Tarif­ur­laub – und die Alters­gren­ze

Nach Nr. 3.4 Satz 1 des zwi­schen dem Ver­band der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie in Ber­lin und Bran­den­burg e. V. und der IG Metall Bezirk Ber­lin-Bran­den­burg-Sach­sen geschlos­se­ne Urlaubs­ta­rif­ver­trags für die Beschäf­tig­ten der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie in Ber­lin und Bran­den­burg Tarif­ge­bie­te I und II vom 22.11.2006 (UrlTV) erhal­ten Beschäf­tig­te für das Jahr des Ein­tritts und das Jahr des Aus­tritts so vie­le Zwölf­tel des Jah­res­ur­laubs, als ihr Arbeits­ver­hält­nis vol­le Beschäf­ti­gungs­mo­na­te wäh­rend des Urlaubs­jah­res bestan­den hat.

Tarif­ur­laub – und die Alters­gren­ze

Die Tarif­ver­trags­par­tei­en woll­ten erkenn­bar bei einem unter-jäh­ri­gen Aus­schei­den eine Kür­zung des gesam­ten Urlaubs­an­spruchs von 30 Arbeits­ta­gen her­bei­füh­ren. Dass die tarif­lich vor­ge­se­he­ne Zwölf­te­lung des gesetz­li­chen Urlaubs­an­spruchs nach erfüll­ter War­te­zeit bei einem Aus­schei­den in der zwei­ten Jah­res­hälf­te nach § 13 Abs. 1 Satz 1 iVm. § 3 Abs. 1 BUr­lG unzu­läs­sig ist 1 und die Rege­lung nur im Übri­gen wirk­sam ist, soweit sie bei einem Aus­schei­den in der zwei­ten Jah­res­hälf­te nicht zu einer Kür­zung des gesetz­li­chen Min­dest­ur­laubs führt 2, kommt vor­lie­gend nicht zum Tra­gen. Der Arbeit­neh­mer ist in der ers­ten Hälf­te des Jah­res 2016 aus dem Arbeits­ver­hält­nis aus­ge­schie­den. Ihm hät­ten, stell­te man allein auf Nr. 3.4 Satz 1 iVm. Nr. 3.7 Satz 1 UrlTV ab, für das Jahr 2016 auf­grund sei­nes Aus­schei­dens mit Ablauf des 31.03.2016 acht Urlaubs­ta­ge zuge­stan­den. Dies gin­ge über den gesetz­li­chen Urlaubs­an­spruch nach § 5 Abs. 1 Buchst. c BUr­lG hin­aus.

Satz 3 UrlTV regelt jedoch für den Fall des Aus­schei­dens "wegen Errei­chung der Alters­gren­ze" eine Rück­aus­nah­me zu der in Nr. 3.4 Satz 1 UrlTV vor­ge­se­he­nen Kür­zung des Urlaubs­an­spruchs. Schei­den Beschäf­tig­te inner­halb des Urlaubs­jah­res wegen Errei­chung der Alters­gren­ze aus, haben sie nach Nr. 3.4 Satz 3 UrlTV Anspruch auf den vol­len Jah­res­ur­laub. Der Arbeit­neh­mer hat die Vor­aus­set­zun­gen eines unge­kürz­ten Urlaubs­an­spruchs erfüllt. Er ist "wegen Errei­chung der Alters­gren­ze" iSv. Nr. 3.4 Satz 3 UrlTV aus dem Arbeits­ver­hält­nis aus­ge­schie­den. Unter den Begriff der Alters­gren­ze fällt nicht nur die Regel­al­ters­gren­ze iSv. § 235 SGB VI, son­dern auch die Alters­gren­ze für die Inan­spruch­nah­me der Alters­ren­te für beson­ders lang­jäh­rig Ver­si­cher­te gemäß § 236b SGB VI, die mit Wir­kung zum 1.07.2014 durch das Gesetz über Leis­tungs­ver­bes­se­run­gen in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung vom 23.06.2014 3 ein­ge­führt wur­de. Dies ergibt die Aus­le­gung des Tarif­ver­trags.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts folgt die Aus­le­gung des nor­ma­ti­ven Teils eines Tarif­ver­trags den für die Aus­le­gung von Geset­zen gel­ten­den Regeln. Danach ist zunächst vom Tarif­wort­laut aus­zu­ge­hen, wobei der maß­geb­li­che Sinn der Erklä­rung zu erfor­schen ist, ohne am Buch­sta­ben zu haf­ten. Über den rei­nen Wort­laut hin­aus ist der wirk­li­che Wil­le der Tarif­ver­trags­par­tei­en und der damit von ihnen beab­sich­tig­te Sinn und Zweck der Tarif­norm zu berück­sich­ti­gen, sofern und soweit er in den tarif­li­chen Rege­lun­gen und ihrem sys­te­ma­ti­schen Zusam­men­hang Nie­der­schlag gefun­den hat. Abzu­stel­len ist stets auf den tarif­li­chen Gesamt­zu­sam­men­hang, weil die­ser Anhalts­punk­te für den wirk­li­chen Wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en lie­fert und nur so Sinn und Zweck der Tarif­norm zutref­fend ermit­telt wer­den kann 4. Im Zwei­fel gebührt der­je­ni­gen Aus­le­gung der Vor­zug, die zu einem sach­ge­rech­ten, zweck­ori­en­tier­ten, prak­tisch brauch­ba­ren und geset­zes­kon­for­men Ver­ständ­nis der Rege­lung führt 5.

