Tarif­ver­trä­ge – und der nicht ermit­tel­ba­re sach­li­che Gel­tungs­be­reich

Eine tarif­ver­trag­li­che Rege­lung, deren sach­li­cher Gel­tungs­be­reich nicht durch Aus­le­gung ermit­tel­bar ist, genügt nicht dem auch für tarif­ver­trag­li­che Nor­men gel­ten­den Bestimmt­heits­ge­bot. Das führt zur Unwirk­sam­keit der Rege­lung.

Tarif­ver­trä­ge – und der nicht ermit­tel­ba­re sach­li­che Gel­tungs­be­reich

Das aus dem Rechts­staats­prin­zip abge­lei­te­te Gebot der Bestimmt­heit und Nor­men­klar­heit ver­langt vom Norm­ge­ber, die von ihm erlas­se­nen Rege­lun­gen so bestimmt zu fas­sen, dass die Rechts­un­ter­wor­fe­nen in zumut­ba­rer Wei­se fest­stel­len kön­nen, ob die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die in der Rechts­norm aus­ge­spro­che­ne Rechts­fol­ge vor­lie­gen [1].

Dies gilt grund­sätz­lich auch für tarif­ver­trag­li­che Rege­lun­gen, was ins­be­son­de­re im Schrift­form­ge­bot des § 1 Abs. 2 TVG sei­nen gesetz­li­chen Nie­der­schlag gefun­den hat [2]. Der Normadres­sat muss erken­nen kön­nen, ob er von einer Rege­lung erfasst ist und wel­chen Rege­lungs­ge­halt die tarif­li­che Vor­schrift hat.

Dabei ist den Tarif­ver­trags­par­tei­en aller­dings die Ver­wen­dung unbe­stimm­ter Rechts­be­grif­fe nicht ver­wehrt [3]. Unbe­stimm­te Rechts­be­grif­fe genü­gen den rechts­staat­li­chen Erfor­der­nis­sen der Nor­men­klar­heit und Jus­ti­tia­bi­li­tät, wenn sie mit her­kömm­li­chen juris­ti­schen Metho­den aus­ge­legt wer­den kön­nen [4]. Dem Tarif­ver­trag als Nor­men­ver­trag für eine Viel­zahl von Arbeits­ver­hält­nis­sen ist eine gewis­se Unschär­fe imma­nent [5].

Ledig­lich in ganz beson­de­ren Aus­nah­me­fäl­len dür­fen Gerich­te tarif­li­che Rege­lun­gen wegen man­geln­der Bestimmt­heit und des dar­auf beru­hen­den Ver­sto­ßes gegen rechts­staat­li­che Grund­sät­ze für unwirk­sam erach­ten [6]. Das ist dann der Fall, wenn der Rege­lungs­ge­halt einer Tarif­norm nicht mehr im Wege der Aus­le­gung ermit­tel­bar ist. Dabei ist im Ein­zel­fall zu prü­fen, ob die Unwirk­sam­keits­fol­ge die gesam­te Bestim­mung oder nur einen Teil erfasst.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 26. Febru­ar 2020 – 4 AZR 48/​19

  1. st. Rspr. des BVerfG zum für gesetz­li­che Grund­rechts­be­schrän­kun­gen ent­wi­ckel­ten Klar­heits- und Bestimmt­heits­ge­bot, zB BVerfG 24.01.2012 – 1 BvR 1299/​05, Rn. 168 f., BVerfGE 130, 151; 11.03.2008 – 1 BvR 2074/​05 ua., Rn. 93 ff., BVerfGE 120, 378, jew. mwN[]
  2. Löwisch/​Rieble TVG 4. Aufl. § 1 Rn. 989[]
  3. BAG 23.07.2019 – 3 AZR 377/​18, Rn. 39 mwN[]
  4. BVerfG 14.12.2000 – 2 BvR 1741/​99 ua., zu B I 2 b der Grün­de, BVerfGE 103, 21; BAG 23.03.2011 – 4 AZR 366/​09, Rn. 25, BAGE 137, 231; 26.01.2011 – 4 AZR 159/​09, Rn. 23, BAGE 137, 45[]
  5. Löwisch/​Rieble aaO § 1 Rn. 991[]
  6. BAG 23.07.2019 – 3 AZR 377/​18, Rn. 39; 19.04.2012 – 6 AZR 677/​10, Rn. 27 mwN[]