Schicht­plan­tur­nus bei Wech­sel­schicht­ar­beit

Schicht­plan­tur­nus im Sin­ne des § 9 Abs. 8 Buchst. c Tarif­ver­trags Ver­sor­gungs­be­trie­be (TV‑V) vom 05.10.2000 bleibt auch dann das Kalen­der­jahr, wenn ein Jah­res­plan die ein­zel­nen Beschäf­tig­ten zwar tag­ge­nau bezo­gen auf die ver­schie­de­nen Schich­ten ein­teilt, dabei aber sog. „Flex-Wochen” aus­nimmt, für die die Zutei­lung erst spä­ter im Rah­men einer Monats­pla­nung erfolgt. Der fle­xi­ble Anteil darf jedoch 25 % grund­sätz­lich nicht über­schrei­ten.

Schicht­plan­tur­nus bei Wech­sel­schicht­ar­beit

§ 9 Abs. 8 Buchst. c TV‑V ent­spricht wört­lich § 7 Abs. 8 Buchst. c TVöD-AT bzw. § 7 Abs. 8 Buchst. c TVöD‑K. Glei­ches gilt bezo­gen auf § 7 Abs. 8 Buchst. c TV‑L. Die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zu die­sen Nor­men kann daher zur Aus­le­gung des § 9 Abs. 8 Buchst. c TV‑V her­an­ge­zo­gen wer­den1. Dem­nach woll­ten die Tarif­ver­trags­par­tei­en mit § 9 Abs. 8 Buchst. c TV‑V zwei unter­schied­li­che Sach­ver­hal­te im Alter­na­tiv­ver­hält­nis regeln. Die ers­te Alter­na­ti­ve betrifft den Sach­ver­halt, in dem zu den im Schicht­plan fest­ge­setz­ten „täg­li­chen” Arbeits­stun­den zusätz­li­che, nicht im Schicht­plan aus­ge­wie­se­ne Stun­den ange­ord­net wer­den. Sol­chen unge­plan­ten Über­stun­den ste­hen die Fäl­le der zwei­ten Alter­na­ti­ve gegen­über, in denen die regel­mä­ßi­ge wöchent­li­che Arbeits­zeit bereits durch die im Schicht­plan ange­ord­ne­ten Stun­den über­schrit­ten wird (sog. ein­ge­plan­te Über­stun­den). Vor­lie­gend begehrt der Arbeit­neh­mer kei­ne Ver­gü­tung unge­plan­ter Über­stun­den. In Streit steht nur die Ver­gü­tung ein­ge­plan­ter Über­stun­den.

Leis­tet ein Beschäf­tig­ter Wech­sel­schicht­ar­beit iSd. § 9 Abs. 1 Satz 1 TV‑V und sind dabei in den Dienst­plan Arbeits­stun­den ein­ge­plant wor­den, die die regel­mä­ßi­ge wöchent­li­che Arbeits­zeit iSd. § 8 Abs. 1 Satz 1 und Satz 2 TV‑V über­stei­gen, ent­ste­hen Über­stun­den nach § 9 Abs. 8 Buchst. c TV‑V im Sin­ne der zwei­ten Alter­na­ti­ve nur, wenn die­se Stun­den im Schicht­plan­tur­nus als Aus­gleichs­zeit­raum nicht aus­ge­gli­chen wer­den.

