Kün­di­gung durch den Per­so­nal­lei­ter – und die Voll­machts­vor­la­ge

Nach § 174 Satz 1 BGB ist ein ein­sei­ti­ges Rechts­ge­schäft, das ein Bevoll­mäch­tig­ter einem ande­ren gegen­über vor­nimmt, unwirk­sam, wenn der Bevoll­mäch­tig­te eine Voll­machts­ur­kun­de nicht vor­legt und der ande­re das Rechts­ge­schäft aus die­sem Grund unver­züg­lich zurück­weist. Fol­ge der Zurück­wei­sung iSd. § 174 Satz 1 BGB ist – unab­hän­gig vom Bestehen einer Voll­macht – die Unwirk­sam­keit des Rechts­ge­schäfts; eine Hei­lung oder Geneh­mi­gung nach § 177 BGB schei­det aus [1].

Kün­di­gung durch den Per­so­nal­lei­ter – und die Voll­machts­vor­la­ge

Das Zurück­wei­sungs­recht ist nach § 174 Satz 2 BGB aus­ge­schlos­sen, wenn der Voll­macht­ge­ber dem­je­ni­gen, gegen­über dem das ein­sei­ti­ge Rechts­ge­schäft vor­ge­nom­men wer­den soll, die Bevoll­mäch­ti­gung (vor­her) mit­ge­teilt hat­te.

§ 174 BGB dient dazu, bei ein­sei­ti­gen Rechts­ge­schäf­ten kla­re Ver­hält­nis­se zu schaf­fen. Der Erklä­rungs­emp­fän­ger ist zur Zurück­wei­sung der Kün­di­gung berech­tigt, wenn er kei­ne Gewiss­heit dar­über hat, dass der Erklä­ren­de tat­säch­lich bevoll­mäch­tigt ist und sich der Arbeit­ge­ber des­sen Erklä­rung des­halb zurech­nen las­sen muss [2]. Der Emp­fän­ger einer ein­sei­ti­gen Wil­lens­er­klä­rung soll nicht nach­for­schen müs­sen, wel­che Stel­lung der Erklä­ren­de hat und ob damit das Recht zur Kün­di­gung ver­bun­den ist oder übli­cher­wei­se ver­bun­den zu sein pflegt. Er soll vor der Unge­wiss­heit geschützt wer­den, ob eine bestimm­te Per­son bevoll­mäch­tigt ist, das Rechts­ge­schäft vor­zu­neh­men [3]. Gewiss­heit kön­nen eine Voll­machts­ur­kun­de oder ein In-Kennt­nis-Set­zen schaf­fen. Das In-Kennt­nis-Set­zen nach § 174 Satz 2 BGB muss ein gleich­wer­ti­ger Ersatz für die Vor­la­ge einer Voll­machts­ur­kun­de sein [4].

Ein In-Kennt­nis-Set­zen in die­sem Sin­ne liegt auch dann vor, wenn der Arbeit­ge­ber bestimm­te Mit­ar­bei­ter – zB durch die Bestel­lung zum Pro­ku­ris­ten, Gene­ral­be­voll­mäch­tig­ten oder Lei­ter der Per­so­nal­ab­tei­lung – in eine Stel­le beru­fen hat, mit der übli­cher­wei­se ein Kün­di­gungs­recht ver­bun­den ist [5]. Dabei reicht die inter­ne Über­tra­gung einer sol­chen Funk­ti­on nicht aus. Erfor­der­lich ist, dass sie auch nach außen im Betrieb ersicht­lich ist oder eine sons­ti­ge Bekannt­ma­chung erfolgt [6]. Der Erklä­rungs­emp­fän­ger muss davon in Kennt­nis gesetzt wer­den, dass der Erklä­ren­de die Stel­lung tat­säch­lich inne­hat [7].

