Nach­schie­ben von Kün­di­gungs­grün­den – und die Betriebs­rats­an­hö­rung

Auch in einem Rechts­streit über die Wirk­sam­keit einer Ver­dachts­kün­di­gung sind nicht nur die dem Arbeit­ge­ber im Kün­di­gungs­zeit­punkt bekann­ten tat­säch­li­chen Umstän­de von Bedeu­tung. Viel­mehr kön­nen eben­so Umstän­de, die ihm erst spä­ter bekannt wur­den, in den Pro­zess ein­ge­führt wer­den, zumin­dest dann, wenn sie bei Kün­di­gungs­zu­gang objek­tiv schon gege­ben waren. Dies gilt auch für Umstän­de, die den Ver­dacht eines eigen­stän­di­gen – neu­en – Kün­di­gungs­vor­wurfs begrün­den 1.

Nach­schie­ben von Kün­di­gungs­grün­den – und die Betriebs­rats­an­hö­rung

Da es für die Beur­tei­lung der Wirk­sam­keit der Kün­di­gung allein auf die objek­ti­ve Rechts­la­ge zum Zeit­punkt ihres Zugangs ankommt und der Arbeit­ge­ber weder nach § 1 KSchG noch nach § 626 Abs. 1 BGB zur (abschlie­ßen­den) Anga­be der Kün­di­gungs­grün­de ver­pflich­tet ist, erge­ben sich aus dem KSchG oder dem BGB für ein Nach­schie­ben von Kün­di­gungs­grün­den grund­sätz­lich kei­ne Beschrän­kun­gen, auch nicht aus § 626 Abs. 2 BGB 2. Ohne Bedeu­tung ist ins­be­son­de­re, ob ein sach­li­cher oder zeit­li­cher Zusam­men­hang mit den schon bekann­ten Kün­di­gungs­grün­den besteht 3.

Soweit vor Aus­spruch der Kün­di­gung eine Anhö­rung des Betriebs­rats nach § 102 BetrVG erfor­der­lich ist, ist ein Nach­schie­ben von Kün­di­gungs­grün­den, die dem Arbeit­ge­ber bei Aus­spruch der Kün­di­gung bereits bekannt waren, von denen er dem Gre­mi­um aber kei­ne Mit­tei­lung gemacht hat, unzu­läs­sig. Das hat zur Fol­ge, dass die­se Grün­de im schon lau­fen­den Kün­di­gungs­schutz­pro­zess kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­den kön­nen. Dies folgt aus Sinn und Zweck des Anhö­rungs­ver­fah­rens. Dem Betriebs­rat soll Gele­gen­heit gege­ben wer­den, vor Erklä­rung der Kün­di­gung auf den Kün­di­gungs­ent­schluss des Arbeit­ge­bers im Hin­blick auf die die­sem bekann­ten und des­halb sei­ne Absicht beein­flus­sen­den Umstän­de ein­zu­wir­ken. Die­sem Zweck wider­spricht es, dem Arbeit­ge­ber zu gestat­ten, sich im spä­te­ren Kün­di­gungs­schutz­pro­zess auf "neue" Grün­de zu beru­fen, die zwar sei­nen Kün­di­gungs­ent­schluss womög­lich mit beein­flusst haben, hin­sicht­lich derer er jedoch dem Betriebs­rat kei­ne Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me gege­ben hat­te 4. Gestützt auf erst nach­träg­lich bekannt gewor­de­ne Umstän­de ist ein Nach­schie­ben von Kün­di­gungs­grün­den dage­gen mög­lich, wenn – in ana­lo­ger Anwen­dung von § 102 BetrVG – der Betriebs­rat zu ihnen ange­hört wor­den ist 5.

Für die Beur­tei­lung, ob ein nach­ge­scho­be­ner Sach­ver­halt dem Arbeit­ge­ber schon im Kün­di­gungs­zeit­punkt bekannt war, kommt es auf den Wis­sens­stand des Kün­di­gungs­be­rech­tig­ten an. Zu for­dern ist in sach­li­cher Hin­sicht – wie im Rah­men von § 626 Abs. 2 BGB – eine posi­ti­ve, voll­stän­di­ge Kennt­nis der für die Kün­di­gung maß­ge­ben­den Tat­sa­chen. In per­so­nel­ler Hin­sicht kommt es hier – wie bei § 626 Abs. 2 BGB – auf die ent­spre­chen­de Kennt­nis in der Per­son des Kün­di­gungs­be­rech­tig­ten an. Han­delt es sich bei dem Arbeit­ge­ber um eine juris­ti­sche Per­son, ist grund­sätz­lich maß­geb­lich die Kennt­nis des gesetz­lich oder sat­zungs­ge­mäß für die Kün­di­gung zustän­di­gen Organs 6. Sind für den Arbeit­ge­ber meh­re­re Per­so­nen gemein­sam ver­tre­tungs­be­rech­tigt, genügt grund­sätz­lich die Kennt­nis schon eines der Gesamt­ver­tre­ter 7.

Ein ent­spre­chen­des Wis­sen muss sich der Arbeit­ge­ber regel­mä­ßig auch dann zurech­nen las­sen, wenn das Organ­mit­glied oder der sons­ti­ge Ver­tre­ter bei der Behand­lung des Sach­ver­halts eige­ne Pflich­ten ihm gegen­über ver­letzt hat 8. Etwas ande­res kann gel­ten, wenn es um die Kennt­nis von Hand­lun­gen geht, die der Ver­tre­ter im kol­lu­si­ven Zusam­men­wir­ken mit dem Arbeit­neh­mer gegen die Inter­es­sen der Gesell­schaft vor­ge­nom­men hat 9.

