Meh­re­re Betriebs­über­gän­ge – und der rich­ti­ge Wider­spruchs­adres­sat

Das Wider­spruchs­recht bezüg­lich des Über­gangs des Arbeits­ver­hält­nis­ses bei Betriebs­über­gang ist zwar in der Richt­li­nie 2001/​23/​EG des Rates vom 12.03.2001 zur Anglei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Wah­rung von Ansprü­chen der Arbeit­neh­mer beim Über­gang von Unter­neh­men, Betrie­ben oder Unter­neh­mens- oder Betriebs­tei­len [1] nicht aus­drück­lich gere­gelt, jedoch in der Recht­spre­chung des EuGH aner­kannt [2].

Meh­re­re Betriebs­über­gän­ge – und der rich­ti­ge Wider­spruchs­adres­sat

Der Inhalt jenes Rechts ist uni­ons­recht­lich nicht aus­ge­stal­tet; die Rechts­fol­gen eines Wider­spruchs für das Arbeits­ver­hält­nis rich­ten sich nach natio­na­lem Recht [3]. Für die Vor­aus­set­zun­gen des Wider­spruchs­rechts ergibt sich nichts ande­res. Zudem ver­pflich­tet die Richt­li­nie die Mit­glied­staa­ten schon nicht, die Auf­recht­erhal­tung des Arbeits­ver­trags oder Arbeits­ver­hält­nis­ses mit dem Ver­äu­ße­rer für den Fall vor­zu­se­hen, dass der Arbeit­neh­mer sich frei dafür ent­schei­det, den Arbeits­ver­trag oder das Arbeits­ver­hält­nis nicht mit dem Erwer­ber fort­zu­set­zen [4].

Nach dem Wort­laut des § 613a Abs. 6 Satz 2 BGB ist der Wider­spruch gegen­über zwei Per­so­nen mög­lich: gegen­über dem "bis­he­ri­gen Arbeit­ge­ber" oder dem "neu­en Inha­ber". Ein Wider­spruchs­recht gegen­über einem ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­ber ist danach nicht gege­ben [5]. "Bis­he­ri­ger" Arbeit­ge­ber in der Situa­ti­on, in der sich der Klä­ger im Novem­ber 2011 nach zwei Betriebs­über­gän­gen befand, wäre im Sin­ne des Geset­zes die V gewe­sen. "Bisher/​ig" bedeu­tet: "bis jetzt" [6]; "von einem unbe­stimm­ten Zeit­punkt an bis zum heu­ti­gen Tag" [7]; "bislang/​bis jetzt/​bis heute/​bis dato/​bis zum heu­ti­gen Tage/​bis zur jet­zi­gen Stun­de" [8].

Bezo­gen auf einen Betriebs­über­gang ist der "bis­he­ri­ge Arbeit­ge­ber" der­je­ni­ge, der vor dem aktu­el­len Arbeit­ge­ber den Betrieb inne­hat­te. Zu einem frü­he­ren Betriebs­in­ha­ber steht der Arbeit­neh­mer nicht mehr in einer, auch nicht in einer durch § 613a Abs. 6 BGB ver­mit­tel­ten arbeits­recht­li­chen oder sons­ti­gen ver­trags­recht­li­chen Bezie­hung.

Der frü­he­re Betriebs­in­ha­ber ist nicht mehr der "bis­he­ri­ge" Arbeit­ge­ber, er hat die­se Eigen­schaft bereits durch den frü­he­ren Betriebs­über­gang ver­lo­ren. Der ihm gegen­über erklär­te Wider­spruch ging damit ins Lee­re.

Auch sys­te­ma­ti­sche Über­le­gun­gen füh­ren zu dem Ergeb­nis, dass der Wider­spruch nur gegen­über dem "bis­he­ri­gen" Arbeit­ge­ber oder "dem neu­en Inha­ber", den letz­ten Über­gang des Arbeits­ver­hält­nis­ses betref­fend, erklärt wer­den kann [9].

Dies ent­spricht der Geset­zes­be­grün­dung [10] für das Wider­spruchs­recht. Mit der Wür­de des Men­schen, dem Recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit und dem Recht auf freie Arbeits­platz­wahl (Art. 1, 2 und 12 GG) wäre es unver­ein­bar, wenn ein Arbeit­neh­mer ver­pflich­tet wür­de, für einen Arbeit­ge­ber zu arbei­ten, den er nicht frei gewählt hat [11].

Ist "das" Arbeits­ver­hält­nis (es han­delt sich im Rah­men des § 613a BGB immer um das eine, nicht um meh­re­re Arbeits­ver­hält­nis­se) zwi­schen­zeit­lich vom Erst­erwer­ber (bis­he­ri­ger Arbeit­ge­ber) auf einen Zwei­terwer­ber (neu­er Inha­ber) über­ge­gan­gen und dage­gen ein Wider­spruch nicht erho­ben wor­den, stellt sich die Fra­ge einer Ver­pflich­tung, für einen Arbeit­ge­ber zu arbei­ten, der nicht frei gewählt wor­den ist, nur noch in Bezug auf den Zwei­terwer­ber (neu­er Inha­ber).

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 16. Okto­ber 2014 – 8 AZR 696/​13

  1. ABl. EG L 82 vom 22.03.2001 S. 16[]
  2. ua. EuGH 16.12 1992 – C‑132/​91, – C‑138/​91 und – C‑139/​91 – [Kats­ikas ua.] Rn. 30 ff. mwN, Slg. 1992, I‑6577[]
  3. ua. EuGH 16.12 1992 – C‑132/​91, – C‑138/​91 und – C‑139/​91 – [Kats­ikas ua.] Rn. 37, aaO[]
  4. EuGH 16.12 1992 – C‑132/​91, – C‑138/​91 und – C‑139/​91 – [Kats­ikas ua.] Rn. 35, aaO[]
  5. vgl. auch BAG 24.04.2014 – 8 AZR 369/​13[]
  6. Brock­haus-Wah­rig Deut­sches Wör­ter­buch S. 703 [1980][]
  7. Duden Das gro­ße Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che 3. Aufl. S. 607[]
  8. Knaurs Lexi­kon der sinn­ver­wand­ten Wör­ter S. 116[]
  9. näher BAG 24.04.2014 – 8 AZR 369/​13, Rn.19 ff.[]
  10. BT-Drs. 14/​7760 S.20[]
  11. BAG 22.04.1993 – 2 AZR 50/​92; eben­so zu der Richt­li­nie 2001/​23/​EG: EuGH 16.12 1992 – C‑132/​91, – C‑138/​91 und – C‑139/​91 – [Kats­ikas ua.] Rn. 32, Slg. 1992, I‑6577; vgl. auch Art. 1 und Art. 15 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on[]