Per­so­nal­über­lei­tung beim Kreis­kran­ken­haus – und die Fra­ge der sta­ti­schen oder dyna­mi­schen Gel­tung des TVöD/​VKA

Durch einen Per­so­nal­über­lei­tungs­ver­trag kann für einen Arbeit­ge­ber, der nicht an dem Ver­trag betei­ligt ist, eine dyna­mi­sche Anwend­bar­keit von Tarif­ver­trä­gen nicht ohne sei­ne Zustim­mung ver­ein­bart wer­den.

Per­so­nal­über­lei­tung beim Kreis­kran­ken­haus – und die Fra­ge der sta­ti­schen oder dyna­mi­schen Gel­tung des TVöD/​VKA

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts 1 han­del­te es sich in dem hier ent­schie­de­nen Fall bei dem Per­so­nal­über­lei­tungs­ver­trag ("PÜV 2002") nicht um einen zwi­schen einem Betriebs­ver­äu­ße­rer und ‑erwer­ber abge­schlos­se­nen, wirk­sa­men berech­ti­gen­den Ver­trag zuguns­ten Drit­ter 2, mit dem sich der Betriebs­er­wer­ber ua. ver­pflich­tet, die Tarif­wer­ke des öffent­li­chen Diens­tes auch im über­ge­gan­ge­nen Arbeits­ver­hält­nis dyna­misch – wei­ter – anzu­wen­den. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat schon ver­kannt, dass die Betriebs­er­wer­be­rin weder Par­tei des PÜV 2002 ist noch die Per­so­nal­ver­tre­tung des Kli­ni­kums Rade­beul eine Kom­pe­tenz zum Abschluss die­ses Per­so­nal­über­lei­tungs­ver­trags hat­te. Da die Betriebs­er­wer­be­rin aus dem PÜV 2002 nicht wirk­sam zur dyna­mi­schen Anwen­dung der Tarif­wer­ke des öffent­li­chen Diens­tes ver­pflich­tet wor­den ist, besteht auch kei­ne Anspruchs­grund­la­ge für die von der Arbeit­neh­me­rin begehr­ten Ent­gelt­dif­fe­ren­zen.

Das Säch­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt 1 hat zu Unrecht ange­nom­men, dass durch einen Per­so­nal­über­lei­tungs­ver­trag für einen Arbeit­ge­ber, der nicht an dem Ver­trag betei­ligt ist, eine dyna­mi­sche Anwend­bar­keit von Tarif­ver­trä­gen ohne sei­ne Zustim­mung ver­ein­bart wer­den kön­ne.

Eine dyna­mi­sche Anwend­bar­keit von Tarif­ver­trä­gen mit­tels Per­so­nal­über­lei­tungs­ver­ein­ba­rung kann für den Fall eines Betriebs­über­gangs nach § 613a Abs. 1 BGB nicht ohne die Betei­li­gung bzw. die Zustim­mung des neu­en Arbeit­ge­bers für die Zeit nach dem Betriebs­über­gang ver­ein­bart wer­den 3. Dies gilt schon des­halb, weil ins­be­son­de­re eine dyna­mi­sche Bezug­nah­me auf Ent­gelt­ta­rif­ver­trä­ge regel­mä­ßig eine fort­wäh­ren­de Belas­tung für den neu­en Arbeit­ge­ber mit sich bringt, da die nach­fol­gen­den Tarif­ver­trä­ge in aller Regel Ent­gelt­er­hö­hun­gen vor­se­hen 4. Auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt ist in sei­nem Beschluss vom 22.04.2009 5 von dem all­ge­mei­nen Grund­satz aus­ge­gan­gen, dass für nicht am Ver­trag betei­lig­te Drit­te ver­trag­lich kei­ne Las­ten begrün­det wer­den kön­nen. Ande­res wür­de sei­ne rechts­ge­schäft­li­che Wil­lens- und Hand­lungs­frei­heit in einer nicht zu recht­fer­ti­gen­den Wei­se beein­träch­ti­gen und stün­de in unüber­brück­ba­rem Gegen­satz zum Grund­satz der Pri­vat­au­to­no­mie und zur all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit 6. Dies war im Übri­gen in den im Beru­fungs­ur­teil zitier­ten Fäl­len bedeu­tungs­los, da in ihnen der jewei­li­ge Betriebs­er­wer­ber auch Par­tei des Per­so­nal­über­lei­tungs­ver­trags war 7.

