Neue IT-Tech­nik im Job­cen­ter – und die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung

Die beim ört­li­chen Job­cen­ter gebil­de­te Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung ist vor der Ein­füh­rung neu­er von der Bun­des­agen­tur für Arbeit zen­tral ver­wal­te­ter Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik nicht zu betei­li­gen.

Neue IT-Tech­nik im Job­cen­ter – und die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung

Im Rah­men der gegen­über der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung bestehen­den Betei­li­gungs­pflicht des Arbeit­ge­bers nach § 178 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 SGB IX (bis zum 31.12 2017: § 95 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 SGB IX) ist zwi­schen der Infor­ma­ti­ons- bzw. Unter­rich­tungs­pflicht und der Anhö­rungs­pflicht zu unter­schei­den. Zum einen ver­langt § 178 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 SGB IX vom Arbeit­ge­ber, die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung in Ange­le­gen­hei­ten, die einen ein­zel­nen oder die schwer­be­hin­der­ten Men­schen als Grup­pe berüh­ren, umfas­send zu unter­rich­ten. Zum ande­ren hat der Arbeit­ge­ber die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung vor einer Ent­schei­dung über eine sol­che Ange­le­gen­heit anzu­hö­ren.

Die Anhö­rungs­ver­pflich­tung geht inso­fern über die Pflicht zur Unter­rich­tung hin­aus, als die Anhö­rung ver­langt, dass der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me gege­ben wird und der Arbeit­ge­ber eine ent­spre­chen­de Stel­lung­nah­me auch zur Kennt­nis nimmt (vgl. zu § 95 Abs. 2 SGB IX aF BAG 14.03.2012 – 7 ABR 67/​10, Rn.20 f.).

Der bei der gemein­sa­men Ein­rich­tung iSv. § 44b SGB II bestehen­de Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung steht gegen­über dem Job­cen­ter kein Anhö­rungs­recht nach § 178 Abs. 2 Satz 1 SGB IX (bis zum 31.12 2017: § 95 Abs. 2 SGB IX) vor der Ein­füh­rung neu­er nach § 50 Abs. 3 Satz 1 SGB II von der Bun­des­agen­tur zen­tral ver­wal­te­ter Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik zu. Die Wahr­neh­mung des Anhö­rungs­rechts nach § 178 Abs. 2 Satz 1 SGB IX obliegt inso­weit nach § 44i iVm. § 44h SGB II nicht der Antrag­stel­le­rin, weil dem Job­cen­ter bei der Ein­füh­rung neu­er Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik nach § 50 Abs. 3 Satz 1 SGB II kei­ne Ent­schei­dungs­be­fug­nis zusteht.

Ein Anhö­rungs­recht der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung des Job­cen­ters nach § 178 Abs. 2 Satz 1 SGB IX besteht nur in Ange­le­gen­hei­ten, in denen dem Job­cen­ter die Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz zusteht.

Nach § 178 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 SGB IX hat der Arbeit­ge­ber die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung in allen Ange­le­gen­hei­ten, die einen ein­zel­nen oder die schwer­be­hin­der­ten Men­schen als Grup­pe berüh­ren, unver­züg­lich und umfas­send zu unter­rich­ten und vor einer Ent­schei­dung anzu­hö­ren. Gegen­stand der Unter­rich­tung sind alle Ange­le­gen­hei­ten, die einen ein­zel­nen oder die schwer­be­hin­der­ten Men­schen als Grup­pe berüh­ren. Der weit gefass­te Unter­rich­tungs­an­spruch erstreckt sich nicht nur auf ein­sei­ti­ge Maß­nah­men des Arbeit­ge­bers, son­dern auf alle Ange­le­gen­hei­ten, die sich spe­zi­fisch auf schwer­be­hin­der­te Men­schen aus­wir­ken. Die Anhö­rungs­pflicht hin­ge­gen bezieht sich nicht auf sämt­li­che, die schwer­be­hin­der­ten Men­schen betref­fen­den Ange­le­gen­hei­ten, son­dern nur auf die dies­be­züg­li­chen Ent­schei­dun­gen des Arbeit­ge­bers. Ent­schei­dun­gen in die­sem Sin­ne sind die ein­sei­ti­gen Wil­lens­ak­te des Arbeit­ge­bers. Das ent­spricht dem Wort­sinn des Begriffs und wird dadurch bestä­tigt, dass das Gesetz in § 178 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 2 SGB IX von der "getrof­fe­nen" Ent­schei­dung spricht. Auch Sinn und Zweck des Anhö­rungs­rechts zie­len dar­auf, der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung die Mög­lich­keit zu geben, an der Wil­lens­bil­dung des Arbeit­ge­bers mit­zu­wir­ken 1. Trifft der Arbeit­ge­ber kei­ne Ent­schei­dung, hat er die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung auch nicht anzu­hö­ren.

