Nach­träg­li­che Zulas­sung einer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge

War ein Arbeit­neh­mer nach erfolg­ter Kün­di­gung trotz Anwen­dung aller ihm nach Lage der Umstän­de zuzu­mu­ten­den Sorg­falt ver­hin­dert, die Kla­ge inner­halb von drei Wochen nach Zugang der schrift­li­chen Kün­di­gung zu erhe­ben, so ist auf sei­nen Antrag die Kla­ge nach­träg­lich zuzu­las­sen, § 5 Abs. 1 KSchG.

Nach­träg­li­che Zulas­sung einer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge

Das Arbeits­ge­richt darf, wie jetzt das Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­den hat, über einen Hilfs­an­trag auf nach­träg­li­che Kla­ge­zu­las­sung jedoch nur ent­schei­den, wenn es zu der Ansicht gelangt ist, der Klä­ger habe gegen eine ihm zuge­gan­ge­ne und dem Arbeit­ge­ber zure­chen­ba­re schrift­li­che Kün­di­gungs­er­klä­rung ver­spä­tet Kla­ge erho­ben. Das Arbeits­ge­richt muss sich mit­hin zunächst Gewiss­heit dar­über ver­schaf­fen, ob die Kla­ge­frist für die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge tat­säch­lich nicht ein­ge­hal­ten wur­de, not­falls durch eine Beweis­erhe­bung über den Zeit­punkt des Zugangs der Kün­di­gungs­er­klä­rung.

Vor­aus­set­zung für die Ent­schei­dung über einen Hilfs­an­trag auf nach­träg­li­che Zulas­sung einer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge ist die Ver­säu­mung der Kla­ge­frist. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat­te bereits zur alten Fas­sung des § 5 KSchG, die ein zwin­gen­des Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren vor­sah, ent­schie­den, dass das Gericht nur über einen nach­träg­li­chen Kla­ge­zu­las­sungs­an­trag ent­schei­den kann, wenn nach sei­ner Auf­fas­sung die Kla­ge ver­spä­tet erho­ben wor­den ist 1. Der Arbeit­neh­mer stel­le näm­lich den Antrag auf nach­träg­li­che Kla­ge­zu­las­sung grund­sätz­lich nur – wie hier – hilfs­wei­se für den Fall, dass die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge tat­säch­lich ver­spä­tet beim Gericht erho­ben wor­den ist 2. Dar­an hat die zum 1. April 2008 in Kraft getre­te­ne Neu­re­ge­lung des § 5 KSchG nichts geän­dert. Sie ver­stärkt viel­mehr durch einen Ver­zicht auf das frü­her obli­ga­to­ri­sche Zwi­schen­ver­fah­ren und die Ein­füh­rung des sog. Ver­bund­ver­fah­rens als Regel­fall 3 die bis­he­ri­ge Rechts­la­ge. Auch bei einer aus­nahms­wei­sen Vor­ab­ent­schei­dung durch Zwi­schen­ur­teil muss das Gericht wei­ter­hin Fest­stel­lun­gen zur ver­spä­te­ten Kla­ge­er­he­bung 4 bzw. dazu tref­fen, ob über­haupt eine dem Arbeit­ge­ber zure­chen­ba­re schrift­li­che Kün­di­gung vor­liegt, ob und wann die Kün­di­gungs­er­klä­rung dem Arbeit­neh­mer zuge­gan­gen und wann die Kla­ge beim Arbeits­ge­richt ein­ge­gan­gen ist 5. Über einen (Hilfs-)Antrag auf nach­träg­li­che Zulas­sung einer ver­spä­tet erho­be­nen Kün­di­gungs­schutz­kla­ge kann des­halb nur ent­schie­den wer­den, wenn das Tat­sa­chen­ge­richt zu der Ansicht gelangt ist, dem Arbeit­neh­mer sei über­haupt eine Kün­di­gungs­er­klä­rung zuge­gan­gen 6. Das Gericht darf des­halb nicht von einer Prü­fung der Vor­aus­set­zun­gen bzgl. der Ein­hal­tung bzw. Ver­säu­mung der Kla­ge­frist abse­hen 7. Für die­ses Ver­ständ­nis der Norm spricht neben deren Wort­laut, der die Ver­spä­tung der Kla­ge zur Antrags­vor­aus­set­zung macht, auch der Umstand, dass eine „Ver­fris­tung“ für den Kün­di­gungs­schutz­an­trag prä­ju­di­zi­el­le Bin­dungs­wir­kung hat 8. Hin­zu kom­men nach dem Sinn und Zweck der gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung, nach der der Gesetz­ge­ber eine Beschleu­ni­gung des Kün­di­gungs­rechts­streits inten­diert hat 9, noch pro­zess­öko­no­mi­sche Grün­de. Ent­schei­det sich das Gericht abwei­chend vom Regel­fall für eine Ent­schei­dung im sog. Zwi­schen­ver­fah­ren, lässt es sich nicht recht­fer­ti­gen, einen Streit über eine nach­träg­li­che Kla­ge­zu­las­sung über drei Instan­zen zu füh­ren, ohne dass des­sen Basis, näm­lich ob über­haupt die Kla­ge ver­spä­tet erho­ben wur­de, geklärt ist. Ansons­ten könn­te das – iso­lier­te – nach­träg­li­che Kla­ge­zu­las­sungs­ver­fah­ren ins Lee­re lau­fen, wenn bspw. nach einer spä­te­ren rechts­kräf­ti­gen Zurück­wei­sung des Antrags auf nach­träg­li­che Kla­ge­zu­las­sung nicht nur im Ein­zel­nen (erst­mals) geprüft und fest­ge­stellt wird, dass die Kla­ge­frist gar nicht ver­säumt wur­de 10.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 28. Mai 2009 – 2 AZR 732/​08