Die Betriebs­er­wer­be­rin war nicht Par­tei des PÜV 2002.

Sie war unstrei­tig nicht unmit­tel­bar am Ver­trags­schluss betei­ligt. Sie ist im Ver­trag nicht aus­drück­lich als Par­tei genannt. Auch nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts wur­de der PÜV 2002 auf Vor­schlag des Gesamt­per­so­nal­rats des dama­li­gen Land­krei­ses M nur zwi­schen dem dama­li­gen Trä­ger des Kran­ken­hau­ses, dem Land­kreis M, der Gewerk­schaft ver.di und den Per­so­nal­rä­ten der Kreis­kran­ken­häu­ser M und R vor dem Über­gang der Arbeits­ver­hält­nis­se der ua. im Kreis­kran­ken­haus R betrof­fe­nen Beschäf­tig­ten auf die Betriebs­er­wer­be­rin geschlos­sen, wobei die Rege­lun­gen erst "nach Grün­dung" der Betriebs­er­wer­be­rin "mit Über­tra­gung der … Kran­ken­häu­ser in die Gesell­schaft" gel­ten soll­ten.

Da die Betriebs­er­wer­be­rin – anders als die Gewerk­schaft ver.di – weder im Ein­lei­tungs­satz noch in den Unter­schrifts­zei­len erwähnt wird, spricht fer­ner die Sys­te­ma­tik der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung dafür, dass die Betriebs­er­wer­be­rin nicht Par­tei des PÜV 2002 wer­den soll­te und gewor­den ist. Danach mögen zwar der Gesamt­per­so­nal­rat bzw. die Per­so­nal­rä­te der bei­den Kreis­kran­ken­häu­ser und der Land­kreis M Ver­trags­par­tei­en des PÜV 2002 gewor­den sein, die Betriebs­er­wer­be­rin ist es jeden­falls nicht. Ob dar­über hin­aus auch die Gewerk­schaft ver.di, die den PÜV 2002 unter­zeich­net hat, Par­tei des Ver­trags gewor­den ist und wel­che Aus­wir­kung deren Mit­un­ter­zeich­nung im Hin­blick auf das Gebot der Rechts­quel­len­klar­heit des PÜV 2002 zukommt 8, kann vor­lie­gend, da schon kein die Betriebs­er­wer­be­rin ver­pflich­ten­der Ver­trag zustan­de gekom­men ist, dahin­ge­stellt blei­ben.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat auch nicht fest­ge­stellt, dass der Land­kreis M erkenn­bar als Ver­tre­ter der Betriebs­er­wer­be­rin gehan­delt und die­se gemäß § 164 BGB wirk­sam zur dyna­mi­schen Anwen­dung der Tarif­wer­ke des öffent­li­chen Diens­tes ver­pflich­tet hat. Er hat den PÜV 2002 viel­mehr im eige­nen Namen abge­schlos­sen, wes­halb auch dahin­ste­hen kann, ob die Betriebs­er­wer­be­rin zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses über­haupt schon exis­tier­te.

