Par­tei­ver­nah­me beim Vier-Augen-Gespräch

Grund­sätz­lich gehen einer Par­tei­ver­neh­mung ande­re Beweis­mit­tel, ins­be­son­de­re der Zeu­gen­be­weis nach §§ 373 ff. ZPO vor. Nach all­ge­mei­ner Mei­nung ist die Par­tei­ver­neh­mung nach §§ 445 ff. ZPO ein sub­si­diä­res Beweis­mit­tel1.

Par­tei­ver­nah­me beim Vier-Augen-Gespräch

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hät­te dem Klä­ger ein ande­res Beweis­mit­tel als die eige­ne Par­tei­ein­ver­nah­me zur Ver­fü­gung gestan­den. Er hät­te für die Rich­tig­keit sei­ner Behaup­tun­gen sei­nen Vor­ge­setz­ten S als Zeu­gen benen­nen kön­nen. Dass die­ser die „Mob­bing-Äuße­run­gen” selbst getä­tigt haben soll, steht dem nicht ent­ge­gen. Allein die Tat­sa­che, dass die Beklag­te, also nicht der Zeu­ge selbst, die vom Klä­ger behaup­te­ten Äuße­run­gen des Zeu­gen bestrit­ten hat­te, führt nicht dazu, dass für den Klä­ger ein sol­ches Beweis­an­ge­bot aus tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Grün­den aus­schei­det. Auch wenn eine Aus­sa­ge des Zeu­gen, wel­che die Behaup­tun­gen des Klä­gers bestä­ti­gen wür­de, für den Zeu­gen selbst und die Beklag­te, als deren Reprä­sen­tant der Zeu­ge auf­ge­tre­ten war, ungüns­ti­ge Fol­gen hät­te, muss­te der Klä­ger nicht zwin­gend davon aus­ge­hen, der Zeu­ge wer­de die klä­ge­ri­schen Behaup­tun­gen nicht bestä­ti­gen. Die­ser wäre zu einer wahr­heits­ge­mä­ßen Aus­sa­ge ver­pflich­tet gewe­sen. Sowohl bei einer uneid­li­chen als auch bei einer eid­li­chen Falsch­aus­sa­ge hät­ten ihm straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen gedroht (§§ 153, 154 StGB). Allein des­halb durf­te der Klä­ger – gleich­sam im Wege einer „vor­weg­ge­nom­me­nen Beweis­wür­di­gung” – nicht davon aus­ge­hen, der Zeu­ge wer­de wahr­heits­wid­rig unter Inkauf­nah­me straf­recht­li­cher Fol­gen die angeb­lich von ihm getä­tig­ten Äuße­run­gen leug­nen, und des­halb auf das Beweis­an­ge­bot „Zeu­gen­ver­neh­mung” ver­zich­ten. Hin­zu kommt, dass der Zeu­ge, um eine Zwangs­la­ge zwi­schen Falsch­aus­sa­ge und einer wahr­heits­ge­mä­ßen Aus­sa­ge mit nega­ti­ven Fol­gen für sich zu ver­mei­den, die Mög­lich­keit der Zeug­nis­ver­wei­ge­rung nach § 384 Nr. 1 und Nr. 2 ZPO gehabt hät­te.

Nach­dem der Klä­ger den ihm mög­li­chen Zeu­gen­be­weis nicht ange­tre­ten hat­te, muss­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt dar­über ent­schei­den, ob es den Klä­ger für die Rich­tig­keit sei­ner strei­ti­gen Behaup­tun­gen nach § 448 ZPO als Par­tei ver­neh­men soll­te. Allein die Tat­sa­che, dass der Klä­ger für sei­ne bestrit­te­nen Behaup­tun­gen kei­nen ihm mög­li­chen Zeu­gen­be­weis ange­bo­ten hat, ent­bin­det das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht von die­ser Ver­pflich­tung. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung ist Vor­aus­set­zung für eine Par­tei­ver­neh­mung der beweis­pflich­ti­gen Par­tei gemäß § 448 ZPO, dass für die zu bewei­sen­de Tat­sa­che auf­grund einer vor­aus­ge­gan­ge­nen Beweis­auf­nah­me oder des sons­ti­gen Ver­hand­lungs­in­halts eine gewis­se Wahr­schein­lich­keit spricht2.