Der Wort­laut der Bestim­mung, auf den es für die Aus­le­gung des nor­ma­ti­ven Teils eines Tarif­ver­trags zunächst ankommt 6, hat – für sich betrach­tet – kei­nen hin­rei­chend kon­kre­ten Rege­lungs­ge­halt. Dies gilt auch, wenn man zur Ermitt­lung des Begriffs­ver­ständ­nis­ses den Wort­laut der wei­te­ren Tarif­ver­trä­ge her­an­zieht, die zum zwi­schen den Tarif­ver­trags­par­tei­en des UrlTV ver­ein­bar­ten und kraft bei­der­sei­ti­ger Tarif­ge­bun­den­heit auf das Arbeits­ver­hält­nis Anwen­dung fin­den­den Tarif­werk gehö­ren 7.

Der Begriff "Alters­gren­ze" wird in Nr. 3.4 Satz 3 UrlTV nicht defi­niert. Das auf das Arbeits­ver­hält­nis Anwen­dung fin­den­de Tarif­werk sieht kei­ne Alters­gren­ze vor, mit deren Errei­chen das Arbeits­ver­hält­nis endet.

Satz 3 UrlTV bezieht sich mit dem Begriff "Alters­gren­ze" auf die jewei­li­gen Bestim­mun­gen der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung. Das Recht der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung stellt für den Bezug einer Ren­te wegen Alters nicht nur auf eine Alters­gren­ze ab, son­dern in Abhän­gig­keit von der Art der Alters­ren­te auf ver­schie­de­ne Alters­gren­zen. Arbeit­neh­mer kön­nen – bei Vor­lie­gen der wei­te­ren gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen – mit Errei­chen der Regel­al­ters­gren­ze als Ren­te wegen Alters die in § 33 Abs. 2 Nr. 1 SGB VI genann­te Regel­al­ters­ren­te in Anspruch neh­men, aber auch eine der in § 33 Abs. 2 Nr. 2 bis Nr. 6 SGB VI genann­ten vor­ge­zo­ge­nen Alters­ren­ten, für die das Errei­chen einer jeweils geson­dert fest­ge­leg­ten Alters­gren­ze unter­halb der Regel­al­ters­gren­ze gefor­dert ist.

