Nach­wir­kung der Ver­ord­nung über zwin­gen­de Arbeits­be­din­gun­gen

Rechts­nor­men eines Tarif­ver­tra­ges, für die durch Rechts­ver­ord­nung im Wege des § 1 Abs. 3a Satz 1 AEntG aF (idF vom 19. Dezem­ber 1998) bestimmt ist, dass sie auf alle unter den Gel­tungs­be­reich die­ses Tarif­ver­tra­ges fal­len­den und nicht tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer Anwen­dung fin­den, sind nach dem Ende der Gel­tungs­dau­er der Ver­ord­nung für die betref­fen­den Arbeits­ver­hält­nis­se nicht mehr maß­ge­bend. § 4 Abs. 5 TVG über die Nach­wir­kung von Tarif­ver­trä­gen ist weder unmit­tel­bar noch ent­spre­chend anwend­bar.

Nach­wir­kung der Ver­ord­nung über zwin­gen­de Arbeits­be­din­gun­gen

Nach § 1 Satz 1 der Zwei­ten Ver­ord­nung über zwin­gen­de Arbeits­be­din­gun­gen im Abbruch­ge­wer­be [1] (nach­fol­gend 2. VO) fin­den die Rechts­nor­men des in der Anla­ge zu die­ser Ver­ord­nung auf­ge­führ­ten TV Min­dest­lohn Abbruch 2005 zwar auf alle nicht an ihn gebun­de­nen Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer Anwen­dung, die unter sei­nen am 1.04.2006 gül­ti­gen Gel­tungs­be­reich fal­len, wenn der Betrieb über­wie­gend Bau­leis­tun­gen im Sin­ne des § 211 Abs. 1 SGB III erbringt. Die am 1.04.2006 in Kraft getre­te­ne Ver­ord­nung ist jedoch am 31.08.2007 nach ihrem § 3 außer Kraft getre­ten. Des­halb kann sich der Klä­ger für Ent­gelt­an­sprü­che ab dem 1.09. 2007 nicht auf die Ver­ord­nung stüt­zen.

Der TV Min­dest­lohn Abbruch 2005 wirkt auch für die Zeit ab dem 1. Sep­tem­ber 2007 nicht ent­spre­chend der Rege­lung des § 4 Abs. 5 TVG nach.

Eine unmit­tel­ba­re Anwen­dung des § 4 Abs. 5 TVG schei­det ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on vor­lie­gend aus. Der Klä­ger über­sieht, dass der TV Min­dest­lohn Abbruch 2005 nicht nach § 5 Abs. 1 TVG für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt wur­de, son­dern des­sen Rechts­nor­men im Wege einer Rechts­ver­ord­nung nach § 1 Abs. 3a AEntG aF (sie­he nun­mehr § 7 Abs. 1 AEntG)) auf die nicht tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­neh­mer und Arbeit­ge­ber erstreckt wur­de. Des­halb sind die Rege­lun­gen des Tarif­ver­trags­ge­set­zes über die unmit­tel­ba­re und zwin­gen­de Gel­tung all­ge­mein­ver­bind­li­cher Tarif­ver­trä­ge (§ 5 Abs. 4, § 4 Abs. 1 TVG) sowie die­je­ni­gen über die Nach­wir­kung (§ 4 Abs. 5 TVG) nach Ende der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung [2] nicht unmit­tel­bar anwend­bar.

Die Dau­er der Anwen­dung der Rechts­nor­men eines Tarif­ver­tra­ges iSd. § 1 Abs. 3a AEntG aF ist abwei­chend von den Fäl­len einer All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung nach § 5 Abs. 1 TVG unab­hän­gig vom Fort­be­stand des betref­fen­den Tarif­ver­tra­ges [3]. Die Rechts­nor­men der 2. VO gel­ten bis zu ihrer förm­li­chen Auf­he­bung durch den Ver­ord­nungs­ge­ber oder – wie vor­lie­gend – im Fal­le einer befris­te­ten Ver­ord­nung bis zu deren Ablauf wei­ter. Davon geht auch der Gesetz­ge­ber aus [4]. Endet die Ver­ord­nung, sind auch tarif­li­che Min­des­t­ent­gel­te nicht mehr staat­li­ches Recht und kön­nen nicht mehr auf die tari­fun­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer ange­wen­det wer­den.

Weder § 1 Abs. 3a AEntG aF als Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge noch die 2. VO ent­hal­ten eine Rege­lung über eine wei­te­re Anwen­dung oder eine „Nach­wir­kung“ der Rechts­nor­men des Tarif­ver­tra­ges, die im Ver­ord­nungs­we­ge auf die nicht tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­neh­mer und Arbeit­ge­ber erstreckt wur­de. Es fehlt auch – anders als etwa in § 8 Abs. 2 Satz 1 MiArbG für Min­dest­ar­beits­ent­gel­te – eine gesetz­li­che Vor­schrift über die ent­spre­chen­de Anwend­bar­keit von Bestim­mun­gen des Tarif­ver­trags­ge­set­zes.