Auch die Rege­lun­gen zur Zustän­dig­keits­ver­tei­lung zwi­schen der bei der gemein­sa­men Ein­rich­tung gebil­de­ten Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung und der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung des Trä­gers stel­len auf die Ent­schei­dungs­zu­stän­dig­keit der jewei­li­gen Dienst­stel­le ab. Die Zustän­dig­keits­ver­tei­lung ergibt sich inso­weit aus § 44i iVm. § 44h SGB II 2. Nach § 44i SGB II gilt für die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung die Rege­lung des § 44h SGB II ent­spre­chend. Nach § 44h Abs. 3 SGB II ist die Per­so­nal­ver­tre­tung der gemein­sa­men Ein­rich­tung zustän­dig, soweit deren Trä­ger­ver­samm­lung oder deren Geschäfts­füh­rer Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se in per­so­nal­recht­li­chen, per­so­nal­wirt­schaft­li­chen, sozia­len oder die Ord­nung der Dienst­stel­le betref­fen­den Ange­le­gen­hei­ten zuste­hen. Zudem blei­ben die Rech­te der Per­so­nal­ver­tre­tun­gen der abge­ben­den Dienst­her­ren und Arbeit­ge­ber unbe­rührt, soweit die Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se bei den Trä­gern ver­blei­ben (§ 44h Abs. 5 SGB II). Die betei­li­gungs­recht­li­che Zustän­dig­keit der bei der gemein­sa­men Ein­rich­tung gebil­de­ten Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung knüpft damit nach § 44i SGB II an die Zustän­dig­keit des Per­so­nal­rats an. Die betei­li­gungs­recht­li­che Zustän­dig­keit des Per­so­nal­rats der gemein­sa­men Ein­rich­tung wie­der­um knüpft an die Ent­schei­dungs­zu­stän­dig­keit des Dienst­stel­len­lei­ters an 3. Die Zustän­dig­keit der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung des Job­cen­ters ist damit begrenzt auf Ange­le­gen­hei­ten der gemein­sa­men Ein­rich­tung, in denen die gemein­sa­me Ein­rich­tung eine Ent­schei­dungs­be­fug­nis hat 4.

Bei der Ein­füh­rung zen­tral von der Bun­des­agen­tur ver­wal­te­ter Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik nach § 50 Abs. 3 SGB II in den gemein­sa­men Ein­rich­tun­gen steht dem Job­cen­ter eine Ent­schei­dungs­be­fug­nis nicht zu. Ent­schei­dun­gen über die­sen Rege­lungs­ge­gen­stand oblie­gen viel­mehr der Bun­des­agen­tur und gel­ten in der gemein­sa­men Ein­rich­tung unmit­tel­bar und ohne ver­blei­ben­den Ent­schei­dungs­spiel­raum für das Job­cen­ter oder die Trä­ger­ver­samm­lung 5.

