Scha­dens­er­satz­pflicht des Arbeit­neh­mers – und das mit­wir­ken­de Ver­schul­den des Arbeit­ge­bers

Nach § 619a BGB liegt die Dar­le­gungs- und Beweis­last dafür, dass der Arbeit­neh­mer vor­werf­bar sei­ne Pflich­ten aus dem Arbeits­ver­trag ver­letzt hat und nach § 280 Abs. 1 BGB der Arbeit­ge­be­rin zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet ist, bei der Arbeit­ge­be­rin. Dies gilt sowohl für die Pflicht­ver­let­zung als auch für das Ver­tre­ten­müs­sen des Arbeit­neh­mers.

Scha­dens­er­satz­pflicht des Arbeit­neh­mers – und das mit­wir­ken­de Ver­schul­den des Arbeit­ge­bers

Die Ver­pflich­tung zum Scha­dens­er­satz sowie der Umfang des Ersat­zes nach § 254 Abs. 1 BGB sind wei­ter davon abhän­gig, inwie­weit der Scha­den vor­wie­gend vom Schä­di­ger oder vom Geschä­dig­ten ver­ur­sacht wor­den ist. Dabei ist die Fra­ge des mit­wir­ken­den Ver­schul­dens nicht mit den gleich­falls zu berück­sich­ti­gen­den Grund­sät­zen über die Beschrän­kung der Arbeit­neh­mer­haf­tung bzw. pri­vi­le­gier­ten Arbeit­neh­mer­haf­tung "durch ent­spre­chen­de Anwen­dung" des § 254 BGB 1 zu ver­men­gen. Die Fra­ge des mit­wir­ken­den Ver­schul­dens gemäß § 254 Abs. 1 BGB muss von Amts wegen 2 auch noch in der Revi­si­ons­in­stanz geprüft wer­den 3. Die Ver­tei­lung der Ver­ant­wort­lich­keit für einen ent­stan­de­nen Scha­den im Rah­men des § 254 BGB ist in ers­ter Linie Sache tatrich­ter­li­cher Wür­di­gung.

Die Dar­le­gungs- und Beweis­last dafür, dass der Arbeit­neh­mer vor­werf­bar sei­ne Pflich­ten aus dem Arbeits­ver­trag ver­letzt hat, liegt bei der Arbeit­ge­be­rin. Sie trägt die Dar­le­gungs­last dafür, dass es sich bei den von ihr benann­ten Vor­fäl­len nicht um typi­sche und unver­meid­ba­re Feh­ler und Ver­säum­nis­se han­delt.

Im vor­lie­gen­den Fall hat die Arbeit­ge­be­rin aller­dings hin­rei­chend dar­ge­legt hat, dass der Arbeit­neh­mer fahr­läs­sig gehan­delt hat. Allein dass Vor­ge­setz­te eine Pflicht­ver­let­zung (teil­wei­se) ken­nen, ggf. hin­neh­men oder gar mit­tra­gen, ändert nichts dar­an, dass eine arbeits­ver­trag­li­che Pflicht­ver­let­zung des Ein­zel­nen vor­liegt. Der Arbeit­neh­mer hat nicht behaup­tet, ent­spre­chen­de Anwei­sun­gen erhal­ten zu haben.

Jedoch ist auch die Fra­ge eines mög­li­chen Mit­ver­schul­dens der Arbeit­ge­be­rin, § 254 BGB, on Amts wegen zu prü­fen.