Ein Han­deln zugleich im eige­nen und im frem­den Namen ist bei der Abga­be von Wil­lens­er­klä­run­gen zwar – unter Beach­tung der sich aus § 181 BGB erge­ben­den Ein­schrän­kun­gen 9 – grund­sätz­lich recht­lich mög­lich 10. Eine wirk­sa­me Ver­tre­tung setzt nach § 164 Abs. 1 BGB aber in jedem Fall vor­aus, dass der Ver­tre­ter – neben der Bevoll­mäch­ti­gung zur Abga­be der Wil­lens­er­klä­rung – erkenn­bar im Namen des Ver­tre­te­nen gehan­delt hat 11. Es macht nach § 164 Abs. 2 BGB kei­nen Unter­schied, ob die Erklä­rung aus­drück­lich im Namen des Ver­tre­te­nen erfolgt oder ob sich aus den Umstän­den ergibt, dass sie in des­sen Namen erfol­gen soll. Für wen der Ver­tre­ter han­delt, ist vom Emp­fän­ger­ho­ri­zont unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de aus­zu­le­gen 12.

Danach war eine wirk­sa­me Stell­ver­tre­tung der Betriebs­er­wer­be­rin im Streit­fall nicht gege­ben.

Eine Zurech­nung der vom Land­kreis M abge­ge­be­nen Wil­lens­er­klä­rung schei­tert schon an des­sen feh­len­der Ver­tre­tungs­macht. Aus dem vom Lan­des­ar­beits­ge­richt fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt erge­ben sich kei­ne Anhalts­punk­te für sei­ne rechts­ge­schäft­li­che oder gesetz­li­che Ver­tre­tungs­macht für die Betriebs­er­wer­be­rin zum Zeit­punkt des Abschlus­ses des PÜV 2002.

Zudem ist auf der Basis der vor­in­stanz­li­chen Fest­stel­lun­gen nicht erkenn­bar, dass der Land­kreis M für die – im Übri­gen noch in Grün­dung befind­li­che – Betriebs­er­wer­be­rin Erklä­run­gen in deren Namen abge­ge­ben hät­te bzw. hät­te abge­ben wol­len. Viel­mehr ergibt sich aus dem PÜV 2002, dass der Land­kreis kraft sei­nes mit­tel­ba­ren oder unmit­tel­ba­ren Ein­flus­ses ledig­lich auf die Betriebs­er­wer­be­rin ein­wir­ken und dafür Sor­ge tra­gen soll­te, dass die­se sich gemäß den Bestim­mun­gen des PÜV 2002 ver­hält und ins­be­son­de­re eine Mit­glied­schaft im Kom­mu­na­len Arbeit­ge­ber­ver­band anstrebt (§ 5 PÜV 2002).

Im Übri­gen wür­de, selbst wenn die Betriebs­er­wer­be­rin eine hun­dert­pro­zen­ti­ge Toch­ter­ge­sell­schaft des Land­krei­ses M wäre – was aber vom Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht fest­ge­stellt wur­de, noch nicht allein dar­aus fol­gen, dass die­ser für die Betriebs­er­wer­be­rin han­deln und für sie Ver­bind­lich­kei­ten begrün­den woll­te 13.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat wei­ter zu Unrecht ange­nom­men, der PÜV 2002 sei unter Betei­li­gung der Per­so­nal­rä­te der bei­den Kreis­kran­ken­häu­ser wirk­sam abge­schlos­sen wor­den. Nach den Rege­lun­gen des Sächs­Pers­VG fehl­te dem Per­so­nal­rat der Dienst­stel­le der Arbeit­neh­me­rin die Kom­pe­tenz, den PÜV 2002 wirk­sam – als eine Dienst­ver­ein­ba­rung oder eine ande­re ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung – mit dem Land­kreis M abzu­schlie­ßen.