Der Gebrauch des Begriffs "Alters­gren­ze" im Sin­gu­lar als Grund für die Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses könn­te zwar dafür spre­chen, dass nach Nr. 3.4 Satz 3 UrlTV Vor­aus­set­zung für einen unge­kürz­ten Urlaubs­an­spruch das Errei­chen der Regel­al­ters­gren­ze der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ist 8. Glei­ches gilt für die in Nr. 2.6 des zwi­schen dem Ver­band der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie in Ber­lin und Bran­den­burg e. V. und der IG Metall Bezirk Bran­den­burg-Sach­sen sowie der Deut­schen Ange­stell­ten-Gewerk­schaft Lan­des­ver­band Berlin/​Brandenburg geschlos­se­nen Tarif­ver­trags über betrieb­li­che Son­der­zah­lun­gen für Arbei­ter und Ange­stell­te der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie in Ber­lin und Bran­den­burg vom 06.02.1997 Tarif­ge­biet II (TV Son­der­zah­lung) vor­ge­nom­me­ne begriff­li­che Unter­schei­dung zwi­schen dem Errei­chen "der Alters­gren­ze" und der "Inan­spruch­nah­me eines vor­ge­zo­ge­nen Alters­ru­he­gel­des", dh. einer der Alters­ren­ten, die vor Errei­chen der Regel­al­ters­gren­ze in Anspruch genom­men wer­den kön­nen 9.

Für eine Aus­le­gung von "Alters­gren­ze" als Ober­be­griff spricht dem­ge­gen­über, dass die­sel­ben Tarif­ver­trags­par­tei­en in Nr. 12.5 des Man­tel­ta­rif­ver­trags für die Beschäf­tig­ten der Metall- und Elek­tro­in­dus­trie in Ber­lin und Bran­den­burg Tarif­ge­biet II vom 22.11.2006 (MTV), der zeit­gleich mit dem UrlTV geschlos­sen wur­de, nicht den Begriff "Alters­gren­ze", son­dern den enge­ren Begriff "Regel­al­ters­gren­ze" ver­wen­de­ten. Den Tarif­ver­trags­par­tei­en war, wie Nr. 12.5 MTV belegt, bei Abschluss des Tarif­ver­trags bewusst, dass die gesetz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung zwi­schen ver­schie­de­nen Alters­gren­zen dif­fe­ren­ziert und "Alters­gren­ze" nicht mit "Regel­al­ters­gren­ze" gleich­zu­set­zen ist.

Ein Ver­ständ­nis des Begriffs "Alters­gren­ze" in Nr. 3.4 Satz 3 UrlTV als Ober­be­griff für das Errei­chen einer der Alters­gren­zen, die zum Bezug einer gesetz­li­chen Ren­te wegen Alters – gleich ob als Regel­al­ters­ren­te oder als vor­ge­zo­ge­ne Alters­ren­te – berech­tigt, ergibt sich aus Sinn und Zweck der Bestim­mung.

Die mit einer tarif­li­chen Rege­lung ver­folg­ten Zie­le sind nach den Vor­ga­ben der Tarif­ver­trags­par­tei­en zu ermit­teln, die sich aus den anspruchs­be­grün­den­den Merk­ma­len erge­ben 10.

Auch wenn der Urlaub nach Nr. 2.1 Abs. 1 Satz 1 UrlTV der Erho­lung die­nen soll, trägt der Tarif­ver­trag mit Nr. 3.4 Satz 3 UrlTV nicht – jeden­falls nicht in ers­ter Linie – einem mit zuneh­men­dem Alter gestei­ger­ten Erho­lungs­be­dürf­nis älte­rer Beschäf­tig­ter Rech­nung. In die­sem Fall hät­te es nahe gele­gen, eine Tarif­re­ge­lung zu schaf­fen, die die Urlaubs­dau­er nach dem Lebens­al­ter staf­felt und inso­weit, zur Ver­mei­dung der Unwirk­sam­keit der Rege­lung nach § 7 Abs. 2 AGG wegen eines Ver­sto­ßes gegen das Benach­tei­li­gungs­ver­bot des § 7 Abs. 1 iVm. § 1 AGG – nicht allein an das Alter der Beschäf­tig­ten, son­dern auch an die Art der aus­zu­üben­den Tätig­keit oder die Bedin­gun­gen ihrer Aus­übung anknüpft 11.

