Per­so­nal­über­lei­tung beim Job­cen­ter – und die Nor­men­kon­trol­le

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat eine Rich­ter­vor­la­ge des Bun­des­ar­beits­ge­richts zur ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fung, ob § 6c Absatz 1 Satz 1 SGB II in der Fas­sung des Geset­zes zur Wei­ter­ent­wick­lung der Orga­ni­sa­ti­on der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de vom 03.08.2010 1 bezüg­lich des Über­tritts von Arbeit­neh­mern auf wei­te­re kom­mu­na­le Trä­ger wegen Ver­sto­ßes gegen Arti­kel 12 Absatz 1 des Grund­ge­set­zes nich­tig ist 2 als unzu­läs­sig zurück­ge­wie­sen.

Per­so­nal­über­lei­tung beim Job­cen­ter – und die Nor­men­kon­trol­le

Die Vor­la­ge betrifft die Fra­ge, ob § 6c Abs. 1 Satz 1 des Sozi­al­ge­setz­buchs Zwei­tes Buch – Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de – in der Fas­sung des Geset­zes zur Wei­ter­ent­wick­lung der Orga­ni­sa­ti­on der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de vom 03.08.2010 1 mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ist.

Durch das Gesetz zur Wei­ter­ent­wick­lung der Orga­ni­sa­ti­on der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de wur­de die Erle­di­gung bestimm­ter Ver­wal­tungs­auf­ga­ben neu gere­gelt. In § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II ist ein Per­so­nal­über­gang von der Bun­des­agen­tur für Arbeit auf kom­mu­na­le Trä­ger nor­miert.

Die Norm lau­te­te – soweit hier von Bedeu­tung -:

"§ 6c Per­so­nal­über­gang bei Zulas­sung wei­te­rer kom­mu­na­ler Trä­ger und bei Been­di­gung der Trä­ger­schaft

(1) 1 Die Beam­ten und Arbeit­neh­mer der Bun­des­agen­tur, die am Tag vor der Zulas­sung eines wei­te­ren kom­mu­na­len Trä­gers nach § 6a Absatz 2 und min­des­tens seit 24 Mona­ten Auf­ga­ben der Bun­des­agen­tur als Trä­ger nach § 6 Absatz 1 Num­mer 1 in dem Gebiet des kom­mu­na­len Trä­gers wahr­ge­nom­men haben, tre­ten zum Zeit­punkt der Neu­zu­las­sung kraft Geset­zes in den Dienst des kom­mu­na­len Trä­gers über. … 6 Die Sät­ze 1 bis 5 gel­ten ent­spre­chend für … Erwei­te­run­gen der Zulas­sung nach § 6a Absatz 7."

Die Klä­ge­rin des Aus­gangs­ver­fah­rens wen­det sich gegen einen sol­chen Per­so­nal­über­gang.

Die Klä­ge­rin ist lang­jäh­rig bei der Bun­des­agen­tur für Arbeit ange­stellt und wur­de zum Novem­ber 2008 erpro­bungs­wei­se und ab Mai 2009 förm­lich in eine Agen­tur für Arbeit ver­setzt und dort zunächst mit Lei­tungs­auf­ga­ben im Bereich des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch und spä­ter mit der Füh­rung eines "gemein­sa­men Arbeit­ge­ber­ser­vice­teams" betraut, das in den Auf­ga­ben­be­rei­chen des Zwei­ten und Drit­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch (SGB II und III) tätig war. Im Zuge einer Ver­wal­tungs­re­form wur­den die Zustän­dig­kei­ten ver­än­dert. Ab Janu­ar 2011 war nur noch der Land­kreis für die Erfül­lung der Auf­ga­ben nach dem Zwei­ten Buch zuge­las­sen. Daher teil­ten die Bun­des­agen­tur für Arbeit und der Land­kreis der Klä­ge­rin mit, dass sie ab 1.01.2011 nach dem Gesetz zur Wei­ter­ent­wick­lung der Orga­ni­sa­ti­on der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de in den Dienst des Land­krei­ses über­tre­te. Die Klä­ge­rin wider­sprach dem und klag­te auf Fort­be­stand des Arbeits­ver­hält­nis­ses und Fort­be­schäf­ti­gung bei der Bun­des­agen­tur für Arbeit.

Das Arbeits­ge­richt und das Lan­des­ar­beits­ge­richt haben ange­nom­men, die Klä­ge­rin sei von der gesetz­li­chen Rege­lung des Per­so­nal­über­gangs nicht betrof­fen. § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II sei ver­fas­sungs­kon­form dahin aus­zu­le­gen, dass nur Beschäf­tig­te erfasst wür­den, die im maß­geb­li­chen Zeit­raum aus­schließ­lich Auf­ga­ben nach dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch wahr­ge­nom­men hät­ten.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat das Revi­si­ons­ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge vor­ge­legt, "ob § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II in der Fas­sung vom 03.08.2010 bezüg­lich des Über­tritts von Arbeit­neh­mern auf wei­te­re kom­mu­na­le Trä­ger wegen Ver­sto­ßes gegen Art. 12 Abs. 1 GG nich­tig ist."