Der frü­he­re Arbeit­ge­ber der Arbeit­neh­me­rin, der dama­li­ge Land­kreis M als Trä­ger des Kreis­kran­ken­hau­ses R, konn­te mit dem bei ihm gebil­de­ten Per­so­nal­rat die­ser Dienst­stel­le – wie im Übri­gen auch dem Per­so­nal­rat des Kreis­kran­ken­hau­ses M oder dem Gesamt­per­so­nal­rat – kei­ne Dienst­ver­ein­ba­rung "Per­so­nal­über­lei­tungs­ver­trag" schlie­ßen. Für den Abschluss sol­cher Dienst­ver­ein­ba­run­gen, ins­be­son­de­re wenn sie auch noch Bin­dun­gen für die Zeit nach dem Betriebs- bzw. Dienst­stel­len­über­gang ent­fal­ten sol­len, fehlt dem Per­so­nal­rat die erfor­der­li­che Rege­lungs­kom­pe­tenz 14. Nach § 84 Abs. 1 Satz 1 Sächs­Pers­VG sind Dienst­ver­ein­ba­run­gen nur zuläs­sig, soweit sie das Sächs­Pers­VG vor­sieht. Mit die­ser und ver­gleich­ba­ren Rege­lun­gen in ande­ren Per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­set­zen unter­schei­den sich Dienst­ver­ein­ba­run­gen wesent­lich von Betriebs­ver­ein­ba­run­gen, die ent­spre­chen­de Beschrän­kun­gen nicht ken­nen. Mit der Rege­lung des § 84 Abs. 1 Satz 1 Sächs­Pers­VG wird der Abschluss von Dienst­ver­ein­ba­run­gen durch den Bezug zu den ein­schlä­gi­gen Mit­be­stim­mungs­tat­be­stän­den, die den Abschluss von Dienst­ver­ein­ba­run­gen erlau­ben, aus­drück­lich begrenzt 15. Dienst­ver­ein­ba­run­gen, die im Gesetz nicht vor­ge­se­hen sind, sind rechts­un­wirk­sam 16. Im Sächs­Pers­VG sehen ledig­lich § 80 Abs. 2 und § 81 Abs. 2 in eini­gen bestimm­ten und abschlie­ßend genann­ten per­so­nel­len und sozia­len Ange­le­gen­hei­ten "gege­be­nen­falls" – soweit kei­ne gesetz­li­chen oder tarif­li­chen Rege­lun­gen bestehen – den Abschluss von Dienst­ver­ein­ba­run­gen vor.

Da weder die in § 80 Abs. 2 oder in § 81 Abs. 2 Sächs­Pers­VG genann­ten Mit­be­stim­mungs­tat­be­stän­de den Abschluss von Per­so­nal­über­lei­tungs­ver­trä­gen erwäh­nen noch sich ihnen sol­che Ver­ein­ba­run­gen zuord­nen las­sen, konn­te der Per­so­nal­rat des Kreis­kran­ken­hau­ses R bzw. die Per­so­nal­rä­te der bei­den Kli­ni­ken eine sol­che Dienst­ver­ein­ba­rung nicht wirk­sam abschlie­ßen. Ins­be­son­de­re ist die "Betriebs­nach­fol­ge" bzw. der "Über­gang der Arbeits­ver­hält­nis­se" kei­ne Ratio­na­li­sie­rungs­maß­nah­me iSd. § 81 Abs. 2 Nr. 9 Sächs­Pers­VG, bei der den Beschäf­tig­ten ein mit­tels eines Sozi­al­plans aus­zu­glei­chen­der wirt­schaft­li­cher Nach­teil ent­steht.

Da die Per­so­nal­rä­te bei ihren Akti­vi­tä­ten zur Ein­hal­tung der rechts­staat­li­chen Kom­pe­tenz­ord­nung ver­pflich­tet und an Gesetz und Recht gebun­den sind 17, ist es ihnen ver­wehrt, sich außer­halb der ihnen durch das jewei­li­ge Per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz ein­ge­räum­ten Kom­pe­ten­zen zu bewe­gen. Sie kön­nen des­halb erst recht kei­ne "ande­ren, sons­ti­gen Ver­ein­ba­run­gen", die kei­ne Dienst­ver­ein­ba­rung sind, wirk­sam abschlie­ßen 18, wenn noch nicht ein­mal der Abschluss einer Dienst­ver­ein­ba­rung nach dem ein­schlä­gi­gen Per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz mög­lich ist. Dem­entspre­chend fehlt ihnen auch zum Abschluss von sons­ti­gen – auch schuld­recht­li­chen – Ver­ein­ba­run­gen die Kom­pe­tenz. Sie kön­nen nur inso­weit rechts­wirk­sam han­deln, als ihnen das Sächs­Pers­VG aus­drück­li­che Hand­lungs­kom­pe­ten­zen ein­räumt, was vor­lie­gend für den Abschluss des PÜV 2002 gera­de nicht der Fall ist.

