Psych­ia­trie­zu­la­ge

Einer Kran­ken­schwes­ter steht die Psych­ia­trie­zu­la­ge nach den „Richt­li­ni­en für Arbeits­ver­trä­ge in den Ein­rich­tun­gen des Deut­schen Cari­tas­ver­ban­des” (AVR) auch für eine Tätig­keit auf einer halb­ge­schlos­se­nen Sta­ti­on zu.

Psych­ia­trie­zu­la­ge

Die auf einer halb­of­fe­nen Sta­ti­on täti­ge Kran­ken­schwes­ter hat einen Anspruch auf Zah­lung der Zula­ge gemäß Anmer­kung VI Nr. 1 (1) Buchst. b der Anla­ge 2a zu den AVR. Sie ist Pfle­ge­per­son der Ver­gü­tungs­grup­pen Kr 1 bis Kr 7 und übt zeit­lich über­wie­gend Grund- und Behand­lungs­pfle­ge an Kran­ken in einer halb­ge­schlos­se­nen (Open­door­sys­tem) psych­ia­tri­schen Abtei­lung aus.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat zur wort­glei­chen Tarif­norm der Pro­to­koll­erklä­rung Nr. 1 (1) Buchst. b der Anla­ge 1b zum BAT die Auf­fas­sung ver­tre­ten, es sei im Hin­blick auf die in der Sta­ti­on betreu­ten Pati­en­ten zu beur­tei­len, ob eine Sta­ti­on geschlos­sen oder halb­ge­schlos­sen sei. In bei­den Fäl­len ste­he die Schlüs­sel­ge­walt aus­schließ­lich dem Pfle­ge­per­so­nal zu. Auf einer geschlos­se­nen Sta­ti­on dürf­ten die Pati­en­ten die Sta­ti­on grund­sätz­lich nicht ver­las­sen, wäh­rend auf einer halb­ge­schlos­se­nen Sta­ti­on der ein­zel­ne Pati­ent mit Zustim­mung einer ver­ant­wort­li­chen Per­son die Sta­ti­on ver­las­sen dürfe.Die von psy­chisch kran­ken Men­schen aus­ge­hen­de Gefahr für sie selbst, für ande­re Pati­en­ten und für das Pfle­ge­per­so­nal müs­se es erfor­der­lich machen, die Sta­ti­on in gewis­sem Umfan­ge geschlos­sen zu hal­ten, um so eine stän­di­ge Über­sicht über den Auf­ent­halt der Pati­en­ten und die Anwe­sen­heit von Per­so­nen zu haben, die durch die Pati­en­ten gefähr­det wer­den kön­nen. Aus­rei­chend sei, dass die Sta­ti­on sich nur für einen Teil der Pati­en­ten als geschlos­se­ne Sta­ti­on dar­stel­le. Die Pfle­ge­zu­la­ge die­ne der Abgel­tung der durch die­se beson­de­ren Gege­ben­hei­ten beding­ten Erschwer­nis­se der Arbeit 1.

Dar­an hält das Bun­des­ar­beits­ge­richt fest. Davon aus­ge­hend liegt eine halb­ge­schlos­se­ne Sta­ti­on (Open­door­sys­tem) im Sin­ne der Vor­schrift auch dann vor, wenn die Sta­ti­on nach Kon­zep­ti­on und Pra­xis nicht stän­dig, son­dern (auf­grund rich­ter­li­cher oder ärzt­li­cher Anord­nung) nur zeit­wei­se geschlos­sen ist.

Bereits der Wort­laut der Rege­lung, von dem bei der Aus­le­gung von AVR wie bei der Tarif­aus­le­gung zunächst aus­zu­ge­hen ist 2, legt nahe, dass eine zeit­wei­se auf­grund rich­ter­li­cher (oder ärzt­li­cher) Anord­nung geschlos­se­ne Sta­ti­on „halb­ge­schlos­sen” im Sin­ne der Vor­schrift ist. Der erläu­tern­de Klam­mer­zu­satz („Open­door­sys­tem”), der für eine offe­ne sta­tio­nä­re Psych­ia­trie­be­hand­lung steht 3, schließt eine Sta­ti­on, die grund­sätz­lich offen geführt, aber im Bedarfs­fall jeder­zeit geschlos­sen wer­den kann, als tei­lof­fe­ne Sta­ti­on mit ein 4. Dem Adverb „halb” kommt nach gän­gi­gem Sprach­ge­brauch auch die Bedeu­tung „teil­wei­se” zu 5.