Von die­sem Grund­satz ist im kon­kre­ten Streit­fal­le auch unter der Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung zur Beweis­füh­rung bei soge­nann­ten „Vier-Augen-Gesprä­chen” aus­zu­ge­hen.

103 Abs. 1 GG und Art. 2 Abs. 1 iVm. Art.20 Abs. 3 GG sichern den Anspruch auf recht­li­ches Gehör vor Gericht und das mit ihm im Zusam­men­hang ste­hen­de Recht auf Gewähr­leis­tung eines wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes. Art. 103 Abs. 1 GG gebie­tet ein Aus­maß an recht­li­chem Gehör, wel­ches sach­an­ge­mes­sen ist, um den in bür­ger­lich-recht­li­chen Strei­tig­kei­ten aus dem Rechts­staats­prin­zip fol­gen­den Erfor­der­nis­sen eines wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes gerecht zu wer­den. Ins­be­son­de­re müs­sen die Betei­lig­ten einer bür­ger­li­chen Rechts­strei­tig­keit die Mög­lich­keit haben, sich im Pro­zess mit tat­säch­li­chen Argu­men­ten zu behaup­ten3. Auch gehört es zu den für einen fai­ren Pro­zess und einen wir­kungs­vol­len Rechts­schutz in bür­ger­li­chen Rechts­strei­tig­kei­ten uner­läss­li­chen Ver­fah­rens­re­geln, dass das Gericht die Rich­tig­keit bestrit­te­ner Tat­sa­chen nicht ohne hin­rei­chen­de Prü­fung bejaht. Ohne eine sol­che Prü­fung fehlt es an einer dem Rechts­staats­prin­zip genü­gen­den Ent­schei­dungs­grund­la­ge. Um sie zu gewähr­leis­ten, bedarf es eines Min­dest­ma­ßes an recht­li­chem Gehör4.

In dem vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat­te ein streit­ent­schei­den­des Vier-Augen-Gespräch zwi­schen der Klä­ge­rin und einem Ange­stell­ten der Beklag­ten, einer GmbH, statt­ge­fun­den. Das Amts­ge­richt hat­te den Ange­stell­ten als Zeu­gen ver­nom­men sowie die Klä­ge­rin gemäß § 141 ZPO ange­hört und dar­auf­hin der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Es hat­te die Anga­ben der Klä­ge­rin zum Inhalt des Gesprächs als bewie­sen ange­se­hen. Das Land­ge­richt als Beru­fungs­ge­richt hat­te eine Ver­neh­mung der Klä­ge­rin als Par­tei nach § 448 ZPO im Rah­men des Gegen­be­wei­ses abge­lehnt und die Kla­ge abge­wie­sen, weil es auf­grund der Aus­sa­ge des vom Amts­ge­richt ver­nom­me­nen; und vom Land­ge­richt erneut ver­nom­me­nen Zeu­gen die Behaup­tun­gen der Klä­ge­rin über den Gesprächs­in­halt als nicht erwie­sen ange­se­hen hat­te. In Anwen­dung der oben dar­ge­stell­ten Grund­sät­ze hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu die­ser Vor­ge­hens­wei­se des Land­ge­richts aus­ge­führt: „In der hier gege­be­nen Kon­stel­la­ti­on des Vier-Augen-Gesprächs konn­te die Beschwer­de­füh­re­rin [dh. die Klä­ge­rin] den Gegen­be­weis auch nur im Wege der Par­tei­an­hö­rung bzw. ‑ver­neh­mung durch Bekun­dun­gen füh­ren, die geeig­net waren, die Aus­sa­ge des Zeu­gen der Beklag­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens zu erschüt­tern. Die Ver­fah­rens­wei­se des Land­ge­richts begüns­tig­te daher ein­sei­tig die Beklag­te, die mit ihrem Ange­stell­ten über einen Zeu­gen ver­füg­te. Um dies zu ver­mei­den, hät­te das Land­ge­richt, nach­dem es den Ange­stell­ten der beklag­ten GmbH zum umstrit­te­nen Inhalt des Vier-Augen-Gesprächs erneut als Zeu­gen ver­nom­men hat­te, auch der Beschwer­de­füh­re­rin die Mög­lich­keit ein­räu­men müs­sen, den Gegen­be­weis zu füh­ren. Ins­be­son­de­re hät­te ihr die Gele­gen­heit gege­ben wer­den müs­sen, auf die Aus­sa­gen des Zeu­gen in des­sen neu­er­li­cher Ver­neh­mung (§ 398 Abs. 1 ZPO) reagie­ren zu kön­nen, da das Land­ge­richt von der Beweis­wür­di­gung der Vor­in­stanz abwei­chen woll­te, die sich auf die pro­to­kol­lier­te Anhö­rung der Beschwer­de­füh­re­rin stütz­te.”