Die Ent­schei­dung stellt sich auch nicht iSd. § 561 ZPO aus ande­ren Grün­den als rich­tig dar, zumal sich die Arbeit­neh­me­rin auf frü­her wei­ter gehend gel­tend gemach­te Ansprü­che und Streit­ge­gen­stän­de in der Revi­si­ons­in­stanz nicht mehr beruft und die Zurück­wei­sung die­ser Ansprü­che durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht mit ihrer Revi­si­ons­er­wi­de­rung ange­grif­fen hat.

Soweit die Arbeit­neh­me­rin ihre Revi­si­ons­be­grün­dung auch dar­auf stützt, die Rege­lun­gen im PÜV 2002 sei­en "als Gesamt­zu­sa­ge auf­recht zu erhal­ten", fehlt es schon an schlüs­si­gem Vor­trag.

Eine Gesamt­zu­sa­ge ist die an alle Arbeit­neh­mer des Betriebs oder einen nach abs­trak­ten Merk­ma­len bestimm­ten Teil von ihnen in all­ge­mei­ner Form gerich­te­te aus­drück­li­che Wil­lens­er­klä­rung des Arbeit­ge­bers, bestimm­te Leis­tun­gen erbrin­gen zu wol­len 19.

Der blo­ße Vor­trag, die Betriebs­er­wer­be­rin habe zumin­dest für einen Über­gangs­zeit­raum "die Ent­gelt­ta­ri­fe des BAT‑O bzw. des TVöD vor­be­halts­los wei­ter­be­zahlt" ist nicht dazu geeig­net, eine Gesamt­zu­sa­ge zu begrün­den. Es fehlt bereits an einem Vor­trag zur Abga­be einer aus­drück­li­chen Wil­lens­er­klä­rung durch die Betriebs­er­wer­be­rin.

Eine dyna­mi­sche Anwen­dung der Tarif­wer­ke des TVöD/​VKA ist auch nicht auf­grund einer arbeits­ver­trag­li­chen Bezug­nah­me gege­ben.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat ohne Rechts­feh­ler ange­nom­men, es kön­ne offen­blei­ben, ob der Arbeits­ver­trag der Arbeit­neh­me­rin eine dyna­mi­sche Bezug­nah­me zumin­dest auf die Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen des TVöD/​VKA ent­hal­ten habe, da die im Jah­re 1995 ver­ein­bar­te dyna­mi­sche Bezug­nah­me­klau­sel nach der frü­he­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts jeden­falls als Gleich­stel­lungs­ab­re­de aus­zu­le­gen gewe­sen wäre. Für sol­che Bezug­nah­me­klau­seln gel­te die – wider­leg­ba­re – Ver­mu­tung, es gehe einem an arbeits­ver­trag­lich in Bezug genom­me­ne Tarif­ver­trä­ge gebun­de­nen Arbeit­ge­ber nur dar­um, durch die Bezug­nah­me die nicht orga­ni­sier­ten Arbeit­neh­mer mit den orga­ni­sier­ten Beschäf­tig­ten hin­sicht­lich der Gel­tung des in Bezug genom­me­nen Tarif­werks gleich­zu­stel­len 20.

