Nicht­ab­hil­fe­be­schluss im Beschwer­de­ver­fah­ren – und der gesetz­li­che Rich­ter

Ist ein Nicht­ab­hil­fe­be­schluss im Beschwer­de­ver­fah­ren feh­ler­haft allein vom Vor­sit­zen­den statt von der Kam­mer erlas­sen wor­den, so ist auch im Rechts­wegs­be­stim­mungs­ver­fah­ren nach § 48 Abs. 1 ArbGG iVm. § 17 a Abs. 4 GVG eine Zurück­ver­wei­sung wegen die­ses Ver­fah­rens­feh­lers weder zwin­gend gebo­ten noch von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen. Die mit einer Zurück­ver­wei­sung ver­bun­de­ne Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung dürf­te es jedoch regel­mä­ßig ange­zeigt erschei­nen las­sen, dass das Lan­des­ar­beits­ge­richt selbst eine Sach­ent­schei­dung trifft.

Nicht­ab­hil­fe­be­schluss im Beschwer­de­ver­fah­ren – und der gesetz­li­che Rich­ter

Der Nicht­ab­hil­fe­be­schluss des Arbeits­ge­richts ist zwar ver­fah­rens­feh­ler­haft ergan­gen, weil er nicht durch die Kam­mer, son­dern durch den Vor­sit­zen­den allein erlas­sen wor­den ist. Im Ver­fah­ren nach § 48 ArbGG iVm mit § 17 a GVG ist der Beschluss über die Nicht­ab­hil­fe genau­so wie der Beschluss über die Rechts­weg­zu­stän­dig­keit durch die Kam­mer zu erlas­sen1, denn es han­delt sich inso­weit um eine neue Sach­ent­schei­dung2.

Den­noch konn­te über die Beschwer­de durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt ohne Zurück­ver­wei­sung in der Sache ent­schie­den wer­den.

Soweit in der Recht­spre­chung die Auf­fas­sung ver­tre­ten wird, dass wegen des in der Allein­ent­schei­dung durch den Vor­sit­zen­den lie­gen­den Ver­sto­ßes gegen den gesetz­li­chen Rich­ter (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) zwin­gend eine Zurück­ver­wei­sung des Rechts­streits zu erfol­gen habe, da es sich um einen in der Beschwer­de­instanz nicht beheb­ba­ren Ver­fah­rens­man­gel han­de­le3, ist dem im Hin­blick auf den Gegen­stand des Beschwer­de­ver­fah­rens nicht zu fol­gen. Gegen­stand der Prü­fung durch das Beschwer­de­ge­richt ist die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung der Kam­mer und nicht die Nicht­ab­hil­fe­ent­schei­dung4. Der Sinn des Abhil­fe­ver­fah­rens nach § 78 Abs. 1 ArbGG iVm § 572 Abs. 1 Satz 1 ZPO besteht dar­in, dem Aus­gangs­ge­richt aus Grün­den der Pro­zess­öko­no­mie Gele­gen­heit zur Selbst­kor­rek­tur zu geben. Die ord­nungs­ge­mä­ße Durch­füh­rung des Abhil­fe­ver­fah­rens ist damit nicht Ver­fah­rens­vor­aus­set­zung für das Beschwer­de­ver­fah­ren oder für die Beschwer­de­ent­schei­dung selbst5.

Auch wenn eine Zurück­ver­wei­sung an das Arbeits­ge­richt zwecks erneu­ter, nun­mehr ord­nungs­ge­mä­ßer Beschluss­fas­sung über die Abhil­fe bei einem Ver­stoß gegen das Gebot des gesetz­li­chen Rich­ters auch im Rechts­weg­be­stim­mungs­ver­fah­ren nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen erscheint6§ 68 ArbGG fin­det im Beschwer­de­ver­fah­ren kei­ne Anwen­dung7 – dürf­te doch die mit einer Zurück­ver­wei­sung ver­bun­de­ne Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung es regel­mä­ßig und so auch im vor­lie­gen­den Fall im Rah­men pflicht­ge­mä­ßer Ermes­sens­aus­übung ange­zeigt erschei­nen las­sen, dass das Lan­des­ar­beits­ge­richt selbst eine Sach­ent­schei­dung trifft8.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 7. Dezem­ber 2015 – 3 Ta 21/​15

  1. LAG Hes­sen 15.02.2008 – 8 Ta 259/​07; LAG Rhein­land-Pfalz 25.01.2007 – 11 Ta 10/​07; LAG Ber­lin 15.02.2006 – 13 Ta 170/​06NZA-RR 2006, 493; LAG Baden-Würt­tem­berg 07.08.2002 – 15 Ta 12/​02; Düwell/​Lipke/​Oesterle ArbGG 3. Aufl. § 78 Rn. 40; ErfK/​Koch 16. Aufl. § 78 ArbGG Rn. 6; GMP/­Mül­ler-Glö­ge ArbGG 8. Aufl. § 48 Rn. 84; Schwab/​Weth/​Schwab ArbGG 4. Aufl. § 78 Rn. 45
  2. LAG Bre­men 05.01.2006 – 3 Ta 69/​05; LAG Hes­sen 15.05.2008 – 20 Ta 80/​08
  3. so LAG Rhein­land-Pfalz 25.01.2007 – 11 Ta 10/​07; LAG Schles­wig-Hol­stein 01.07.2005 – 2 Ta 160/​05; LAG Baden-Würt­tem­berg 07.08.2002 – 15 Ta 12/​02
  4. LAG Hamm 08.09.2011 – 2 Ta 738/​10
  5. LAG Hes­sen 15.05.2008 – 20 Ta 80/​08; LAG Hes­sen 15.02.2008 – 8 Ta 259/​07; LAG Ber­lin 15.02.2006 – 13 Ta 170/​06NZA-RR 2006, 493
  6. a. A. GMP/­Mül­ler-Glö­ge ArbGG 8. Aufl. § 78 Rn. 35; Kalb in Henssler/​Willemsen/​Kalb Arbeits­recht Kom­men­tar 6. Aufl. § 78 ArbGG Rn. 26; Ost­ro­wicz in Ostrowicz/​Künzl/​Scholz Hand­buch des arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens 5. Aufl. Rn. 653 jeweils unter Ver­weis auf den Beschluss des BAG vom 17.02.2003 – 5 AZB 37/​02BAGE 105, 1, dem aller­dings kein Fall eines Ver­sto­ßes gegen den gesetz­li­chen Rich­ter zugrun­de lag
  7. GMP/­Mül­ler-Glö­ge ArbGG 8. Aufl. § 78 Rn. 35
  8. vgl. ErfK/​Koch 16. Aufl. § 78 ArbGG Rn. 6