Ne ultra peti­ta – und die For­mu­lie­rung des Unter­las­sungs­an­trags

Nach § 308 Abs. 1 Satz 1 ZPO ist das Gericht nicht befugt, einer Par­tei etwas zuzu­spre­chen, was nicht bean­tragt ist. Umge­kehrt darf die beklag­te Par­tei nicht zu etwas ande­rem ver­ur­teilt wer­den als zu dem, wor­auf sie ihre Ver­tei­di­gung ein­rich­ten muss­te. Das ist Aus­druck der den Zivil­pro­zess beherr­schen­den Dis­po­si­ti­ons­ma­xi­me. Das Gericht darf der kla­gen­den Par­tei weder quan­ti­ta­tiv mehr noch qua­li­ta­tiv etwas ande­res zuer­ken­nen. Ein in den Vor­in­stan­zen erfolg­ter Ver­stoß gegen § 308 Abs. 1 Satz 1 ZPO ist vom Revi­si­ons­ge­richt von Amts wegen zu beach­ten [1].

Ne ultra peti­ta – und die For­mu­lie­rung des Unter­las­sungs­an­trags

Ent­schei­dend für die Beur­tei­lung der Fra­ge, wel­chen Streit­ge­gen­stand ein Klä­ger mit einem Antrag zur Ent­schei­dung gestellt und über wel­chen Streit­ge­gen­stand das Gericht ent­schie­den hat, ist nicht allein der Wort­laut von Antrag und Urteils­aus­spruch. Es kommt viel­mehr auf deren – ggf. durch Aus­le­gung zu ermit­teln­den – streit­ge­gen­ständ­li­chen Inhal­te an. Der Streit­ge­gen­stand (der pro­zes­sua­le Anspruch) wird durch den Kla­ge­an­trag bestimmt, in dem sich die vom Klä­ger in Anspruch genom­me­ne Rechts­fol­ge kon­kre­ti­siert, und den Lebens­sach­ver­halt (Kla­ge­grund), aus dem der Klä­ger die begehr­te Rechts­fol­ge her­lei­tet [2]. Nach die­sem „zwei­glied­ri­gen Streit­ge­gen­stand“ im Zivil­pro­zess kenn­zeich­net allein das Kla­ge­ziel den Streit­ge­gen­stand nicht. Zum Streit­ge­gen­stand zäh­len viel­mehr alle Tat­sa­chen, die bei einer natür­li­chen; vom Stand­punkt der Par­tei­en aus­ge­hen­den, den Sach­ver­halt sei­nem Wesen nach erfas­sen­den Betrach­tungs­wei­se zu dem zur Ent­schei­dung gestell­ten Tat­sa­chen­kom­plex gehö­ren, der zur Stüt­zung des Rechts­schutz­be­geh­rens unter­brei­tet wird [3]. Der Streit­ge­gen­stand wird aus­schließ­lich vom Klä­ger mit sei­nem Kla­ge­be­geh­ren bestimmt. Das Vor­brin­gen des Beklag­ten oder Ver­tei­di­gungs­vor­brin­gen des Klä­gers gegen­über dem Beklag­ten­vor­trag ver­än­dert den vom Klä­ger mit sei­nem Antrag und sei­nem Kla­ge­vor­brin­gen fest­ge­leg­ten Streit­ge­gen­stand nicht [4]. Er ändert sich iSv. § 263 ZPO jedoch dann, wenn zwar nicht der gestell­te Antrag als sol­cher, aber der ihm zugrun­de lie­gen­de Lebens­sach­ver­halt ein ande­rer gewor­den ist [5].

Bei einem Unter­las­sungs­an­trag besteht die begehr­te Rechts­fol­ge in dem Ver­bot einer bestimm­ten – als rechts­wid­rig ange­grif­fe­nen – Ver­hal­tens­wei­se (Ver­let­zungs­form), die der Klä­ger in sei­nem Antrag sowie sei­ner zur Antrags­aus­le­gung her­an­zu­zie­hen­den Kla­ge­be­grün­dung fest­ge­legt hat und mit dem Antrag abs­tra­hie­rend beschrei­ben muss. Die Ver­let­zungs­hand­lung stellt den Kla­ge­grund dar, durch den der Streit­ge­gen­stand der Unter­las­sungs­kla­ge neben dem Kla­ge­ziel bestimmt wird [6]. Die umschrie­be­ne Ver­let­zungs­form bestimmt und begrenzt den Inhalt des Kla­ge­be­geh­rens.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 18. Novem­ber 2014 – 1 AZR 257/​13

  1. BAG 28.02.2006 – 1 AZR 460/​04, Rn. 10 mwN, BAGE 117, 137[]
  2. vgl. zB BAG 26.06.2013 – 5 AZR 428/​12, Rn. 16 mwN[]
  3. vgl. BAG 15.05.2013 – 7 AZR 665/​11, Rn. 23, BAGE 145, 142; 11.10.2011 – 3 AZR 795/​09, Rn. 17 mwN; vgl. zum iden­ti­schen Streit­ge­gen­stands­be­griff im arbeits­ge­richt­li­chen Beschluss­ver­fah­ren zB BAG 5.03.2013 – 1 ABR 75/​11, Rn. 13[]
  4. BAG 25.09.2013 – 10 AZR 454/​12, Rn. 17, BAGE 146, 123; BGH 23.07.2008 – XII ZR 158/​06, Rn.20[]
  5. BAG 2.10.2007 – 1 ABR 79/​06, Rn. 18[]
  6. vgl. BAG 19.01.2010 – 1 ABR 55/​08, Rn. 16 mwN, BAGE 133, 75[]