Da die Betriebs­er­wer­be­rin im Hin­blick auf die­se vor dem 1.01.2002 ver­ein­bar­te Klau­sel inso­fern Ver­trau­ens­schutz genießt (sog. Alt­ver­trag) 21, hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt ohne revi­si­blen Rechts­feh­ler die Über­lei­tungs­mit­tei­lung der Betriebs­er­wer­be­rin im Jah­re 2005 dahin aus­ge­legt, durch sie sei die Bezug­nah­me­klau­sel nicht erneut zum Gegen­stand der rechts­ge­schäft­li­chen Wil­lens­bil­dung der Par­tei­en gemacht wor­den. Des­halb war sie nach ihrem Aus­tritt aus dem Arbeit­ge­ber­ver­band mit Wir­kung zum 31.12 2007 nach dem Arbeits­ver­trag nicht mehr ver­pflich­tet, neu abge­schlos­se­ne Ent­gelt­ta­rif­ver­trä­ge zur Anwen­dung zu brin­gen.

Im Ergeb­nis zutref­fend hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt wei­ter eine Pflicht der Betriebs­er­wer­be­rin zur Anwen­dung der tarif­li­chen Ent­geltre­ge­lun­gen in ihrer jewei­li­gen Fas­sung auf­grund des Ergän­zungs-TV abge­lehnt. Unab­hän­gig davon, dass das Beru­fungs­ge­richt § 7 Satz 3 Ergän­zungs-TV zutref­fend nur eine dekla­ra­to­ri­sche Wir­kung bei­gemes­sen hat, ist bereits nicht ersicht­lich, aus wel­chem Rechts­grund der Ergän­zungs-TV für das Arbeits­ver­hält­nis der Arbeit­neh­me­rin zur Anwen­dung gekom­men sein soll. Die Arbeit­neh­me­rin ist nicht tarif­ge­bun­den. Sie hat im Übri­gen auch nur eine ver­trag­li­che Bezug­nah­me auf den BAT‑O bzw. den TVöD/​VKA gel­tend gemacht. Damit sind aber regel­mä­ßig nur die von den Tarif­ver­trags­par­tei­en des TVöD/​VKA abge­schlos­se­nen (Verbands-)Tarifverträge in Bezug genom­men wor­den. Dies kön­nen zwar auch fir­men­be­zo­ge­ne Sanie­rungs­ta­rif­ver­trä­ge sein. Sie hät­ten dann aber unter Betei­li­gung des Kom­mu­na­len Arbeit­ge­ber­ver­bands geschlos­sen wor­den sein müs­sen. Nicht von der Bezug­nah­me­klau­sel erfasst sind hin­ge­gen Haus­ta­rif­ver­trä­ge pri­va­ter Arbeit­ge­ber 22. Der Not­la­gen-TV ist auf Arbeit­ge­ber­sei­te nur von der Betriebs­er­wer­be­rin unter­zeich­net wor­den. Der hier­zu geschlos­se­ne Ergän­zungs-TV ist zwar arbeit­ge­ber­sei­tig neben der Betriebs­er­wer­be­rin auch vom Kom­mu­na­len Arbeit­ge­ber­ver­band unter­schrie­ben, aus­weis­lich sei­ner Ein­lei­tung ist er aber nur ver­ein­bart zwi­schen der Betriebs­er­wer­be­rin und der Gewerk­schaft ver.di. Danach ist der Kom­mu­na­le Arbeit­ge­ber­ver­band nicht Par­tei des Tarif­ver­trags iSd. § 2 TVG, was wie­der­um Vor­aus­set­zung für die Annah­me eines fir­men- bzw. unter­neh­mens­be­zo­ge­nen Ver­bands­ta­rif­ver­trags ist 23.

Schließ­lich ergibt sich auch kein ande­res Ergeb­nis aus der Annah­me, die Betriebs­er­wer­be­rin sei mit dem Betriebs­über­gang nach § 613a Abs. 1 BGB in eine noch vom Land­kreis M als frü­he­rem Inha­ber der Dienst­stel­le begrün­de­te Pflicht aus dem PÜV 2002 ein­ge­tre­ten.

