der maß­geb­li­che Wirt­schafts­zweig

Die bei der Ermitt­lung eines auf­fäl­li­gen Miss­ver­hält­nis­ses zwi­schen Leis­tung und Gegen­leis­tung im Sin­ne von § 138 BGB erfor­der­li­che Zuord­nung eines Unter­neh­mens des Arbeit­ge­bers zu einem bestimm­ten Wirt­schafts­zweig rich­tet sich nach der durch Uni­ons­recht vor­ge­ge­be­nen Klas­si­fi­ka­ti­on der Wirt­schafts­zwei­ge.

Lohn­wu­cher und der maß­geb­li­che Wirt­schafts­zweig

Der objek­ti­ve Tat­be­stand sowohl des Lohn­wu­chers (§ 138 Abs. 2 BGB) als auch des wucher­ähn­li­chen Geschäfts (§ 138 Abs. 1 BGB) setzt ein auf­fäl­li­ges Miss­ver­hält­nis zwi­schen Leis­tung und Gegen­leis­tung vor­aus.

Ob ein auf­fäl­li­ges Miss­ver­hält­nis zwi­schen dem Wert der Arbeits­leis­tung und der Lohn­hö­he in einem Arbeits­ver­hält­nis vor­liegt, bestimmt sich nach dem objek­ti­ven Wert der Leis­tung des Arbeit­neh­mers. Aus­gangs­punkt der Wert­be­stim­mung sind regel­mä­ßig die Tarif­löh­ne des jewei­li­gen Wirt­schafts­zweigs. Sie drü­cken den objek­ti­ven Wert der Arbeits­leis­tung aus, wenn sie in dem betref­fen­den Wirt­schafts­ge­biet übli­cher­wei­se gezahlt wer­den. Ent­spricht der Tarif­lohn dage­gen nicht der ver­kehrs­üb­li­chen Ver­gü­tung, son­dern liegt die­se unter­halb des Tarif­lohns, ist von dem all­ge­mei­nen Lohn­ni­veau im Wirt­schafts­ge­biet aus­zu­ge­hen 1. Das Miss­ver­hält­nis ist auf­fäl­lig, wenn es einem Kun­di­gen, ggf. nach Auf­klä­rung des Sach­ver­halts, ohne Wei­te­res ins Auge springt. Dafür hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt – in Anknüp­fung an die Recht­spre­chung des Ers­ten Straf­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs 2 – einen Richt­wert ent­wi­ckelt. Erreicht die Arbeits­ver­gü­tung nicht ein­mal zwei Drit­tel eines in dem betref­fen­den Wirt­schafts­zweig übli­cher­wei­se gezahl­ten Tarif­lohns, liegt eine ganz erheb­li­che, ohne Wei­te­res ins Auge fal­len­de und regel­mä­ßig nicht mehr hin­nehm­ba­re Abwei­chung vor, für die es einer spe­zi­fi­schen Recht­fer­ti­gung bedarf 3.

Wel­chem Wirt­schafts­zweig das Unter­neh­men des Arbeit­ge­bers zuzu­ord­nen ist, rich­tet sich nach der Klas­si­fi­ka­ti­on der Wirt­schafts­zwei­ge durch das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt. Die­se Klas­si­fi­ka­ti­on beruht auf der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1893/​2006 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 20.12.2006 zur Auf­stel­lung der sta­tis­ti­schen Sys­te­ma­tik der Wirt­schafts­zwei­ge NACE Revi­si­on 2 und zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 3037/​90 des Rates sowie eini­ger Ver­ord­nun­gen der EG über bestimm­te Berei­che der Sta­tis­tik 4 in der jeweils gel­ten­den Fas­sung. Auf ihrer Grund­la­ge erfolgt auch die Erhe­bung der Arbeits­ver­diens­te nach § 3 des Geset­zes über die Sta­tis­tik der Ver­diens­te und Arbeits­kos­ten vom 21.12.2006 5, wel­ches das frü­he­re Lohn­sta­tis­tik­ge­setz abge­löst hat. Die vom Sta­tis­ti­schen Bun­des­amt her­aus­ge­ge­be­ne Klas­si­fi­ka­ti­on der Wirt­schafts­zwei­ge ist damit im Ein­klang mit Uni­ons­recht ein geeig­ne­ter und rechts­si­cher hand­hab­ba­rer Anknüp­fungs­punkt für die Bestim­mung des maß­geb­li­chen Wirt­schafts­zweigs als Grund­la­ge für die Ermitt­lung des objek­ti­ven Werts einer Arbeits­leis­tung.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 8. April 2012 – 5 AZR 630/​10

  1. BAG 24.03.2004 – 5 AZR 303/​03 – zu I 1 a der Grün­de mwN, BAGE 110, 79[]
  2. BGH 22.04.1997 – 1 StR 701/​96BGHSt 43, 53[]
  3. vgl. dazu im Ein­zel­nen BAG 22.04.2009 – 5 AZR 436/​08, Rn. 17 mwN, BAGE 130, 338; Schaub/​Linck ArbRHdb. 14. Aufl. § 34 Rn. 6 ff.[]
  4. ABl. EU L 393 vom 30.12.2006 S. 1[]
  5. BGBl. I S. 3291[]