Mit­tei­lung der Schwan­ger­schaft – in der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge

Eine nach § 9 Abs. 1 MuSchG genü­gen­de Mit­tei­lung kann auch in der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge selbst lie­gen, wenn die Arbeit­neh­me­rin dort aus­drück­lich auf ihre Schwan­ger­schaft Bezug nimmt und einen Ver­stoß gegen § 9 Abs. 1 MuSchG rügt. Hier­durch wird die Ver­mu­tung einer kün­di­gungs­re­le­van­ten Schwan­ger­schaft hin­rei­chend zum Aus­druck gebracht.

Mit­tei­lung der Schwan­ger­schaft – in der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge

§ 9 Abs. 1 S. 1 MuSchG ist die Kün­di­gung einer Frau (Arbeit­neh­me­rin, § 1 Zif­fer 1 MuSchG) wäh­rend einer Schwan­ger­schaft unzu­läs­sig, wenn dem Arbeit­ge­ber zur Zeit der Kün­di­gung die Schwan­ger­schaft bekannt war oder inner­halb von zwei Wochen nach Zugang der Kün­di­gung mit­ge­teilt wird. Wenn aller­dings die Frau eine Frist­über­schrei­tung nicht zu ver­tre­ten hat, so ist das bei unver­züg­li­cher Nach­ho­lung der Mit­tei­lung unschäd­lich. Aus­nah­men von die­sem Kün­di­gungs­ver­bot erge­ben sich dann, wenn eine Zuläs­sig­erklä­rung der Kün­di­gung gem. § 9 Abs. 3 MuSchG durch die zustän­di­ge staat­li­che Stel­le vor Aus­spruch der Kün­di­gung vor­liegt. Fehlt eine sol­che Zuläs­sig­erklä­rung, führt das Kün­di­gungs­ver­bot zur Nich­tig­keit gem. § 134 BGB, da dann die Kün­di­gung als ein­sei­ti­ges Rechts­ge­schäft gegen ein gesetz­li­ches Ver­bot ver­stößt 1.

Im Streit­fall stand die Arbeit­neh­me­rin zum Zeit­punkt der Kün­di­gung gem. § 1 Zif­fer 1 MuSchG in einem Arbeits­ver­hält­nis zur Arbeit­ge­be­rin. Bei der Arbeit­neh­me­rin bestand auch eine Schwan­ger­schaft, wie sich der ärzt­li­chen Beschei­ni­gung ent­neh­men lässt und von der Arbeit­ge­be­rin im Ergeb­nis auch nicht mehr in Zwei­fel gezo­gen wird.

Aller­dings war der Arbeit­ge­be­rin die Schwan­ger­schaft weder im Zeit­punkt der Kün­di­gung bekannt, noch wur­de sie ihr inner­halb zwei­er Wochen nach Zugang der Kün­di­gung mit­ge­teilt, da die Arbeit­ge­be­rin erst durch Vor­la­ge der ärzt­li­chen Beschei­ni­gung am 18.11.2014 von der Schwan­ger­schaft erfuhr.

Die Über­schrei­tung die­ser Frist ist indes­sen unschäd­lich, da die Arbeit­neh­me­rin sie nicht zu ver­tre­ten hat. Sie trifft näm­lich kein Ver­schul­den (§ 276 Abs. 1, S. 1 BGB), da sie weder vor­sätz­lich oder fahr­läs­sig han­del­te, als sie die Zwei-Wochen-Frist über­schrit­ten hat. Bei der Prü­fung die­ses Ver­schul­dens ist zu berück­sich­ti­gen, dass der anzu­wen­den­de Maß­stab seit den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des § 9 Abs. 1 MuSchG aF 2 aner­kann­ter­ma­ßen durch die beson­de­re Schutz­rich­tung des Kün­di­gungs­schut­zes der wer­den­den Mut­ter zu bestim­men ist. Danach kommt eine schuld­haf­te Pflicht­ver­säu­mung über­haupt nur in Betracht im Sin­ne einer grund­le­gen­den Ver­schul­dens­vor­aus­set­zung, wenn die schwan­ge­re Arbeit­neh­me­rin die Mit­tei­lung inner­halb der Zwei-Wochen-Frist unter­lässt, obschon sie die Schwan­ger­schaft kennt 3 oder eine zwin­gen­de und unab­weis­ba­re Schwan­ger­schafts­ver­mu­tung vor­liegt 4.

Gemes­sen an die­sen Grund­sät­zen bestand bei der Arbeit­neh­me­rin vor dem 17.11.2014 kei­ne Kennt­nis über die Schwan­ger­schaft. Der fach­ärzt­li­chen Beschei­ni­gung vom 17.11.2014 lässt sich ent­neh­men, dass sich die Arbeit­neh­me­rin am 29.10.2014 in der zwei­ten Schwan­ger­schafts­wo­che befand. Bei einer Schwan­ger­schaft in einem der­art frü­hen Sta­di­um muss davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Arbeit­neh­me­rin vor den Fest­stel­lun­gen des behan­deln­den Arz­tes am 17.11.2014 weder posi­ti­ve Kennt­nis von der Schwan­ger­schaft hat­te noch zwin­gen­de Grün­de für eine Ver­mu­tung vor­ge­le­gen haben. Anhalts­punk­te hier­für las­sen sich weder aus dem unstrei­ti­gen Par­tei­vor­brin­gen ent­neh­men, noch hat die Arbeit­ge­be­rin in die­se Rich­tung vor­ge­tra­gen. Die Arbeit­neh­me­rin hat viel­mehr nach­voll­zieh­bar vor­ge­tra­gen, dass sich bei ihr vor dem 17.11.2014 kei­ne typi­schen Schwan­ger­schafts­sym­pto­me ein­ge­stellt hät­ten.

