Täg­li­che Höchst­ar­beits­zeit für Ret­tungs­sa­ni­tä­ter

Ein Ret­tungs­sa­ni­tä­ter ist nicht ver­pflich­tet, die von der pri­vat­recht­lich orga­ni­sier­ten Arbeit­ge­be­rin ange­ord­ne­ten Schich­ten im Ret­tungs­dienst abzu­leis­ten, soweit sie abwei­chend von § 3 Satz 2 ArbZG eine täg­li­che Arbeits­zeit von zehn Stun­den über­schrei­ten.

Täg­li­che Höchst­ar­beits­zeit für Ret­tungs­sa­ni­tä­ter

Ent­ge­gen der Annah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg 1 kann die Arbeit­ge­be­rin die Anord­nung von Schicht­zei­ten bis zu zwölf Stun­den auch nicht auf § 7 Abs. 2 Nr. 4 und Abs. 3 Satz 3 ArbZG iVm. Abschn. B des Anhangs zu § 9 TVöD (VKA) stüt­zen.

Nach § 3 ArbZG darf die werk­täg­li­che Arbeits­zeit der Arbeit­neh­mer acht Stun­den nicht über­schrei­ten. Sie kann auf bis zu zehn Stun­den nur ver­län­gert wer­den, wenn inner­halb von sechs Kalen­der­mo­na­ten oder inner­halb von 24 Wochen im Durch­schnitt acht Stun­den werk­täg­lich nicht über­schrit­ten wer­den. § 3 ArbZG ist ein Ver­bots­ge­setz iSv. § 134 BGB 2, das den Arbeit­neh­mer vor Über­for­de­rung durch über­mä­ßi­ge zeit­li­che Inan­spruch­nah­me schüt­zen soll. Die Vor­schrift begrün­det ein gesetz­li­ches Beschäf­ti­gungs­ver­bot, auf­grund des­sen es dem Arbeit­ge­ber unter­sagt ist, Arbeits­leis­tun­gen in einem die gesetz­li­chen Höchst­gren­zen über­stei­gen­den Umfang anzu­ord­nen oder ent­ge­gen­zu­neh­men 3. Gemäß § 2 Abs. 1 Satz 1 Halbs. 1 ArbZG ist Arbeits­zeit die Zeit vom Beginn bis zum Ende der Arbeit ohne die Ruhe­pau­sen. Arbeits­be­reit­schaft und Bereit­schafts­dienst sind arbeits­zeit­recht­lich Arbeits­zeit 4. Sie müs­sen bei der Berech­nung des zuläs­si­gen Umfangs der Arbeits­zeit in vol­lem Umfang und nicht nur im Umfang des tat­säch­li­chen Arbeits­ein­sat­zes berück­sich­tigt wer­den 5.

Sofern der Gesund­heits­schutz der Arbeit­neh­mer durch einen ent­spre­chen­den Zeit­aus­gleich gewähr­leis­tet wird, kann gemäß § 7 Abs. 2 Nr. 4 ArbZG in einem Tarif­ver­trag oder auf­grund eines Tarif­ver­trags in einer Betriebs- oder Dienst­ver­ein­ba­rung ua. zuge­las­sen wer­den, die Rege­lung des § 3 ArbZG über die zuläs­si­ge werk­täg­li­che Arbeits­zeit bei Ver­wal­tun­gen und Betrie­ben des Bun­des, der Län­der, der Gemein­den und sons­ti­gen Kör­per­schaf­ten, Anstal­ten und Stif­tun­gen des öffent­li­chen Rechts sowie bei ande­ren Arbeit­ge­bern, die der Tarif­bin­dung eines für den öffent­li­chen Dienst gel­ten­den oder eines im wesent­li­chen inhalts­glei­chen Tarif­ver­trags unter­lie­gen, der Eigen­art der Tätig­keit bei die­sen Stel­len anzu­pas­sen. Nach § 7 Abs. 3 Satz 3 ArbZG hat eine nach § 7 Abs. 2 Nr. 4 ArbZG getrof­fe­ne abwei­chen­de tarif­ver­trag­li­che Rege­lung zwi­schen nicht tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­bern und Arbeit­neh­mern Gel­tung, wenn zwi­schen ihnen die Anwen­dung der für den öffent­li­chen Dienst gel­ten­den tarif­ver­trag­li­chen Bestim­mun­gen ver­ein­bart ist und die Arbeit­ge­ber die Kos­ten des Betriebs über­wie­gend mit Zuwen­dun­gen im Sin­ne des Haus­halts­rechts decken.

