Son­der­kün­di­gungs­schutz bei Schwer­be­hin­de­rung

Gemäß § 85 SGB IX bedarf die Kün­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses eines schwer­be­hin­der­ten Men­schen durch den Arbeit­ge­ber der vor­he­ri­gen Zustim­mung des Inte­gra­ti­ons­amts. Das gilt unein­ge­schränkt auch für die außer­or­dent­li­che Kün­di­gung, § 91 Abs. 1 SGB IX.

Son­der­kün­di­gungs­schutz bei Schwer­be­hin­de­rung

Aller­dings fin­det das Zustim­mungs­er­for­der­nis nach § 90 Abs. 2a SGB IX dann kei­ne Anwen­dung, wenn zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kün­di­gung die Eigen­schaft als schwer­be­hin­der­ter Mensch nicht nach­ge­wie­sen ist oder das Ver­sor­gungs­amt nach Ablauf der Frist des § 69 Abs. 1 Satz 2 SGB IX eine Fest­stel­lung wegen feh­len­der Mit­wir­kung nicht tref­fen konn­te. Das Ein­grei­fen des Son­der­kün­di­gungs­schut­zes setzt damit grund­sätz­lich vor­aus, dass im Zeit­punkt des Zugangs der Kün­di­gung ent­we­der die Schwer­be­hin­de­rung bereits aner­kannt (oder eine Gleich­stel­lung erfolgt) ist oder die Stel­lung des Antrags auf Aner­ken­nung der Schwer­be­hin­de­rung (bzw. auf Gleich­stel­lung) min­des­tens drei Wochen zurück­liegt 1.

Ist der Arbeit­neh­mer im Kün­di­gungs­zeit­punkt bereits als schwer­be­hin­der­ter Mensch aner­kannt, steht ihm der Kün­di­gungs­schutz gemäß §§ 85 ff. SGB IX nach dem Wort­laut des Geset­zes auch dann zu, wenn der Arbeit­ge­ber von der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft oder dem Aner­ken­nungs­an­trag nichts wuss­te. Das ergibt sich schon dar­aus, dass § 85 iVm. § 2 SGB IX mit der „Schwer­be­hin­de­rung“ ohne­hin auf einen objek­ti­ven Grad der Behin­de­rung und nicht auf des­sen behörd­li­che Fest­stel­lung abstellt 2.

Gleich­wohl trifft den Arbeit­neh­mer – sowohl im Fall der außer­or­dent­li­chen als auch der ordent­li­chen Kün­di­gung – bei Unkennt­nis des Arbeit­ge­bers von der Schwer­be­hin­de­rung bzw. der Antrag­stel­lung die Oblie­gen­heit, inner­halb einer ange­mes­se­nen Frist – die in der Regel drei Wochen beträgt – auf den beson­de­ren Kün­di­gungs­schutz hin­zu­wei­sen 3. Dies trägt dem Ver­wir­kungs­ge­dan­ken (§ 242 BGB) Rech­nung und ist aus Grün­den des Ver­trau­ens­schut­zes gerecht­fer­tigt 4. Der Arbeit­ge­ber, der kei­ne Kennt­nis von dem bestehen­den oder mög­li­chen Schutz­tat­be­stand hat, hat kei­nen Anlass, eine behörd­li­che Zustim­mung zur Kün­di­gung ein­zu­ho­len. Je nach dem Stand des Ver­fah­rens beim Ver­sor­gungs­amt ist ihm dies sogar unmög­lich. Das Erfor­der­nis, sich zeit­nah auf den beson­de­ren Kün­di­gungs­schutz zu beru­fen, ist geeig­net, einer Über­for­de­rung des Arbeit­ge­bers vor­zu­beu­gen. Die­ser müss­te ande­ren­falls vor Kün­di­gun­gen stets vor­sorg­lich einen Antrag auf Zustim­mung beim Inte­gra­ti­ons­amt stel­len, damit nicht der beson­de­re Schutz­tat­be­stand ggf. erst nach län­ge­rer Pro­zess­dau­er offen­bar wird. Das Erfor­der­nis trägt zugleich dem Gebot der Rechts­si­cher­heit Rech­nung 5.

Eine Ein­schrän­kung der Mög­lich­keit des Arbeit­neh­mers, sich auf den Kün­di­gungs­schutz als schwer­be­hin­der­ter Mensch zu beru­fen, ist aber nur gerecht­fer­tigt, wenn der Arbeit­ge­ber tat­säch­lich schutz­be­dürf­tig ist. Das ist hier nicht der Fall.

Das Rechts­in­sti­tut der Ver­wir­kung ver­folgt nicht den Zweck, den Schuld­ner stets dann von sei­ner Ver­pflich­tung zu befrei­en, wenn der Gläu­bi­ger sich län­ge­re Zeit nicht auf sei­ne Rech­te beru­fen hat (Zeit­mo­ment). Der Gläu­bi­ger muss viel­mehr unter Umstän­den untä­tig geblie­ben sein, die den Ein­druck erweckt haben, er wol­le sein Recht nicht mehr wahr­neh­men, so dass der Ver­pflich­te­te sich dar­auf ein­stel­len durf­te, nicht mehr in Anspruch genom­men zu wer­den (Umstands­mo­ment). Hier­bei muss das Bedürf­nis nach Ver­trau­ens­schutz auf Sei­ten des Ver­pflich­te­ten das Inter­es­se an der Rechts­aus­übung auf Sei­ten des Berech­tig­ten der­art über­wie­gen, dass ers­te­rem die Erfül­lung sei­ner Ver­pflich­tung nicht mehr zuzu­mu­ten ist 6.