Die Mit­tei­lung der Schwan­ger­schaft durch Vor­la­ge der fach­ärzt­li­chen Beschei­ni­gung vom 17.11.2014 stellt für sich genom­men kei­ne aus­rei­chen­de Mit­tei­lung i. S. d. § 9 Abs. 1 MuSchG dar. Aus der Mit­tei­lung lässt sich nicht ent­neh­men, dass die Schwan­ger­schaft bereits bei Zugang der Kün­di­gung bestand. Weder wird der vor­aus­sicht­li­che Ent­bin­dungs­ter­min genannt noch eine Fest­stel­lung dahin­ge­hend getrof­fen, dass sich die Schwan­ger­schaft bereits zum Zugangs­zeit­punkt der Kün­di­gung bei der Arbeit­neh­me­rin ein­ge­stellt hat­te.

Eine § 9 Abs. 1 MuSchG genü­gen­de Mit­tei­lung ist aber vor­lie­gend in der am 24.11.2014 zuge­stell­ten Kün­di­gungs­schutz­kla­ge i. V. m. der als Anla­ge bei­gefüg­ten Beschei­ni­gung vom 17.11.2014 zu sehen. In der Kla­ge­schrift nimmt die Arbeit­neh­me­rin aus­drück­lich auf ihre Schwan­ger­schaft Bezug und rügt einen Ver­stoß gegen § 9 Abs. 1 MuSchG. Durch den Ver­weis auf § 9 Abs. 1 MuSchG, der eine Schwan­ger­schaft bei Zugang der Kün­di­gung vor­aus­setzt, äußert die Arbeit­neh­me­rin zumin­dest die Ver­mu­tung einer kün­di­gungs­re­le­van­ten Schwan­ger­schaft und bringt auch für einen objek­ti­ven Emp­fän­ger zum Aus­druck, dass sie sich auf den beson­de­ren Kün­di­gungs­schutz und die damit ein­her­ge­hen­de Rechts­fol­ge beruft. Eines kon­kre­ten Nach­wei­ses über die bestehen­de Schwan­ger­schaft bedurf­te es nach § 9 Abs. 1 MuSchG dage­gen nicht 5. Im Früh­sta­di­um einer Schwan­ger­schaft ist es nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts aus­rei­chend, wenn die Mit­tei­lung ledig­lich die Ver­mu­tung einer kün­di­gungs­re­le­van­ten Schwan­ger­schaft zum Inhalt hat. Die Rechts­si­cher­heit für den Arbeit­ge­ber tritt zurück, da Schwie­rig­kei­ten bei der Fest­stel­lung der Schwan­ger­schaft eine Ein­schrän­kung der Anzei­geo­b­lie­gen­heit erfor­dern 6.

Die Arbeit­neh­me­rin hat die Mit­tei­lung gemäß § 9 Abs. 1 S. 1 MuSchG auch unver­züg­lich nach­ge­holt, so dass ihr der beson­de­re Kün­di­gungs­schutz erhal­ten geblie­ben ist. Zwi­schen der Kennt­nis­er­lan­gung von der Schwan­ger­schaft am 17.11.2014 und dem Zugang der nach­ge­hol­ten Mit­tei­lung durch Zustel­lung der Kla­ge­schrift am 24.11.2014 lie­gen 7 Kalen­der­ta­ge.

Für die Bestim­mung des Rechts­be­griffs ori­en­tiert sich das Arbeits­ge­richt an der Legal­de­fi­ni­ti­on in § 121 Abs. 1 S. 1 BGB, wonach unver­züg­lich "ohne schuld­haf­tes Zögern" bedeu­tet. Ab wann von einem "schuld­haf­ten Zögern" aus­zu­ge­hen ist, wird nicht ein­heit­lich beur­teilt. Es besteht aller­dings Kon­sens, dass die inner­halb von einer Woche nach­ge­hol­te Erklä­rung noch als aus­rei­chend zu erach­ten ist 7. Im Streit­fall wird die­se Frist gewahrt, sodass die Vor­aus­set­zun­gen des § 9 Abs. 1 S. 1 MuSchG vor­lie­gen.

Arbeits­ge­richt Olden­burg (Olden­burg), Urteil vom 4. März 2015 – 2 Ca 544/​14

  1. vgl. nur BAG v. 31.03.1993 – 2 AZR 595/​92, AP Nr.20 zu § 9 MuSchG 1968[]
  2. BVerfG v. 13.11.1979 – 1 BvL 19/​78 1 BvL 24/​77, 1BvL 38/​78, AP Nr. 7 zu § 9 MuSchG 1968; und vom 22.10.1980 – 1 BvR 262/​80, AP Nr. 8 zu § 9 MuSchG 1968[]
  3. BAG v. 13.01.1982 – 7 AZR 764/​79, AP Nr. 12 zu § 9 MuSchG 1968[]
  4. vgl. BAG v. 06.10.1983 – 2 AZR 368/​82, AP Nr. 12 zu § 9 MuSchG 1968[]
  5. vgl. BAG v. 06.06.1974 – 2 AZR 278/​73, AP Nr. 3 zu § 9 MuSchG 1968[]
  6. vgl. BAG v. 15.11.1990 – 2 AZR 270/​90, AP Nr. 17 zu § 9 MuSchG 1968[]
  7. vgl. BAG v. 26.09.2002 – 2 AZR 392/​01, AP Nr. 31 zu § 9 MuSchG 1968[]