Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge bei erneu­ter Kün­di­gung

Wird nach Anzei­ge einer Mas­sen­ent­las­sung ein Arbeit­neh­mer gekün­digt, so bedarf es vor Aus­spruch einer wei­te­ren Kün­di­gung des­sel­ben Arbeit­neh­mers inner­halb von 30 Tagen kei­ner erneu­ten Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge, wenn die­se erneu­te Kün­di­gung in kei­nem neu­en Mas­sen­ent­las­sungs­kon­text steht.

Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge bei erneu­ter Kün­di­gung

Gemäß § 17 Abs. 1 Satz 1 LSGchG ist, bevor eine Mas­sen­ent­las­sung durch­ge­führt wird, also eine gewis­se Min­dest­an­zahl an Arbeit­neh­mern inner­halb von 30 Kalen­der­ta­gen ent­las­sen wird, der Agen­tur für Arbeit hier­über Anzei­ge zu erstat­ten. Unter Ent­las­sung ist in uni­ons­recht­li­cher Aus­le­gung 1 die Erklä­rung der Kün­di­gung zu ver­ste­hen 2. Sinn und Zweck die­ser Rege­lung ist, in Über­ein­stim­mung mit der RL 98/​59/​EG, Mas­sen­ent­las­sun­gen zu ver­mei­den oder jeden­falls ihre Zahl zu beschrän­ken, bezie­hungs­wei­se ihre Fol­gen zu mil­dern. Nach Art. 4 Abs. 2 RL 98/​59/​EG soll die zustän­di­ge Behör­de, also die Agen­tur für Arbeit, in die Lage ver­setzt wer­den, nach Lösun­gen für die durch die beab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen auf­ge­wor­fe­nen Pro­ble­me zu suchen 3. Die durch eine ord­nungs­ge­mä­ße Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge gemäß § 17 LSGchG eröff­ne­te Kün­di­gungs­mög­lich­keit wird jedoch mit der Erklä­rung die­ser Kün­di­gung ver­braucht. Will der Arbeit­ge­ber das Arbeits­ver­hält­nis im zeit­li­chen Zusam­men­hang von 30 Tagen mit einer wei­te­ren Mas­sen­ent­las­sung been­den, so bedarf es einer erneu­ten Anzei­ge, ande­ren­falls näm­lich der von §§ 17ff. LSGchG ver­folg­te Zweck leer­lie­fe, Mas­sen­ent­las­sun­gen zu ver­mei­den oder deren Fol­gen zu mil­dern 3.

Dies bedeu­tet jedoch nicht, dass stets bei einer erneu­ten Kün­di­gung, die inner­halb von 30 Kalen­der­ta­gen aus­ge­spro­chen wird, eine erneu­te Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge zu erstat­ten wäre. Denn wie aus der zitier­ten Ent­schei­dung des BAG 3 ersicht­lich ist, der ein Fall zugrun­de lag, in dem der dor­ti­ge Arbeit­neh­mer zwei Mas­sen­ent­las­sungs­wel­len unter­fiel und des­halb zwei­mal gekün­digt wur­de, ist abzu­stel­len auf einen Mas­sen­ent­las­sungs­kon­text. Nur wenn die wei­te­re Kün­di­gung im Zusam­men­hang mit einer wei­te­ren Mas­sen­ent­las­sung erklärt wird, bedarf es auch einer erneu­ten Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge. Denn ver­bleibt es bei der Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses ein- und des­sel­ben Arbeit­neh­mers, des­sen Ent­las­sung bereits ange­zeigt wur­de, inner­halb des­sel­ben Mas­sen­ent­las­sungs­kon­tex­tes, so ist über die­se Ent­las­sung die Agen­tur für Arbeit bereits aus­rei­chend in Kennt­nis gesetzt, um ins­be­son­de­re Ver­mitt­lungs­be­mü­hung in Bezug auf die­sen Arbeit­neh­mer ent­fal­ten zu kön­nen. Der mit der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge ver­folg­te Zweck ist dann bereits erfüllt.

Dar­aus folgt für den vor­lie­gend vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall, dass der Arbeit­neh­mer qua­si als Ent­las­sung Nr. der Agen­tur für Arbeit mit­ge­teilt wur­de. Die Ent­las­sung stand in einem Mas­sen­ent­las­sungs­kon­text, näm­lich der Ent­las­sung aller 218 Mit­ar­bei­ter des flie­gen­den Per­so­nals. Die noch­ma­li­ge Kün­di­gung des Arbeit­neh­mers (= Ent­las­sung) begrün­de­te kei­nen neu­en Mas­sen­ent­las­sungs­kon­text. Es blieb dabei, dass der Arbeit­neh­mer als Mit­ar­bei­ter Nr. zur Ent­las­sung anstand ent­spre­chend der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge betref­fend den Mas­sen­ent­las­sungs­kon­text "Kün­di­gung aller Mit­ar­bei­ter des flie­gen­den Per­so­nals".

Dar­an ändert sich auch nichts dadurch, dass für den Arbeit­neh­mer in der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge als Been­di­gungs­da­tum (Ent­las­sungs­zeit­raum) der 30.06.2013 ange­ge­ben wur­de, die­ses Datum sich dann aber auf­grund der neu­en Kün­di­gung auf den 31.07.2013 ver­schob.

Zwar gehört gem. § 17 Abs. 3 Satz 4 LSGchG der Zeit­raum, in dem die Ent­las­sun­gen durch­ge­führt wer­den sol­len, zu den Muss­an­ga­ben der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge. Rich­tig ist auch, dass inhalt­li­che Feh­ler in die­sen Punk­ten in der Regel zur Rechts­un­wirk­sam­keit der Kün­di­gung füh­ren. Dies gilt jedoch dann nicht, wenn bezo­gen auf den Zweck der Anzei­ge der Feh­ler ohne Aus­wir­kun­gen auf die Ent­schei­dung der Agen­tur für Arbeit bleibt 4. Ist aber der Haupt­zweck die Ermög­li­chung einer vor­aus­schau­en­den Arbeits­ver­mitt­lung und ande­rer Maß­nah­men zur Abwen­dung der Fol­gen der Mas­sen­ent­las­sung 5, so bleibt es ohne Aus­wir­kun­gen, wenn für die Arbeits­ver­mitt­lung bezo­gen auf einen Arbeit­neh­mer ein – inso­fern für den Arbeit­neh­mer und die Agen­tur für Arbeit güns­ti­ge­rer – län­ge­rer Ent­lass­zeit­raum ein­ge­räumt wird.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 18. März 2014 – 4 Sa 12/​14

  1. EuGH 27.01.2005 – C‑188/​03, Slg. 2005, I. – 885, Junk[]
  2. BAG 22.04.2010 – 6 AZR 948/​08BAGE 134, 176[]
  3. BAG 22.04.2010 aaO[][][]
  4. LAG Baden-Würt­tem­berg 16.09.2010 – 9 Sa 33/​10 – LAGE LSGchG § 17 Nr. 7[]
  5. BAG 22.04.2010 aaO; LAG Baden-Würt­tem­berg 16.09.2010 aaO[]
  6. AG Eus­kir­chen, Urteil vom 19.03.2013 – 17 C 160/​12[]