Bei dem Per­so­nal­über­lei­tungs­ver­trag han­delt es sich um einen soge­nann­ten typi­schen Ver­trag, da er ua. die Rechts­ver­hält­nis­se der von dem Betriebs­über­gang betrof­fe­nen Beschäf­tig­ten und damit eine Viel­zahl von Fäl­len regelt. Sei­ne Aus­le­gung ist durch das Revi­si­ons­ge­richt unbe­schränkt über­prüf­bar. Der Inhalt der Rege­lun­gen eines PÜV ist nach §§ 133, 157 BGB durch Aus­le­gung zu ermit­teln. Aus­ge­hend vom Wort­laut der Klau­seln ist deren objek­ti­ver Bedeu­tungs­ge­halt zu erfor­schen 24.

Aus der For­mu­lie­rung "die Arbeits­ver­hält­nis­se der Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer, die die Ekli­ni­ken M‑R GmbH & Co KG vom Land­kreis M über­nom­men hat" folgt, dass die Rege­lung ent­ge­gen der von der Arbeit­neh­me­rin in der Revi­si­on ver­tre­te­nen Ansicht nicht eine Pflicht des Land­krei­ses zur dyna­mi­schen Anwen­dung begrün­den soll­te, die sodann mit dem Betriebs­über­gang gemäß § 613a Abs. 1 Satz 2 BGB auf die Betriebs­er­wer­be­rin hät­te über­ge­hen kön­nen. Viel­mehr bezieht sich die Rege­lung aus­schließ­lich auf den Zeit­raum nach dem Betriebs­über­gang. Im Ein­klang hier­mit ist unter "§ 1 Stich­tag" gere­gelt, dass die nach­fol­gen­den Rege­lun­gen des PÜV 2002 "nach Grün­dung der Ekli­ni­ken M‑R GmbH & Co KG mit Über­tra­gung der in der Prä­am­bel auf­ge­führ­ten Kran­ken­häu­ser in die Gesell­schaft" gel­ten.

Wei­ter gehen­de Tat­sa­chen für die Fest­stel­lung der Vor­aus­set­zun­gen für ein Ein­rü­cken der Betriebs­er­wer­be­rin in die Rechts­stel­lung des Land­krei­ses M aus einem ande­rem Rechts­grund – etwa auf­grund einer (par­ti­el­len) Gesamt­rechts­nach­fol­ge – hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Auch die Arbeit­neh­me­rin hat ihre Argu­men­ta­ti­on in der Revi­si­ons­in­stanz allein auf einen Betriebs­über­gang nach § 613a Abs. 1 BGB gestützt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 13. Dezem­ber 2017 – 4 AZR 202/​15

