Tarif­li­che Son­der­zah­lun­gen – auf­grund arbeits­ver­trag­li­cher Ver­wei­sung

Son­der­zah­lun­gen pfle­gen tarif­lich in Man­tel­ta­rif­ver­trä­gen oder in geson­der­ten Tarif­ver­trä­gen gere­gelt zu sein. Erfor­der­lich ist inso­weit eine Fest­stel­lung, wel­cher Man­tel­ta­rif­ver­trag oder sons­ti­ge Tarif­ver­trag auf­grund wel­chen Tat­be­stands für das Arbeits­ver­hält­nis der Par­tei­en Anwen­dung fin­den soll.

Tarif­li­che Son­der­zah­lun­gen – auf­grund arbeits­ver­trag­li­cher Ver­wei­sung

Soll­te hier Bezug auf einen Man­tel­ta­rif­ver­trag genom­men wor­den sein, hät­te zumin­dest auch inso­weit eine Her­lei­tung sei­ner Ver­bind­lich­keit für das Arbeits­ver­hält­nis aus der arbeits­ver­trag­li­chen Ver­wei­sungs­klau­sel erfol­gen müs­sen. Dabei wäre zu beach­ten gewe­sen, dass der zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses der Par­tei­en noch all­ge­mein­ver­bind­li­che Man­tel­ta­rif­ver­trag vom 20.09.1996 sei­ner­seits wie­der von bis­her nicht behan­del­ten Tarif­ver­trags­par­tei­en auf Arbeit­ge­ber­sei­te ver­ein­bart wor­den ist, näm­lich dem Ein­zel­han­dels­ver­band Nord­rhein e.V. und dem Lan­des­ver­band des West­fä­lisch-Lip­pi­schen Ein­zel­han­dels e.V. Soweit das Beru­fungs­ge­richt, ohne dies näher dar­zu­le­gen oder zu begrün­den, von der Anwen­dung eines Man­tel­ta­rif­ver­trags im Streit­zeit­raum aus­ge­gan­gen sein soll­te, hät­te daher eine Begrün­dung dafür erfol­gen müs­sen, ob und wel­cher Man­tel­ta­rif­ver­trag ande­rer Tarif­ver­trags­par­tei­en von den Arbeits­ver­trags­par­tei­en als für ihr Arbeits­ver­hält­nis ver­bind­lich ver­ein­bart wor­den sein soll. Dabei hät­te auch berück­sich­tigt wer­den müs­sen, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ein all­ge­mein­ver­bind­li­cher Tarif­ver­trag nach sei­nem Ablauf eine Nach­wir­kung gem. § 4 Abs. 5 TVG auch in den­je­ni­gen Arbeits­ver­hält­nis­sen ent­fal­tet, die vor­her nicht durch Mit­glied­schaft gem. § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 TVG, son­dern durch All­ge­mein­ver­bind­lich­keit gem. § 5 Abs. 4 Satz 1 TVG der zwin­gen­den Wir­kung unter­wor­fen waren 1.

Soll­te die Bezug­nah­me dage­gen als Hin­weis auf einen geson­der­ten Tarif­ver­trag über eine Son­der­zah­lung gemeint gewe­sen sein, wäre auch hier die Fest­stel­lung des Datums des Tarif­ver­trags, der tarif­ver­trags­schlie­ßen­den Par­tei­en und der Erfas­sung durch die arbeits­ver­trag­li­che Ver­wei­sungs­klau­sel sowie der Erfül­lung der Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen eines Son­der­zah­lungs­an­spruchs hin­sicht­lich Grund und Höhe erfor­der­lich gewe­sen.

Man­gels Benen­nung einer Anspruchs­grund­la­ge kann das Revi­si­ons­ge­richt nicht erken­nen, wel­che Vor­aus­set­zun­gen der Anspruch auf eine Son­der­zah­lung hat und ob – und in wel­cher Höhe – die­se ggf. vor­lie­gend erfüllt sind.