Die Ent­schei­dung des Rechts­streits hän­ge von der Klä­rung die­ser Fra­ge ab. Die Klä­ge­rin habe seit min­des­tens 24 Mona­ten vor Zulas­sung des Land­krei­ses Tätig­kei­ten aus dem Bereich des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch wahr­ge­nom­men. Sie selbst gehe zwar davon aus, nur zu etwa 20 % Tätig­kei­ten in die­sem Bereich aus­ge­übt zu haben, wäh­rend die Bun­des­agen­tur mehr als 50 % anneh­me. Da § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II nur ver­lan­ge, dass die betref­fen­den Arbeit­neh­mer Auf­ga­ben der Bun­des­agen­tur als Trä­ger nach § 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 wahr­ge­nom­men hät­ten, unter­fal­le die Klä­ge­rin nach dem Geset­zes­wort­laut aber unab­hän­gig vom zeit­li­chen Umfang ihrer "SGB-II-Tätig­kei­ten" dem Gel­tungs­be­reich des § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II.

Die vor­ge­leg­te Norm sei ver­fas­sungs­wid­rig, denn sie ver­let­ze die mit dem Grund­recht der Berufs­frei­heit des Art. 12 Abs. 1 Satz 1 GG auch im öffent­li­chen Dienst garan­tier­te freie Wahl des Ver­trags­part­ners. Es feh­le ein Mit­spra­che­recht der Betrof­fe­nen. Sie könn­ten Nach­tei­le im beruf­li­chen Fort­kom­men und auch im Ein­kom­men erlei­den.

In der fach­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung wur­den – abge­se­hen vom Vor­la­ge­be­schluss – kei­ne Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit der vor­ge­leg­ten Norm mit dem Grund­ge­setz geäu­ßert. Der 6. Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt des Bun­des­ar­beits­ge­richts hat – ohne dass die Wirk­sam­keit von Per­so­nal­wech­seln in Streit stand – die vor­ge­leg­te Norm so ver­stan­den, dass sie eine beson­de­re per­so­nel­le Kon­ti­nui­tät absi­che­re und daher auf tat­säch­lich vor­han­de­ne Erfah­run­gen und Kom­pe­ten­zen abstel­le. Vom Über­gang erfasst wer­de daher nur gründ­lich ein­ge­ar­bei­te­tes, fach­lich qua­li­fi­zier­tes Per­so­nal, nicht jedoch Per­so­nal, das im Refe­renz­zeit­raum kei­ne ein­schlä­gi­gen Tätig­kei­ten aus­üb­te 3.

Die Vor­la­ge ist unzu­läs­sig, befand nun das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt; der Vor­la­ge­be­schluss erfül­le nicht die Begrün­dungs­er­for­der­nis­se aus Art. 100 Abs. 1 Satz 1 GG, § 80 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG:

Nach Art. 100 Abs. 1 Satz 1 GG, § 80 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG muss ein vor­le­gen­des Gericht dar­le­gen, aus wel­chen Grün­den es von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Norm über­zeugt ist und dass und wes­halb es im Fal­le der Gül­tig­keit der Vor­schrift zu einem ande­ren Ergeb­nis käme als im Fall ihrer Ungül­tig­keit 4. Die Aus­füh­run­gen müs­sen erken­nen las­sen, dass die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­schrift sorg­fäl­tig geprüft wor­den ist 5. Die Beur­tei­lung der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit rich­tet sich grund­sätz­lich nach der Rechts­auf­fas­sung des vor­le­gen­den Gerichts. Doch darf die­se nicht offen­sicht­lich unhalt­bar sein 6. Die Norm muss unter Aus­ein­an­der­set­zung mit der Rechts­la­ge und den in Lite­ra­tur sowie Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Auf­fas­sun­gen aus­ge­legt wer­den 7. Ins­ge­samt sind zur Dar­le­gung der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit alle nahe­lie­gen­den recht­li­chen und tat­säch­li­chen Gesichts­punk­te zu berück­sich­ti­gen 8. Feh­len inso­weit nähe­re Erläu­te­run­gen, kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die­se nicht durch eige­ne Erwä­gun­gen erset­zen 9.