  1. Sächs. LAG, Urteil vom 24.03.2015 – 1 Sa 541/​14[][]
  2. zu Per­so­nal­über­lei­tungs­ver­ein­ba­run­gen als mög­li­che Ver­trä­ge zuguns­ten Drit­ter all­ge­mein: Schaub ArbR-HdB/Ah­rendt 17. Aufl. § 116 Rn. 52[]
  3. LAG Mün­chen 26.06.2008 – 4 Sa 3/​08 – unter Bezug­nah­me auf BAG 11.12 2007 – 1 AZR 824/​06, Rn. 15; C. Mey­er DB 2009, 1350, 1352[]
  4. vgl. BAG 9.11.2005 – 5 AZR 128/​05, Rn. 22, BAGE 116, 185[]
  5. 4 ABR 14/​08, Rn. 34, BAGE 130, 286 unter Hin­weis auf BAG 20.04.2005 – 4 AZR 292/​04, Rn. 26 und 16.02.2000 – 4 AZR 14/​99, zu II 3 b dd der Grün­de, BAGE 93, 328[]
  6. BAG 30.10.2003 – 8 AZR 491/​02, zu II 2 b bb (1) der Grün­de mwN, BAGE 108, 199; sh. auch Staudinger/​Klumpp (2015) Vor­bem zu §§ 328 ff. Rn. 53 mwN; Münch­Komm-BGB/Gott­wald 7. Aufl. Bd. 2 § 328 Rn. 188[]
  7. vgl. BAG 23.02.2011 – 4 AZR 536/​09, Rn. 4; 22.04.2009 – 4 ABR 14/​08, Rn. 2, BAGE 130, 286; 20.04.2005 – 4 AZR 292/​04, Rn. 5; sh. auch 23.02.2011 – 4 AZR 439/​09[]
  8. vgl. dazu BAG 26.09.2017 – 1 AZR 717/​15, Rn. 40; 15.04.2008 – 1 AZR 86/​07, Rn. 17 ff., BAGE 126, 251[]
  9. vgl. Münch­Komm-BGB/­Schu­bert 7. Aufl. Bd. 1 § 164 Rn. 115[]
  10. BGH 1.03.2013 – V ZR 279/​11, Rn. 11 mwN[]
  11. BAG 19.11.2014 – 4 AZR 761/​12, Rn. 31, BAGE 150, 97; 22.02.2012 – 4 AZR 24/​10, Rn. 27 mwN[]
  12. vgl. BAG 19.04.2007 – 2 AZR 180/​06, Rn. 22 mwN; ErfK/­Mül­ler-Glö­ge 18. Aufl. § 620 BGB Rn. 23[]
  13. so auch für eine ver­gleich­ba­re Kon­stel­la­ti­on BAG 11.01.2011 – 1 AZR 375/​09, Rn. 16[]
  14. vgl. BAG 11.01.2011 – 1 AZR 375/​09, Rn. 14; 25.04.2017 – 1 AZR 714/​15, Rn. 22; Mül­ler-Bon­an­ni/­Meh­rens NZA 2012, 195; sh. auch Pawlak/​Leydecker ZTR 2008, 74[]
  15. Schnei­der in Vogelgesang/​Bieler/​Kleffner/​Rehak LPVG Sach­sen Stand Okto­ber 2017 G § 84 Rn. 16; Beh­rens-Kubitza/Dar­ré/­Wag­ner Sächs­Pers­VG 3. Aufl. § 84 Erl. 2; für ver­gleich­ba­re ande­re Per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­set­ze: BVerwG 12.07.1984 – 6 P 14.83, Rn. 17; 30.03.2009 – 6 PB 29.08, Rn. 14; BAG 10.10.2006 – 1 AZR 811/​05, Rn. 30 ff., BAGE 119, 366[]
  16. BVerwG 30.03.2009 – 6 PB 29.08, Rn. 15, aaO; Fischer/​Goeres/​Gronimus in Fürst GKÖD V Stand Dezem­ber 2017 K § 73 Rn. 3, § 97 Rn. 6 "nich­tig"; Baden in Altvater/​Baden/​Berg/​Kröll/​Noll/​Seulen BPers­VG 9. Aufl. § 75 Rn. 5; Richar­di in Richardi/​Dörner/​Weber Per­so­nal­ver­tre­tungs­recht 4. Aufl. § 3 Rn. 5; Schnei­der in Vogelgesang/​Bieler/​Kleffner/​Rehak aaO § 84 Rn. 16, 87[]
  17. sh. hier­zu zuletzt BVerwG 26.09.2017 – 5 P 1.16, Rn. 12[]
  18. Lorenzen/​Faber BPers­VG Stand Okto­ber 2017 § 3 Rn. 10[]
  19. BAG 24.10.2017 – 1 AZR 846/​15, Rn. 13 mwN[]
  20. vgl. zuletzt BAG 7.12 2016 – 4 AZR 414/​14, Rn. 30 mwN[]
  21. vgl. BAG 7.12 2016 – 4 AZR 414/​14, Rn. 31 mwN[]
  22. vgl. BAG 15.06.2016 – 4 AZR 485/​14, Rn. 18 mwN[]
  23. vgl. Däub­ler TVG/​Peter 4. Aufl. § 2 Rn. 171; Löwisch/​Rieble TVG 4. Aufl. Grundl Rn. 22[]
  24. vgl. BAG 22.04.2009 – 4 ABR 14/​08, Rn. 32, BAGE 130, 286[]