Tarif­li­cher Nach­teils­aus­gleich – und sei­ne gel­tungs­er­hal­ten­de Auslegung

Ein Tarif­ver­ständ­nis, das sich über die Wir­kungs­an­ord­nung des § 4 Abs. 1 Satz 2 iVm. Satz 1 TVG hin­weg­set­zen wür­de, ver­bie­tet sich aus gesetz­li­chen Gründen.

Tarif­li­cher Nach­teils­aus­gleich – und sei­ne gel­tungs­er­hal­ten­de Auslegung

Tarif­ver­trä­ge sind – sofern die Tarif­norm dies zulässt – grund­sätz­lich geset­zes­kon­form und damit ggf. gel­tungs­er­hal­tend ein­schrän­kend so aus­zu­le­gen, dass sie nicht in Wider­spruch zu höher­ran­gi­gem Recht ste­hen und damit Bestand haben.

Ent­spre­chen­des gilt, wenn – wie vor­lie­gend – einer tarif­li­chen Rege­lung nur bei einem ein­ge­schränk­ten Ver­ständ­nis eine für ihre Gel­tung allein mög­li­che (und von den Tarif­ver­trags­par­tei­en auch beab­sich­tig­te) nor­ma­ti­ve Wir­kung zukom­men kann [1].

Die Rege­lung betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher Fra­gen iSd. § 1 Abs. 1 TVG, zu denen auch Bestim­mun­gen gehö­ren, die – wie der hier streit­ge­gen­ständ­li­che, zwi­schen Air Ber­lin und ver.di geschlos­se­ne „Tarif­ver­trag Per­so­nal­ver­tre­tung“ (TVPV) – die Errich­tung einer Ver­tre­tung für Arbeit­neh­mer des Flug­be­triebs vor­se­hen und die Bezie­hun­gen zwi­schen die­ser Inter­es­sen­ver­tre­tung und dem Arbeit­ge­ber näher aus­ge­stal­ten, kann in einem Tarif­ver­trag nur durch Bestim­mun­gen erfol­gen, denen Rechts­norm­cha­rak­ter zukommt. Schuld­recht­li­che Ver­ein­ba­run­gen der Tarif­ver­trags­par­tei­en schei­den als recht­li­che Grund­la­ge aus, da es ihnen an der erfor­der­li­chen unmit­tel­ba­ren und zwin­gen­den – mit­hin nor­ma­ti­ven – Wir­kung fehlt. Betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Rege­lun­gen iSv. § 1 Abs. 1 TVG kön­nen nach § 4 Abs. 1 Satz 2 iVm. Satz 1 TVG aller­dings nur im Gel­tungs­be­reich des jewei­li­gen Tarif­ver­trags nor­ma­tiv wir­ken. Aus § 3 Abs. 2 TVG folgt nichts Gegen­tei­li­ges [2].

Beschrän­ken die Tarif­ver­trags­par­tei­en – wie hier in § 2 Abs. 1 TVPV – im Rah­men ihrer Tarif­au­to­no­mie (Art. 9 Abs. 3 GG) den Gel­tungs­be­reich des von ihnen ver­ein­bar­ten Tarif­ver­trags über betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Nor­men in per­so­nel­ler Hin­sicht auf eine bestimm­te Grup­pe von Arbeit­neh­mern („Kabi­nen­per­so­nal“), müs­sen sie die von ihnen selbst gesetz­te Gren­ze auch bei der Aus­ge­stal­tung der­je­ni­gen Nor­men beach­ten, die die Kom­pe­ten­zen der Arbeit­neh­mer­ver­tre­tung und damit die recht­li­chen Bezie­hun­gen zwi­schen die­ser und dem Arbeit­ge­ber gestal­ten. Einer Inter­es­sen­ver­tre­tung, die auf der Grund­la­ge von § 117 Abs. 2 Satz 1 BetrVG durch einen Tarif­ver­trag errich­tet ist, des­sen per­sön­li­cher Gel­tungs­be­reich nur eine bestimm­te Grup­pe von Arbeit­neh­mern erfasst, kann wegen § 4 Abs. 1 Satz 2 iVm. Satz 1 TVG nicht (mit nor­ma­ti­ver Wir­kung) das Recht ein­ge­räumt wer­den, Ver­ein­ba­run­gen mit dem Arbeit­ge­ber abzu­schlie­ßen, die einen Sach­ver­halt gestal­ten, der auch nicht vom Gel­tungs­be­reich des Tarif­ver­trags erfass­te Arbeit­neh­mer betrifft. Ent­spre­chend kann der Arbeit­ge­ber nicht (wirk­sam) nor­ma­tiv ver­pflich­tet wer­den, den Abschluss einer sol­chen Ver­ein­ba­rung zu ver­su­chen [3].

