Rück­wir­ken­de All­ge­mein­ver­bind­lich­keit des Sozi­al­kas­sen­ver­fah­rens im Abbruch­ge­wer­be

Der Tarif­ver­trag über das Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren im Bau­ge­wer­be vom 20. Dezem­ber 1999 idF des Ände­rungs­ta­rif­ver­trags vom 15. Dezem­ber 2005 (VTV) ist wirk­sam rück­wir­kend zum 1. Janu­ar 2006 für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt wor­den.

Rück­wir­ken­de All­ge­mein­ver­bind­lich­keit des Sozi­al­kas­sen­ver­fah­rens im Abbruch­ge­wer­be

Bei der Rück­wir­kung von All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen sind die Grund­sät­ze über die Rück­wir­kung von Geset­zen, wie sie in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ent­wi­ckelt wor­den sind, ent­spre­chend anzu­wen­den [1]. Die Rück­wir­kung einer All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung ver­letzt danach nicht die vom Rechts­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 3 GG) umfass­ten Grund­sät­ze der Rechts­si­cher­heit und des Ver­trau­ens­schut­zes, soweit die Betrof­fe­nen mit ihr rech­nen muss­ten [2].

Ein sol­cher Fall liegt vor, wenn ein Tarif­ver­trag rück­wir­kend für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt wird, durch den ein frü­he­rer all­ge­mein­ver­bind­li­cher Tarif­ver­trag erneu­ert oder geän­dert wird. Bei die­ser Sach­la­ge müs­sen die Tarif­ge­bun­de­nen nicht nur mit einer All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des Nach­fol­ge­ta­rif­ver­trags, son­dern auch mit der Rück­be­zie­hung der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung auf den Zeit­punkt sei­nes Inkraft­tre­tens rech­nen [3].

Bei der erst­ma­li­gen All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung eines Tarif­ver­trags in einer Berufs­spar­te kommt eine Rück­wir­kung hin­ge­gen nur in Betracht, wenn auf die­se Mög­lich­keit bereits bei der Ver­öf­fent­li­chung des Antrags der Tarif­ver­trags­par­tei­en hin­ge­wie­sen wor­den ist. Eine Rück­wir­kung ist in die­sen Fäl­len nur bis zum Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung des Antrags im Bun­des­an­zei­ger mög­lich [4]. Dem trägt auch § 7 Satz 3 DVO TVG [5]Rech­nung. Danach liegt der Beginn der All­ge­mein­ver­bind­lich­keit, „sofern es sich nicht um die Erneue­rung oder die Ände­rung eines bereits für all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ten Tarif­ver­trags han­delt, in aller Regel nicht vor dem Tag der Bekannt­ma­chung des Antrags“.

Nach die­sen Grund­sät­zen bestehen kei­ne Beden­ken gegen die rück­wir­ken­de All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV zum 1.01.2006.

Der VTV war bereits vor dem 1.01.2006 all­ge­mein­ver­bind­lich. Die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung betraf damit die Ände­rung eines bereits für all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ten Tarif­ver­trags. Aller­dings war der Beklag­te an den Vor­gän­ger­ta­rif­ver­trag nicht gemäß § 5 Abs. 4 TVG gebun­den, weil nach den bis zum 31.12.2005 maß­geb­li­chen All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen Abbruch­be­trie­be, deren Arbeit nicht im Zusam­men­hang mit bau­li­chen Leis­tun­gen stand, ins­ge­samt von der All­ge­mein­ver­bind­lich­keit aus­ge­nom­men waren. Auf die unmit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Mit­glied­schaft im Deut­schen Abbruch­ver­band e. V. kam es damals nicht an [6]. Eine Tarif­bin­dung des Beklag­ten konn­te damit erst­mals durch die ab 1.01.2006 gel­ten­de All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung ent­ste­hen.

Es kann im Streit­fall dahin­ste­hen, ob ein sol­cher Fall nach den Maß­stä­ben für die Ände­rung eines all­ge­mein­ver­bind­li­chen Tarif­ver­trags zu beur­tei­len ist oder sich nach den (stren­ge­ren) Grund­sät­zen rich­ten muss, die für die erst­ma­li­ge All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung eines Tarif­ver­trags gel­ten. Auch wenn man die Grund­sät­ze anwen­det, die für die rück­wir­ken­de erst­ma­li­ge All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung eines Tarif­ver­trags gel­ten, war die Rück­wir­kung zuläs­sig. Der Antrag der Tarif­ver­trags­par­tei­en auf All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV vom 21.12.2005 wur­de am 31.12.2005 und damit vor dem Zeit­punkt des beab­sich­tig­ten Inkraft­tre­tens am 1.01.2006 im Bun­des­an­zei­ger ver­öf­fent­licht. Die Bekannt­ma­chung ent­hielt, wie in § 4 Abs. 1 Satz 1 Halbs. 2 DVO TVG vor­ge­se­hen, den Hin­weis, dass die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung rück­wir­kend erfol­gen kann, und benann­te den Umfang der bean­trag­ten Ein­schrän­kun­gen der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung im Wort­laut. Damit muss­ten die betrof­fe­nen Krei­se und ins­be­son­de­re auch Arbeit­ge­ber, die von der All­ge­mein­ver­bind­lich­keit des Vor­gän­ger­ta­rif­ver­trags nicht erfasst waren, damit rech­nen, dass der VTV rück­wir­kend zum 1.01.2006 für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt wer­den wür­de. Dem­entspre­chend hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Rück­wir­kung der hier streit­ge­gen­ständ­li­chen All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung auch in frü­he­ren Ent­schei­dun­gen nicht bean­stan­det [7].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 20. März 2013 – 10 AZR 744/​11

  1. BAG 25.09.1996 – 4 AZR 209/​95, zu I 2.06.1 der Grün­de mwN, BAGE 84, 147[]
  2. BAG 21.08.2007 – 3 AZR 102/​06, Rn. 27, BAGE 124, 1; vgl. auch BVerwG 3.11.1988 – 7 C 115/​86, zu 4 b der Grün­de, BVerw­GE 80, 355[]
  3. st. Rspr., zB BAG 21.08.2007 – 3 AZR 102/​06, Rn. 27, BAGE 124, 1; 21.11.2007 – 10 AZR 782/​06, Rn. 25, AP TVG § 1 Tarif­ver­trä­ge: Bau Nr. 297 = EzA AEntG § 1 Nr. 11[]
  4. BAG 3.11.1982 – 4 AZR 1255/​79, BAGE 40, 288[]
  5. im Streit­fall idF vom 25.11.2003, BGBl. I S. 2304[]
  6. BAG 12.05.2010 – 10 AZR 559/​09, Rn. 11, 16, AP TVG § 1 Tarif­ver­trä­ge: Bau Nr. 320[]
  7. BAG 17.10.2012 – 10 AZR 500/​11; 27.10.2010 – 10 AZR 351/​09; 27.10.2010 – 10 AZR 362/​09, Rn. 27 f., AP TVG § 1 Tarif­ver­trä­ge: Bau Nr. 328[]