Die­se Grund­sät­ze des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sind auf den Streit­fall bereits des­halb nicht anzu­wen­den, weil zum Inhalt der Gesprä­che zwi­schen dem Klä­ger und sei­nem Vor­ge­setz­ten Zeu­gen­be­weis weder vom Klä­ger noch von der Beklag­ten ange­bo­ten wor­den war und des­halb auch – im Gegen­satz zum Sach­ver­halt, wel­cher der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zugrun­de gele­gen hat­te – kein Zeu­gen­be­weis erho­ben wor­den war.

Aus dem­sel­ben Grun­de ist auch die Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 27.10.19935 nicht ein­schlä­gig. Auch in die­sem Fal­le hat­te das Gericht nicht den Gesell­schaf­ter einer Par­tei, wohl aber den Ver­tre­ter der Gegen­par­tei als Zeu­gen für den Inhalt eines Vier-Augen-Gesprächs ange­hört.

Der Drit­te Bun­des­ar­beits­ge­richt des Bun­des­ar­beits­ge­richts6 hat eine Ver­pflich­tung zur Ver­neh­mung einer beweis­pflich­ti­gen Par­tei nach § 448 ZPO oder zur Anhö­rung der­sel­ben nach § 141 ZPO eben­falls nur für den Fall gese­hen, dass „ein Gespräch allein zwi­schen den Par­tei­en statt­ge­fun­den hat und des­halb kein Zeu­ge, auch kein ‚geg­ne­ri­scher‘ Zeu­ge zuge­gen ist”. Im vor­lie­gen­den Streit­fal­le ist die­se Fall­kon­stel­la­ti­on eben­falls nicht gege­ben, weil die vom Klä­ger geschil­der­ten Vier-Augen-Gesprä­che nicht mit der Beklag­ten, dh. derem Geschäfts­füh­rer als Beklag­ten­ver­tre­ter, geführt wor­den waren, son­dern mit sei­nem Vor­ge­setz­ten, der als Zeu­ge – wenn auch als „geg­ne­ri­scher” Zeu­ge – gemäß §§ 373 ff. ZPO hät­te ver­nom­men wer­den kön­nen. Im Übri­gen stellt der Drit­te Bun­des­ar­beits­ge­richt in der zitier­ten Ent­schei­dung auch dar­auf ab, dass eine Par­tei­ver­neh­mung nach § 448 ZPO nur in Fra­ge kommt, „soweit des­sen Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen„7. Dies kann nur hei­ßen, dass auch der Drit­te Bun­des­ar­beits­ge­richt davon aus­geht, eine Par­tei­ein­ver­nah­me der beweis­pflich­ti­gen Par­tei kom­me grund­sätz­lich nur dann in Fra­ge, wenn eine gewis­se Wahr­schein­lich­keit für die zu bewei­sen­de Tat­sa­che spricht.

Auch in den zwei wei­te­ren vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fäl­len, in denen eine Pflicht zur Par­tei­ver­neh­mung nach § 448 ZPO bejaht bzw. eine sol­che nicht bean­stan­det wor­den war, stand einer Par­tei ein Zeu­ge für ein Vier-Augen-Gespräch zur Ver­fü­gung, wel­cher ver­nom­men wor­den war8.

