Schicht­ar­beit bei der Feu­er­wehr – und die Berech­nung des Urlaubs­an­spruchs

Für Arbeit­neh­mer in Schicht­ar­beit sind die Urlaubs­ta­ge in Tage mit Arbeits­pflicht umzu­rech­nen1.

Schicht­ar­beit bei der Feu­er­wehr – und die Berech­nung des Urlaubs­an­spruchs

Die hier­zu im Anwen­dungs­be­reich des TVöD anzu­wen­den­de Tarif­vor­schrift trifft kei­ne beson­de­re Umrech­nungs­be­stim­mung für Schicht­ar­beit. § 26 Abs. 1 Satz 4 TVöD‑V aF bestimmt nur all­ge­mein, dass bei einer ande­ren Ver­tei­lung der wöchent­li­chen Arbeits­zeit als auf fünf Tage in der Woche sich der Urlaubs­an­spruch ent­spre­chend erhöht oder ver­min­dert. Inso­fern ist nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen umzu­rech­nen. Ist die regel­mä­ßi­ge Arbeits­zeit nicht auf eine Kalen­der­wo­che ver­teilt, muss für die Umrech­nung eines nach Arbeits­ta­gen bemes­se­nen Urlaubs auf den Zeit­ab­schnitt abge­stellt wer­den, in dem die regel­mä­ßi­ge wöchent­li­che Arbeits­zeit im Durch­schnitt erreicht wird. Die danach maß­geb­li­che Umrech­nungs­for­mel lau­tet:

Urlaubs­ta­ge im Jahr * Arbeits­ta­ge im Jahr bei abwei­chen­der Ver­tei­lung
Arbeits­ta­ge im Jahr bei einer Fünf­ta­ge­wo­che (261 Arbeits­ta­ge)

In die­se For­mel sind als Divi­dend die im Tarif­ver­trag fest­ge­leg­te Anzahl von 30 Urlaubs­ta­gen ein­zu­set­zen. Die­se sind mit der vom Feu­er­wehr­mann im Schicht­sys­tem im Kalen­der­jahr zu leis­ten­den Anzahl von 244 Arbeits­ta­gen (2011) bzw. 248 Arbeits­ta­gen (2012) zu mul­ti­pli­zie­ren. Als Arbeits­ta­ge sind dabei in Erman­ge­lung einer ent­spre­chen­den Rege­lung im TVöD‑V aF nicht nur die Kalen­der­ta­ge zu berück­sich­ti­gen, an denen die Schicht begon­nen hat, son­dern alle Kalen­der­ta­ge, an denen eine Arbeits­pflicht bestand2.

Als Divi­sor sind im Hin­blick auf § 21 TVöD‑V aF die in der Fünf­ta­ge­wo­che mög­li­chen 261 Arbeits­ta­ge ein­zu­set­zen3. Dar­aus errech­net sich für den Feu­er­wehr­mann auf­grund der 244 Arbeits­ta­ge im Jahr 2011 und der 248 Arbeits­ta­ge im Jahr 2012 ein Anspruch auf gerun­det 28 Arbeits­ta­ge für 2011 und gerun­det 29 Arbeits­ta­ge für 2012 (vgl. § 26 Abs. 1 Satz 5 TVöD‑V aF).

Nach der Anla­ge D.2 Nr. 2 Abs. 1 Satz 1 TVöD‑V aF fin­den die §§ 6 bis 9 und 19 TVöD‑V aF für Beschäf­tig­te, die haupt­amt­lich im kom­mu­na­len feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst beschäf­tigt sind, kei­ne Anwen­dung. Es gel­ten gemäß der Anla­ge D.2 Nr. 2 Abs. 1 Satz 2 TVöD‑V aF die Bestim­mun­gen für die ent­spre­chen­den Beam­ten. Aller­dings fin­det nach der Anla­ge D.2 Nr. 2 Abs. 1 Satz 3 TVöD‑V aF § 27 TVöD‑V aF „unbe­scha­det” der Sät­ze 1 und 2 Anwen­dung. Nach § 27 Abs. 1 TVöD‑V aF erhal­ten „Beschäf­tig­te, die stän­dig Wech­sel­schicht­ar­beit nach § 7 Abs. 1 oder stän­dig Schicht­ar­beit nach § 7 Abs. 2 leis­ten und denen die Zula­ge nach § 8 Abs. 5 Satz 1 oder Abs. 6 Satz 1 zusteht”, bei Wech­sel­schicht­ar­beit für je zwei zusam­men­hän­gen­de Mona­te einen Arbeits­tag Zusatz­ur­laub. Für den Urlaubs­an­spruch ist es aller­dings dass den Beschäf­tig­ten im kom­mu­na­len feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst wegen der Rege­lung in der Anla­ge D.2 Nr. 2 Abs. 1 TVöD‑V aF kein Anspruch auf Wech­sel­schicht­zu­la­ge nach § 8 Abs. 5 TVöD‑V aF zusteht.

