Stu­fen­zu­ord­nung bei Lan­des­be­diens­te­ten­ge­mäß

Ist die Pri­vi­le­gie­rung der beim sel­ben Arbeit­ge­ber erwor­be­nen ein­schlä­gi­gen Berufs­er­fah­rung trotz Aus­lands­be­zugs iSd. Art. 45 AEUV zuläs­sig? Die­se Fra­ge hat dem­nächst der Gerichts­hof der Euro­päi­sche Uni­on auf eine Vor­la­ge des Bun­des­ar­beits­ge­richts zu ent­schei­den.

Stu­fen­zu­ord­nung bei Lan­des­be­diens­te­ten­ge­mäß

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on wird gemäß Art. 267 des Ver­trags über die Arbeits­wei­se der Euro­päi­schen Uni­on (AEUV) um die Beant­wor­tung der fol­gen­den Fra­ge ersucht:

Sind Art. 45 Abs. 2 AEUV und Art. 7 Abs. 1 der Ver­ord­nung (EU) Nr. 492/​2011 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 05.04.2011 über die Frei­zü­gig­keit der Arbeit­neh­mer inner­halb der Uni­on dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass sie einer Rege­lung wie der in § 16 Abs. 2 TV‑L getrof­fe­nen ent­ge­gen­ste­hen, wonach die bei dem bis­he­ri­gen Arbeit­ge­ber erwor­be­ne ein­schlä­gi­ge Berufs­er­fah­rung bei der Zuord­nung zu den Stu­fen eines tarif­li­chen Ent­gelt­sys­tems nach der Wie­der­ein­stel­lung pri­vi­le­giert wird, indem die­se Berufs­er­fah­rung gemäß § 16 Abs. 2 Satz 2 TV‑L unein­ge­schränkt aner­kannt wird, wäh­rend die bei ande­ren Arbeit­ge­bern erwor­be­ne ein­schlä­gi­ge Berufs­er­fah­rung gemäß § 16 Abs. 2 Satz 3 TV‑L nur mit höchs­tens drei Jahen berück­sich­tigt wird, wenn die­se Pri­vi­le­gie­rung durch Para­graph 4 Nr. 4 der am 18.03.1999 geschlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über befris­te­te Arbeits­ver­trä­ge, die im Anhang der Richt­li­nie 1999/​70/​EG des Rates vom 28.06.1999 zu der EGB-UNI­CE-CEEP-Rah­men­ver­ein­ba­rung über befris­te­te Arbeits­ver­trä­ge ent­hal­ten ist, uni­ons­recht­lich gebo­ten ist?

In dem beim Bun­des­ar­beits­ge­richt anhän­gi­gen Ver­fah­ren strei­te die Par­tei­en über die Berück­sich­ti­gung von Zei­ten ein­schlä­gi­ger Berufs­er­fah­rung aus einem vor­he­ri­gen Arbeits­ver­hält­nis in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on bei der Stu­fen­zu­ord­nung im Ent­gelt­sys­tem des Tarif­ver­trags für den öffent­li­chen Dienst der Län­der (TV‑L).

Die beim beklag­ten Land ange­stell­te Leh­re­rin war von 1997 bis 2014 unun­ter­bro­chen in Frank­reich als Leh­re­rin tätig. Weni­ger als sechs Mona­te nach dem Ende die­ser Tätig­keit trat sie als Leh­re­rin in den Schul­dienst des beklag­ten Lan­des ein. Die­ses zahl­te der Leh­re­rin in Anwen­dung des § 16 Abs. 2 Satz 3 TV‑L Ent­gelt nach der Stu­fe 3 der Ent­gelt­grup­pe 11 TV‑L ab dem Tag der Ein­stel­lung, da die Leh­re­rin über in Frank­reich erwor­be­ne min­des­tens drei­jäh­ri­ge ein­schlä­gi­ge Berufs­er­fah­rung ver­füg­te. Die Leh­re­rin bean­spruch­te dem­ge­gen­über die voll­stän­di­ge Berück-sich­ti­gung ihrer ein­schlä­gi­gen Berufs­er­fah­rung und daher Ent­gelt nach Stu­fe 5 der Ent­gelt­ta­bel­le. Dies lehn­te das beklag­te Land ab. Es gestand aber zu, dass die Berufs­er­fah­rungs­zei­ten der Leh­re­rin, hät­te sie sie beim beklag­ten Land zurück­ge­legt, nach § 16 Abs. 2 Satz 2 TV‑L die begehr­te Stu­fen­zu­ord­nung zur Fol­ge gehabt hät­te.

Mit ihrer Kla­ge hat die Leh­re­rin gel­tend gemacht, die Pri­vi­le­gie­rung der beim sel­ben Arbeit­ge­ber erwor­be­nen ein­schlä­gi­gen Berufs­er­fah­rung bei der Stu­fen­zu­ord­nung in § 16 Abs. 2 TV‑L ver­sto­ße gegen den Gleich­heits­satz des Art. 3 GG und die unmit­tel­bar wir­ken­den uni­ons­recht­li­chen Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keits­be­stim­mun­gen. Das beklag­te Land hat dem­ge­gen­über gemeint, die Pri­vi­le­gie­rung bezwe­cke, den Besitz­stand ins­be­son­de­re zuvor beim sel­ben Arbeit­ge­ber befris­tet Beschäf­tig­ter zu wah­ren. Die auf der Staats­an­ge­hö­rig­keit beru­hen­de mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung sei des­we­gen gerecht­fer­tigt. Das Arbeits­ge­richt hat der Fest­stel­lungs­kla­ge statt­ge­ge­ben, das Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen hat sie abge­wie­sen1

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat nun den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nach Art. 267 AEUV um die Beant­wor­tung einer Fra­ge zur Aus­le­gung von Art. 45 Abs. 2 AEUV sowie Art. 7 Abs. 1 der Ver­ord­nung (EU) Nr. 492/​2011 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 05.04.2011 über die Frei­zü­gig­keit der Arbeit­neh­mer inner­halb der Uni­on ersucht. Für das Bun­des­ar­beits­ge­richt ist ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob die § 16 Abs. 2 TV‑L inne­woh­nen­de Beein­träch­ti­gung der Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit durch den mit der Pri­vi­le­gie­rung der bei dem­sel­ben Arbeit­ge­ber erwor­be­nen ein­schlä­gi­gen Berufs­er­fah­rungs­zei­ten nach § 16 Abs. 2 Satz 2 TV‑L bezweck­ten Schutz befris­tet beschäf­tig­ter Arbeit­neh­mer gerecht­fer­tigt ist. Die­ser Schutz ist wegen Para­graph 4 Nr. 4 der am 18.03.1999 geschlos­se­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung über befris­te­te Arbeits­ver­trä­ge, die im Anhang der Richt­li­nie 1999/​70/​EG des Rates vom 28.06.1999 zu der EGB-UNI­CE-CEEP-Rah­men­ver­ein­ba­rung über befris­te­te Arbeits­ver­trä­ge ent­hal­ten ist, uni­ons­recht­lich gebo­ten. Die Klä­rung der Fra­ge, wie die Kol­li­si­on zwei­er auf unter­schied­li­che Schutz­zie­le gerich­te­ter Norman­wen­dungs­be­feh­le des Uni­ons­rechts auf­zu­lö­sen ist, fällt in die Zustän­dig­keit des EuGH.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 18. Okto­ber 2018 – 6 AZR 232/​17 (A)

  1. LAG Nie­der­sach­sen, 09.03.2017 – 4 Sa 86/​16 E []