Nächt­li­cher Bereit­schafts­dienst im Kran­ken­haus

Bereit­schafts­dienst­stun­den, die in kom­mu­na­len Kran­ken­häu­sern in der Zeit zwi­schen 21:00 Uhr und 6:00 Uhr geleis­tet wer­den, sind Nacht­ar­beits­stun­den im Sin­ne von § 28 Abs. 3 TV-Ärz­te/​VKA 1 und lösen den tarif­li­chen Anspruch auf Zusatz­ur­laub aus.

Nächt­li­cher Bereit­schafts­dienst im Kran­ken­haus

Dies ergibt für das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Aus­le­gung der tarif­ver­trag­li­chen Norm: Der Wort­laut der tarif­li­chen Rege­lung, von dem bei der Tarif­aus­le­gung vor­ran­gig aus­zu­ge­hen ist 2, ist nicht ein­deu­tig. Danach löst die Leis­tung einer bestimm­ten Anzahl von Nacht­ar­beits­stun­den den Anspruch auf Zusatz­ur­laub aus. Der Tarif­ver­trag defi­niert nicht die­sen Begriff, son­dern in § 9 Abs. 3 TV-Ärz­te/​VKA den der Nacht­ar­beit als Arbeit zwi­schen 21:00 Uhr und 6:00 Uhr. Geleis­tet wer­den in die­ser Zeit­span­ne sowohl regel­mä­ßi­ge Arbeits­stun­den wie auch Bereit­schafts­dienst­stun­den, in denen nach § 10 Abs. 1 Satz 2 TV-Ärz­te/V­KA regel­mä­ßig Arbeit anfällt.

Auch der tarif­li­che Gesamt­zu­sam­men­hang ergibt kein ein­deu­ti­ges Ergeb­nis. Der Tarif­ver­trag dif­fe­ren­ziert zwi­schen den in § 9 TV-Ärz­te/V­KA gere­gel­ten Son­der­for­men der Arbeit ein­schließ­lich der Nacht­ar­beit und dem Bereit­schafts­dienst, der in § 10 TV-Ärz­te/V­KA gere­gelt ist. § 28 Abs. 3 TV-Ärz­te/V­KA greift die­se Dif­fe­ren­zie­rung nicht auf. Dies kann bedeu­ten, dass nur inner­halb der regel­mä­ßi­gen Arbeits­zeit geleis­te­te Nacht­ar­beit den Anspruch auf Zusatz­ur­laub aus­löst; denk­bar ist aber auch ein tarif­li­ches Ver­ständ­nis, dass sämt­li­che Bereit­schafts­dienst­stun­den oder zumin­dest in die­sem Rah­men tat­säch­lich anfal­len­de Arbeits­stun­den den Anspruch aus­lö­sen sol­len.

Sinn und Zweck der Vor­schrift ver­deut­li­chen jedoch, dass nächt­li­che Bereit­schafts­dienst­stun­den Nacht­ar­beits­stun­den iSv. § 28 Abs. 3 TV-Ärz­te/V­KA sind.

Ein tarif­li­cher Zusatz­ur­laub etwa ent­spre­chend der frü­he­ren Vor­schrift des § 48a BAT/​BAT‑O dient dem Aus­gleich der durch Wech­sel­schicht-, Schicht- und Nacht­ar­beit ver­ur­sach­ten beson­de­ren Belas­tun­gen 3. § 28 Abs. 3 TV-Ärz­te/V­KA regelt den tarif­li­chen Aus­gleich iSv. § 6 Abs. 5 ArbZG für die Belas­tung durch Nacht­ar­beit. Nach die­sem Zweck ist der Aus­le­gung der Norm der arbeits­schutz­recht­li­che Arbeits­be­griff zugrun­de zu legen. Bereit­schafts­dienst, den ein Arbeit­neh­mer in Form per­sön­li­cher Anwe­sen­heit im Betrieb des Arbeit­ge­bers leis­tet, ist nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on und nach der hier­an anknüp­fen­den Neu­fas­sung des ArbZG in vol­lem Umfang als Arbeits­zeit im Sin­ne von Art. 2 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG anzu­se­hen, ohne Rück­sicht dar­auf, wel­che Arbeits­leis­tung der Betrof­fe­ne wäh­rend die­ses Bereit­schafts­diens­tes tat­säch­lich erbringt 4. Das hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt bereits ent­schie­den 5. Bereit­schafts­dienst in der Nacht­zeit ist in sei­ner gesam­ten Dau­er nach § 6 Abs. 5 ArbZG aus­zu­glei­chen, unab­hän­gig davon, in wel­chen Arbeits­stun­den tat­säch­lich Arbeits­leis­tung erbracht wur­de 6. Für jede Stun­de des nächt­li­chen Bereit­schafts­diens­tes besteht des­halb ein gesetz­li­cher Anspruch auf einen Belas­tungs­aus­gleich, der durch § 28 Abs. 3 TV-Ärz­te/V­KA näher bestimmt wird.

