Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung in der Kom­mu­nal­ver­wal­tung

Die in der Dienst­stel­le ver­tre­te­nen Gewerk­schaf­ten sind nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richt gemäß § 94 Abs. 6 Satz 2 SGB IX, § 25 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PersVG nicht berech­tigt, die Wahl der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung anzu­fech­ten.

Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung in der Kom­mu­nal­ver­wal­tung

Nach § 94 Abs. 6 Satz 2 SGB IX gel­ten für die Anfech­tung der Wahl der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung die Vor­schrif­ten über die Anfech­tung der Wahl des Per­so­nal­rats sinn­ge­mäß. Nach der bei der Anfech­tung der Per­so­nal­rats­wahl in der Dienst­stel­le der Arbeit­ge­be­rin anzu­wen­den­den Bestim­mung in § 25 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PersVG sind – eben­so wie nach § 25 Abs. 1 Satz 1 BPersVG – min­des­tens drei Wahl­be­rech­tig­te, jede in der Dienst­stel­le ver­tre­te­ne Gewerk­schaft und der Dienst­stel­len­lei­ter berech­tigt, die Wahl des Per­so­nal­rats anzu­fech­ten. Trotz der Ver­wei­sung in § 94 Abs. 6 Satz 2 SGB IX auf die­se Bestim­mung besteht bei der Wahl der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung – anders als bei der Per­so­nal­rats­wahl – kein Anfech­tungs­recht der in der Dienst­stel­le ver­tre­te­nen Gewerk­schaf­ten [1]. Dies ergibt die Aus­le­gung von § 94 Abs. 6 Satz 2 SGB IX und § 25 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PersVG.

§ 94 Abs. 6 Satz 2 SGB IX bestimmt für die Anfech­tung der Wahl der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung die „sinn­ge­mä­ße“ Anwen­dung der Vor­schrif­ten über die Anfech­tung von Per­so­nal­rats­wah­len. Die in Bezug genom­me­nen per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Bestim­mun­gen sind daher nicht in strik­ter und aus­schließ­li­cher Befol­gung ihres Wort­lauts anzu­wen­den, son­dern unter Berück­sich­ti­gung des mit ihnen ver­folg­ten Zwecks. Eben­so wie bei einer Ver­wei­sung, die die „ent­spre­chen­de“ Anwen­dung einer Norm anord­net, sind „die ein­zel­nen Ele­men­te des durch die Ver­wei­sung gere­gel­ten und des­je­ni­gen Tat­be­stan­des, auf des­sen Rechts­fol­gen ver­wie­sen wird, so mit­ein­an­der in Bezie­hung zu set­zen, dass den jeweils nach ihrer Funk­ti­on, ihrer Stel­lung und Sinn­zu­sam­men­hang des Tat­be­stan­des gleich zu erach­ten­den Ele­men­ten jeweils die glei­che Rechts­fol­ge zuge­ord­net wird“ [2]. Unsach­ge­mä­ße Gleich­set­zun­gen sind zu ver­mei­den. Von der Sache her gebo­te­ne Dif­fe­ren­zie­run­gen dür­fen nicht aus­ge­schlos­sen wer­den [3]. Die für die Anfech­tung der Per­so­nal­rats­wahl gel­ten­den Vor­schrif­ten sind daher für die Anfech­tung der Wahl der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung in der Wei­se anzu­wen­den, dass den bei der Wahl der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung bestehen­den Beson­der­hei­ten gegen­über der Per­so­nal­rats­wahl Rech­nung getra­gen wird. Dem­entspre­chend ist zB die Wahl der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung ent­ge­gen dem Wort­laut des § 25 Abs. 1 Sächs­PersVG nicht beim Ver­wal­tungs­ge­richt, son­dern beim Arbeits­ge­richt anzu­fech­ten [4].

Bei die­sem Ver­ständ­nis der Ver­wei­sungs­norm in § 94 Abs. 6 Satz 2 SGB IX ergibt sich unter Berück­sich­ti­gung der Zweck­set­zung der in Bezug genom­me­nen Rege­lung in § 25 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PersVG, dass die in der Dienst­stel­le ver­tre­te­nen Gewerk­schaf­ten nicht berech­tigt sind, die Wahl der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung anzu­fech­ten.

