Rechts­be­schwer­de – und das in der Vor­in­stanz feh­ler­be­han­del­te Ableh­nungs­ge­such

Der ver­fah­rens­be­en­den­den (instanz­be­en­den­den) Ent­schei­dung vor­aus­ge­gan­ge­ne unan­fecht­ba­re Ent­schei­dun­gen unter­lie­gen gemäß §§ 92a, 72 Abs. 5 ArbGG iVm. § 557 Abs. 2 ZPO nicht der Beur­tei­lung des Rechts­be­schwer­de­ge­richts. Des­halb ist eine inzi­den­te Über­prü­fung der Ent­schei­dung des Beschwer­de­ge­richts über ein Ableh­nungs­ge­such im Rah­men eines Rechts­mit­tels gegen die unter Mit­wir­kung des erfolg­los abge­lehn­ten Rich­ters getrof­fe­ne Sach­ent­schei­dung grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen. Der Betei­lig­te, des­sen Befan­gen­heits­an­trag abge­lehnt wor­den ist, ist viel­mehr auf die beim Aus­gangs­ge­richt zu erhe­ben­de Anhö­rungs­rü­ge gemäß § 78a ArbGG zu ver­wei­sen [1].

Rechts­be­schwer­de – und das in der Vor­in­stanz feh­ler­be­han­del­te Ableh­nungs­ge­such

Aller­dings kann der abso­lu­te Revi­si­ons­grund der feh­ler­haf­ten Beset­zung des Gerichts aus­nahms­wei­se mit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gel­tend gemacht wer­den, wenn das Ableh­nungs­ge­such nicht nur feh­ler­haft behan­delt wor­den ist, son­dern das Gericht zwei­ter Instanz bei der Beschei­dung des Ableh­nungs­ge­suchs Bedeu­tung und Trag­wei­te der Ver­fas­sungs­ga­ran­tie des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG grund­le­gend ver­kannt hat. Dann stellt die in feh­ler­haf­ter Beset­zung ergan­ge­ne, die Instanz abschlie­ßen­de Ent­schei­dung einen eigen­stän­di­gen Ver­stoß gegen den Grund­satz des gesetz­li­chen Rich­ters dar.

In einem sol­chen Fall ist auch die dem Ableh­nungs­ge­such fol­gen­de Sach­ent­schei­dung mit dem „Makel des Ver­sto­ßes gegen den gesetz­li­chen Rich­ter behaf­tet“ [2]. Der Ver­stoß gegen das Gebot des gesetz­li­chen Rich­ters wirkt inso­weit fort.

Auf­grund der Aus­strah­lungs­wir­kung der Ver­fas­sungs­ga­ran­tie des gesetz­li­chen Rich­ters muss das Revi­si­ons- bzw. Rechts­be­schwer­de­ge­richt in die­ser Kon­stel­la­ti­on die im Ableh­nungs­ver­fah­ren vor dem Gericht zwei­ter Instanz erfolg­ten Ver­fas­sungs­ver­stö­ße im Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren behe­ben und die in feh­ler­haf­ter Beset­zung ergan­ge­ne Ent­schei­dung auf­he­ben [3].

Die­se Grund­sät­ze gel­ten nicht nur für das Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren im Urteils­ver­fah­ren [4], son­dern nach § 92a ArbGG ent­spre­chend auch im Beschluss­ver­fah­ren [5].

Die dienst­li­che Äuße­run­gen des4 abge­lehn­ten Rich­ters – und die Mög­lich­keit der Stel­lung­nah­me

Die Ent­schei­dung über die Frist­set­zung zur Stel­lung­nah­me auf die dienst­li­che Äuße­rung des abge­lehn­ten Vor­sit­zen­den ist eine pro­zess­lei­ten­de rich­ter­li­che Ermes­sens­ent­schei­dung. Die Dau­er der Frist zur Stel­lung­nah­me ist weder durch die Zivil­pro­zess­ord­nung noch durch das Arbeits­ge­richts­ge­setz vor­ge­schrie­ben [6]. Die­se Ent­schei­dung kann aus Grün­den der Ver­ken­nung des Grund­rechts auf recht­li­ches Gehör nach Art. 103 Abs. 1 GG allen­falls dann bean­stan­det wer­den, wenn sie eine Stel­lung­nah­me fak­tisch aus­schließt bzw. unzu­mut­bar macht oder die Frist in will­kür­li­cher Wei­se gesetzt wur­de. Allen­falls unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen kann die Annah­me begrün­det sein, das Gericht habe bei der Beschei­dung des Ableh­nungs­ge­suchs Bedeu­tung und Trag­wei­te der Ver­fas­sungs­ga­ran­tie des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG grund­le­gend ver­kannt. 

Die­se Vor­aus­set­zung war in dem hier ent­schie­de­nen Fall jedoch nicht erfüllt. Trotz der ver­hält­nis­mä­ßig kur­zen und über das Wochen­en­de ver­lau­fen­den Frist bestand für die Betei­lig­ten aus­rei­chend Gele­gen­heit, zur dienst­li­chen Äuße­rung des Vor­sit­zen­den Stel­lung zu neh­men. Das zeigt sich bereits dar­an, dass die­se inner­halb der Frist in der Lage waren, schrift­sätz­lich eine aus­führ­li­che Stel­lung­nah­me zur dienst­li­chen Äuße­rung des Vor­sit­zen­den abzu­ge­ben. 

Soweit die Rechts­be­schwer­de­füh­rer gel­tend machen, das Lan­des­ar­beits­ge­richt habe den wei­te­ren Betei­lig­ten kei­ne Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zu der von ihnen wäh­rend des Anhö­rungs­ter­mins erho­be­nen Anhö­rungs­rü­ge ein­ge­räumt, machen sie ledig­lich die Ver­let­zung der ein­fach­ge­setz­li­chen Ver­fah­rens­vor­schrift des § 78a Abs. 3 ArbGG gel­tend und kei­ne Ver­let­zung des eige­nen Grund­rechts auf recht­li­ches Gehör.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 21. April 2020 – 7 ABN 79/​19

  1. BAG 20.04.2016 – 7 ABN 55/​15, Rn. 10; 17.03.2016 – 6 AZN 1087/​15, Rn. 6; 23.09.2008 – 6 AZN 84/​08, Rn. 5, BAGE 128, 13[]
  2. BVerfG 11.03.2013 – 1 BvR 2853/​11, Rn. 40[]
  3. vgl. BVerfG 18.12.2007 – 1 BvR 1273/​07, Rn. 11; 24.02.2006 – 2 BvR 836/​04, Rn. 60 ff.[]
  4. vgl. hier­zu BAG 17.03.2016 – 6 AZN 1087/​15, Rn. 7[]
  5. BAG 20.04.2016 – 7 ABN 55/​15, Rn. 11[]
  6. BAG 20.04.2016 – 7 ABN 55/​15, Rn. 18[]