Danach kann der Arbeit­ge­ber regel­mä­ßig kei­nen Ver­trau­ens­schutz für sich in Anspruch neh­men, wenn er die Schwer­be­hin­de­rung oder den Antrag vor Aus­spruch der Kün­di­gung kann­te und des­halb mit dem Zustim­mungs­er­for­der­nis rech­nen muss­te 7. Der Arbeit­ge­ber ist auch dann nicht schutz­be­dürf­tig, wenn die Schwer­be­hin­de­rung des Arbeit­neh­mers offen­kun­dig ist und er des­halb auch ohne Kennt­nis von Aner­ken­nung oder Antrag­stel­lung Anlass hat­te, vor­sorg­lich die Zustim­mung zur Kün­di­gung zu bean­tra­gen 8.

§ 90 Abs. 2a SGB IX ver­langt nicht, dass der Arbeit­neh­mer dem Arbeit­ge­ber den Bescheid über die Schwer­be­hin­de­rung vor­legt, damit der Son­der­kün­di­gungs­schutz erhal­ten bleibt. Aus­rei­chend ist die objek­ti­ve Exis­tenz eines geeig­ne­ten Beschei­des, der die Schwer­be­hin­de­rung nach­weist 9. Der Arbeit­ge­ber, der die Schwer­be­hin­de­rung des Arbeit­neh­mers im Kün­di­gungs­zeit­punkt nicht kennt, ist aus­rei­chend durch die vom Senat ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze zur Ver­wir­kung geschützt. Bezwei­felt er die ihm mit­ge­teil­te Schwer­be­hin­de­rung oder Antrag­stel­lung, kann er die Aner­ken­nung bestrei­ten und sich auf die­se Wei­se Klar­heit ver­schaf­fen 10. Hat der Arbeit­neh­mer vor­pro­zes­su­al eine Antrag­stel­lung behaup­tet, kann der Arbeit­ge­ber beim Inte­gra­ti­ons­amt vor­sorg­lich einen Antrag auf Zustim­mung zur Kün­di­gung stel­len. Erhält er auf sei­nen form- und frist­ge­recht gestell­ten Antrag ein Nega­ti­vat­test, besei­tigt die­ses, jeden­falls wenn es bestands­kräf­tig ist, die Kün­di­gungs­sper­re 11.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 9. Juni 2011 – 2 AZR 703/​09

  1. BAG 29.11.2007 – 2 AZR 613/​06, Rn. 15, AP SGB IX § 90 Nr. 5 = EzA SGB IX § 90 Nr. 3; 01.03.2007 – 2 AZR 217/​06, BAGE 121, 335[]
  2. BAG 6.09. 2007 – 2 AZR 324/​06, Rn. 24, BAGE 124, 43; 12.01.2006 – 2 AZR 539/​05, Rn. 15, AP SGB IX § 85 Nr. 3 = EzA SGB IX § 85 Nr. 5[]
  3. vgl. BAG 23.02.2010 – 2 AZR 659/​08, Rn. 16, AP SGB IX § 85 Nr. 8 = EzA SGB IX § 85 Nr. 6; 12.01.2006 – 2 AZR 539/​05, zu II 3 b der Grün­de, AP SGB IX § 85 Nr. 3 = EzA SGB IX § 85 Nr. 5[]
  4. BAG 13.02.2008 – 2 AZR 864/​06, Rn. 16, BAGE 125, 345; 20.01.2005 – 2 AZR 675/​03, zu II 3 a der Grün­de, AP SGB IX § 85 Nr. 1 = EzA SGB IX § 85 Nr. 3[]
  5. BAG 20.01.2005 – 2 AZR 675/​03, zu II 3 a der Grün­de, aaO[]
  6. BAG 15.02.2007 – 8 AZR 431/​06, Rn. 42, BAGE 121, 289[]
  7. vgl. BAG 23.02.2010 – 2 AZR 659/​08, Rn. 16, AP SGB IX § 85 Nr. 8 = EzA SGB IX § 85 Nr. 6; 6.09. 2007 – 2 AZR 324/​06, Rn. 25, BAGE 124, 43[]
  8. BAG 13.02.2008 – 2 AZR 864/​06, Rn. 15, 20, BAGE 125, 345[]
  9. BAG 11.12. 2008 – 2 AZR 395/​07, Rn. 28, BAGE 129, 25[]
  10. BAG 11.12. 2008 – 2 AZR 395/​07 – aaO[]
  11. BAG 6.09. 2007 – 2 AZR 324/​06, Rn. 15, BAGE 124, 43[]