Nach § 50 Abs. 3 Satz 1 SGB II nutzt die gemein­sa­me Ein­rich­tung zur Erfül­lung ihrer Auf­ga­ben durch die Bun­des­agen­tur zen­tral ver­wal­te­te Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik. § 50 Abs. 3 Satz 2 SGB II ver­pflich­tet die gemein­sa­me Ein­rich­tung, auf einen auf die­ser Grund­la­ge erstell­ten gemein­sa­men zen­tra­len Daten­be­stand zuzu­grei­fen. Nach § 50 Abs. 3 Satz 3 SGB II ist die Bun­des­agen­tur die daten­schutz­recht­lich ver­ant­wort­li­che Stel­le für die zen­tral ver­wal­te­ten Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik. Durch die in der Trä­ger­ver­ant­wor­tung der Bun­des­agen­tur für Arbeit ste­hen­de Nut­zung zen­tra­ler Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik soll eine ein­heit­li­che Leis­tungs­er­brin­gung und Ver­mitt­lung, eine höhe­re Trans­pa­renz auf dem Arbeits­markt sowie eine ein­heit­li­che Haus­halts­be­wirt­schaf­tung sicher­ge­stellt wer­den 6. Daher sol­len sol­che Ver­fah­ren von der Bun­des­agen­tur ver­pflich­tend zur Nut­zung in den gemein­sa­men Ein­rich­tun­gen vor­ge­ge­ben wer­den kön­nen. Ziel der Vor­schrift ist es, die genann­ten Geschäfts­pro­zes­se der Arbeits­ver­wal­tung (wie ins­be­son­de­re Leis­tungs­er­brin­gung und Ver­mitt­lung) durch ein­heit­li­che IT-Ver­fah­ren zu för­dern und zu opti­mie­ren. Um die not­wen­di­ge Ein­heit­lich­keit der IT-Ver­fah­ren zu gewähr­leis­ten, hat der Gesetz­ge­ber ange­ord­net, dass die gemein­sa­men Ein­rich­tun­gen die­se Ver­fah­ren nut­zen müs­sen, soweit sie von der Bun­des­agen­tur für Arbeit in ihrer Ver­ant­wor­tung zen­tral ver­wal­tet wer­den. Dies gebie­tet eine umfas­sen­de Ent­schei­dungs­zu­stän­dig­keit der Bun­des­agen­tur für Arbeit 7. § 50 Abs. 3 Satz 1 SGB II ord­net die Nut­zung der durch die Bun­des­agen­tur zen­tral ver­wal­te­ten Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik für die gemein­sa­men Ein­rich­tun­gen unmit­tel­bar zwin­gend an. Einer wei­te­ren Anord­nung der Bun­des­agen­tur im Ein­zel­fall bedarf es dazu nicht 8.

Der damit ver­bun­de­ne Weg­fall eines eige­nen Ent­schei­dungs­spiel­raums des Dienst­stel­len­lei­ters der gemein­sa­men Ein­rich­tung bei der Ein­füh­rung von zen­tral durch die Bun­des­agen­tur ver­wal­te­ten Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik nach § 50 Abs. 3 SGB II hat nach § 44h Abs. 3 SGB II zur Fol­ge, dass inso­weit Betei­li­gungs­rech­te des bei der jewei­li­gen gemein­sa­men Ein­rich­tung bestehen­den Per­so­nal­rats ent­fal­len 9. Die per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­che Mit­be­stim­mung ist in die­sen Fäl­len auf die Ebe­ne der Bun­des­agen­tur für Arbeit ver­la­gert 10. Die­se per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­che Zustän­dig­keits­ver­tei­lung ent­spricht der aus­drück­li­chen Absicht des Gesetz­ge­bers. Im Ent­wurf eines Geset­zes zur Wei­ter­ent­wick­lung der Orga­ni­sa­ti­on der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de vom 04.05.2010 6 heißt es zur Begrün­dung des neu ein­ge­füg­ten Absat­zes 3 in § 50 SGB II: Absatz 3 stellt sicher, dass die gemein­sa­men Ein­rich­tun­gen im Sin­ne einer ein­heit­li­chen Leis­tungs­er­brin­gung und Ver­mitt­lung, einer höhe­ren Trans­pa­renz auf dem Arbeits­markt sowie einer ein­heit­li­chen Haus­halts­be­wirt­schaf­tung zen­tra­le Ver­fah­ren der IT-Tech­nik nut­zen. Dies betrifft bei­spiels­wei­se die Fach­an­wen­dun­gen für die Leis­tungs­er­brin­gung wie A2LL und coli­bri sowie den vir­tu­el­len Arbeits­markt der Bun­des­agen­tur ein­schließ­lich des Ver­mitt­lungs, Bera­tungs- und Infor­ma­ti­ons­sys­tems (Ver­BIS) und der Online­job­bör­se. Außer­dem stellt die Bun­des­agen­tur im Rah­men ihrer Trä­ger­ver­ant­wor­tung die zen­tra­le Per­so­nen­da­ten­ver­wal­tung und zur Haus­halts­be­wirt­schaf­tung das Ver­fah­ren FINAS zur Ver­fü­gung. Die­se bun­des­wei­ten Ver­fah­ren nutzt die gemein­sa­me Ein­rich­tung zur Erfül­lung ihrer Auf­ga­ben. Damit ist auch kein Betei­li­gungs­recht der Per­so­nal­ver­tre­tung der gemein­sa­men Ein­rich­tung gege­ben, da die Kom­pe­ten­zen der Per­so­nal­ver­tre­tung mit den Kom­pe­ten­zen des ihm zuge­ord­ne­ten Dienst­stel­len­lei­ters kor­re­spon­die­ren.