Kün­digt ein Pro­ku­rist, kann die Zurück­wei­sung der Kün­di­gung nach § 174 BGB selbst dann aus­ge­schlos­sen sein, wenn der Erklä­rungs­emp­fän­ger kei­ne Kennt­nis von der Ertei­lung der Pro­ku­ra bzw. der Pro­ku­ris­ten­stel­lung hat [8]. Ist die Pro­ku­ra bereits län­ger als fünf­zehn Tage im Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen, wird die nach § 174 Satz 2 BGB erfor­der­li­che Kennt­nis des Erklä­rungs­emp­fän­gers von der Bevoll­mäch­ti­gung im Inter­es­se der Sicher­heit und Leich­tig­keit des Rechts­ver­kehrs durch § 15 Abs. 2 HGB fin­giert. Auf­grund der Rege­lung in § 15 Abs. 2 Satz 1 HGB muss sich der Erklä­rungs­emp­fän­ger so behan­deln las­sen, als ob er die län­ger als fünf­zehn Tage ein­ge­tra­ge­ne Tat­sa­che kennt [9]. Eine direk­te Kund­ga­be der Bevoll­mäch­ti­gung und der Per­son des Bevoll­mäch­tig­ten durch den Voll­macht­ge­ber ist in die­sen Fäl­len auf­grund der Publi­zi­tät des Han­dels­re­gis­ters ent­behr­lich [10].

Eine Zurück­wei­sung der Kün­di­gung nach § 174 Satz 2 BGB schei­det, auch dann aus, wenn der kün­di­gen­de Per­so­nal­lei­ter zugleich (Gesamt-)Prokurist ist und die im Han­dels­re­gis­ter publi­zier­te Pro­ku­ra sein – allei­ni­ges – Han­deln nicht deckt. Es genügt, dass der Kün­di­gungs­emp­fän­ger auf­grund der – ihm bekann­ten – Stel­lung des Kün­di­gen­den als Per­so­nal­lei­ter von einer ord­nungs­ge­mä­ßen Bevoll­mäch­ti­gung zum allei­ni­gen Aus­spruch von Kün­di­gun­gen aus­ge­hen muss. Ob der Per­so­nal­lei­ter zugleich eine aus­rei­chen­de Ver­tre­tungs­macht als (Gesamt-)Prokurist besitzt, ist grund­sätz­lich ohne Belang.

Ist der Arbeit­neh­mer über die Per­son des Per­so­nal­lei­ters hin­rei­chend in Kennt­nis gesetzt, muss er allein aus des­sen Stel­lung fol­gern, die­ser habe im Ver­hält­nis zur Beleg­schaft allei­ni­ge Ver­tre­tungs­macht zum Aus­spruch von Kün­di­gun­gen [11]. Die ent­spre­chen­de Befug­nis eines Per­so­nal­lei­ters wird dadurch, dass er zugleich zum Gesamt­pro­ku­ris­ten bestellt ist, nicht begrenzt. Für die unbe­schränk­te Ver­tre­tungs­macht eines Per­so­nal­lei­ters zur Erklä­rung von Kün­di­gun­gen spielt es kei­ne Rol­le, ob er in sei­ner Funk­ti­on als Gesamt­pro­ku­rist – ansons­ten – nur zur gemein­sa­men Ver­tre­tung mit einem ande­ren Pro­ku­ris­ten oder einem gesetz­li­chen Ver­tre­ter des Arbeit­ge­bers befugt ist. Der Klä­ger hat­te damit objek­tiv kei­nen Anlass, an der unein­ge­schränk­ten Befug­nis von Herrn K zum Aus­spruch von Kün­di­gun­gen zu zwei­feln.

Aus dem Umstand, dass der Per­so­nal­lei­ter das Kün­di­gungs­schrei­ben mit dem Zusatz „ppa“ unter­zeich­ne­te, folgt nichts ande­res.

Nach § 51 HGB hat ein Pro­ku­rist in der Wei­se zu zeich­nen, dass er der Fir­ma sei­nen Namen mit einem die Pro­ku­ra andeu­ten­den Zusatz bei­fügt. Der Zusatz soll klar­stel­len, dass der Erklä­ren­de als Pro­ku­rist für den Inha­ber han­delt [12]. Für die Gesamt­pro­ku­ra gel­ten inso­weit kei­ne Beson­der­hei­ten [13]. Der Gesamt­pro­ku­rist zeich­net selbst dann mit dem gewöhn­li­chen Pro­ku­ra­zu­satz, wenn er allein mit inter­ner Zustim­mung des ande­ren Gesamt­pro­ku­ris­ten han­delt [14]. So kann ein Gesamt­pro­ku­rist ein Aktiv­ge­schäft für den Inha­ber allein vor­neh­men, wenn der ande­re Gesamt­pro­ku­rist ihn zum Han­deln für sie bei­de hin­sicht­lich bestimm­ter Geschäf­te ermäch­tigt hat [15]. Das Glei­che gilt, wenn ein ein­sei­ti­ges Han­deln nach­träg­lich durch den ande­ren Gesamt­pro­ku­ris­ten geneh­migt wird [16]. Herr K kann des­halb auch bei einem Han­deln als Gesamt­pro­ku­rist eine allei­ni­ge Ver­tre­tungs­be­fug­nis zum Aus­spruch von Kün­di­gun­gen auf­grund inter­ner Bevoll­mäch­ti­gung in Anspruch genom­men haben.