Damit war das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht – gleich­sam von Amts wegen – ver­pflich­tet, den Klä­ger gemäß § 448 ZPO als Par­tei zu ver­neh­men. Viel­mehr muss­te es prü­fen, ob eine gewis­se Wahr­schein­lich­keit dafür sprach, dass die vom Klä­ger geschil­der­ten Äuße­run­gen sei­nes Vor­ge­setz­ten in den Vier-Augen-Gesprä­chen tat­säch­lich gefal­len waren. Dafür hät­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt in nach­prüf­ba­rer Wei­se dar­le­gen müs­sen, wes­halb es von der Par­tei­ver­neh­mung des Klä­gers abge­se­hen hat. Andern­falls kann nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass es von sei­nem ihm nach § 448 ZPO ein­ge­räum­ten Ermes­sen über­haupt Gebrauch gemacht hat. Ver­neint das Lan­des­ar­beits­ge­richt die gewis­se Wahr­schein­lich­keit der Bewei­s­tat­sa­che und lehnt es des­halb eine Par­tei­ver­neh­mung ab, so müs­sen sei­ne Fest­stel­lun­gen in einer § 286 ZPO genü­gen­den Wei­se getrof­fen sein9. Dar­an fehlt es vor­lie­gend. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat ohne nähe­re Anga­be von Grün­den ledig­lich fest­ge­stellt, dass „ein sog. Anfangs- oder Anbe­weis für die behaup­te­ten Tat­sa­chen” fehlt. Aus wel­chen Grün­den es zu die­ser Fest­stel­lung gelangt ist, hat das Beru­fungs­ge­richt nicht aus­ge­führt. Allein der Hin­weis dar­auf, dass der Klä­ger in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt am 4.11.2011 per­sön­lich anwe­send war und Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me hat­te, ist in die­sem Zusam­men­hang unbe­hel­flich, weil dar­aus nicht ersicht­lich wird, ob das Gericht dem Klä­ger Fra­gen gestellt hat oder ob er und gege­be­nen­falls wel­che Erklä­run­gen er in der münd­li­chen Ver­hand­lung abge­ge­ben hat. Dies­be­züg­lich ent­hält auch die Sit­zungs­nie­der­schrift kei­ne Fest­stel­lun­gen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt – Urteil vom 14. Novem­ber 2013 – 8 AZR 813/​12

  1. vgl. Thomas/​Putzo/​Reichold ZPO 34. Aufl. Vor­bem. § 445 Rn. 1; Zöller/​Geimer/​Greger ZPO 29. Aufl. Vor­bem. § 445 Rn. 5; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann ZPO 71. Aufl. Über­sicht § 445 Rn. 7
  2. vgl. BGH 9.03.1990 – V ZR 244/​88, Rn. 14, BGHZ 110, 363; 16.07.1998 – I ZR 32/​96, Rn.20 mwN; BAG 16.09.1999 – 2 AZR 712/​98, zu II 2 f dd der Grün­de; 6.12 2001 – 2 AZR 396/​00, zu B III 2 b bb der Grün­de, BAGE 100, 52
  3. BVerfG 21.02.2001 – 2 BvR 140/​00, Rn. 10
  4. BVerfG 21.02.2001 – 2 BvR 140/​00 – aaO
  5. EGMR, Urteil vom 27.10.1993 – 37÷1992÷382÷460
  6. BAG 22.05.2007 – 3 AZN 1155/​06, Rn. 17, BAGE 122, 347
  7. BAG 22.05.2007 – 3 AZN 1155/​06, Rn. 16, aaO
  8. vgl. BAG 6.12 2001 – 2 AZR 396/​00, BAGE 100, 52 und 19.11.2008 – 10 AZR 671/​07; so auch: BGH 9.10.1997 – IX ZR 269/​96; 16.07.1998 – I ZR 32/​96
  9. BGH 9.03.1990 – V ZR 244/​88, zu I 1 b der Grün­de, BGHZ 110, 363