Zweck der Son­der­re­ge­lung zu Nr. 3.4 Satz 1 UrlTV ist es, die erbrach­te Betriebs­treue zu hono­rie­ren. Nr. 3.4 Satz 3 UrlTV stellt zwar selbst nicht aus­drück­lich auf die Dau­er der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit ab, ver­langt aber einen ursäch­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen dem Aus­schei­den und dem Errei­chen der Alters­gren­ze 12. Die Bestim­mung betrifft danach in der Regel Beschäf­tig­te, deren Arbeits­ver­hält­nis im Zusam­men­hang mit ihrem end­gül­ti­gen Aus­schei­den aus dem Berufs- oder Erwerbs­le­ben endet. Arbeit­neh­mer, die "wegen" des Errei­chens der für den Bezug einer gesetz­li­chen Alters­ren­te maß­geb­li­chen Alters­gren­ze aus dem Berufs- oder Erwerbs­le­ben aus­schei­den, haben dem Betrieb typi­scher­wei­se lan­ge Zeit ange­hört und damit in beson­de­rer Wei­se Betriebs­treue gezeigt 13.

Der von der Arbeit­ge­be­rin ver­tre­te­nen Aus­le­gung stün­de zudem das Gebot der geset­zes­kon­for­men Aus­le­gung von Tarif­ver­trä­gen ent­ge­gen. Tarif­ver­trä­ge sind, sofern die Tarif­norm dies zulässt, grund­sätz­lich so aus­zu­le­gen, dass sie nicht im Wider­spruch zu höher­ran­gi­gem Recht ste­hen und damit Bestand haben 14. Ein Ver­ständ­nis von "Alters­gren­ze" iSv. Nr. 3.4 Satz 3 UrlTV allein als "Regel­al­ters­gren­ze" iSd. § 235 SGB VI wäre nicht mit Art. 3 Abs. 1 GG ver­ein­bar.

Tarif­ver­trags­par­tei­en sind bei der tarif­li­chen Norm­set­zung nicht unmit­tel­bar grund­rechts­ge­bun­den. Die Schutz­funk­ti­on der Grund­rech­te ver­pflich­tet die Gerich­te jedoch dazu, Tarif­re­ge­lun­gen die Durch­set­zung zu ver­wei­gern, die zu gleich­heits- und sach­wid­ri­gen Dif­fe­ren­zie­run­gen füh­ren und des­halb Art. 3 Abs. 1 GG ver­let­zen 15.

Der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz gebie­tet es, wesent­lich Glei­ches gleich und wesent­lich Unglei­ches ungleich zu behan­deln 16. Art. 3 Abs. 1 GG unter­sagt auch einen gleich­heits­wid­ri­gen Begüns­ti­gungs­aus­schluss, mit dem ein Per­so­nen­kreis begüns­tigt und ein ande­rer Per­so­nen­kreis von der Begüns­ti­gung aus­ge­nom­men wird 17. Den Tarif­ver­trags­par­tei­en kommt auf­grund der von Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­ten Tarif­au­to­no­mie ein wei­ter Gestal­tungs­spiel­raum zu. Wie weit die­ser Spiel­raum reicht, hängt von den Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­ma­len im Ein­zel­fall ab 18. Hin­sicht­lich der tat­säch­li­chen Gege­ben­hei­ten und der betrof­fe­nen Inter­es­sen steht den Tarif­ver­trags­par­tei­en eine Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve zu. Sie sind nicht ver­pflich­tet, die zweck­mä­ßigs­te, ver­nünf­tigs­te oder gerech­tes­te Lösung zu wäh­len. Es genügt, wenn für die getrof­fe­ne Rege­lung ein sach­lich ver­tret­ba­rer Grund vor­liegt 19.

Arbeits­recht­li­che Rege­lun­gen, die an das gesetz­li­che Ren­ten­recht und das dort bestimm­te unter­schied­li­che Ren­ten­ein­tritts­al­ter anknüp­fen, kön­nen gerecht­fer­tigt sein. Es ist des­halb nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, dass sich eine sozi­al­recht­li­che Begüns­ti­gung nach­tei­lig aus­wirkt. Rechts­grund für eine zuläs­si­ge unter­schied­li­che Behand­lung von Grup­pen von Arbeit­neh­mern kann indes­sen nicht allein die Bezug­nah­me auf die sozi­al­recht­li­che Vor­schrift und deren Ver­fas­sungs­ge­mäß­heit sein. Bestim­mend ist viel­mehr, ob zwi­schen der vom Arbeit­ge­ber geschul­de­ten Leis­tung und der in Bezug genom­me­nen Ren­ten­be­rech­ti­gung des Arbeit­neh­mers ein sach­li­cher Zusam­men­hang besteht. Aus­schluss- und Kür­zungs­re­ge­lun­gen, die auf sozi­al­recht­li­che Bestim­mun­gen ver­wei­sen, müs­sen sich des­halb an den tarif­li­chen Rege­lungs­zie­len mes­sen las­sen 20.