  1. BAG, 28. April 1983 – 2 AZR 438/​81BAGE 42, 294; 5. April 1984 – 2 AZR 67/​83BAGE 45, 298[]
  2. BAG, 28. April 1983 – 2 AZR 438/​81 – aaO; Stahlhacke/​Vossen 9. Aufl. Rn. 1870; MünchKommBGB/​Hergenröder 5. Aufl. § 5 KSchG Rn. 26; BBDK/​Kriebel Stand Juli 2008 § 5 Rn. 162[]
  3. vgl. BT-Drucks. 16/​7716 S. 14; Francken/​Natter/​Rieker NZA 2008, 377, 380[]
  4. ErfK/​Kiel 9. Aufl. § 5 KSchG Rn. 29; KR/​Friedrich 9. Aufl. § 5 KSchG Rn. 169c; BBDK/​Kriebel § 5 Rn. 162[]
  5. HWK/​Quecke 3. Aufl. § 5 KSchG Rn. 14[]
  6. vgl. KR/​Friedrich § 5 KSchG Rn. 200 mwN[]
  7. MünchKommBGB/​Hergenröder § 5 KSchG Rn. 27; ErfK/​Kiel § 5 KSchG Rn. 29[]
  8. BAG, 28. April 1983 – 2 AZR 438/​81 – aaO; 5. April 1984 – 2 AZR 67/​83 – aaO; MünchKommBGB/​Hergenröder § 5 KSchG Rn. 27; APS/​Ascheid/​Hes­se 3. Aufl. § 5 KSchG Rn. 129; Stahlhacke/​Vossen Rn. 1871; Schwab FA 2008, 135; aA: LAG Köln 30. Mai 2007 – 9 Ta 51/​07NZA-RR 2007, 521; LAG Sach­sen-Anhalt 22. Okto­ber 1997 – 5 Ta 229/​97 – LAGE KSchG § 5 Nr. 92; DFL/​Bröhl 2. Aufl. § 5 KSchG Rn. 14; HWK/​Quecke § 5 KSchG Rn. 14 und 19; HaKo/​Gallner 3. Aufl. § 5 Rn. 83[]
  9. vgl. hier­zu BT-Drucks. 16/​7716 S. 33 f.; Francken/​Natter/​Rieker NZA 2008, 377, 380[]
  10. vgl. MünchKommBGB/​Hergenröder § 5 KSchG Rn. 30; APS/​Ascheid/​Hesse § 5 KSchG Rn. 129[]