Tarif­ver­trag­li­che Son­der­zah­lun­gen und die Ände­rung des Tarif­ver­trags

Im Fal­le einer stich­tags­be­zo­ge­nen Son­der­zah­lung liegt bei einer Ände­rung des Tarif­ver­tra­ges vor dem Stich­tag kein Fall einer unzu­läs­si­gen "ech­ten Rück­wir­kung" vor.

Tarif­ver­trag­li­che Son­der­zah­lun­gen und die Ände­rung des Tarif­ver­trags

Eine so genann­te "ech­te" Rück­wir­kung, die häu­fig unzu­läs­sig ist, liegt vor, wenn die nach­träg­lich abwei­chen­de Rege­lung einen bereits in der Ver­gan­gen­heit abge­schlos­se­nen Sach­ver­halt betrifft, wäh­rend eine im All­ge­mei­nen so genann­te "unech­te" Rück­wir­kung vor­liegt, wenn an einen in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Tat­be­stand ange­knüpft wird, aber die Rechts­fol­gen für Gegen­wart und Zukunft gere­gelt wer­den 1.

Tarif­ver­trag­li­che Rege­lun­gen tra­gen auch wäh­rend der Lauf­zeit des Tarif­ver­tra­ges den imma­nen­ten Vor­be­halt ihrer rück­wir­ken­den Abän­der­bar­keit durch Tarif­ver­trag in sich 2. Dabei kann – je nach Fall­ge­stal­tung – unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen in bereits ent­stan­de­ne Ansprü­che 3 und sogar in bereits abge­wi­ckel­te Ansprü­che 4 ein­ge­grif­fen wer­den.

Ob die Vor­aus­set­zun­gen für einen sol­chen rück­wir­ken­den Ein­griff in bereits ent­stan­de­ne Rech­te hier vor­lie­gen, etwa weil der Klä­ger auf­grund der Sanie­rungs­be­mü­hun­gen der Beklag­ten mit einem Ein­griff hat rech­nen müs­sen, so dass ein etwai­ger Ver­trau­ens­schutz ent­fie­le, kann hier offen blei­ben, da es bereits an einem rück­wir­ken­den Ein­griff in bereits ent­stan­de­ne Rech­te fehlt. Anders als bei­spiels­wei­se im Fall einer "pro rata tem­po­ris" ent­ste­hen­den Son­der­zah­lung 5 han­delt es sich um einen Gra­ti­fi­ka­ti­ons­an­spruch, der an dem im Tarif­ver­trag bestimm­ten Zeit­punkt sowohl ent­steht, als auch fäl­lig wird 6. Vor­aus­set­zun­gen für die Gra­ti­fi­ka­ti­on nach dem TV-Son­der­zah­lun­gen 2005 ist nicht nur der Bestand des Arbeits­ver­hält­nis­ses am Aus­zah­lungs­tag (vgl. § 2.1 Satz 1 TV-Son­der­zah­lun­gen 2005), son­dern auch eine unun­ter­bro­che­ne Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit von min­des­tens 6 Mona­ten. Fer­ner ent­steht nach § 2.1 Satz 2 TV-Son­der­zah­lun­gen 2005 kein Anspruch für Beschäf­tig­te, deren Arbeits­ver­hält­nis zwar zum Aus­zah­lungs­zeit­punkt zwar noch besteht, von ihnen aber bereits gekün­digt wor­den ist. Die Höhe der Gra­ti­fi­ka­ti­on ist in vier Stu­fen nach einer Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit von 6, 12, 24 und 36 Mona­ten gere­gelt. Dies zeigt deut­lich, dass es sich bei der Son­der­zah­lung nicht um im Bezugs­zeit­raum bereits erar­bei­te­te, aber bis zum Fäl­lig­keits­zeit­punkt auf­ge­spar­te Ver­gü­tung han­delt, son­dern um eine Gra­ti­fi­ka­ti­on, die erst am Stich­tag mit Erfül­lung der genann­ten Vor­aus­set­zun­gen erst ent­steht. Die Höhe der Ver­gü­tung hängt ab von einer Arbeits­leis­tung, die den Bezugs­zeit­raum deut­lich über­stei­gen kann (36 Mona­te) und hono­riert damit in beson­de­rer Wei­se ver­gan­ge­ne Betriebs­treue und nicht Arbeits­leis­tung im Bezugs­zeit­raum. Dar­über hin­aus bekom­men nur die Beschäf­tig­ten die Son­der­zah­lung, deren Arbeits­ver­hält­nis am Aus­zah­lungs­tag (man­gels abwei­chen­der betrieb­li­cher Ver­ein­ba­rung der 1.12.; § 3.2 TV-Son­der­zah­lun­gen 2005) unge­kün­digt besteht. Also auch Arbeit­neh­mer, die im gesam­ten Bezugs­zeit­raum (nach § 2.1 Satz 1 TV-Son­der­zah­lun­gen 2005 das Kalen­der­jahr) gear­bei­tet haben bekom­men kei­ne Son­der­zu­wen­dung, wenn sie ihr Arbeits­ver­hält­nis bei­spiels­wei­se Mit­te Novem­ber zu Ende Dezem­ber kün­di­gen. Dies hono­riert in beson­de­rer Wei­se die künf­ti­ge Betriebs­treue der Beschäf­tig­ten. Der Wort­laut und Rege­lungs­zu­sam­men­hang des TV-Son­der­zah­lun­gen 2005 zeigt, dass es sich hier­bei nicht um eine zusätz­li­che Ver­gü­tung für in der Ver­gan­gen­heit bereits erbrach­te Arbeits­leis­tung han­delt, son­dern um eine Hono­rie­rung ver­gan­ge­ner und künf­ti­ger Betriebs­treue. Die­ser Anspruch ent­steht nicht abschnitt­wei­se im lau­fen­den Kalen­der­jahr, son­dern ins­ge­samt erst am Aus­zah­lungs­tag 1.12., da auch hier erst bestimm­bar ist, ob die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen – ins­be­son­de­re der unge­kün­dig­te Bestand des Arbeits­ver­hält­nis­ses – erfüllt wer­den. In die­sem Zusam­men­hang beruft sich der Klä­ger zu Unrecht auf die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 12.04.2011 7, die gera­de den Fall einer "bereits ver­dien­ten Arbeits­ver­gü­tung" betrifft (dort: eine varia­ble erfolgs­ab­hän­gi­ge Ver­gü­tung, die ins­be­son­de­re vom Errei­chen per­sön­li­cher Leis­tungs­zie­le abhän­gig ist), wäh­rend es vor­lie­gend um einen Anspruch geht, der erst am Fäl­lig­keits­tag ent­steht, und von kei­nen beson­de­ren Leis­tun­gen, son­dern von ver­gan­ge­ner und künf­ti­ger Betriebs­treue abhän­gig ist.

