Stu­fen­wei­se Abschaf­fung des Ster­be­gel­des in der VBL

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt blieb jetzt eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die stu­fen­wei­se Abschaf­fung des Ster­be­gel­des durch die VBL ohne erfolg, das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an.

Stu­fen­wei­se Abschaf­fung des Ster­be­gel­des in der VBL

Die Ver­sor­gungs­an­stalt des Bun­des und der Län­der ist eine Zusatz­ver­sor­gungs­ein­rich­tung für Beschäf­tig­te des öffent­li­chen Diens­tes. Sie hat die Auf­ga­be, Arbeit­neh­mern der an ihr betei­lig­ten Arbeit­ge­ber im Wege pri­vat­recht­li­cher Ver­si­che­rung eine Alters‑, Erwerbs­min­de­rungs- und Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung zu gewäh­ren.

Bis zum 31. Dezem­ber 2001 stand nach der alten Sat­zung der VBL Ange­hö­ri­gen beim Tod von Ver­sor­gungs­ren­ten­be­rech­tig­ten ein Anspruch auf Ster­be­geld zu. Einen Ster­be­geld­an­spruch hat­ten auch Ver­sor­gungs­ren­ten­be­rech­tig­te beim Verster­ben ihrer Ehe­gat­ten und Ange­hö­ri­ge bei Verster­ben von ver­wit­we­ten Ver­sor­gungs­ren­ten­be­rech­tig­ten.

Mit Neu­fas­sung ihrer Sat­zung vom 22. Novem­ber 2002 stell­te die VBL ihr Zusatz­ver­sor­gungs­sys­tem um. Im Zuge des­sen wur­de das Ster­be­geld ab dem Jahr 2002 stu­fen­wei­se bis zu des­sen gänz­li­chem Weg­fall im Jahr 2008 abge­baut.

Der Beschwer­de­füh­rer war bei der VBL pflicht­ver­si­chert. Seit 1999 bezieht er von der VBL betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung. Sei­ne gegen die VBL gerich­te­te Kla­ge auf Fest­stel­lung, dass die­se wei­ter­hin zur Ster­be­geld­zah­lung nach der alten Sat­zung ver­pflich­tet ist, hat­te sowohl erst­in­stanz­lich vor dem Amts­ge­richt Karls­ru­he [1] wie auch in der Beru­fungs­in­stanz vor dem Land­ge­richt Karls­ru­he [2] und in der Revi­si­on vor dem Bun­des­ge­richts­hof [3] kei­nen Erfolg.

Hier­ge­gen wen­det sich der Beschwer­de­füh­rer. Er sieht sich durch den stu­fen­wei­sen Weg­fall des Ster­be­gel­des in sei­nem Eigen­tums­recht und sei­ner wirt­schaft­li­chen Hand­lungs­frei­heit ver­letzt. Es lie­ge eine unver­hält­nis­mä­ßi­ge, ech­te Rück­wir­kung vor. Als Rent­ner habe man sei­ne Arbeits­leis­tung bereits voll­stän­dig erbracht und auf das über Jahr­zehn­te unver­än­dert geblie­be­ne Ster­be­geld ver­traut. Der Weg­fall des Ster­be­gel­des lie­ße sich dann nicht mehr durch eige­ne Vor­sor­ge auf­fan­gen.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men:

Die Rege­lung ver­stößt, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Nicht­a­nah­me­be­schluss, nicht gegen das ver­fas­sungs­recht­li­che Rück­wir­kungs­ver­bot. Dabei kann dahin­ge­stellt blei­ben, ob die Urtei­le durch die Ver­nei­nung des Anspruchs auf Ster­be­geld nach § 58 VBLS a.F. in das Grund­recht des Beschwer­de­füh­rers auf Eigen­tum aus Art. 14 Abs. 1 GG ein­grei­fen oder am Maß­stab des all­ge­mei­nen Frei­heits­rechts des Art. 2 Abs. 1 GG zu mes­sen sind [4]. Es ist ver­fas­sungs­recht­lich jeden­falls nicht zu bean­stan­den, wenn der Bun­des­ge­richts­hof meint, der stu­fen­wei­se Weg­fall des Ster­be­gelds genü­ge den Anfor­de­run­gen an den Grund­satz des Ver­trau­ens­schut­zes, der das Rechts­staats­prin­zip aus Art. 20 Abs. 3 GG als Rück­wir­kungs­ver­bot aus­prägt [5].