Da die per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­che Zustän­dig­keit des beim Job­cen­ter gebil­de­ten Per­so­nal­rats bei der Ein­füh­rung zen­tral von der Bun­des­agen­tur ver­wal­te­ter Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik nach § 50 Abs. 3 SGB II auf­grund der feh­len­den Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz der gemein­sa­men Ein­rich­tung iSv. § 44h SGB II aus­ge­schlos­sen ist und nach § 44i SGB II für die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung die Rege­lung des § 44h SGB II ent­spre­chend gilt, ist inso­weit auch im Rah­men der nach § 178 Abs. 2 SGB IX bestehen­den Anhö­rungs­pflicht eine Zustän­dig­keit der beim Job­cen­ter gebil­de­ten Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung nicht gege­ben. Das hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt zutref­fend erkannt.

Zwar ent­hält die Geset­zes­be­grün­dung zu § 50 Abs. 3 SGB II kei­ne Aus­füh­run­gen zur feh­len­den Betei­li­gungs­pflicht der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung der gemein­sa­men Ein­rich­tung, son­dern nur zum nicht bestehen­den Betei­li­gungs­recht der Per­so­nal­ver­tre­tung. Dar­aus kann aber ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Antrag­stel­le­rin nicht geschlos­sen wer­den, dass bei der Ein­füh­rung zen­tral von der Bun­des­agen­tur ver­wal­te­ter Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik nach § 50 Abs. 3 SGB II ein Anhö­rungs­recht der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung des Job­cen­ters besteht. Deren Unzu­stän­dig­keit ergibt sich unmit­tel­bar aus § 44i SGB II, wonach für die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung der gemein­sa­men Ein­rich­tung die für die Per­so­nal­ver­tre­tung gel­ten­de Rege­lung des § 44h SGB II ent­spre­chend gilt. Ange­sichts der sich dar­aus erge­ben­den kla­ren Geset­zes­la­ge bestand kei­ne Ver­an­las­sung, in der Geset­zes­be­grün­dung geson­dert auch auf die­sen Aspekt hin­zu­wei­sen.

Eine Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz auf der Ebe­ne der gemein­sa­men Ein­rich­tung bei der Ein­füh­rung zen­tral von der Bun­des­agen­tur ver­wal­te­ter IT-Ver­fah­ren nach § 50 Abs. 3 SGB II besteht ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de auch nicht auf­grund der von der Antrag­stel­le­rin ange­spro­che­nen mög­li­cher­wei­se ver­blei­ben­den Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­spiel­räu­me des Geschäfts­füh­rers der gemein­sa­men Ein­rich­tung hin­sicht­lich der Bar­rie­re­frei­heit von IT-Anwen­dun­gen.

Bei der Ein­füh­rung von Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik nach § 50 Abs. 3 SGB II bestehen der­ar­ti­ge Ent­schei­dungs- und Hand­lungs­spiel­räu­me des Geschäfts­füh­rers der gemein­sa­men Ein­rich­tung nach der gesetz­li­chen Lage nicht. § 50 Abs. 3 Satz 1 SGB II schreibt vor, dass die gemein­sa­men Ein­rich­tun­gen zur Erfül­lung ihrer Auf­ga­ben durch die Bun­des­agen­tur zen­tral ver­wal­te­te Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik nut­zen. Das bedeu­tet nicht nur, dass die Bun­des­agen­tur über die Ein­füh­rung sol­cher Ver­fah­ren ent­schei­det, son­dern auch, dass die Bun­des­agen­tur auch die Ent­schei­dung trifft, das jewei­li­ge IT-Ver­fah­ren in den ein­zel­nen gemein­sa­men Ein­rich­tun­gen zur Anwen­dung zu brin­gen 11. Daher besteht kein Raum für eigen­stän­di­ge Ent­schei­dun­gen des Geschäfts­füh­rers der jewei­li­gen gemein­sa­men Ein­rich­tung bei der allein streit­ge­gen­ständ­li­chen Ent­schei­dung über die Ein­füh­rung der­ar­ti­ger Ver­fah­ren.