Die­se gesetz­li­chen Gren­zen wür­den bei einem unein­ge­schränk­ten Ver­ständ­nis der Rege­lun­gen in §§ 80, 81 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 2 TVPV über­schrit­ten. Der Inhalt des mit der Per­so­nal­ver­tre­tung Kabi­ne zu ver­han­deln­den – und dem­entspre­chend von der Schuld­ne­rin zu ver­su­chen­den – Inter­es­sen­aus­gleichs wür­de das „Ob“, „Wann“ und „Wie“ der Still­le­gung der orga­ni­sa­to­ri­schen Ein­heit „Flug­be­trieb“ umfas­sen. Ein sol­cher Inter­es­sen­aus­gleich beträ­fe kei­nen auf das Kabi­nen­per­so­nal beschränk­ten Sach­ver­halt, son­dern wirk­te sich glei­cher­ma­ßen auf das von der Still­le­gung die­ser orga­ni­sa­to­ri­schen Ein­heit eben­falls betrof­fe­ne Cock­pit­per­so­nal aus. Die inhalt­li­che Reich­wei­te des in § 81 Abs. 1 Satz 1 TVPV vor­ge­se­he­nen Inter­es­sen­aus­gleichs über­stie­ge damit die Reich­wei­te der nor­ma­ti­ven Gel­tung des Tarif­ver­trags. Dem­entspre­chend könn­te die Schuld­ne­rin auch nicht rechts­wirk­sam nor­ma­tiv ver­pflich­tet wer­den, den Abschluss eines sol­chen Inter­es­sen­aus­gleichs mit Hil­fe einer Eini­gungs­stel­le nach § 81 Abs. 2 Satz 2 TVPV zu ver­su­chen [4].

Ange­sichts des­sen müs­sen die Rege­lun­gen in §§ 80, 81 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 2 TVPV im Wege einer gel­tungs­er­hal­ten­den Inter­pre­ta­ti­on ein­schrän­kend aus­ge­legt wer­den. Der Ver­hand­lungs­an­spruch der Per­so­nal­ver­tre­tung Kabi­ne, des­sen Ein­hal­tung nor­ma­tiv rechts­wirk­sam gesi­chert und des­sen Ver­let­zung ent­spre­chend sank­tio­niert ist, bezieht sich ledig­lich auf sol­che Maß­nah­men der Schuld­ne­rin, die aus­schließ­lich das vom Gel­tungs­be­reich des TVPV erfass­te Kabi­nen­per­so­nal betref­fen. Mög­li­cher Inhalt des ggf. durch Anru­fung der Eini­gungs­stel­le zu ver­su­chen­den Inter­es­sen­aus­gleichs sind nur Bestim­mun­gen zum „Ob“, „Wann“ und „Wie“ der­ar­ti­ger per­so­nen­be­zo­ge­ner Maß­nah­men [5]. Uni­ons­recht­li­che Vor­ga­ben ste­hen die­ser Aus­le­gung nicht ent­ge­gen. Eine die Gren­zen des § 4 Abs. 1 Satz 2 iVm. Satz 1 TVG über­stei­gen­de Norm­wir­kung kann den Bestim­mun­gen des TVPV nach dem natio­na­len Recht nicht bei­gemes­sen wer­den [6].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 19. Mai 2020 – 1 AZR 333/​19

  1. BAG 21.01.2020 – 1 AZR 149/​19, Rn. 50[]
  2. vgl. ausf. BAG 21.01.2020 – 1 AZR 149/​19, Rn. 51 ff.[]
  3. BAG 21.01.2020 – 1 AZR 149/​19, Rn. 54[]
  4. vgl. BAG 21.01.2020 – 1 AZR 149/​19, Rn. 55[]
  5. vgl. BAG 21.01.2020 – 1 AZR 149/​19, Rn. 56[]
  6. ausf. dazu BAG 21.01.2020 – 1 AZR 149/​19, Rn. 58 ff.[]

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