Die Vor­la­ge wird die­sen Anfor­de­run­gen nicht gerecht. Das Gericht legt zwar dar, dass bei einer Per­so­nal­über­lei­tung durch Gesetz die grund­recht­lich geschütz­ten Belan­ge der Beschäf­tig­ten zu berück­sich­ti­gen sind 10. Doch ist nicht hin­rei­chend nach­voll­zieh­bar aus­ge­führt, dass die vor­ge­leg­te Norm im Aus­gangs­ver­fah­ren ent­schei­dungs­er­heb­lich ist. Das gilt unab­hän­gig davon, ob § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II hier unmit­tel­bar anzu­wen­den ist oder mit­tel­bar Anwen­dung fin­det (vgl. § 6a Abs. 7, § 6c Abs. 1 Satz 6 SGB II). Ent­schei­dend ist viel­mehr, dass nicht plau­si­bel dar­ge­legt ist, ob die Klä­ge­rin tat­säch­lich unter die Norm fällt. Im Aus­gangs­fall kommt es nach § 6c Abs. 1 Satz 1 und Satz 6 SGB II unter ande­rem dar­auf an, ob die Klä­ge­rin "Auf­ga­ben der Bun­des­agen­tur [für Arbeit] als Trä­ger nach § 6 Absatz 1 Num­mer 1 [SGB II] in dem Gebiet des kom­mu­na­len Trä­gers wahr­ge­nom­men" hat. Das ist Vor­aus­set­zung der Anwend­bar­keit der Norm. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat nicht geklärt, ob § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II mit Blick auf den zwi­schen den Par­tei­en strei­ti­gen Umfang der von der Klä­ge­rin wahr­ge­nom­me­nen Tätig­keit im Bereich des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch Anwen­dung fin­det. Wenn es im Vor­la­ge­be­schluss dazu ohne wei­te­re Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Gehalt des § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II heißt, dass die Norm nach dem Wort­laut unab­hän­gig vom zeit­li­chen Umfang ein­schlä­gi­ger Tätig­kei­ten Anwen­dung fin­de, weil nur ver­langt sei, dass die Klä­ge­rin über­haupt sol­che Auf­ga­ben wahr­ge­nom­men habe, genügt das nicht, um die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Norm zu begrün­den. Die Annah­me, es kom­me für die Anwen­dung des § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II nicht auf den zeit­li­chen Umfang der kon­kret wahr­ge­nom­me­nen Tätig­keit an, wider­spricht offen­sicht­lich dem Wil­len des Gesetz­ge­bers und kann des­halb der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Beur­tei­lung der Erheb­lich­keit der Vor­la­ge­fra­ge in einem Ver­fah­ren nach Art. 100 Abs. 1 GG nicht zugrun­de gelegt wer­den. Das gesetz­ge­be­ri­sche Ziel der Über­lei­tung war es, durch ein­ge­ar­bei­te­tes Per­so­nal die Qua­li­tät der Auf­ga­ben­er­fül­lung zu sichern und nicht zu vie­le Per­so­nen mit nur gerin­ger ein­schlä­gi­ger Vor­er­fah­rung über­zu­lei­ten 11. Auch bei ande­ren Per­so­nal­über­lei­tun­gen im öffent­li­chen Dienst ori­en­tie­ren sich sowohl die Arbeits­ge­rich­te 12 als auch die Ver­wal­tungs­ge­rich­te 13 regel­mä­ßig am kon­kret-funk­tio­nel­len Amt. Inso­fern bedür­fen Per­so­nal­über­lei­tungs­be­stim­mun­gen jeden­falls der Aus­le­gung, auf wel­che Auf­ga­ben und auf wel­chen Auf­ga­ben­um­fang es ankommt. Das vor­le­gen­de Gericht hat nicht dar­ge­legt, war­um dies hier anders sein soll­te.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 21. März 2018 – 1 BvL 1/​14

  1. BGBl I S. 1112[][]
  2. BAG, Beschluss vom 26.09.2013 – 8 AZR 775/​12, A[]
  3. vgl. BAG, Urteil vom 16.04.2015 – 6 AZR 142/​14 42 f.; Urteil vom 17.03.2016 – 6 AZR 96/​15 13; zuvor etwa LAG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 08.10.2012 – 1 Sa 22/​12 40 ff.[]
  4. BVerfGE 141, 143, 160 Rn. 34[]
  5. vgl. BVerfGE 136, 127, 141 Rn. 43[]
  6. vgl. BVerfGE 143, 38, 51 Rn. 28; stRpr[]
  7. vgl. BVerfGE 105, 48, 56; 136, 127, 142 Rn. 44[]
  8. vgl. BVerfGE 80, 68, 71; 86, 71, 78[]
  9. vgl. BVerfGE 97, 49, 62; 105, 61, 67[]
  10. zum Fall der Voll­pri­va­ti­sie­rung BVerfGE 128, 157, 179 ff.[]
  11. vgl. Deut­scher Bun­des­tag, Aus­schuss für Arbeit und Sozia­les, Pro­to­koll 17/​20, 17. Wahl­pe­ri­ode, S. 255, 273; BT-Drs. 17/​10327, S. 3 f.[]
  12. vgl. LAG Sach­sen-Anhalt, Urteil vom 14.07.2004 – 5 Sa 64/​04 63 zu § 128 Abs. 4 BRRG[]
  13. vgl. OVG Sach­sen-Anhalt, Urtei­le vom 12.11.2013 – 1 L 9/​13 – und – 1 L 15/​13 55 und 56; s.a. BVerwG, Beschluss vom 26.02.2015 – 2 C 1/​14 23 zu § 6c Abs. 1 Satz 1 SGB II[]