Sinn und Zweck des § 50 Abs. 3 SGB II wird nur dann hin­rei­chend Rech­nung getra­gen, wenn es bei der umfäng­li­chen Ent­schei­dungs­be­fug­nis der Bun­des­agen­tur für Arbeit bei der Ein­füh­rung zen­tral von ihr ver­wal­te­ter IT-Ver­fah­ren ver­bleibt. Soweit es dabei etwa im Hin­blick auf Fra­gen der Bar­rie­re­frei­heit Ein­schät­zungs­spiel­räu­me geben soll­te, sind die­se auf der Grund­la­ge einer zweck­ori­en­tier­ten Aus­le­gung des § 50 Abs. 3 Satz 1 SGB II, wie sie sich auch aus der sys­te­ma­ti­schen Stel­lung der Norm erschließt, nicht den Geschäfts­füh­run­gen der gemein­sa­men Ein­rich­tun­gen, son­dern der Bun­des­agen­tur für Arbeit zur Aus­fül­lung zuge­ord­net. Dies folgt aus der ihr vom Gesetz zuge­wie­se­nen Ver­ant­wort­lich­keit für die Ein­heit­lich­keit und Sicher­heit der zu nut­zen­den IT-Ver­fah­ren. Sie hat durch ihre zen­tral ver­wal­te­ten Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik einen gemein­sa­men zen­tra­len Daten­be­stand zu erstel­len, auf den die gemein­sa­men Ein­rich­tun­gen zugrei­fen müs­sen (vgl. § 50 Abs. 3 Satz 2 SGB II). Sie trägt die Ver­ant­wor­tung dafür, dass die zen­tral ver­wal­te­ten Fach­an­wen­dun­gen ein­heit­lich ange­wandt und, was etwa bei der Ein­füh­rung neu­er Sys­te­me beson­ders bedeut­sam ist, von allen gemein­sa­men Ein­rich­tun­gen glei­cher­ma­ßen ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Sie ist nach § 50 Abs. 3 Satz 3 SGB II zudem die daten­schutz­recht­lich ver­ant­wort­li­che Stel­le für die zen­tral ver­wal­te­ten Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik 12.

Davon zu unter­schei­den sind Betei­li­gungs­rech­te der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung im Zusam­men­hang damit, dass der Geschäfts­füh­rer der gemein­sa­men Ein­rich­tung mög­li­cher­wei­se zu ent­schei­den hat, ob und ggf. wel­che Maß­nah­men durch die vor­ge­ge­be­ne Ein­füh­rung und Anwen­dung der IT-Tech­nik in dem Job­cen­ter ver­an­lasst sind. Der­ar­ti­ge Maß­nah­men des Geschäfts­füh­rers betref­fen nicht die vor­lie­gend allein streit­ge­gen­ständ­li­che Fra­ge der Ein­füh­rung zen­tral von der Bun­des­agen­tur ver­wal­te­ter IT-Ver­fah­ren. Viel­mehr han­delt es sich dabei, sofern die ent­spre­chen­den Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen, um eigen­stän­di­ge Maß­nah­men und Ent­schei­dun­gen 13, die der Betei­li­gungs­pflicht nach § 178 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 SGB IX unter­lie­gen kön­nen.

Durch den Aus­schluss der beim Job­cen­ter gebil­de­ten Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung von der Anhö­rung bei der Ein­füh­rung zen­tral von der Bun­des­agen­tur ver­wal­te­ter IT-Ver­fah­ren nach § 50 Abs. 3 SGB II wird das im SGB IX (ins­be­son­de­re in § 164 Abs. 4 und in § 178 SGB IX) zum Aus­druck kom­men­de gesetz­ge­be­ri­sche Anlie­gen, die Belan­ge schwer­be­hin­der­ter Men­schen bei der Gestal­tung des Arbeits­plat­zes – auch im Rah­men einer kol­lek­ti­ven Inter­es­sen­ver­tre­tung, zu berück­sich­ti­gen, nicht in unzu­läs­si­ger Wei­se miss­ach­tet.

Die Berück­sich­ti­gung der Inter­es­sen der schwer­be­hin­der­ten Men­schen bei der Ein­füh­rung der­ar­ti­ger Ver­fah­ren bleibt – auch im Hin­blick auf deren kol­lek­tiv­recht­li­che Ver­tre­tung – gewahrt. Die Anknüp­fung der Zustän­dig­keit der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung an die Ent­schei­dungs­be­fug­nis der gemein­sa­men Ein­rich­tung schränkt die sich aus § 164 Abs. 4 SGB IX erge­ben­den Ver­pflich­tun­gen des Arbeit­ge­bers nicht ein. Soweit Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se bei den Trä­gern lie­gen, sind nach § 44h Abs. 5 SGB II deren Per­so­nal­ver­tre­tun­gen zur Mit­wir­kung beru­fen 14. Da die Ent­schei­dung über die Ein­füh­rung und Anwen­dung zen­tra­ler Ver­fah­ren der Infor­ma­ti­ons­tech­nik bei der Bun­des­agen­tur für Arbeit ange­sie­delt ist, bestehen Betei­li­gungs­rech­te allein für den dort ange­sie­del­ten Haupt­per­so­nal­rat und nach § 44i iVm. § 44h SGB II für die dort bestehen­de Haupt­schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung. Damit ist eine hin­rei­chen­de Berück­sich­ti­gung der Belan­ge der schwer­be­hin­der­ten Men­schen in kol­lek­tiv­recht­li­cher Hin­sicht gewähr­leis­tet.