Die in § 25 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PersVG nor­mier­te Berech­ti­gung der in der Dienst­stel­le ver­tre­te­nen Gewerk­schaf­ten, die Wahl des Per­so­nal­rats anzu­fech­ten, beruht dar­auf, dass den Gewerk­schaf­ten bei der Wahl des Per­so­nal­rats nach dem Per­so­nal­ver­tre­tungs­recht eige­ne Rech­te zuste­hen. Die in der Dienst­stel­le ver­tre­te­nen Gewerk­schaf­ten haben nach § 19 Abs. 4 Sächs­PersVG das Recht, Wahl­vor­schlä­ge zu machen. Nach § 21 Satz 1 Sächs­PersVG kön­nen die Gewerk­schaf­ten beim Dienst­stel­len­lei­ter die Ein­be­ru­fung einer Per­so­nal­ver­samm­lung zur Wahl eines Wahl­vor­stands bean­tra­gen, wenn neun Wochen vor Ablauf der Amts­zeit kein Wahl­vor­stand besteht. Nach § 22 Sächs­PersVG kann eine in der Dienst­stel­le ver­tre­te­ne Gewerk­schaft beim Dienst­stel­len­lei­ter die Bestel­lung des Wahl­vor­stands bean­tra­gen, wenn eine Per­so­nal­ver­samm­lung ent­ge­gen § 21 Sächs­PersVG nicht statt­fin­det oder sie kei­nen Wahl­vor­stand wählt. Die­sen den Gewerk­schaf­ten zuste­hen­den eige­nen per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Rechts­po­si­tio­nen bei der Wahl des Per­so­nal­rats ent­spricht es, dass ihnen nach § 25 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PersVG ein eigen­stän­di­ges Recht zur Anfech­tung der Wahl zusteht. Dies dient der Gewähr­leis­tung eines effek­ti­ven Rechts­schut­zes, da die Gewerk­schaf­ten die ihnen ein­ge­räum­ten Rech­te ansons­ten prak­tisch nicht durch­set­zen könn­ten.

Das SGB IX und die Wahl­ord­nung gewäh­ren den in der Dienst­stel­le ver­tre­te­nen Gewerk­schaf­ten hin­ge­gen bei der Wahl der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung kei­ne eige­nen Rech­te. Auch in § 99 SGB IX, der die Zusam­men­ar­beit der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung mit dem Arbeit­ge­ber und sons­ti­gen in den Betrie­ben und Dienst­stel­len bestehen­den Stel­len regelt, wer­den Gewerk­schaf­ten nicht erwähnt. Den feh­len­den eige­nen gesetz­li­chen Befug­nis­sen der in der Dienst­stel­le ver­tre­te­nen Gewerk­schaf­ten bei der Wahl der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung ent­spricht bei einer sinn­ge­mä­ßen Anwen­dung der Vor­schrif­ten über die Anfech­tung der Per­so­nal­rats­wahl die feh­len­de Berech­ti­gung der Gewerk­schaf­ten zur Anfech­tung der Wahl. Es ist weder zur Siche­rung eige­ner Rech­te der Gewerk­schaf­ten noch aus sons­ti­gen Grün­den ver­an­lasst, den in der Dienst­stel­le ver­tre­te­nen Gewerk­schaf­ten als an der Wahl Unbe­tei­lig­ten ein eige­nes Anfech­tungs­recht zuzu­er­ken­nen. Dies ist auch nicht aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den gebo­ten. Durch die feh­len­de Anfech­tungs­be­rech­ti­gung bei der Wahl der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung wird die durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te koali­ti­ons­mä­ßi­ge Betä­ti­gung der Gewerk­schaf­ten, die sich auch auf den Bereich der Per­so­nal­ver­tre­tung erstreckt, nicht ein­ge­schränkt. Die Gewerk­schaf­ten kön­nen auch ohne eige­nes Wahl­an­fech­tungs­recht die Bil­dung einer Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung in der Dienst­stel­le för­dern und hier­für wer­ben.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 29.07.2009 – 7 ABR 25/​08

  1. eben­so: OVG Müns­ter 7. April 2004 – 1 A 4778/​03.PVL – zu II der Grün­de, Behin­der­ten­recht 2006, 20; VG Ans­bach 4. Sep­tem­ber 1995 – AN 8 P 94.02216 – PersV 1996, 370, 371; Kossens/​von der Heide/​Maaß SGB IX 3. Aufl. § 94 Rn. 32; Neu­man­n/­Pah­len/­Ma­jer­ski-Pah­len SGB IX 11. Aufl. § 94 Rn. 42; GK-SGB IX/​Schimanski Stand Juni 2009 § 94 Rn. 142a; aA Mül­ler-Wen­ner/­Schorn SGB IX § 94 Rn. 45; Hoh­mann in Wie­gand SGB IX Stand März 2008 § 94 Rn. 156; offen gelas­sen von Dau/​Düwell/​Haines SGB IX 2. Aufl. § 94 Rn. 49[]
  2. Larenz, Metho­den­leh­re der Rechts­wis­sen­schaft, 6. Aufl., S. 261[]
  3. vgl. Larenz aaO[]
  4. vgl. hier­zu BAG, 11.11.2003 – 7 AZB 40/​03 – AP SGB IX § 94 Nr. 1 = EzA ArbGG 1979 § 2a Nr. 5[]