Gemes­sen an die­sen Grund­sät­zen führ­te ein Ver­ständ­nis von "Alters­gren­ze" iSv. Nr. 3.4 Satz 3 UrlTV allein als "Regel­al­ters­gren­ze" iSd. § 235 SGB VI zu einer mit den Vor­ga­ben des Art. 3 Abs. 1 GG nicht zu ver­ein­ba­ren­den Schlech­ter­stel­lung der Arbeit­neh­mer, deren Arbeits­ver­hält­nis wegen Errei­chens der Alters­gren­ze für die Inan­spruch­nah­me einer vor­ge­zo­ge­nen Alters­ren­te der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung endet, im Ver­gleich zu den Arbeit­neh­mern, die wegen Errei­chens der Regel­al­ters­gren­ze aus­schei­den. Zwi­schen bei­den Grup­pen von Arbeit­neh­mern sind kei­ne Unter­schie­de von sol­chem Gewicht ersicht­lich, die eine Ungleich­be­hand­lung recht­fer­ti­gen könn­ten 21. Der Bezug der Regel­al­ters­ren­te setzt ledig­lich die Erfül­lung der all­ge­mei­nen War­te­zeit von fünf Jah­ren vor­aus. Dem­ge­gen­über ver­lang­te § 50 SGB VI in der bei Abschluss des Tarif­ver­trags gül­ti­gen und der bei Aus­schei­den des Arbeit­neh­mers gel­ten­den Fas­sung für den Bezug aller vor­ge­zo­ge­nen Alters­ren­ten die Erfül­lung wesent­lich län­ge­rer War­te­zei­ten. Es kann des­halb nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, die letzt­ge­nann­ten Arbeit­neh­mer schie­den nach kür­ze­rer Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit oder – wie die Arbeit­ge­be­rin meint – einem kür­ze­ren akti­ven Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis aus dem Arbeits­ver­hält­nis aus als sol­che, die ihr Arbeits­ver­hält­nis wegen Errei­chens der Regel­al­ters­gren­ze been­den.

Dem Aus­le­gungs­er­geb­nis steht die Behaup­tung der Arbeit­ge­be­rin, das Wort "Alters­gren­ze" sei nur auf­grund eines Redak­ti­ons­ver­se­hens nicht durch das Wort "Regel­al­ters­gren­ze" ersetzt wor­den, nicht ent­ge­gen. Es ist zwar aner­kannt, dass bei der Aus­le­gung von Tarif­ver­trä­gen eine Bin­dung an den mög­li­chen Wort­sinn eines Begriffs dann nicht besteht, wenn sich aus dem Gesamt­zu­sam­men­hang das Vor­lie­gen eines Redak­ti­ons­ver­se­hens ergibt. Die­ser Gesamt­zu­sam­men­hang muss sich jedoch aus den Tarif­nor­men erge­ben 22. Im Tariftext deu­tet nichts dar­auf hin, dass die Tarif­ver­trags­par­tei­en ent­spre­chend der Behaup­tung der Arbeit­ge­be­rin den Begriff "Alters­gren­ze" in Nr. 3.4 Satz 3 UrlTV nur ver­se­hent­lich ver­wen­det hät­ten.

Die Alters­ren­te für beson­ders lang­jäh­rig Ver­si­cher­te nach § 236b SGB VI, wie sie der Arbeit­neh­mer in Anspruch genom­men hat, ist vor­ge­zo­ge­nes Alters­ru­he­geld. Der Arbeit­neh­mer hat sein Arbeits­ver­hält­nis "wegen" Errei­chens der Alters­gren­ze been­det. Dies ist man­gels ander­wei­ti­ger Anhalts­punk­te schon auf­grund des unmit­tel­ba­ren zeit­li­chen Zusam­men­hangs mit dem Bezug der Alters­ren­te zu ver­mu­ten 23. Dem ist die Arbeit­ge­be­rin nicht ent­ge­gen­ge­tre­ten.