Ent­schei­dend ist, dass ihnen ohne die Son­der­re­ge­lung eine Wech­sel­schicht­zu­la­ge nach § 8 Abs. 5 TVöD‑V aF zuge­stan­den hät­te4. Die Anla­ge D.2 Nr. 2 Abs. 1 Satz 3 erklärt § 27 TVöD‑V aF aus­drück­lich für anwend­bar. Dabei kann es letzt­lich offen­blei­ben, ob die Tarif­ver­trags­par­tei­en die For­mu­lie­rung „unbe­scha­det der Sät­ze” in einem zutref­fen­den Wort­sinn benutzt haben5. Aus dem Gesamt­zu­sam­men­hang ergibt sich, dass die Tarif­ver­trags­par­tei­en die Anwend­bar­keit des § 27 TVöD‑V aF anord­nen woll­ten, ohne dass die Gel­tung die­ser Vor­schrift durch die Rege­lun­gen „der Sät­ze 1 und 2” beein­träch­tigt wird. Es ist aner­kannt, dass bei der Aus­le­gung von Tarif­ver­trä­gen eine Bin­dung an den mög­li­chen Wort­sinn eines Begriffs dann nicht besteht, wenn sich aus dem Gesamt­zu­sam­men­hang das Vor­lie­gen eines Redak­ti­ons­ver­se­hens ergibt6. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zutref­fend dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Rege­lung in der Anla­ge D.2 Nr. 2 Abs. 1 Satz 3 TVöD‑V aF weit­ge­hend leer­lie­fe, wenn man die tat­säch­li­che Zah­lung einer Wech­sel­schicht­zu­la­ge bei haupt­amt­lich im kom­mu­na­len feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst Beschäf­tig­ten als Tat­be­stands­merk­mal ansä­he.

Soweit dage­gen gel­tend gemacht wird, es ver­blei­be als Anwen­dungs­be­reich noch die Gewäh­rung von zusätz­li­chen Urlaubs­ta­gen durch Betriebs- oder Dienst­ver­ein­ba­rung iSd. § 27 Abs. 3 TVöD‑V aF, so muss davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Tarif­ver­trags­par­tei­en nicht den gesam­ten § 27 TVöD‑V aF für anwend­bar erklärt hät­ten, wenn Sie im Ergeb­nis allein die Gel­tung des Absat­zes 3 der Tarif­norm hät­ten anord­nen wol­len. Viel­mehr bestand zwi­schen den Tarif­ver­trags­par­tei­en stets Ein­ver­neh­men, dass für Wech­sel­schicht- und Schicht­ar­beit Zusatz­ur­laub wie zu Zei­ten des BAT/​BAT‑O gewährt wer­den soll­te. Durch Satz 3 der Anla­ge D.2 Nr. 2 Abs. 1 TVöD‑V aF, der durch Ände­rungs­ver­ein­ba­rung vom 31.03.2008 rück­wir­kend zum 1.10.2005 ein­ge­fügt wur­de, ist dies nur klar­ge­stellt wor­den7, abge­druckt bei Sponer/​Steinherr TVöD Stand Janu­ar 2016 TVöD‑V Anla­ge D.2 Nr. 2 Vor­bem.)).