Die bei der Bun­des­agen­tur für Arbeit gebil­de­te Haupt­schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung wird zwar nicht von den in den gemein­sa­men Ein­rich­tun­gen täti­gen Beschäf­tig­ten gewählt. Dies führt aber nicht dazu, dass sie man­gels demo­kra­ti­scher Legi­ti­ma­ti­on die Betei­li­gungs­rech­te bei der Ein­füh­rung zen­tral von der Bun­des­agen­tur ver­wal­te­ter IT-Ver­fah­ren für die schwer­be­hin­der­ten Beschäf­tig­ten der Job­cen­ter von Ver­fas­sungs wegen nicht wahr­neh­men dürf­te. Zwar mögen die Grund­rech­te und das Sozi­al­staats­prin­zip den Gesetz­ge­ber ver­pflich­ten, für die Beschäf­tig­ten in ihrer Dienst­stel­le eine von ihnen gewähl­te Ver­tre­tung zur Betei­li­gung in inner­dienst­li­chen Ange­le­gen­hei­ten vor­zu­se­hen. Die­se Ver­pflich­tung erstreckt sich jedoch nicht lücken­los auf die Wahl einer Ver­tre­tung in einer ande­ren Dienst­stel­le mit par­ti­el­len Ent­schei­dungs­be­fug­nis­sen für die Beam­ten und Arbeit­neh­mer der Beschäf­ti­gungs­dienst­stel­le. In die­ser Hin­sicht ver­fügt der Gesetz­ge­ber über einen Gestal­tungs­spiel­raum, der es ihm erlaubt, die Vor- und Nach­tei­le eines Dop­pel­wahl­rechts abzu­wä­gen 15. Das bedeu­tet, dass es nicht aus­ge­schlos­sen ist, Betei­li­gungs­rech­te für die Beschäf­tig­ten einer Dienst­stel­le auch einer von ihnen nicht gewähl­ten, in einer ande­ren Dienst­stel­le bestehen­den Arbeit­neh­mer­ver­tre­tung gesetz­lich zuzu­wei­sen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 20. Juni 2018 – 7 ABR 39/​16

  1. BAG 14.03.2012 – 7 ABR 67/​10, Rn. 21 zu § 95 Abs. 2 SGB IX aF[]
  2. dazu BAG 15.10.2014 – 7 ABR 71/​12, Rn. 29, BAGE 149, 277[]
  3. vgl. BVerwG 17.05.2017 – 5 P 2.16, Rn. 16; 1.10.2014 – 6 P 14.13, Rn. 12[]
  4. Gagel/​Wendtland SGB II Stand März 2018 § 44i Rn. 9[]
  5. vgl. BVerwG 17.05.2017 – 5 P 2.16, Rn. 31; OVG NRW 27.04.2017 – 20 A 523/​16.PVB, Rn. 29 ff.[]
  6. BT-Drs. 17/​1555 S. 31[][]
  7. vgl. BVerwG 17.05.2017 – 5 P 2.16, Rn. 27[]
  8. vgl. OVG NRW 27.04.2017 – 20 A 523/​16.PVB, Rn. 34; 1.09.2015 – 20 A 2311/​13.PVB[]
  9. vgl. OVG NRW 27.04.2017 – 20 A 523/​16.PVB, Rn. 38 mwN[]
  10. OVG NRW 27.04.2017 – 20 A 523/​16.PVB, Rn. 40 ff. mwN[]
  11. OVG NRW 27.04.2017 – 20 A 523/​16.PVB, Rn. 76[]
  12. vgl. BVerwG 17.05.2017 – 5 P 2.16, Rn. 29[]
  13. vgl. OVG NRW 27.04.2017 – 20 A 523/​16.PVB, Rn. 77[]
  14. Gagel/​Wendtland SGB II Stand März 2018 § 44h Rn. 16[]
  15. BVerwG 18.01.2013 – 6 PB 17.12, Rn. 10[]