Das (Landes-)Arbeitsgericht wird daher zunächst Fest­stel­lun­gen zur Anspruchs­grund­la­ge und zu den Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für die Son­der­zah­lun­gen zu tref­fen haben. Soweit in den Instan­zen über einen "TV Son­der­zah­lun­gen" gestrit­ten wor­den ist, ohne dass der hier­zu erbrach­te Par­tei­vor­trag vom Lan­des­ar­beits­ge­richt tat­be­stand­lich in Bezug genom­men wor­den ist, wird ggf. zu prä­zi­sie­ren sein, um wel­chen Tarif­ver­trag wel­cher Tarif­ver­trags­par­tei­en es sich dabei han­delt und inwie­weit er von der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Ver­wei­sungs­klau­sel über­haupt ein­be­zo­gen wor­den ist, wozu von den Par­tei­en offen­bar unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten wer­den. Hier­bei kann eine Rol­le spie­len, auf wel­cher Rechts­grund­la­ge die von der Beklag­ten bis­her als "Son­der­zah­lun­gen" cha­rak­te­ri­sier­ten Leis­tun­gen erbracht wor­den sind. Von der kon­kre­ten Gestal­tung einer mög­li­chen Anspruchs­grund­la­ge wird auch abhän­gen, ob eine rück­wir­ken­de tarif­li­che Ver­gü­tungs­er­hö­hung auch zu einer rück­wir­ken­den Erhö­hung der Son­der­zu­wen­dung für Novem­ber 2013 führt.

Soweit das Lan­des­ar­beits­ge­richt prü­fen wird, ob der Arbeits­ver­trag der Klä­ge­rin einen Tarif­ver­trag über eine Son­der­zah­lung oder zumin­dest die in die­sem Tarif­ver­trag maß­geb­li­chen Rege­lun­gen in Bezug nimmt, wird es dabei in Betracht zu zie­hen haben, dass Ziff. 13 der Anla­ge zum Arbeits­ver­trag der Par­tei­en ua. eine die arbeits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen ergän­zen­de, zeit­dy­na­mi­sche Bezug­nah­me auf die nach ihrem fach­li­chen, räum­li­chen und per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich für die Klä­ge­rin ein­schlä­gi­gen tarif­ver­trag­li­chen Rege­lun­gen ent­hält. Danach gel­ten "ergän­zend […] die gesetz­li­chen und tarif­ver­trag­li­chen Rege­lun­gen, eben­so wie die im Betrieb gel­ten­den Betriebs­ver­ein­ba­run­gen". Die­se Ver­ein­ba­rung ist vom Lan­des­ar­beits­ge­richt bis­lang nur ergän­zend zur Begrün­dung der Annah­me einer Dyna­mik für die in Bezug genom­me­nen "Ent­gelt­ta­rif­ver­trä­ge" her­an­ge­zo­gen wor­den.

Die Fra­ge der Erstre­ckung der arbeits­ver­trag­li­chen Ver­wei­sung kann nicht ohne Kennt­nis des – hier vom Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht fest­ge­stell­ten – voll­stän­di­gen Inhalts des Arbeits­ver­trags der Par­tei­en beur­teilt wer­den. Auch dies­be­züg­lich wird es Fest­stel­lun­gen zu tref­fen haben. Ziff. 13 der Anla­ge zum Arbeits­ver­trag der Par­tei­en nimmt gera­de nur "ergän­zend" auf die nach ihrem fach­li­chen, räum­li­chen und per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich für die Klä­ge­rin ein­schlä­gi­gen tarif­ver­trag­li­chen Reg­lun­gen Bezug, dh. soweit sich im Arbeits­ver­trag kei­ne abwei­chen­de Rege­lung fin­det.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 25. Janu­ar 2017 – 4 AZR 518/​15

  1. vgl. nur BAG 11.02.2009 – 5 AZR 168/​08, Rn. 16; 17.01.2006 – 9 AZR 41/​05, Rn. 22, BAGE 116, 366; ausf. 25.10.2000 – 4 AZR 212/​00, zu 1 der Grün­de; eben­so Wiedemann/​Wank TVG 7. Aufl. § 5 Rn. 125; Däubler/​Bepler TVG 4. Aufl. § 4 Rn. 961; ErfK/​Franzen 17. Aufl. TVG § 5 Rn. 26; HWK/​Henssler 7. Aufl. TVG § 5 Rn. 37; krit. Sit­tard Tarif­nor­mer­stre­ckung S. 289; Creutz­feldt FS Bep­ler S. 45, 48 ff.[]