Die Arbeit­ge­be­rin war gemäß Nr. 4.1 iVm. Nr. 3.4 Satz 3 UrlTV ver­pflich­tet, dem Arbeit­neh­mer im Jahr 2016 30 Arbeits­ta­ge Urlaub zu gewäh­ren. Die­sen Anspruch hat die Arbeit­ge­be­rin mit der Gewäh­rung von acht Urlaubs­ta­gen nicht voll­stän­dig erfüllt. Der Anspruch auf Gewäh­rung von rest­li­chen 22 Urlaubs­ta­gen für das Jahr 2016 konn­te wegen Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses nicht mehr erfüllt wer­den. Er ist nach § 7 Abs. 4 BUr­lG iVm. Nr. 2.5 und Nr. 5.5 UrlTV abzu­gel­ten. Die Höhe des Abgel­tungs­be­trags steht zwi­schen den Par­tei­en außer Streit.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 19. Juni 2018 – 9 AZR 564/​17

  1. vgl. BAG 12.11.2013 – 9 AZR 727/​12, Rn. 18[]
  2. vgl. BAG 18.02.2014 – 9 AZR 765/​12, Rn. 16 f.[]
  3. BGBl. I S. 787[]
  4. BAG 20.09.2017 – 6 AZR 143/​16, Rn. 33; 15.12 2015 – 9 AZR 611/​14, Rn. 10[]
  5. BAG 27.02.2018 – 9 AZR 238/​17, Rn. 14; 15.11.2016 – 9 AZR 81/​16, Rn. 18[]
  6. vgl. BAG 25.10.2017 – 7 AZR 712/​15, Rn. 17[]
  7. vgl. BAG 21.11.2013 – 6 AZR 89/​12, Rn. 13; 8.07.2009 – 10 AZR 672/​08, Rn. 30[]
  8. vgl. zu § 36 Nr. 11 BMT-AW II BAG 21.11.2000 – 9 AZR 654/​99, zu I 3 a der Grün­de[]
  9. vgl. BAG 6.12 2017 – 10 AZR 575/​16, Rn. 26; 30.03.2000 – 6 AZR 645/​98, zu II 2 der Grün­de[]
  10. vgl. BAG 15.02.2011 – 9 AZR 585/​09, Rn. 40[]
  11. vgl. BAG 27.04.2017 – 6 AZR 119/​16, Rn. 23, BAGE 159, 92; 15.11.2016 – 9 AZR 534/​15, Rn. 24[]
  12. vgl. BAG 12.05.2010 – 10 AZR 346/​09, Rn.20[]
  13. vgl. BAG 6.12 2017 – 10 AZR 575/​16, Rn. 21; 15.01.2014 – 10 AZR 297/​13, Rn.19; 5.08.1992 – 10 AZR 208/​91, zu 2 b der Grün­de[]
  14. st. Rspr., vgl. BAG 21.03.2018 – 5 AZR 862/​16, Rn. 30; 27.04.2017 – 6 AZR 459/​16, Rn. 18[]
  15. vgl. BAG 26.04.2017 – 10 AZR 856/​15, Rn. 28 f. mwN[]
  16. BVerfG 3.07.2014 – 2 BvL 25/​09, 2 BvL 3/​11, Rn. 35 mwN zur st. Rspr.; BAG 6.01.2015 – 6 AZB 105/​14, Rn. 15, BAGE 150, 246[]
  17. BAG 19.01.2016 – 9 AZR 564/​14, Rn. 22 mwN[]
  18. vgl. BAG 19.01.2016 – 9 AZR 564/​14, Rn. 24[]
  19. BAG 21.03.2018 – 5 AZR 862/​16, Rn. 32 mwN[]
  20. vgl. BAG 15.02.2011 – 9 AZR 585/​09, Rn. 40 mwN[]
  21. vgl. BVerfG 7.05.2013 – 2 BvR 909/​06, 2 BvR 1981/​06, 2 BvR 288/​07, Rn. 76[]
  22. BAG 22.03.2018 – 6 AZR 833/​16, Rn. 25; 4.08.2016 – 6 AZR 129/​15, Rn. 37 mwN[]
  23. vgl. BAG 6.12 2017 – 10 AZR 575/​16, Rn. 27[]