Ange­sichts des­sen greift die am 7. Sep­tem­ber 2009 ver­ein­bar­te TV-Son­der­zah­lun­gen 2009 nicht im Wege ech­ter Rück­wir­kung in Ansprü­che des Klä­gers aus dem TV-Son­der­zah­lun­gen 2005 ein. Aus letzt­ge­nann­tem Tarif­ver­trag konn­ten Ansprü­che des Klä­gers erst am 1. Dezem­ber 2009 ent­ste­hen. die Tarif­ver­ein­ba­rung Son­der­zah­lun­gen 2009 war aber bereits am 7. Sep­tem­ber 2009 ver­ein­bart. Die TV-Son­der­zah­lun­gen lässt nach ihrem aus­drück­li­chen und kla­ren Wort­laut Ansprü­che aus dem TV-Son­der­zah­lun­gen ent­fal­len.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 1. Febru­ar 2012 – 13 Sa 110/​11

  1. vgl. ErfK-Fran­zen, 12. Auf­la­ge 2012, § 4 TVG Rn.19 f., m.w.N.[]
  2. BAG 23.11.1994 – 4 AZR 879/​93, BAGE 78, 309 ff. = NZA 1995, 844; BAG 2.02.2006 – 2 AZR 58/​05, BAGE 117, 53 ff. = NZA 2006, 868 ff.[]
  3. BAG 22.10.2003 – 10 AZR 152/​03, BAGE 108, 176 ff. = NZA 2004, 444 ff.[]
  4. BAG 05.07.2006 – 4 AZR 381/​05, BAGE 119, 1 ff. = AP TVG § 1 Nr. 38[]
  5. vgl. hier­zu BAG 22.10.2003 – 10 AZR 152/​03, BAGE 108, 176 ff. = NZA 2004, 444 ff.[]
  6. vgl. hier­zu BAG 14.11.2001 – 10 AZR 698/​00 – EzA TVG § 4 Tarif­kon­kur­renz Nr. 16; BAG 17.05.2000 – 4 AZR 216/​99, BAGE 94, 349[]
  7. BAG 12.04.2011 – 1 AZR 412/​09, NZA 2011, 989 ff.[]