Wirk­sa­me Stell­ver­tre­tung setzt über­dies nicht vor­aus, dass der Ver­tre­ter klar­stellt, auf­grund wel­cher ihm rechts­ge­schäft­lich ver­lie­he­nen Bevoll­mäch­ti­gung er für den Ver­tre­te­nen auf­tritt. Nach § 164 Abs. 1 und Abs. 2 BGB muss er ledig­lich im Namen des Ver­tre­te­nen und im Rah­men der ihm zuste­hen­den Ver­tre­tungs­macht han­deln. Es bedarf kei­nes Hin­wei­ses auf die maß­geb­li­che Bevoll­mäch­ti­gung. § 174 BGB eröff­net die Mög­lich­keit der Zurück­wei­sung nur dann, wenn weder eine Voll­machts­ur­kun­de vor­ge­legt wird noch der Erklä­rungs­emp­fän­ger zuvor von der Bevoll­mäch­ti­gung in Kennt­nis gesetzt wor­den ist.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 25. Sep­tem­ber 2014 – 2 AZR 567/​13

  1. BAG 19.04.2007 – 2 AZR 180/​06, Rn. 37; 20.09.2006 – 6 AZR 82/​06, Rn. 33, BAGE 119, 311[]
  2. BAG 14.04.2011 – 6 AZR 727/​09, Rn. 23, BAGE 137, 347; 29.10.1992 – 2 AZR 460/​92, zu II 2 a der Grün­de[]
  3. BAG 14.04.2011 – 6 AZR 727/​09 – aaO; 20.09.2006 – 6 AZR 82/​06, Rn. 46, 52, BAGE 119, 311[]
  4. BAG 14.04.2011 – 6 AZR 727/​09 – aaO; vgl. auch BAG 20.08.1997 – 2 AZR 518/​96, zu II 3 b bb der Grün­de[]
  5. st. Rspr. seit 30.05.1972 BAG – 2 AZR 298/​71, BAGE 24, 273; vgl. zuletzt BAG 14.04.2011 – 6 AZR 727/​09, Rn. 25, BAGE 137, 347[]
  6. BAG 14.04.2011 – 6 AZR 727/​09 – aaO; 20.08.1997 – 2 AZR 518/​96, zu II 3 b bb der Grün­de[]
  7. BAG 14.04.2011 – 6 AZR 727/​09 – aaO; 29.10.1992 – 2 AZR 460/​92, zu II 2 a der Grün­de; BGH 20.10.2008 – II ZR 107/​07, Rn. 11, 14[]
  8. BAG 14.04.2011 – 6 AZR 727/​09, Rn. 27, BAGE 137, 347[]
  9. BAG 14.04.2011 – 6 AZR 727/​09 – aaO; 11.07.1991 – 2 AZR 107/​91[]
  10. BAG 14.04.2011 – 6 AZR 727/​09, Rn. 28, aaO[]
  11. vgl. BAG 29.10.1992 – 2 AZR 460/​92, zu II 2 der Grün­de[]
  12. BAG 11.07.1991 – 2 AZR 107/​91, zu B II 1 b und 2 b dd der Grün­de; MünchKommHGB/​Krebs 3. Aufl. § 51 Rn. 1; Oetker/​Schubert HGB 3. Aufl. § 51 Rn. 1; Staub/​Joost HGB 5. Aufl. § 51 Rn. 1[]
  13. Staub/​Joost aaO Rn. 8[]
  14. Staub/​Joost aaO[]
  15. MünchKommHGB/​Krebs aaO § 48 Rn. 98; Oetker/​Schubert aaO § 48 Rn. 69; Staub/​Joost aaO § 48 Rn. 115; all­ge­mein für Gesamt­ver­tre­ter BGH 25.11.1985 – II ZR 115/​85; 12.12 1960 – II ZR 255/​59, zu II der Grün­de, BGHZ 34, 27[]
  16. vgl. nur MünchKommHGB/​Krebs aaO § 48 Rn. 97 mwN; all­ge­mein zur Gesamt­ver­tre­tung RG 18.02.1921 – III 354/​20 – RGZ 101, 342[]