Tarif­ver­trä­ge – und die ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung

Tarif­ver­trag­li­che Rege­lun­gen sind einer ergän­zen­den Aus­le­gung grund­sätz­lich nur dann zugäng­lich, wenn damit kein Ein­griff in die durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Tarif­au­to­no­mie ver­bun­den ist.

Tarif­ver­trä­ge – und die ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung

Eine ergän­zen­de Aus­le­gung eines Tarif­ver­trags schei­det daher aus, wenn die Tarif­ver­trags­par­tei­en eine rege­lungs­be­dürf­ti­ge Fra­ge bewusst unge­re­gelt las­sen und die­se Ent­schei­dung höher­ran­gi­gem Recht nicht wider­spricht.

Vor­aus­set­zung für eine ergän­zen­de Aus­le­gung ist, dass ent­we­der eine unbe­wuss­te Rege­lungs­lü­cke vor­liegt oder eine Rege­lung nach­träg­lich lücken­haft gewor­den ist. In einem sol­chen Fall haben die Gerich­te für Arbeits­sa­chen grund­sätz­lich die Mög­lich­keit und die Pflicht, eine Tari­flü­cke zu schlie­ßen, wenn sich unter Berück­sich­ti­gung von Treu und Glau­ben aus­rei­chen­de Anhalts­punk­te für den mut­maß­li­chen Wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en erge­ben.

Aller­dings haben die Tarif­ver­trags­par­tei­en in eige­ner Ver­ant­wor­tung dar­über zu befin­den, ob sie eine von ihnen geschaf­fe­ne Ord­nung bei­be­hal­ten oder ändern. Solan­ge sie dar­an fest­hal­ten, hat sich eine ergän­zen­de Aus­le­gung an dem bestehen­den Sys­tem und des­sen Kon­zep­ti­on zu ori­en­tie­ren.

Die­se Mög­lich­keit schei­det aus, wenn den Tarif­ver­trags­par­tei­en ein Spiel­raum zur Lücken­schlie­ßung bleibt und es ihnen wegen der ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Tarif­au­to­no­mie über­las­sen blei­ben muss, die von ihnen für ange­mes­sen gehal­te­ne Rege­lung selbst zu fin­den 1.

Zwar kann eine Rege­lungs­lü­cke auch vor­lie­gen, wenn nur eine teleo­lo­gi­sche Lücke und kei­ne Text­lü­cke gege­ben ist. Eine sol­che kann aus­nahms­wei­se ange­nom­men wer­den, wenn der Norm­ge­ber bei der For­mu­lie­rung einer Vor­schrift Sach­ver­hal­te unbe­rück­sich­tigt gelas­sen hat, die nach dem ver­folg­ten Norm­zweck und der dem nega­ti­ven Gleich­heits­satz zugrun­de lie­gen­den Erwä­gung, dass Unglei­ches ungleich zu behan­deln ist, eine Aus­nah­me­klau­sel erfor­dert hät­ten (sog. Aus­nah­me­lü­cke; Rüthers/​Fischer/​Birk Rechts­theo­rie 8. Aufl. Rn. 848; Kra­mer Juris­ti­sche Metho­den­leh­re 4. Aufl. S.199 ff.).

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 14. Sep­tem­ber 2016 – 4 AZR 1006/​13

  1. BAG 18.11.2015 – 4 ABR 24/​14, Rn. 30 ff.; 15.01.2015 – 6 AZR 646/​13, Rn. 26 jew. mwN; vgl. auch BVerfG 29.03.2010 – 1 BvR 1373/​08, Rn. 29, BVerfGK 17, 203[]