Im Hin­blick auf § 102 BetrVG ist in die­sem Zusam­men­hang zu berück­sich­ti­gen, dass die Ein­schrän­kun­gen, die sich aus dem Anhö­rungs­ver­fah­ren für die Mög­lich­keit des Nach­schie­bens von Kün­di­gungs­grün­den erge­ben, auch dem Schutz kol­lek­ti­ver Inter­es­sen die­nen. Sinn und Zweck der Vor­schrift des § 102 BetrVG ist es unter die­sem Aspekt, den Betriebs­rat zu befä­hi­gen, sein Anhö­rungs­recht sach­ge­recht aus­zu­üben und sei­nen Ein­fluss auf die Zusam­men­set­zung der Beleg­schaft zu sichern 10. Die­ses Ziel kann nur erreicht wer­den, wenn der Ver­tre­ter des Arbeit­ge­bers sei­ne Infor­ma­tio­nen auch intern voll­stän­dig wei­ter­gibt und die Bereit­schaft mit­bringt, für eine sach­ge­rech­te Unter­rich­tung des Betriebs­rats Sor­ge zu tra­gen. Das ist regel­mä­ßig nicht der Fall, wenn der Ver­tre­ter sei­ner­seits in die Hand­lun­gen gegen die Inter­es­sen des Arbeit­ge­bers ver­strickt ist und bei Offen­le­gung des Kün­di­gungs­sach­ver­halts Nach­tei­le für sich selbst befürch­ten müss­te. Han­delt es sich objek­tiv um eine sol­che Situa­ti­on, ist es – auch unter Berück­sich­ti­gung des Grund­sat­zes der ver­trau­ens­vol­len Zusam­men­ar­beit nach § 2 Abs. 1 BetrVG 11 – gerecht­fer­tigt, für die Kennt­nis des Arbeit­ge­bers nicht auf den Wis­sens­stand des "ver­strick­ten", son­dern auf den eines "undo­lo­sen" Ver­tre­ters oder Organ­mit­glieds abzu­stel­len. Die Mit­wir­kungs­rech­te des Betriebs­rats wer­den dadurch nicht aus­ge­höhlt, weil er vor einem "Nach­schie­ben" der Kün­di­gungs­grün­de in den Pro­zess alle­mal nach § 102 BetrVG anzu­hö­ren ist.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 18. Juni 2015 – 2 AZR 256/​14

  1. vgl. BAG 23.10.2014 – 2 AZR 644/​13, Rn. 21; 23.05.2013 – 2 AZR 102/​12, Rn. 25; 6.09.2007 – 2 AZR 264/​06, Rn. 21[]
  2. vgl. BAG 23.05.2013 – 2 AZR 102/​12, Rn. 33; 11.04.1985 – 2 AZR 239/​84, zu B I 1 der Grün­de, BAGE 49, 39; KR/​Griebeling 10. Aufl. § 1 KSchG Rn. 245; SES/​Schwarze KSchG § 1 Rn. 68; SPV/​Preis 10. Aufl. Rn. 95[]
  3. vgl. BAG 18.01.1980 – 7 AZR 260/​78, zu 2 b der Grün­de[]
  4. BAG 16.12 2010 – 2 AZR 576/​09, Rn. 11; grund­le­gend 11.04.1985 – 2 AZR 239/​84, zu B I 2 a der Grün­de, BAGE 49, 39; für die Betei­li­gung des Per­so­nal­rats nach § 79 Abs. 1 Satz 1 BPers­VG BAG 10.04.2014 – 2 AZR 684/​13, Rn. 21[]
  5. BAG 23.05.2013 – 2 AZR 102/​12, Rn. 32; 11.04.1985 – 2 AZR 239/​84, zu B I 2 b ee der Grün­de, BAGE 49, 39[]
  6. BAG 5.05.1977 – 2 AZR 297/​76, zu II 3 der Grün­de, BAGE 29, 158[]
  7. für die Zurech­nung im Rah­men von § 626 Abs. 2 BGB vgl. BAG 28.11.2007 – 6 AZR 1108/​06, Rn. 53, BAGE 125, 70; 20.09.1984 – 2 AZR 73/​83, zu B II 2 a der Grün­de, BAGE 46, 386; KR/​Fischermeier 10. Aufl. § 626 BGB Rn. 349[]
  8. zum Ein­ste­hen­müs­sen der Gesell­schaft für sat­zungs­wid­ri­ge Hand­lun­gen ihrer Geschäfts­füh­rer vgl. BAG 5.04.2001 – 2 AZR 696/​99, zu II 3 der Grün­de[]
  9. vgl. HaKo-BAG­chR/Gie­se­ler 5. Aufl. § 626 BGB Rn. 136; KR/​Fischermeier § 626 BGB Rn. 349, 361, 364[]
  10. BAG 28.08.2003 – 2 AZR 377/​02, zu B I 4 a der Grün­de, BAGE 107, 221; 27.06.1985 – 2 AZR 412/​84, zu II 1 b der Grün­de, BAGE 49, 136[]
  11. zu des­sen Berück­sich­ti­gung im Rah­men von § 102 BetrVG vgl. BAG 28.08.2003 – 2 AZR 377/​02 – aaO; 27.06.1985 – 2 AZR 412/​84, zu II 1 c bb der Grün­de, aaO[]