Die­ser Aus­gleich wird tarif­lich nicht ander­wei­tig gewährt. Das Bereit­schafts­dienst­ent­gelt nach § 12 TV-Ärz­te/V­KA ent­hält kei­nen ent­spre­chen­den Aus­gleichs­fak­tor 7. Sei­ne Höhe ist nicht davon abhän­gig, ob Bereit­schafts­diens­te tags­über oder wäh­rend der Nacht­zeit geleis­tet wer­den. Auch durch § 11 Abs. 1 Satz 3 TV-Ärz­te/V­KA wird kein Aus­gleich gewährt; der Zuschlag je Nacht­ar­beits­stun­de wird gemäß § 12 Abs. 3 Satz 2 TV-Ärz­te/V­KA wäh­rend des Bereit­schafts­diens­tes nicht gezahlt.

Schließ­lich spricht die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Tarif­norm, auf die bei etwai­gen Aus­le­gungs­zwei­feln zurück­ge­grif­fen wer­den kann 8, dafür, dass Bereit­schafts­dienst­stun­den in der Zeit zwi­schen 21:00 Uhr und 6:00 Uhr als Nacht­ar­beits­stun­den anzu­se­hen sind und den tarif­li­chen Anspruch auf Zusatz­ur­laub aus­lö­sen. Der in der Vor­gän­ger­norm des § 48a Abs. 6 Satz 1 BAT/​BAT‑O ent­hal­te­ne Vor­be­halt, dass nur im Rah­men regel­mä­ßi­ger Arbeits­zeit geleis­te­te Arbeits­stun­den berück­sich­tigt wer­den, ist in § 28 TV-Ärz­te/V­KA nicht mehr ent­hal­ten.

Nach § 28 Abs. 3 TV-Ärz­te/V­KA erhal­ten Ärz­tin­nen und Ärz­te für eine Leis­tung von jeweils 150 Nacht­ar­beits­stun­den einen Arbeits­tag Zusatz­ur­laub. Die­ser Aus­gleich ent­spricht einem Zuschlag von etwa fünf Pro­zent und ist für Bereit­schafts­dienst­zei­ten nicht unan­ge­mes­sen 9.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 23. Febru­ar 2011 – 10 AZR 579/​09

  1. Tarif­ver­trag für Ärz­tin­nen und Ärz­te an kom­mu­na­len Kran­ken­häu­sern im Bereich der Ver­ei­ni­gung der kom­mu­na­len Arbeit­ge­ber­ver­bän­de vom 17.08.2006[]
  2. vgl. BAG 24.02.2010 – 10 AZR 1035/​08 – Rn. 15, AP TVG § 1 Aus­le­gung Nr. 220[]
  3. vgl. BAG 17.11.2009 – 9 AZR 923/​08, Rn. 21, AP TVöD § 46 Nr. 1 [Schicht­ar­beit, zu § 46 Nr. 7 TVöD-BT‑V]; 15.07.2009 – 5 AZR 867/​08, Rn. 19, AP ArbZG § 6 Nr. 10 = EzA ArbZG § 6 Nr. 7 [Nacht­ar­beit, zu § 48a BAT-KF]; 07.11.2007 – 7 AZR 820/​06, Rn. 21, BAGE 124, 356 [Wech­sel­schicht­ar­beit, zu § 48a BAT][]
  4. EuGH 01.12.2005 – C‑14/​04 [Dellas], Rn. 46, Slg. 2005, I‑10253; 05.10.2004 – C‑397/​01 bis C‑403/​01 [Pfeif­fer ua.], Rn. 93, Slg. 2004, I‑8835; 09.09.2003 – C‑151/​02, [Jae­ger], Rn. 75, Slg. 2003, I‑8389; 03.10.2000 – C‑303/​98 [Simap], Rn. 52, Slg. 2000, I‑7963[]
  5. BAG 23.06.2010 – 10 AZR 543/​09, Rn. 20 ff., AP ArbZG § 7 Nr. 4 = EzA ArbZG § 7 Nr. 8[]
  6. vgl. BAG 15.07.2009 – 5 AZR 867/​08, Rn. 21, AP ArbZG § 6 Nr. 10 = EzA ArbZG § 6 Nr. 7[]
  7. zu § 48a BAT-KF bereits BAG 15.07.2009 – 5 AZR 867/​08 – Rn. 24, AP ArbZG § 6 Nr. 10 = EzA ArbZG § 6 Nr. 7[]
  8. Senat 24.02.2010 – 10 AZR 1035/​08 – Rn. 29, AP TVG § 1 Aus­le­gung Nr. 220[]
  9. vgl. BAG 15.07.2009 – 5 AZR 867/​08 – Rn. 22, AP ArbZG § 6 Nr. 10 = EzA ArbZG § 6 Nr. 7[]