Zwar kann von einem Arbeit­neh­mer in her­aus­ge­ho­be­ner Posi­ti­on erwar­tet wer­den, Vor­ge­setz­te auf Miss­stän­de hin­zu­wei­sen und auf Abhil­fe zu drin­gen. Jedoch ist zudem all­ge­mein davon aus­zu­ge­hen, dass Vor­ge­setz­te selbst Auf­ga­ben der Mit­ar­bei­ter­füh­rung und ‑über­wa­chung haben. Im Streit­fall hat der Arbeit­neh­mer wöchent­li­che Arbeits­be­spre­chun­gen genannt, in denen nach sei­nem Vor­trag Abspra­chen über Nicht­ver­än­de­rung von Vor­ga­be­zei­ten erfolgt sind. Dass das Arbeits­ge­richt den Gesichts­punkt der Abspra­che nicht für plau­si­bel gehal­ten hat, ent­hebt es nicht der Prü­fung, ob es tat­säch­li­che oder gene­rell erfor­der­li­che Auf­ga­be des Vor­ge­setz­ten des Arbeit­neh­mers gewe­sen wäre, sich im Rah­men der wöchent­li­chen Bespre­chun­gen und/​oder durch Stich­pro­ben einen regel­mä­ßi­gen Über­blick über die Auf­ga­ben­er­fül­lung in sei­ner Abtei­lung zu ver­schaf­fen. Dies umso mehr, als dem Vor­ge­setz­ten nach dem eige­nen Vor­trag der Arbeit­ge­be­rin bereits im Herbst/​Win­ter 2007 Arbeits­män­gel des Arbeit­neh­mers auf­ge­fal­len sind.

Gera­de wenn nach dem Vor­trag der Arbeit­ge­be­rin offen­bar fast alle vom Arbeit­neh­mer bear­bei­te­ten Vor­ga­be­zei­ten zu hoch waren, hät­te eine wenigs­tens gele­gent­li­che stich­pro­ben­ar­ti­ge Kon­trol­le zu einem viel frü­he­ren Zeit­punkt dem Fehl­ver­hal­ten ein Ende gesetzt, was ggf. scha­dens­min­dernd zu berück­sich­ti­gen ist.

Im Hin­blick auf ein even­tu­el­les Mit­ver­schul­den, ggf. durch ein Orga­ni­sa­ti­ons­de­fi­zit bei der Arbeit­ge­be­rin, kommt es vor­lie­gend nach dem bis­he­ri­gen Vor­trag des Arbeit­neh­mers ins­be­son­de­re auf die Mit­ar­bei­ter­füh­rungs- und Kon­troll­auf­ga­ben des Vor­ge­setz­ten des Arbeit­neh­mers an. Dies­be­züg­lich reicht es nicht aus, dass die Arbeit­ge­be­rin pau­schal ein­ge­räumt hat, eine Über­prü­fung des Arbeit­neh­mers sei nicht erfolgt und wäre aus ihrer Sicht wirt­schaft­lich nicht sinn­voll gewe­sen. Die Arbeit­ge­be­rin selbst hat vor­ge­tra­gen, dass der Arbeit­neh­mer ca. alle zwei Wochen eine Lis­te mit rund 70 zu bear­bei­ten­den Arbeits­vor­gän­gen von sei­nem Vor­ge­setz­ten erhielt. Jeden­falls nach Auf­fäl­lig­kei­ten in der Ver­gan­gen­heit ist im Hin­blick auf die Orga­ni­sa­ti­ons­ver­ant­wor­tung der Arbeit­ge­be­rin von Bedeu­tung, ob und ggf. wel­che wei­te­ren Nach­fra­gen in den regel­mä­ßi­gen Arbeits­be­spre­chun­gen erfolgt sind, ob zumin­dest stich­pro­ben­ar­ti­ge Voll­zugs­kon­trol­len durch Rück­ga­be von aus­ge­führ­ten Lis­ten oder eine regel­mä­ßi­ge stan­dar­di­sier­te Kon­trol­le durch die Con­trol­ling-Mög­lich­kei­ten des EDV-Sys­tems ein­ge­führt wor­den sind. Sind trotz Vor­komm­nis­sen in der Ver­gan­gen­heit kei­ne der Sorg­falts­pflicht 4 ent­spre­chen­den Kon­troll­maß­nah­men ergrif­fen wor­den und hat die Arbeit­ge­be­rin dafür ein­zu­ste­hen 5 bzw. ist ihr pflicht­wid­ri­ges Unter­las­sen von Hilfs­per­so­nen gemäß § 254 Abs. 2, § 278 BGB ana­log zuzu­rech­nen, ist dies je nach den Umstän­den im Hin­blick auf Dau­er und Umfang des Fehl­ver­hal­tens zu Las­ten der Arbeit­ge­be­rin zu berück­sich­ti­gen.