Im Arbeits­ver­hält­nis zwi­schen dem Ret­tungs­sa­ni­tä­ter und der pri­vat­recht­lich orga­ni­sier­ten, nicht tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­be­rin fin­det § 7 Abs. 3 Satz 3 ArbZG bereits des­halb kei­ne Anwen­dung, weil die Arbeit­ge­be­rin die Kos­ten ihres Betriebs nicht über­wie­gend mit Zuwen­dun­gen im Sin­ne des Haus­halts­rechts deckt. Das Ent­gelt, das der Land­kreis H auf­grund des Ver­trags mit dem Ret­tungs­dienst als Gegen­leis­tung für die Erbrin­gung des boden­ge­bun­de­nen Ret­tungs­diens­tes an die Arbeit­ge­be­rin zahlt, ist nicht als eine sol­che Zuwen­dung zu qua­li­fi­zie­ren.

§ 7 Abs. 3 Satz 3 ArbZG geht sei­nem Wort­laut nach von dem Begriff der "Zuwen­dung im Sin­ne des Haus­halt­rechts" aus. Danach erlaubt nicht der Erhalt jed­we­der, son­dern nur bestimm­ter öffent­li­cher Mit­tel – nament­lich von "Zuwen­dun­gen im Sin­ne des Haus­halts­rechts" – eine ein­zel­ver­trag­li­che Bezug­nah­me auf tarif­ver­trag­li­che Abwei­chun­gen nach § 7 Abs. 2 Nr. 4 ArbZG 6.

Der Begriff der "Zuwen­dung im Sin­ne des Haus­halts­rechts" ist rah­men­mä­ßig in § 14 HGrG sowie für den Bund in § 23 BHO und für die Län­der in den ent­spre­chen­den lan­des­recht­li­chen Haus­halts­ord­nun­gen bestimmt. Nach § 23 BHO und dem inhalts­glei­chen § 23 der Lan­des­haus­halts­ord­nung des Lan­des Bran­den­burg (LHO) wer­den Zuwen­dun­gen als Aus­ga­ben und Ver­pflich­tungs­er­mäch­ti­gun­gen für Leis­tun­gen an Stel­len außer­halb der Bun­des- bzw. Lan­des­ver­wal­tung zur Erfül­lung bestimm­ter Zwe­cke defi­niert. Zuwen­dun­gen dür­fen danach nur ver­an­schlagt wer­den, wenn der Bund bzw. das Land an der Erfül­lung durch sol­che Stel­len ein erheb­li­ches Inter­es­se hat, das ohne die Zuwen­dun­gen nicht oder nicht im not­wen­di­gen Umfang befrie­digt wer­den kann. Eine nähe­re Kon­kre­ti­sie­rung des Begriffs der Zuwen­dung im haus­halts­recht­li­chen Sin­ne neh­men die All­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten (VV) zu den Haus­halts­ord­nun­gen durch Posi­tiv­ab­gren­zun­gen sowie durch Nega­tiv­ab­gren­zun­gen zu ande­ren Leis­tun­gen vor 7. Nach der VV Nr. 1.1 zu § 23 BHO/​LHO kön­nen Zuwen­dun­gen sowohl zweck­ge­bun­de­ne Zuschüs­se, Zuwei­sun­gen, Schul­den­dienst­hil­fen als auch ande­re nicht rück­zahl­ba­re Leis­tun­gen sowie zweck­ge­bun­de­ne Dar­le­hen und ande­re bedingt oder unbe­dingt rück­zahl­ba­re Leis­tun­gen sein. Kei­ne Zuwen­dun­gen im haus­halts­recht­li­chen Sin­ne sind hin­ge­gen nach der VV Nr. 1.2 zu § 23 BHO/​LHO ua. Ent­gel­te auf­grund von öffent­li­chen Auf­trä­gen (VV Nr. 1.2.4 zu § 23 BHO) bzw. Ver­trä­gen, die den Preis­vor­schrif­ten für öffent­li­che Auf­trä­ge unter­lie­gen (VV Nr. 1.2.4 zu § 23 LHO). Zu den öffent­li­chen Auf­trä­gen zäh­len ins­be­son­de­re Kauf, Miet, Pacht, Werk- und Werk­lie­fe­rungs­ver­trä­ge sowie sons­ti­ge gegen­sei­ti­ge Ver­trä­ge, sofern der Ent­gelts­ver­pflich­tung des Bun­des eine für die­ses Ent­gelt zu erbrin­gen­de Leis­tung gegen­über­steht (Nr. 1 der Anla­ge zur VV Nr. 1.2.4 zu § 23 BHO).

