Münd­li­che Ver­hand­lung – und der wäh­rend der Ver­gleichs­ver­hand­lun­gen feh­len­de ehren­amt­li­chen Rich­ter

Gemäß § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG iVm. § 309 ZPO kann das Urteil nur von den­je­ni­gen Rich­tern gefällt wer­den, die der dem Urteil zugrun­de­lie­gen­den Ver­hand­lung bei­gewohnt haben 1.

Münd­li­che Ver­hand­lung – und der wäh­rend der Ver­gleichs­ver­hand­lun­gen feh­len­de ehren­amt­li­chen Rich­ter

Nur wenn jeder Rich­ter die wesent­li­chen Vor­gän­ge der münd­li­chen Ver­hand­lung in sich auf­ge­nom­men hat, ist er in der Lage, unter Berück­sich­ti­gung des gesam­ten Inhalts der Ver­hand­lung (§ 286 Abs. 1 ZPO) selbst­stän­dig und ohne wesent­li­che Hil­fe der ande­ren Rich­ter zu urtei­len und so an einer sach­ge­rech­ten Ent­schei­dung mit­zu­wir­ken 2.

Hat ein Rich­ter der Ver­hand­lung nicht unun­ter­bro­chen bei­gewohnt, so darf er an dem Urteil nicht mit­wir­ken. Wirkt er gleich­wohl mit, so ist das Urteil von einem nicht vor­schrifts­mä­ßig besetz­ten Gericht erlas­sen 3.

Danach war in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall die Beset­zungs­rü­ge der Klä­ge­rin begrün­det. Der ehren­amt­li­che Rich­ter K war infol­ge zeit­wei­li­ger Abwe­sen­heit nicht in der Lage, wesent­li­che Vor­gän­ge der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg in sich auf­zu­neh­men. Er konn­te dem­zu­fol­ge nicht unter Berück­sich­ti­gung des gesam­ten Inhalts der Ver­hand­lung (§ 286 Abs. 1 ZPO) selbst­stän­dig und ohne wesent­li­che Hil­fe der ande­ren Rich­ter urtei­len. Da er im Zeit­raum von 09:45 Uhr bis 10:15 Uhr, als das Sach- und Streit­ver­hält­nis mit den Par­tei­en erör­tert wur­de, nicht im Sit­zungs­saal anwe­send war, hat­te er nicht den glei­chen Erkennt­nis­stand wie die ande­ren Richter/​innen der Kam­mer.

Zwar wird gemäß § 137 Abs. 1 ZPO die münd­li­che Ver­hand­lung dadurch ein­ge­lei­tet, dass die Par­tei­en ihre Anträ­ge stel­len. Zu die­sem Zeit­punkt war der ehren­amt­li­che Rich­ter K aus­weis­lich des Pro­to­kolls der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt vom 28.01.2016 anwe­send. Aus dem Pro­to­koll der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt vom 28.01.2016 sowie aus dem Vor­trag der Par­tei­en im Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren ergibt sich fer­ner, dass das Gericht nach dem Stel­len der Anträ­ge das Sach- und Streit­ver­hält­nis mit den Par­tei­en nicht erör­tert hat.

Nach dem über­ein­stim­men­den Vor­brin­gen der Par­tei­en hat eine Erör­te­rung des Sach- und Streit­ver­hält­nis­ses aller­dings in der Zeit von 09:45 Uhr bis 10:15 Uhr und damit in Abwe­sen­heit des ehren­amt­li­chen Rich­ters K statt­ge­fun­den. Die Klä­ge­rin hat dies kon­kret unter Anga­be ein­zel­ner Umstän­de dar­ge­stellt. Die Beklag­te hat dies dadurch bestä­tigt, dass sie aus­ge­führt hat, der Klä­ge­rin sei nach dem Stel­len der Anträ­ge Gele­gen­heit gege­ben wor­den, "zu der Beru­fung aus­zu­füh­ren, und zwar nun­mehr auch in Anwe­sen­heit des ehren­amt­li­chen Rich­ters". Dass die Erör­te­rung des Sach- und Streit­ver­hält­nis­ses in der Zeit von 09:45 Uhr bis 10:15 Uhr aus­weis­lich des Pro­to­kolls der münd­li­chen Ver­hand­lung im Rah­men eines "Kon­flikt­lö­sungs- und Ver­gleichs­ge­sprächs" statt­fand und damit dem Zweck einer güt­li­chen Eini­gung dien­te, ist uner­heb­lich. Im Pro­to­koll der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Beru­fungs­ge­richt ist aus­drück­lich fest­ge­hal­ten, dass die Sit­zung um 09:45 Uhr – wenn auch ohne den ehren­amt­li­chen Rich­ter K – begon­nen wur­de. Auch Ver­gleichs­ver­hand­lun­gen im Rah­men einer münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Gericht sind Bestand­teil der Ver­hand­lung selbst. Auch bei ihnen muss des­halb, wenn nicht aus­nahms­wei­se durch beson­de­ren Beschluss ein Mit­glied der Kam­mer mit der Füh­rung der Ver­gleichs­ver­hand­lun­gen beauf­tragt ist, das Lan­des­ar­beits­ge­richt in sei­ner vol­len Beset­zung tätig sein 3.

Eben­so führt es nicht zu einer ande­ren Bewer­tung, dass der Klä­ge­rin nach dem Ein­tref­fen des ehren­amt­li­chen Rich­ters K um 10:15 Uhr und dem Stel­len der Anträ­ge ange­bo­ten wur­de, ihre zuvor gemach­ten Aus­füh­run­gen zu wie­der­ho­len und sie dies abge­lehnt hat. Nach dem Stel­len der Anträ­ge genüg­te es nicht, allein der Klä­ge­rin Gele­gen­heit zur Wie­der­ho­lung ihres Vor­trags vor dem hin­zu­ge­kom­me­nen ehren­amt­li­chen Rich­ter zu geben. Viel­mehr hät­te das gesam­te Sach- und Streit­ver­hält­nis, ein­schließ­lich der Aus­füh­run­gen der Gegen­sei­te, der Erör­te­run­gen der Vor­sit­zen­den und even­tu­el­ler Bei­trä­ge und Fra­gen ande­rer Mit­glie­der der Kam­mer erneut in Anwe­sen­heit des ehren­amt­li­chen Rich­ters K erör­tert wer­den müs­sen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 23. Juni 2016 – 8 AZN 205/​16

  1. vgl. dazu auch BGH 1.03.2012 – III ZR 84/​11, Rn. 9[]
  2. vgl. ua. BVerwG 19.07.2007 – 5 B 84/​06, Rn. 2 mwN; 24.01.1986 – 6 C 141/​82; 16.12 1980 – 6 C 110/​79; BFH 28.08.1986 – V R 18/​86, zu II a der Grün­de, BFHE 147, 402[]
  3. BAG 31.01.1958 – 1 AZR 477/​57, BAGE 5, 170[][]