Tarif­ver­trag – und sei­ne nähe­re Aus­ge­stal­tung durch Drit­te

Die Tarif­ver­trags­par­tei­en sind berech­tigt, die nähe­re Aus­ge­stal­tung ein­zel­ner Arbeits­be­din­gun­gen einem Drit­ten – etwa den Betriebs­par­tei­en, zu über­las­sen. Die Ein­räu­mung einer sol­chen Befug­nis muss sich aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit und der Rechts­klar­heit sowohl hin­sicht­lich des Adres­sa­ten als auch hin­sicht­lich des eröff­ne­ten Rege­lungs­um­fangs aus dem Tarif­ver­trag hin­rei­chend deut­lich erge­ben.

Tarif­ver­trag – und sei­ne nähe­re Aus­ge­stal­tung durch Drit­te

Nor­ma­ti­ve Rege­lun­gen, durch die der Inhalt von Arbeits­ver­hält­nis­sen unmit­tel­bar und zwin­gend gestal­tet wer­den soll, müs­sen dem Gebot der Rechts­quel­len­klar­heit im Sin­ne einer Ein­deu­tig­keit der Nor­mur­he­ber­schaft genü­gen. Dies folgt aus den Erfor­der­nis­sen der Rechts­si­cher­heit, die in den Schrift­form­ge­bo­ten ins­be­son­de­re des § 1 Abs. 2 TVG und des § 77 Abs. 2 Satz 1 und Satz 2 BetrVG ihren gesetz­li­chen Nie­der­schlag gefun­den haben [1]. Wer­den Ver­ein­ba­run­gen nur von den Tarif­ver­trags­par­tei­en oder nur von den Betriebs­par­tei­en unter­zeich­net, ent­ste­hen regel­mä­ßig kei­ne Unklar­hei­ten, wer die Ver­ein­ba­rung getrof­fen hat und um wel­che Rechts­quel­le es sich folg­lich han­delt. Zuord­nungs­pro­ble­me ent­ste­hen jedoch, wenn Ver­ein­ba­run­gen auch von Per­so­nen oder Stel­len unter­zeich­net wer­den, deren Rege­lungs­kom­pe­tenz sich nicht auf sämt­li­che Rege­lungs­ge­gen­stän­de erstreckt oder wenn unklar bleibt, wer für wel­che Rege­lungs­be­stand­tei­le der Nor­mur­he­ber ist. Aller­dings ist eine von Arbeit­ge­ber, Gewerk­schaft und Betriebs­rat unter­zeich­ne­te Ver­ein­ba­rung nicht bereits wegen der gemein­sa­men Unter­zeich­nung unwirk­sam. Das gilt jeden­falls dann, wenn sich die gesam­te Ver­ein­ba­rung ins­ge­samt ohne Wei­te­res als Tarif­ver­trag oder Betriebs­ver­ein­ba­rung qua­li­fi­zie­ren lässt. In einem sol­chen Fall erweist sich die Mit­un­ter­zeich­nung durch eine hier­für unzu­stän­di­ge Per­son oder Stel­le als unschäd­lich [2].

Für die Wah­rung des Gebots der Rechts­quel­len­klar­heit hin­sicht­lich der tarif­li­chen Abfin­dungs­re­ge­lun­gen ist es ohne Bedeu­tung, ob die dane­ben bestehen­de Ver­ein­ba­rung der Kon­zern­be­triebs­par­tei­en wirk­sam ist. Des­halb kann dahin­ste­hen, ob unter dem Begriff der „Kon­zern­be­triebs­par­tei­en“ iSd. „Bei­tritts­ver­ein­ba­rung“ der Kon­zern­be­triebs­rat und das herr­schen­de Unter­neh­men einer­seits sowie die ein­zel­nen im Rubrum genann­ten Unter­neh­men ein­schließ­lich der jewei­li­gen bestehen­den Gesamt­be­triebs­rä­te und Betriebs­rä­te ande­rer­seits zu ver­ste­hen sind. Wei­ter­hin muss das Bun­des­ar­beits­ge­richt nicht dar­über befin­den, ob eine etwai­ge mehr­sei­ti­ge Sozi­al­plan­ver­ein­ba­rung, die eine Kon­zern­ober­ge­sell­schaft mit dem Kon­zern­be­triebs­rat trifft, bei­de Par­tei­en dabei aber zugleich für ein­zel­ne benann­te Kon­zern­un­ter­neh­men bzw. für die jewei­li­gen Gesamt­be­triebs­rä­te und Betriebs­rä­te han­deln – ggf. nach Aus­le­gung – dem Gebot der Rechts­quel­len­klar­heit auf der betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Ebe­ne genügt [3]. Selbst wenn die betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­ein­ba­run­gen für den genann­ten Beschäf­tig­ten­kreis die­sem Gebot wider­spre­chen soll­ten, blie­ben die Abfin­dungs­re­ge­lun­gen des TV SP, auf die sich der Klä­ger stützt, davon unbe­rührt.

Die Tarif­ver­trags­par­tei­en sind zwar grund­sätz­lich berech­tigt, bestimm­te Sach­ver­hal­te nicht abschlie­ßend zu regeln. Sie kön­nen die nähe­re Aus­ge­stal­tung ein­zel­ner Arbeits­be­din­gun­gen auch einem ande­ren – zB den Betriebs­par­tei­en – über­las­sen [4]. Eine sol­che Befug­nis zur Kon­kre­ti­sie­rung tarif­li­cher Bestim­mun­gen durch Drit­te muss aber aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit und Rechts­klar­heit nach Adres­sat und Umfang hin­rei­chend deut­lich sein [5].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 26. Febru­ar 2020 – 4 AZR 48/​19

  1. BAG 15.04.2008 – 1 AZR 86/​07, Rn. 18 ff., BAGE 126, 251[]
  2. vgl. BAG 15.04.2008 – 1 AZR 86/​07, Rn. 23 f. mwN, aaO; zum Gebot der Rechts­quel­len­klar­heit bei Betriebs­ver­ein­ba­run­gen sh. 26.09.2017 – 1 AZR 717/​15, Rn. 39 ff. mwN, BAGE 160, 237[]
  3. vgl. dazu nur BAG 26.09.2017 – 1 AZR 717/​15, Rn. 40 mwN, BAGE 160, 237[]
  4. etwa BAG 29.04.2004 – 1 ABR 30/​02, BAGE 110, 252 [zur Aus­ge­stal­tung der Arbeits­zeit]; 22.12.1981 – 1 ABR 38/​79, BAGE 37, 255 [Zah­lung von Erschwer­nis­zu­schlä­gen][]
  5. st. Rspr., etwa BAG 12.03.2019 – 1 AZR 307/​17, Rn. 38; 23.09.2004 – 6 AZR 442/​03, zu II 2 d bb der Grün­de, BAGE 112, 64; 18.10.1994 – 1 AZR 503/​93, zu I 3 c der Grün­de[]