Die Bestim­mung des § 4 Abs. 5 TVG kann auch nicht ent­spre­chend oder nach ihrem Rechts­ge­dan­ken auf die Rechts­nor­men eines Tarif­ver­tra­ges ange­wen­det wer­den, die im Wege der Ver­ord­nung auf die nicht tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­neh­mer und Arbeit­ge­ber erstreckt wur­de, wenn die Ver­ord­nung auf­ge­ho­ben oder deren Gel­tungs­dau­er auf­grund Befris­tung ihr Ende gefun­den hat. Weder von den Vor­aus­set­zun­gen noch von der Rechts­fol­ge des § 4 Abs. 5 TVG her besteht eine mit dem Ablauf der Frist nach § 1 Abs. 3a AEntG aF ver­gleich­ba­re Situa­ti­on.

Selbst wenn man davon aus­geht, dass auch beim Außer­kraft­tre­ten einer Rechts­ver­ord­nung ein Bedürf­nis besteht, die Rechts­nor­men ent­spre­chend der in § 4 Abs. 5 TVG vor­ge­se­he­nen Mög­lich­keit wei­ter anzu­wen­den [5], steht einer ent­spre­chen­den Anwen­dung von § 4 Abs. 5 TVG – unab­hän­gig von der Fra­ge nach der zusätz­lich erfor­der­li­chen Rege­lungs­lü­cke – ent­ge­gen, dass der Gesetz­ge­ber in § 1 Abs. 3a AEntG aF eben­so wie im jet­zi­gen § 7 AEntG ein von der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des § 5 TVG abwei­chen­des Rege­lungs­in­stru­ment zur Erstre­ckung von Rechts­nor­men auf nicht tarif­ge­bun­de­ne Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer gewählt hat [6]. Eine All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung, bei der es sich um einen Rechts­set­zungs­akt eige­ner Art zwi­schen auto­no­mer Rege­lung und staat­li­cher Rechts­set­zung han­delt [7], erstreckt nach § 5 Abs. 4 TVG die Tarif­ge­bun­den­heit [8]. Dem­ge­gen­über wer­den durch eine Ver­ord­nung iSd. § 1 Abs. 3a AEntG aF die Rechts­nor­men eines Tarif­ver­tra­ges zu unmit­tel­bar staat­lich gel­ten­dem Recht [9] und sind des­halb anzu­wen­den.

Die Vor­schrift des § 4 Abs. 5 TVG, die als Rechts­fol­ge die Wei­ter­gel­tung der Rechts­nor­men eines Tarif­ver­tra­ges anord­net, kann nicht dazu her­an­ge­zo­gen wer­den, außer Kraft getre­te­nes staat­li­ches Recht außer­halb des dafür vor­ge­se­he­nen Ver­fah­rens in der Sache wie­der „in Gel­tung“ zu set­zen. Dies obliegt allein dem Ver­ord­nungs­ge­ber [10].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 20. April 2011 – 4 AZR 467/​09

  1. vom 27.03.2006, BAnz. 2006 Nr. 64 S. 2327[]
  2. dazu BAG 27.11.1991 – 4 AZR 211/​91, zu A I 2 der Grün­de, BAGE 69, 119; 25.10.2000 – 4 AZR 212/​00, zu 1 der Grün­de, AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 38 = EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 32[]
  3. eben­so Koberski/​Asshoff/​Hold Arbeit­neh­mer­Ent­sen­de­ge­setz § 1 Rn. 98; Däubler/​Lakies TVG 2. Aufl. § 5 Anhang 2 § 1 AEntG Rn. 110; ErfK/​Schlachter 8. Aufl. § 1 AEntG Rn. 16; Gus­sen in Beck­OK Arbeits­recht Stand 1.03.2011 § 1 AEntG 1996 Rn. 18; AnwKArbR/​Kühn 1. Aufl. § 1 AEntG Rn. 34; eben­so zu § 7 AEntG in Thüsing/​Bayreuther AEntG § 7 AEntG Rn. 24; Ulb­er Arbeit­neh­mer­ent­sen­de­ge­setz § 7 Rn. 52; zum Gebot der „zeit­na­hen“ Auf­he­bung im Fal­le der Been­di­gung des ein­schlä­gi­gen Tarif­ver­tra­ges etwa Thüsing/​Bayreuther aaO[]
  4. BT-Drucks. 14/​45 S. 26[]
  5. vgl. zu all­ge­mein­ver­bind­li­chen Tarif­ver­trä­gen BAG 18.03.1992 – 4 AZR 339/​91, AP TVG § 3 Nr. 13 = EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 14; 25.10.2000 – 4 AZR 212/​00, zu 1 der Grün­de, AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 38 = EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 32[]
  6. s. nur Thüsing/​Bayreuther § 7 AEntG Rn. 2[]
  7. BVerfG 24.05.1977 – 2 BvL 11/​74BverfGE 44, 322; 15.07.1980 – 1 BvR 24/​74 – u. – 1 BvR 439/​79BVerfGE 55, 7; BAG 21.11.2007 – 10 AZR 782/​06, AP TVG § 1 Tarif­ver­trä­ge: Bau Nr. 297 = EzA AEntG § 1 Nr. 11[]
  8. BAG 27.11.1991 – 4 AZR 211/​91, zu A I 2 der Grün­de, BAGE 69, 119; 25.10.2000 – 4 AZR 212/​00, zu 1 der Grün­de, AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 38 = EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 32[]
  9. sie­he nur OVG Ber­lin-Bran­den­burg 18.12. 2008 – OVG 1 B 13.08, Rn. 45, ZTR 2009, 207[]
  10. eben­so Sit­tard Vor­aus­set­zun­gen und Wir­kun­gen der Tarif­nor­mer­stre­ckung nach § 5 TVG und dem AEntG 2008 S. 399 f.[]