Mit dem Schicht­plan legt der Arbeit­ge­ber die Arbeits­auf­ga­be, die für die­se Arbeits­auf­ga­be ein­zu­set­zen­den Arbeit­neh­mer und den zeit­li­chen Umfang ihres Ein­sat­zes im Vor­aus fest2. Der Unter­schied zum Dienst­plan eines ein­zel­nen Arbeit­neh­mers liegt allein dar­in, dass Arbei­ten zu ver­tei­len sind, die über die Arbeits­zeit eines Arbeit­neh­mers hin­aus­ge­hen und die aus­tausch­ba­ren Arbeit­neh­mern in einer zeit­lich gere­gel­ten Rei­hen­fol­ge über­tra­gen wer­den. Wel­ches die zu erle­di­gen­de Arbeits­auf­ga­be ist, bestimmt sich nach dem Schicht­plan, der gemäß § 9 Abs. 1 Satz 1 TV‑V einen regel­mä­ßi­gen Wech­sel der täg­li­chen Arbeits­zeit in Wech­sel­schich­ten und eine Min­dest­an­zahl an Nacht­schich­ten bzw. gemäß § 9 Abs. 2 TV‑V einen regel­mä­ßi­gen Wech­sel des Beginns der täg­li­chen Arbeits­zeit inner­halb einer bestimm­ten Zeit vor­se­hen muss. Der Schicht­plan ist damit nichts ande­res als ein Dienst­plan, aus dem sich eine regel­mä­ßi­ge Schicht­fol­ge ergibt3. Die Ein­tei­lung des ein­zel­nen Arbeit­neh­mers muss des­halb im Schicht­plan bestimmt sein4.

Der Schicht­plan­tur­nus beschreibt den Zeit­raum, für den der Schicht­plan oder Dienst­plan im Vor­hin­ein auf­ge­stellt ist5. Ein Schicht­plan­tur­nus kann ein gan­zes Jahr umfas­sen, auch wenn der Schicht­plan im lau­fen­den Jahr nach den aktu­ell ent­ste­hen­den Bedürf­nis­sen geän­dert wird6. Bei einem Jah­res­schicht­plan kann die erfor­der­li­che Anpas­sung an die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se durch monats­be­zo­ge­ne Aktua­li­sie­run­gen des Schicht­plans erfol­gen7. Dies ent­spricht dem Ziel der Arbeits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung, wie es auch in § 8 Abs. 2 TV‑V zum Aus­druck kommt8.

Im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall bedeu­tet dies: Der Arbeit­neh­mer leis­tet unstrei­tig Wech­sel­schicht­ar­beit iSd. § 9 Abs. 1 Satz 1 TV‑V. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on ist der für ihn maß­geb­li­che Schicht­plan­tur­nus iSd. § 9 Abs. 8 Buchst. c TV‑V das Kalen­der­jahr.

Dies ergibt sich aller­dings nicht aus der Anla­ge 1 zur BV Wech­sel­schicht­ar­beit, deren Anwen­dungs­be­reich der in der Leit­stel­le beschäf­tig­te Arbeit­neh­mer unter­fällt. § 2 Ziff. 1 der Anla­ge 1 zur BV Wech­sel­schicht­ar­beit lässt nicht erken­nen, dass die Jah­res­pla­nung bezo­gen auf den ein­zel­nen Beschäf­tig­ten bereits eine tag­ge­naue Schicht­ein­tei­lung ent­hält. Die Norm sieht nur vor, dass „im Rah­men der Jah­res­pla­nung” die Rah­men­dienst­plä­ne erstellt wer­den, wel­che den kon­kre­ten Dienst­be­ginn und die kon­kre­te Schicht­län­ge des jewei­li­gen Beschäf­tig­ten gera­de nicht aus­wei­sen. Dies erfolgt nach § 3 Ziff. 1 der Anla­ge 1 zur BV Wech­sel­schicht­ar­beit erst mit der Auf­stel­lung der Monats­pla­nung durch ope­ra­ti­ve Dienst­plä­ne. Dem­nach wür­de sich der Schicht­plan­tur­nus iSd. § 9 Abs. 8 Buchst. c TV‑V ent­spre­chend der wort­laut­be­zo­ge­nen Auf­fas­sung der Revi­si­on auf den Monat bezie­hen, weil der jah­res­be­zo­ge­ne Rah­men­dienst­plan die für einen Schicht­plan erfor­der­li­che Rege­lungs­dich­te (Aus­pla­nungs­grad) nicht erreicht. Die Auf­stel­lung einer „all­ge­mei­nen Struk­tur”, wie es das Lan­des­ar­beits­ge­richt for­mu­liert, reicht nicht aus. Ent­ge­gen der Ansicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts kann eine jah­res­be­zo­ge­ne Abfol­ge von ein­zel­nen Monats­schicht­plä­nen kei­nen Schicht­plan­tur­nus nach § 9 Abs. 8 Buchst. c TV‑V dar­stel­len, da die­ser – wie auf­ge­zeigt – die zukunfts­be­zo­ge­ne Auf­stel­lung eines Schicht­plans ver­langt, der die Ein­tei­lung der Beschäf­tig­ten in bestimm­te Schich­ten selbst vor­nimmt. Dabei kann ent­ge­gen der Ansicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts offen­blei­ben, wie Über­stun­den bei ande­ren Arbeit­neh­mer­grup­pen ent­ste­hen. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en haben hier­für spe­zi­el­le Rege­lun­gen geschaf­fen, wel­che die Beson­der­hei­ten des Arbeits­zeit­re­gimes der jewei­li­gen Grup­pe berück­sich­ti­gen (vgl. § 9 Abs. 7, Abs. 8 Buchst. a und Buchst. b TV‑V).