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt nimmt unter Rück­griff auf die Defi­ni­ti­on in § 7 Abs. 1 TVöD‑V aF an, dass der Feu­er­wehr­mann in den bei­den streit­ge­gen­ständ­li­chen Jah­ren stän­dig Wech­sel­schicht­ar­beit geleis­tet hat. Wech­sel­schicht­ar­beit ist nach § 7 Abs. 1 TVöD‑V aF die Arbeit nach einem Schicht­plan, der einen regel­mä­ßi­gen Wech­sel der täg­li­chen Arbeits­zeit in Wech­sel­schich­ten vor­sieht, bei denen Beschäf­tig­te durch­schnitt­lich längs­tens nach Ablauf eines Monats erneut zur Nacht­schicht her­an­ge­zo­gen wer­den. Wech­sel­schich­ten sind wech­seln­de Arbeits­schich­ten, in denen unun­ter­bro­chen bei Tag und Nacht, werk­tags, sonn­tags und fei­er­tags gear­bei­tet wird. Zu Unrecht meint die Revi­si­on, es sei im Rah­men des § 27 TVöD‑V aF nicht auf das Vor­lie­gen von Wech­sel­schich­ten iSd. § 7 Abs. 1 TVöD‑V aF, son­dern auf das Vor­lie­gen von Wech­sel­diens­ten nach § 9 Abs. 1 Satz 2 SächsAZ­VO abzu­stel­len. Zwar fin­det § 7 Abs. 1 TVöD‑V aF an sich auf den haupt­amt­lich im kom­mu­na­len feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst beschäf­tig­ten Feu­er­wehr­mann nach der Anla­ge D.2 Nr. 2 Abs. 1 Satz 1 und Satz 2 TVöD‑V aF kei­ne Anwen­dung. Viel­mehr gel­ten die ent­spre­chen­den beam­ten­recht­li­chen Rege­lun­gen. Das gilt aber nach der Anla­ge D.2 Nr. 2 Abs. 1 Satz 3 TVöD‑V aF gera­de nicht für die Fra­ge des Zusatz­ur­laubs nach § 27 TVöD‑V aF. Die­se Vor­schrift des TVöD‑V aF soll auf die im kom­mu­na­len feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst Beschäf­tig­ten Anwen­dung fin­den. § 27 TVöD‑V aF stellt aber nicht auf die ent­spre­chen­den beam­ten­recht­li­chen Rege­lun­gen zu Wech­sel­diens­ten, son­dern auf das Vor­lie­gen von Wech­sel­schich­ten ab. Hier­zu ent­hält der TVöD‑V aF eine eige­ne Defi­ni­ti­on, die im Rah­men des § 27 TVöD‑V aF her­an­zu­zie­hen ist.

Weder der TVöD‑V aF noch das BUr­lG ent­hal­ten eine recht­li­che Grund­la­ge dafür, dass die Tage, an denen der Feu­er­wehr­mann ohne Urlaub von 00:00 Uhr bis 06:00 Uhr hät­te arbei­ten müs­sen, zwar bei der Berech­nung der Urlaubs­ta­ge, nicht aber bei der Erfül­lung des Urlaubs­an­spruchs zu berück­sich­ti­gen sind.

Es besteht ein Gleich­lauf zwi­schen dem Bezugs­punkt bei der Berech­nung des Urlaubs­um­fangs und dem Bezugs­punkt bei der Erfül­lung des Urlaubs­an­spruchs. Setzt man in die For­mel für die Berech­nung als Arbeits­ta­ge nicht nur die Kalen­der­ta­ge ein, an denen die Schicht begon­nen hat, son­dern alle Kalen­der­ta­ge, an denen eine Arbeits­pflicht bestand, so wird auch mit jedem Tag der bezahl­ten Frei­stel­lung der Urlaubs­an­spruch erfüllt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 19. Janu­ar 2016 – 9 AZR 608/​14

  1. vgl. BAG 15.03.2011 – 9 AZR 799/​09, Rn. 18 ff., BAGE 137, 221
  2. vgl. BAG 15.03.2011 – 9 AZR 799/​09, Rn. 21 und 28, BAGE 137, 221; vgl. zu einem ähn­li­chen Tarif­ver­trag BAG 21.07.2015 – 9 AZR 145/​14, Rn. 11
  3. vgl. BAG 15.03.2011 – 9 AZR 799/​09, Rn. 25 und 29, BAGE 137, 221
  4. vgl. Breier/​Dassau/​Kiefer/​Lang/​Langenbrinck TVöD Stand Janu­ar 2016 Teil B 4.1 TVöD‑V Anla­ge D Rn. 14; vgl. auch Clemens/​Scheuring/​Steingen/​Wiese TVöD Stand Janu­ar 2016 BT‑V § 46 (VKA) Rn. 16 zu Nr. 2
  5. zum mög­li­chen Wort­ver­ständ­nis BAG 27.04.2004 – 9 AZR 18/​03, zu A II 2 b (2) der Grün­de, BAGE 110, 208; Wolff JZ 2012, 31 unter Hin­weis auf das Hand­buch der Rechts­förm­lich­keit 3. Aufl. Rn. 87
  6. vgl. BAG 31.10.1990 – 4 AZR 114/​90, BAGE 66, 177; JKOS/​Krause 2. Aufl. § 4 Rn. 177; Thüsing/​Braun/​Wißmann Tarif­recht Kap. 4 Rn. 157; vgl. zu Geset­zen eben­so Wolff JZ 2012, 31, 33
  7. Breier/​Dassau/​Kiefer/​Lang/​Langenbrinck aaO; vgl. auch RdSchr. der VKA vom 18.12 2006 – R 414/​06 – berich­tigt durch RdSchr. vom 05.01.2007 ((zu 2.4