Der Bun­des­ge­richts­hof geht in ver­tret­ba­rer Wei­se davon aus, § 85 VBLS, auf dem die ange­grif­fe­nen gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen basie­ren, nor­mie­re einen Fall unech­ter Rück­wir­kung. Die­ser liegt vor, wenn eine Norm auf gegen­wär­ti­ge, noch nicht abge­schlos­se­ne Sach­ver­hal­te und Rechts­be­zie­hun­gen für die Zukunft ein­wirkt und damit zugleich die betrof­fe­ne Rechts­po­si­ti­on nach­träg­lich ent­wer­tet [6]. Die hier in Rede ste­hen­de Rege­lung nimmt Ansprü­che auf Ster­be­geld für die Zukunft. Dies sind gegen­wär­ti­ge, aber noch nicht abge­schlos­se­ne Sach­ver­hal­te, da die Ansprü­che an die Ver­si­che­rungs­zeit und damit an eine Bei­trags­zah­lung sowie den dar­aus resul­tie­ren­den Bezug der Ver­sor­gungs­ren­te anknüp­fen, jedoch erst mit Ein­tritt des Todes­falls ent­ste­hen. Das steht jeden­falls im Ein­klang mit den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Hin­ter­blie­be­nen­ren­te für Ehe­leu­te [7] und zum Ver­sor­gungs­aus­gleich [8].

Die grund­sätz­lich zuläs­si­ge unech­te Rück­wir­kung ist hier nicht aus­nahms­wei­se unzu­läs­sig. Die Betrof­fe­nen konn­ten mit der Rege­lung rech­nen und die­se auch han­delnd berück­sich­ti­gen [9], denn § 14 VBLS a.F. ent­hielt einen Ände­rungs­vor­be­halt, von dem der Sat­zungs­ge­ber bezie­hungs­wei­se die Tarif­ver­trags­par­tei­en in der Ver­gan­gen­heit auch Gebrauch gemacht haben. Auch ist in Anwart­schaf­ten von vorn­her­ein die Mög­lich­keit von Ände­run­gen ange­legt [10] und zur Anpas­sung an ver­än­der­te gesell­schaft­li­che und wirt­schaft­li­che Ver­hält­nis­se sind auch ein­zel­ne ver­si­che­rungs­recht­li­che Posi­tio­nen angleich­bar und aus­tausch­bar [11].

Zudem war das Ver­trau­en der Betrof­fe­nen nicht schutz­wür­di­ger als das mit der Rege­lung ver­folg­te Anlie­gen. Die Abschaf­fung des Ster­be­gelds war zur Errei­chung des Rege­lungs­zwecks geeig­net und erfor­der­lich und die Bestands­in­ter­es­sen der Betrof­fe­nen über­wie­gen nicht die Ver­än­de­rungs­grün­de des Gesetz­ge­bers [12]. Die Neu­re­ge­lung dient als Teil der ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­si­gen Umstruk­tu­rie­rung von der umla­ge­fi­nan­zier­ten Ver­sor­gungs­ren­te auf die bei­trags­ori­en­tier­te Betriebs­ren­te [13], der finan­zi­el­len Kon­so­li­die­rung der VBL und damit der Zukunfts­si­che­rung der Alters­ver­sor­gung für den öffent­li­chen Dienst. Nach dem Ver­sor­gungs­be­richt der Bun­des­re­gie­rung war zu erwar­ten, dass die Aus­ga­ben für Ver­sor­gungs­leis­tun­gen bei der VBL im Gesamt­pro­gno­se­zeit­raum von 2000 bis 2040 je nach Ein­kom­men­s­trend um rund 320 % bis 472 % stei­gen [14]. Spä­ter kor­ri­gier­te die Bun­des­re­gie­rung die­se Pro­gno­se nach oben und kon­sta­tier­te, dass der vor­aus­sicht­lich dra­ma­ti­sche Kos­ten­an­stieg die Finan­zier­bar­keit infra­ge stel­le und eine Reform unver­meid­lich sei [15]. Es ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass sie zu einem auch vom Beschwer­de­füh­rer kon­sta­tier­ten Anstieg der Rück­la­gen zum 31.12.2003 bei­trägt, der ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beschwer­de­füh­rers nicht vor, son­dern nach der Reform erfolg­te.