Zuwen­dun­gen sind danach von Ent­gel­ten aus einem öffent­li­chen Auf­trag abzu­gren­zen. Im Fal­le eines öffent­li­chen Auf­trags ist der Auf­trag­neh­mer ver­pflich­tet, die ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Leis­tun­gen auch tat­säch­lich zu erbrin­gen. Im Unter­schied dazu stellt eine Zuwen­dung die Gewäh­rung wirt­schaft­li­cher Vor­tei­le in Form von Geld­leis­tun­gen zur Errei­chung eines im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­den Zwecks dar, ohne dass der ver­folg­te Zweck und die gewähr­ten Vor­tei­le ein markt­kon­for­mes Gesche­hen wider­spie­geln. Bei einer Zuwen­dung kommt es vor­ran­gig dar­auf an, dass die För­der­mit­tel zweck­ent­spre­chend ein­ge­setzt wer­den, ohne dass eine ein­klag­ba­re Leis­tungs­pflicht besteht 8. Zuwen­dun­gen iSv. § 7 Abs. 3 Satz 3 ArbZG kön­nen somit nicht auf­grund gegen­sei­ti­ger Ver­trä­ge, in denen die Erbrin­gung von Leis­tun­gen gegen Ent­gelt ver­ein­bart wird, gewährt wer­den 9. Bei einem Leis­tungs­aus­tausch zur Deckung eines Beschaf­fungs­be­darfs der öffent­li­chen Hand gegen Ent­gelt liegt mit­hin ein der Annah­me einer Zuwen­dung ent­ge­gen­ste­hen­der öffent­li­cher Auf­trag vor.

Die­ses Ver­ständ­nis liegt auch dem Zuwen­dungs­be­griff des § 2 Nr. 52 der durch den Minis­ter des Innern des Lan­des Bran­den­burg erlas­se­nen Ver­ord­nung über die Auf­stel­lung und Aus­füh­rung des Haus­halts­plans der Gemein­den (KomHKV) vom 14.02.2008 10 idF vom 15.02.2018 11 zugrun­de. Die­se Bestim­mung ver­wen­det den Fach­be­griff "Zuwen­dung" in sei­nem haus­halts­recht­li­chen Kon­text und unter­schei­det eben­so wie die VV Nr. 1.1 zu § 23 BHO/​LHO zwi­schen Zuwei­sun­gen (Finanz­hil­fen inner­halb des öffent­li­chen Bereichs) und Zuschüs­sen (Finanz­hil­fen an den unter­neh­me­ri­schen oder pri­va­ten Bereich). Es lie­gen kei­ne Anhalts­punk­te vor, dass dem Begriff der Zuwen­dung durch die KomHKV für das kom­mu­na­le Haus­halts­recht ein von § 23 LHO abwei­chen­der Bedeu­tungs­ge­halt bei­gemes­sen wer­den soll­te.