Die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts stellt sich aber aus ande­ren Grün­den als rich­tig dar, so dass die Revi­si­on gemäß § 561 ZPO zurück­zu­wei­sen ist. Bei dem tat­säch­lich erstell­ten Jah­res­plan, des­sen Aus­pla­nungs­grad über den von § 2 Ziff. 1 der Anla­ge 1 zur BV Wech­sel­schicht­ar­beit fest­ge­leg­ten hin­aus­geht, han­delt es sich um einen Schicht­plan, der einen kalen­der­jähr­li­chen Schicht­plan­tur­nus bewirkt.

Der Jah­res­plan nimmt bis auf die Flex-Wochen die tag­ge­naue Ein­tei­lung des ein­zel­nen Beschäf­tig­ten bezo­gen auf die ver­schie­de­nen Schich­ten für das gan­ze Kalen­der­jahr vor. Die zeit­li­che Lage die­ser Schich­ten ergibt sich aus dem eben­falls jah­res­be­zo­ge­nen Rah­men­dienst­plan und dem am Wochen­en­de prak­ti­zier­ten Zwei-Schicht-Modell. Der Arbeit­neh­mer hat nicht in Abre­de gestellt, dass für die Beschäf­tig­ten ihre Arbeits­zeit bis auf die Flex-Wochen mit der Jah­res­pla­nung ersicht­lich ist.

Die feh­len­de Aus­ge­stal­tung der Flex-Wochen in der Jah­res­pla­nung steht der Annah­me eines auf das Kalen­der­jahr aus­ge­rich­te­ten Schicht­plan­tur­nus nicht ent­ge­gen.

Die Flex-Wochen neh­men struk­tu­riert den Anpas­sungs­be­darf vor­weg, der sich bei einer Jah­res­pla­nung pro­gnos­ti­zier­bar ergibt. Prak­tisch jede jah­res­be­zo­ge­ne Schicht­pla­nung bedarf im Lau­fe des Jah­res der Anpas­sung an nicht vor­her­seh­ba­re Situa­tio­nen (zB Erkran­kun­gen) oder an bei Erstel­lung der Jah­res­pla­nung zwar abseh­ba­re, aber noch nicht pla­nungs­fä­hi­ge Umstän­de (zB Urlaubs­zei­ten). Die in § 3 Ziff. 1 der Anla­ge 1 zur BV Wech­sel­schicht­ar­beit vor­ge­se­he­ne Monats­pla­nung, mit der die Ein­tei­lung der Beschäf­tig­ten in den Flex-Wochen gere­gelt wird, ist ver­gleich­bar mit der monats­be­zo­ge­nen Aktua­li­sie­rung eines Jah­res­schicht­plans. Der Cha­rak­ter als Jah­res­plan wird durch der­ar­ti­ge Aktua­li­sie­run­gen9 nicht berührt.

