Mit­be­stim­mung beim betrieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment

Für die Ein­lei­tung eines betrieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments gibt § 84 Abs. 3 Satz 1 SGB IX den Begriff der Arbeits­un­fä­hig­keit zwin­gend vor. Die­ser ist einer Aus­ge­stal­tung durch die Betriebs­par­tei­en nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG – und damit auch einer Kon­kre­ti­sie­rung nach dem sog. Work-Abi­li­ty-Index – nicht zugäng­lich.

Mit­be­stim­mung beim betrieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment

Bei der Aus­ge­stal­tung des bEM ist für jede ein­zel­ne Rege­lung zu prü­fen, ob ein Mit­be­stim­mungs­recht besteht. Ein sol­ches kann sich bei all­ge­mei­nen Ver­fah­rens­fra­gen aus § 87 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG, in Bezug auf die Nut­zung und Ver­ar­bei­tung von Gesund­heits­da­ten aus § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG und hin­sicht­lich der Aus­ge­stal­tung des Gesund­heits­schut­zes aus § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG erge­ben, denn § 84 Abs. 2 SGB IX ist eine Rah­men­vor­schrift iSd. Bestim­mung 1. Das Mit­be­stim­mungs­recht des Betriebs­rats setzt ein, wenn für den Arbeit­ge­ber eine gesetz­li­che Hand­lungs­pflicht besteht und wegen des Feh­lens zwin­gen­der Vor­ga­ben betrieb­li­che Rege­lun­gen erfor­der­lich sind, um das vom Gesetz vor­ge­ge­be­ne Ziel des Arbeits- und Gesund­heits­schut­zes zu errei­chen 2.

Der in § 84 Abs. 2 Satz 1 SGB IX ent­hal­te­ne Begriff der Arbeits­un­fä­hig­keit ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de einer Aus­ge­stal­tung durch die Betriebs­par­tei­en nicht zugäng­lich, son­dern zwin­gend gesetz­lich vor­ge­ge­ben.

Nach § 84 Abs. 2 Satz 1 SGB IX führt der Arbeit­ge­ber zusam­men mit den zustän­di­gen Inter­es­sen­ver­tre­tun­gen und mit Zustim­mung und Betei­li­gung des Arbeit­neh­mers ein bEM durch, wenn „Beschäf­tig­te inner­halb eines Jah­res län­ger als sechs Wochen unun­ter­bro­chen oder wie­der­holt arbeits­un­fä­hig sind“. Zweck der Rege­lung ist nach der Geset­zes­be­grün­dung, durch die gemein­sa­me Anstren­gung aller in § 84 Abs. 2 SGB IX genann­ten Betei­lig­ten mit dem bEM ein Ver­fah­ren zu schaf­fen, das durch geeig­ne­te Gesund­heits­prä­ven­ti­on das Arbeits­ver­hält­nis mög­lichst dau­er­haft sichert, weil vie­le Abgän­ge in die Arbeits­lo­sig­keit aus Krank­heits­grün­den erfol­gen und arbeits­platz­si­chern­de Hil­fen der Inte­gra­ti­ons­äm­ter vor der Bean­tra­gung einer Zustim­mung zur Kün­di­gung kaum in Anspruch genom­men wer­den 3. Die in § 84 Abs. 2 SGB IX genann­ten Maß­nah­men die­nen damit neben der Gesund­heits­prä­ven­ti­on auch der Ver­mei­dung einer Kün­di­gung und der Ver­hin­de­rung von Arbeits­lo­sig­keit erkrank­ter und kran­ker Men­schen 4. Da im Fal­le einer nega­ti­ven Gesund­heits­pro­gno­se eine krank­heits­be­ding­te Kün­di­gung bei zu erwar­ten­den Ent­gelt­fort­zah­lungs­kos­ten für einen Zeit­raum von mehr als sechs Wochen im Jahr vor­be­halt­lich einer ein­zel­fall­be­zo­ge­nen Inter­es­sen­ab­wä­gung in Betracht kommt 5, wird deut­lich, dass der Gesetz­ge­ber mit der Ver­wen­dung des Begriffs „arbeits­un­fä­hig“ in § 84 Abs. 2 Satz 1 SGB IX auf die zu § 3 Abs. 1 EFZG ergan­ge­ne Begriffs­be­stim­mung Bezug genom­men hat und kei­nen vom Ent­gelt­fort­zah­lungs­ge­setz abwei­chen­den eige­nen Begriff mit ande­ren Merk­ma­len schaf­fen woll­te 6. Für die Bemes­sung des Sechs­wo­chen­zeit­raums des § 84 Abs. 2 Satz 1 SGB IX sind des­halb die dem Arbeit­ge­ber vom Arbeit­neh­mer nach § 5 Abs. 1 EFZG ange­zeig­ten Arbeits­un­fä­hig­keits­zei­ten maß­geb­lich. Dies gewähr­leis­tet auch eine prak­ti­ka­ble und siche­re Anwen­dung die­ser Vor­schrift. Ein der Mit­be­stim­mung des Betriebs­rats nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG zugäng­li­cher Spiel­raum bei der Kon­kre­ti­sie­rung des Begriffs der Arbeits­un­fä­hig­keit besteht nicht.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 13. März 2012 – 1 ABR 78/​10

  1. Fit­ting BetrVG 26. Aufl. § 87 Rn. 310a; Richar­di BetrVG 13. Aufl. § 87 Rn. 546[]
  2. BAG 8.06.2004 – 1 ABR 13/​03, zu B I 2 b aa der Grün­de, BAGE 111, 36[]
  3. BT-Drucks. 15/​1783 S. 16[]
  4. BAG 30.09.2010 – 2 AZR 88/​09, Rn. 32, AP KSchG 1969 § 1 Krank­heit Nr. 49 = EzA SGB IX § 84 Nr. 7[]
  5. BAG 10.12.2009 – 2 AZR 400/​08, AP KSchG 1969 § 1 Krank­heit Nr. 48 = EzA KSchG § 1 Krank­heit Nr. 56; grund­le­gend 16.02.1989 – 2 AZR 299/​88, BAGE 61, 131[]
  6. im Ergeb­nis eben­so Welti NZS 2006, 623, 625; FKS – SGB IX – Fel­des 2. Aufl. § 84 Rn. 38[]