Die Beweis­last für die zur Anwen­dung des § 254 BGB füh­ren­den Umstän­de, mit­hin auch für die Ursäch­lich­keit eines Mit­ver­schul­dens, trägt der Schä­di­ger 6. Dabei darf dem Schä­di­ger indes nichts Unmög­li­ches ange­son­nen wer­den. Er kann nament­lich bean­spru­chen, dass der Geschä­dig­te an der Beweis­füh­rung mit­wirkt, soweit es sich um Umstän­de aus sei­ner Sphä­re han­delt 7; dies kann die Dar­le­gung beinhal­ten, was zur Scha­dens­min­de­rung unter­nom­men wor­den ist 8.

Wei­ter­hin sind die Grund­sät­ze über die Beschrän­kung der Arbeit­neh­mer­haf­tung zu berück­sich­ti­gen, § 254 BGB ana­log. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zu prü­fen, ob und inwie­fern im Streit­fall der Grund­satz der (ggf. wegen Mit­ver­schul­dens antei­li­gen) Total­re­pa­ra­ti­on des § 249 BGB nach dem Ver­schul­dens­grad modi­fi­ziert ist.

Nach den vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen 9 haf­ten Arbeit­neh­mer nur für vor­sätz­lich ver­ur­sach­te Schä­den in vol­lem Umfang, bei leich­tes­ter Fahr­läs­sig­keit dage­gen über­haupt nicht 10. Die Betei­li­gung des Arbeit­neh­mers an den Scha­dens­fol­gen ist durch eine Abwä­gung der Gesamt­um­stän­de zu bestim­men, wobei ins­be­son­de­re Scha­dens­an­lass, Scha­dens­fol­gen, Bil­lig­keits- und Zumut­bar­keits­ge­sichts­punk­te eine Rol­le spie­len 11.

Dies­be­züg­lich ist den Par­tei­en, die die Grund­sät­ze über die Beschrän­kung der Arbeit­neh­mer­haf­tung ersicht­lich noch nicht fall­be­zo­gen erör­tert haben, Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zu geben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zwar in ande­rem Zusam­men­hang ein vor­sätz­li­ches Han­deln des Arbeit­neh­mers aus­ge­schlos­sen, jedoch eine even­tu­el­le Haf­tungs­re­du­zie­rung nicht erör­tert und den Grad fahr­läs­si­gen Han­delns offen­ge­las­sen.

Die Berech­nung des Scha­dens hat im All­ge­mei­nen nach der Dif­fe­renz­me­tho­de zu erfol­gen durch einen rech­ne­ri­schen Ver­gleich der durch das schä­di­gen­de Ereig­nis ein­ge­tre­te­nen Ver­mö­gens­la­ge mit der­je­ni­gen, die sich ohne die­ses Ereig­nis erge­ben hät­te 12.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 21. Mai 2015 – 8 AZR 116/​14; 8 AZR 867/​13

  1. vgl. BAG 27.09.1994 – GS 1/​89 (A), BAGE 78, 56[]
  2. BGH 26.06.1990 – X ZR 19/​89, zu I 4 b der Grün­de[]
  3. BAG 18.01.2007 – 8 AZR 250/​06, Rn. 24; 12.11.1998 – 8 AZR 221/​97, zu II der Grün­de, BAGE 90, 148; 19.02.1998 – 8 AZR 645/​96, zu II 1 der Grün­de, BAGE 88, 101[]
  4. dazu ua. BGH 27.11.2008 – VII ZR 206/​06, Rn. 31, BGHZ 179, 55[]
  5. zu letz­te­rem Gesichts­punkt BGH 17.11.2009 – VI ZR 58/​08, Rn. 14[]
  6. BGH 30.09.2003 – XI ZR 232/​02, zu II 2 bb (1) © der Grün­de mwN[]
  7. BGH 22.05.1984 – III ZR 18/​83, zu C II 2 der Grün­de, BGHZ 91, 243[]
  8. ua. BGH 29.09.1998 – VI ZR 296/​97, zu II der Grün­de[]
  9. BAG 27.09.1994 – GS 1/​89 (A), BAGE 78, 56[]
  10. vgl. auch BAG 28.10.2010 – 8 AZR 418/​09, Rn. 17[]
  11. näher ua. BAG 13.12 2012 – 8 AZR 432/​11, Rn.20[]
  12. ua. BGH 16.07.2013 – VI ZR 442/​12, Rn.20, BGHZ 198, 50[]