Dar­an gemes­sen sind im hier ent­schie­de­nen Streit­fall die auf­grund des Ver­trags zur Durch­füh­rung des Ret­tungs­diens­tes im Land­kreis H vom 22.06.2011 gezahl­ten Ent­gel­te nicht als Zuwen­dun­gen im haus­halts­recht­li­chen Sin­ne zu qua­li­fi­zie­ren. Die Ver­trags­par­tei­en haben auf­grund eines kon­kre­ten Beschaf­fungs­in­ter­es­ses des Land­krei­ses eine bestimm­ba­re Leis­tungs­pflicht der Arbeit­ge­be­rin (Durch­füh­rung des boden­ge­bun­de­nen Ret­tungs­diens­tes nach den ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Maß­ga­ben) gegen Ent­gelt ver­ein­bart. Dabei stellt das Ent­gelt die syn­al­lag­ma­ti­sche Gegen­leis­tung für die Durch­füh­rung des boden­ge­bun­de­nen Ret­tungs­diens­tes dar 12. Nach § 5 des hier streit­ge­gen­ständ­li­chen Ver­trags hat die Ent­gelt­kal­ku­la­ti­on den jeweils gel­ten­den preis­recht­li­chen Vor­schrif­ten zu ent­spre­chen. Hier­zu haben die Ver­trags­par­tei­en aus­drück­lich auf die Preis­vor­schrif­ten für öffent­li­che Auf­trä­ge (VO PR Nr. 30/​53 über die Prei­se bei öffent­li­chen Auf­trä­gen vom 21.11.1953 idF der VO PR Nr. 1/​89 vom 13.06.1989 13 und die Leit­sät­ze für die Preis­er­mitt­lung auf­grund von Selbst­kos­ten – LSP – [Anla­ge zur VO PR 30/​53]) Bezug genom­men. Der Land­kreis H erstat­tet der Arbeit­ge­be­rin die für die Durch­füh­rung des boden­ge­bun­de­nen Ret­tungs­diens­tes ange­fal­le­nen not­wen­di­gen Selbst­kos­ten.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 20. Novem­ber 2018 – 9 AZR 327/​18

  1. LAG Ber­lin-Bran­den­burg 05.09.2017 – 2 Ca 365/​17[]
  2. BAG 24.08.2016 – 5 AZR 129/​16, Rn. 30 mwN, BAGE 156, 157[]
  3. BAG 24.08.2016 – 5 AZR 129/​16, Rn. 33, aaO[]
  4. vgl. BAG 19.11.2014 – 5 AZR 1101/​12, Rn. 16, BAGE 150, 82[]
  5. vgl. BAG 23.06.2010 – 10 AZR 543/​09, Rn. 18, BAGE 135, 34[]
  6. vgl. Anzinger/​Koberski ArbZG 4. Aufl. § 7 Rn. 92; Baeck/​Deutsch ArbZG 3. Aufl. § 7 Rn. 131; Pfeif­fer in Hahn/​Pfeiffer/​Schubert Arbeits­zeit­recht 2. Aufl. § 7 ArbZG Rn. 83[]
  7. vgl. von Lewinski/​Burbat BHO § 23 Rn. 8[]
  8. vgl. OLG Düs­sel­dorf 11.07.2018 – VII-Verg 1/​18, zu II 2 a der Grün­de[]
  9. vgl. Anzinger/​Koberski ArbZG 4. Aufl. § 7 Rn. 92; vgl. auch zur inso­weit inhalts­glei­chen Norm des § 22 Abs. 2 TzB­fG: APS/​Backhaus 5. Aufl. TzB­fG § 22 Rn. 12; HK-TzB­fG/Bo­ecken 5. Aufl. § 22 Rn.19[]
  10. GVBl. II [Nr. 3] S. 14[]
  11. GVBl. II [Nr. 15][]
  12. vgl. zur Ein­ord­nung von Ver­trä­gen über Ret­tungs­dienst­leis­tun­gen im soge­nann­ten "Sub­mis­si­ons­mo­dell", in dem die Gegen­leis­tung vom öffent­li­chen Auf­trag­ge­ber unmit­tel­bar an den Dienst­leis­tungs­er­brin­ger gezahlt wird, als öffent­li­che Dienst­leis­tungs­auf­trä­ge EuGH 10.03.2011 – C‑274/​09 – [Pri­va­ter Ret­tungs­dienst und Kran­ken­trans­port Stad­ler] Rn. 22, 24; vgl. auch EuGH 29.04.2010 – C‑160/​08 – [Kom­mis­si­on/​Deutsch­land] Rn. 131[]
  13. BGBl. I S. 1094[]