Nach der Rege­lungs­sys­te­ma­tik der Vor­schrift wird der Anspruch sowohl in einer geschlos­se­nen wie in einer halb­ge­schlos­se­nen Sta­ti­on in glei­cher Höhe aus­ge­löst. Die Sys­te­ma­tik der Vor­schrift erfor­dert die Abgren­zung gegen­über einer offe­nen Sta­ti­on, in der ein Anspruch auf die Zula­ge nicht ent­ste­hen kann. Eine offe­ne Sta­ti­on (Tages­kli­nik, psych­ia­tri­sche Wohn­grup­pen etc.) wird nach medi­zi­ni­scher Kon­zep­ti­on und prak­ti­scher Umset­zung nicht oder nur in Not­fäl­len geschlos­sen (zB weil eine ange­ord­ne­te Unter­brin­gung in einer dafür vor­ge­se­he­nen geschlos­se­nen oder halb­ge­schlos­se­nen Sta­ti­on nicht rea­li­siert wer­den kann), sie ist aber nicht für die Behand­lung von Pati­en­ten mit rich­ter­li­chem oder ärzt­li­chem Sta­ti­ons­ge­bot aus­ge­legt. In einer offe­nen Sta­ti­on kann ein Anspruch auf die Zula­ge auch für gele­gent­li­che Zei­ten einer Schlie­ßung nicht ent­ste­hen, weil die Unter­brin­gung von Pati­en­ten mit Sta­ti­ons­ge­bot nach der Kon­zep­ti­on einer offe­nen Sta­ti­on nicht vor­ge­se­hen ist und tat­säch­lich auch nicht in nen­nens­wer­tem Umfang vor­kommt. Gibt dage­gen die Behand­lung von Pati­en­ten mit rich­ter­li­chem oder ärzt­li­chem Sta­ti­ons­ge­bot einer Sta­ti­on nach Kon­zep­ti­on und prak­ti­scher Umset­zung das Geprä­ge, so ist sie „halb­ge­schlos­sen” im Sin­ne der Vor­schrift. Es ist nicht erfor­der­lich, dass Schließ­zei­ten zeit­lich über­wie­gen, sie müs­sen aber die Arbeit auf der Sta­ti­on mit prä­gen. Eine rein rech­ne­ri­sche Betrach­tung greift dabei zu kurz; es unter­liegt tatrich­ter­li­cher Wür­di­gung, ob nach Kon­zep­ti­on und prak­ti­scher Umset­zung im Ein­zel­fall eine halb­ge­schlos­se­ne Abtei­lung oder Sta­ti­on vor­liegt. Aus der gebo­te­nen Abgren­zung zu einer offe­nen Sta­ti­on ergibt sich, dass gering­fü­gi­ge Schließ­zei­ten den Anspruch auf die Zula­ge nicht begrün­den kön­nen 6.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on ist nicht erheb­lich, ob eine bestimm­te Anzahl von Pati­en­ten oder nur ein Pati­ent dem Sta­ti­ons­ge­bot unter­liegt. Auch ein ein­zel­ner Pati­ent kann ein erheb­li­ches Gefah­ren­po­ten­zi­al für sich, ande­re Pati­en­ten oder das Pfle­ge­per­so­nal dar­stel­len. Das Pfle­ge­per­so­nal muss auch bei nur einem unter­ge­brach­ten Pati­en­ten erhöh­te Acht­sam­keit wal­ten las­sen, um die stän­di­ge Über­sicht über des­sen Auf­ent­halt sowie den mög­li­cher­wei­se gefähr­de­ter wei­te­rer Per­so­nen zu behal­ten und in Kon­flikt­fäl­len ein­grei­fen zu kön­nen. Da mit der Zula­ge Erschwer­nis­se aus­ge­gli­chen wer­den sol­len, die mit typi­scher­wei­se not­wen­di­gen Zwangs­maß­nah­men zusam­men­hän­gen 7, ist vor­ste­hen­des Ver­ständ­nis der Vor­schrift auch nach Sinn und Zweck der Rege­lung gebo­ten.

Die­se Aus­le­gung führt zu ver­nünf­ti­gen, sach­ge­rech­ten und prak­tisch brauch­ba­ren Lösun­gen. Die Anzahl der Pati­en­ten, die auf­grund rich­ter­li­cher Anord­nung unter­ge­bracht wer­den müs­sen, ist nicht vor­her­seh­bar, ein sol­cher Fall kann aber nach der medi­zi­ni­schen Kon­zep­ti­on in einer halb­ge­schlos­se­nen Sta­ti­on jeder­zeit ein­tre­ten. Das Pfle­ge­per­so­nal muss immer mit einer Unter­brin­gung rech­nen und hat dar­auf kei­nen Ein­fluss. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on ver­liert eine halb­ge­schlos­se­ne Sta­ti­on des­halb bei zwi­schen­zeit­li­cher Öff­nung ihren Cha­rak­ter nicht, wenn auf Dau­er erheb­li­che Schließ­zei­ten vor­lie­gen bzw. zu erwar­ten sind; eine nach Mona­ten mit und ohne Schließ­zei­ten dif­fe­ren­zie­ren­de Betrach­tung greift zu kurz.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 11. Juli 2012 – 10 AZR 287/​11

  1. BAG 14.01.2004 – 10 AZR 17/​03 – zu II 2 a der Grün­de, AP BAT §§ 22, 23 Zula­gen Nr. 39; 12.11.1997 – 10 AZR 772/​96 – zu II 2 der Grün­de, AP BAT § 33 Nr. 15; 6.11.1996 – 10 AZR 214/​96 – zu II 2 der Grün­de, ZTR 1997, 129; 6.12.1995 – 10 AZR 3/​95 – zu II 2 a der Grün­de, ZTR 1996, 219
  2. zu den Grund­sät­zen der Aus­le­gung von AVR: BAG 21.10.2009 – 10 AZR 786/​08, Rn. 28, AP AVR Cari­tas­ver­band Anla­ge 1 Nr. 5; 17.07.2008 – 6 AZR 635/​07, Rn. 9, AP AVR Cari­tas­ver­band Anla­ge 1 Nr. 4
  3. Neuenschwander/​Meyer/​Hell Schwei­zer Archiv für Neu­ro­lo­gie und Psych­ia­trie 2003, 20, 21
  4. Neuenschwander/​Meyer/​Hell aaO
  5. Duden Das gro­ße Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che 3. Aufl. Stich­wort „halb”
  6. vgl. BAG 06.11.1996 – 10 AZR 214/​96 – zu II 2 der Grün­de, ZTR 1997, 129
  7. BAG 14.01.2004 – 10 AZR 17/​03 – zu II 4 der Grün­de, AP BAT §§ 22, 23 Zula­gen Nr. 39