Die Ein­pla­nung von ca. zwölf noch aus­ge­stal­tungs­be­dürf­ti­gen Flex-Wochen lässt den Cha­rak­ter einer jah­res­be­zo­ge­nen Schicht­pla­nung eben­falls nicht ent­fal­len. Der not­wen­di­ge Aus­pla­nungs­grad ist noch gege­ben. Zwi­schen voll­stän­dig geplan­ten und hin­sicht­lich der Ein­tei­lung der Arbeit­neh­mer noch unge­plan­ten Zeit­räu­men muss ein deut­li­ches Regel-Aus­nah­me-Ver­hält­nis bestehen. Die­ses hängt von der Län­ge des Schicht­plan­tur­nus ab. Je län­ger der Schicht­plan­tur­nus, des­to län­ger sind auch die Zeit­räu­me, die zur Berück­sich­ti­gung des Anpas­sungs­be­darfs erfor­der­lich sind. Bei einem Schicht­plan­tur­nus von einem Jahr ist ein Anteil von 25 % fle­xi­bler Zeit­räu­me grund­sätz­lich nicht zu bean­stan­den. Mit ca. zwölf nicht abschlie­ßend ver­plan­ten Wochen ist die­se Schwel­le hier nicht über­schrit­ten.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 11. April 2019 – 6 AZR 249/​18

  1. vgl. hier­zu BAG 25.04.2013 – 6 AZR 800/​11, Rn. 18 ff.; 23.03.2017 – 6 AZR 161/​16, Rn.20 ff., BAGE 158, 360
  2. vgl. BAG 18.07.1990 – 4 AZR 295/​89, zu II 2 der Grün­de
  3. vgl. BAG 25.04.2013 – 6 AZR 800/​11, Rn. 30 mwN; 20.04.2005 – 10 AZR 302/​04, zu II 1 b der Grün­de; vgl. auch Bur­ger in Bur­ger TVöD/​TV‑L 3. Aufl. § 7 Rn. 8; Speng­ler in Hahn/​Pfeiffer/​Schubert Arbeits­zeit­recht 2. Aufl. § 7 TVöD Rn. 4; Wahlers PersV 2014, 379, 381 f.
  4. vgl. BAG 24.09.2008 – 10 AZR 140/​08, Rn.19; Breier/​Dassau/​Kiefer/​Lang/​Langenbrinck TVöD Stand August 2013 Teil B 1 § 7 Rn. 4; Clemens/​Scheuring/​Steingen/​Wiese TVöD Stand Mai 2014 Teil II/​1 § 7 Rn. 3; Fie­berg in Fürst GKÖD Bd. IV Stand Novem­ber 2012 E § 7 Rn. 13; aA Bredemeier/​Neffke/​Cerff TVöD/​TV‑L 5. Aufl. § 7 TVöD Rn. 4; Beck­OK TVöD/​Goodson Stand 1.06.2008 TVöD-AT § 7 Rn. 7a
  5. BAG 6.09.2018 – 6 AZR 204/​17, Rn. 28; 25.04.2013 – 6 AZR 800/​11, Rn. 26; Breier/​Dassau/​Kiefer/​Lang/​Langenbrinck TVöD Stand Dezem­ber 2013 Teil B 4 § 9 TV‑V Rn. 77; Fie­berg in Fürst GKÖD Bd. IV Stand April 2019 E § 7 Rn. 68a; Gescher ZMV 2015, 13, 14; Roß­bruch Anm. PflR 2013, 755, 757; Stei­ni­gen ZTR 2013, 427, 428; Wahlers PersV 2014, 379, 381
  6. vgl. BAG 25.04.2013 – 6 AZR 800/​11, Rn. 3, 28, 38 f.
  7. eben­so Breier/​Dassau/​Kiefer/​Lang/​Langenbrinck TVöD Stand Dezem­ber 2013 Teil B 1 § 7 Rn. 110
  8. vgl. BAG 25.04.2013 – 6 AZR 800/​11, Rn. 28, 31
  9. vgl. BAG 25.04.2013 – 6 AZR 800/​11, Rn. 38