Zwar hat der Beschwer­de­füh­rer wie ande­re Inha­ber von Ster­be­geld­an­wart­schaf­ten auch auf das Ent­ste­hen des Ster­be­geld­an­spruchs mit dem Todes­fall ver­traut. Schließ­lich besteht der Ster­be­geld­an­spruch auf­grund einer jahr­zehn­te­lan­gen Tra­di­ti­on [16]. Doch war es Bestands­rent­nern wie dem Beschwer­de­füh­rer zumut­bar, sich auf den Weg­fall des Ster­be­gelds in der Über­gangs­zeit von sechs Jah­ren ein­zu­stel­len.

Auch im Hin­blick auf die gebo­te­ne völ­ker­rechts­freund­li­che Aus­le­gung des Grund­ge­set­zes [17] ergibt sich nichts ande­res. Die Aus­füh­run­gen des Bun­des­ge­richts­hofs zu Art. 1 1. ZP zur EMRK sind ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Aus Art. 1 1. ZP zur EMRK erge­ben sich hier kei­ne Anfor­de­run­gen, die wei­ter rei­chen als die­je­ni­gen, die nach dem Grund­ge­setz an eine Rück­wir­kung zu stel­len sind [18].

Anhalts­punk­te für eine Ver­let­zung von ande­ren Grund­rech­ten oder grund­rechts­glei­chen Rech­ten sind nicht gege­ben. Das gilt ins­be­son­de­re für Art. 3 Abs. 1 GG, denn eine ver­fas­sungs­recht­lich rele­van­te Ungleich­be­hand­lung ist weder vor­ge­tra­gen noch ersicht­lich.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom vom 20. Juli 2011 – 1 BvR 2624/​05

  1. AG Karls­ru­he, Urteil vom 05.09.2003 – 2 C 545/​02[]
  2. LG Karls­ru­he, Urteil vom 14.05.2004 – 6 S 21/​03[]
  3. BGH, Urteil vom 14.09.2005 – IV ZR 198/​04[]
  4. vgl. zum Ster­be­geld im Rah­men der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung BVerfG, Beschluss vom 22.12.1992 – 1 BvR 1582/​91[]
  5. vgl. BVerfGE 72, 175, 196[]
  6. vgl. BVerfGE 101, 239, 263; 122, 374, 394[]
  7. BVerfGE 97, 271, 284 f.[]
  8. BVerfGE 89, 48, 66[]
  9. vgl. BVerfGE 68, 287, 307[]
  10. vgl. zur Alters­ren­te BVerfGE 122, 151, 182; zur Erwerbs­min­de­rungs­ren­te BVerfG, Beschluss vom 11.01.2011 – 1 BvR 3588/​08, 1 BvR 555/​09[]
  11. vgl. BVerfGE 11, 221, 227[]
  12. vgl. BVerfGE 101, 239, 263; 103, 392, 403; 122, 374, 394[]
  13. vgl. BVerfGE 122, 151, 174 ff.[]
  14. BT-Drucks 14/​7220, S. 121[]
  15. BT-Drucks 14/​7220, S. 152[]
  16. vgl. BVerfGE 72, 9, 23, 24[]
  17. vgl. BVerfGE 74, 358, 370; 112, 1, 41 ff.; BVerfG, Urteil vom 04.05.2011 – 2 BvR 2333/​08, 2 BvR 2365/​09, 2 BvR 571/​10 2 BvR 740/​10, 2 BvR 1152/​10, C I 1 b der Grün­de[]
  18. vgl. EGMR, Urteil vom 20.11.1995 – 38/​1994/​485/​567 [Pres­sos Com­pa­nia Navie­ra S.A. ua/​Bel­gi­en]; Urteil vom 30.06.2005 – 45036/​98 [Bos­pho­rus Hava Yol­la­ri Tur­zim ve Tica­ret Anonim Sirketi/​Irland], Rn. 149; Ent­schei­dung vom 02.02.2006 – 51466/​99, 70130/​01 [Buch­heit und Meinberg/​Deutschland], Rn. 45[]