Teil­ur­teil über den mit einer Wider­kla­ge ver­folg­ten Aus­kunfts­an­spruch

Über einen Aus­kunfts­an­spruch, der im Wege einer Wider­kla­ge gel­tend gemacht wird, kann durch Teil­ur­teil ent­schie­den wer­den.

Teil­ur­teil über den mit einer Wider­kla­ge ver­folg­ten Aus­kunfts­an­spruch

Ein Teil­ur­teil nach § 301 Abs. 1 Satz 1 ZPO darf – auch im Fall der Wider­kla­ge – nur erlas­sen wer­den, wenn die Gefahr wider­spre­chen­der Ent­schei­dun­gen, auch infol­ge abwei­chen­der Beur­tei­lung durch das Rechts­mit­tel­ge­richt, aus­ge­schlos­sen ist. Eine sol­che Gefahr ent­steht ua. bei einer Mehr­heit selb­stän­di­ger pro­zes­sua­ler Ansprü­che, wenn zwi­schen die­sen eine mate­ri­ell-recht­li­che Ver­zah­nung besteht [1]. Im Rah­men des § 301 ZPO soll eine unter­schied­li­che Beur­tei­lung von blo­ßen Urteils­ele­men­ten, die nicht in Rechts­kraft erwach­sen oder das Gericht nach § 318 ZPO für das wei­te­re Ver­fah­ren bin­den, aus­ge­schlos­sen sein [2]. Ein Teil­ur­teil ist daher grund­sätz­lich unzu­läs­sig, wenn es eine Fra­ge ent­schei­det, die sich im wei­te­ren Ver­fah­ren über die ande­ren Ansprü­che noch ein­mal stel­len kann [3].

Danach konn­te in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt letzt­in­stanz­lich ent­schie­de­nen Fall ein Teil­ur­teil über die Wider­kla­ge erge­hen:

Streit­ge­gen­stand der Wider­kla­ge ist die von der Arbeit­ge­be­rin gefor­der­te Aus­kunft über Ver­mitt­lungs­vor­schlä­ge, basie­rend auf ihrer Ein­wen­dung, der Arbeit­neh­mer müs­se sich bös­wil­lig unter­las­se­nen ander­wei­ti­gen Ver­dienst auf einen Ver­gü­tungs­an­spruch wegen Annah­me­ver­zugs anrech­nen las­sen. Die bei­den selb­stän­di­gen pro­zes­sua­len Ansprü­che – Zah­lungs­kla­ge des Arbeit­neh­mers und Aus­kunfts­wi­der­kla­ge der Arbeit­ge­be­rin – sind mate­ri­ell-recht­lich mit­ein­an­der ver­zahnt, weil die von der Arbeit­ge­be­rin ver­lang­te Aus­kunft Grund­la­ge für die Begrün­dung ihrer gemäß § 11 Nr. 2 KSchG erho­ben Ein­wen­dun­gen gegen den vom Arbeit­neh­mer gel­tend gemach­ten Zah­lungs­an­spruch ist.

Gleich­wohl durf­te über den Aus­kunfts­an­spruch durch Teil­ur­teil ent­schie­den wer­den.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist ein Teil­ur­teil auch dann zuläs­sig, wenn im Wege objek­ti­ver Kla­ge­häu­fung in zuläs­si­ger Wei­se [4] sowohl ein Aus­kunfts­an­spruch als auch ein Anspruch auf Scha­dens­er­satz gel­tend gemacht wer­den. Der Bun­des­ge­richts­hof begrün­det dies zutref­fend damit, dass über das Aus­kunfts­be­geh­ren vor­ab durch Teil­ur­teil ent­schie­den wer­den müs­se, damit die vom Gesetz­ge­ber mit dem Aus­kunfts­an­spruch nach § 84a AMG ver­folg­ten Zie­le einer pro­zes­sua­len Chan­cen­gleich­heit und der beweis­recht­li­chen Bes­ser­stel­lung des Geschä­dig­ten für sei­nen auf § 84 AMG gestütz­ten Scha­dens­er­satz­an­spruch erreicht wer­den kön­nen. Der gel­tend gemach­te Aus­kunfts­an­spruch sei ledig­lich ein Hilfs­mit­tel, um das eigent­li­che Rechts­schutz­ziel, das Scha­dens­er­satz­be­geh­ren, durch­zu­set­zen. Inso­weit göl­ten die glei­chen Grund­sät­ze wie bei einer Stu­fen­kla­ge, wenn ein im Wege der Stu­fen­wi­der­kla­ge erho­be­ner Anspruch einem zuvor durch Kla­ge erho­be­nen Anspruch gegen­über­ste­he, der mit den durch die Stu­fen­kla­ge ver­folg­ten Ansprü­chen mate­ri­ell-recht­lich ver­knüpft sei [5]. In einem sol­chen Fall gel­te das Teil­ur­teils­ver­bot nicht, weil ande­ren­falls im Ergeb­nis weder über die Kla­ge noch über die Wider­kla­ge ent­schie­den wer­den kön­ne. Denn einer­seits dür­fe über den Aus­kunfts­an­spruch wegen der Gefahr eines Wider­spruchs zu der spä­ter zu tref­fen­den Ent­schei­dung über den vom Geg­ner des Aus­kunfts­an­spruchs erho­be­nen Zah­lungs­an­spruch nicht (iso­liert) ent­schie­den wer­den. Ande­rer­seits dür­fe auch nicht über die bei­den Ansprü­che zusam­men ent­schie­den wer­den, weil dann ein Wider­spruch zu der im wei­te­ren Ver­fah­ren zu tref­fen­den Ent­schei­dung über den auf der letz­ten Stu­fe gel­tend gemach­ten Zah­lungs­an­spruch nicht aus­zu­schlie­ßen sei [6]. Ein etwai­ger Wider­spruch zwi­schen den inso­weit erge­hen­den Ent­schei­dun­gen sei des­halb eben­so zu akzep­tie­ren wie ein Wider­spruch hin­sicht­lich der auf den ver­schie­de­nen Stu­fen der Stu­fen­kla­ge zu tref­fen­den Ent­schei­dun­gen [7].

In Fort­ent­wick­lung die­ser Grund­sät­ze ist auch im vor­lie­gen­den Fall ein Teil­ur­teil zuläs­sig.

Der von der Arbeit­ge­be­rin erho­be­ne Aus­kunfts­an­spruch dient der Vor­be­rei­tung der in § 11 Nr. 2 KSchG gesetz­lich aus­drück­lich vor­ge­se­he­nen Ein­wen­dun­gen gegen die vom Arbeit­neh­mer gel­tend gemach­ten Annah­me­ver­zugs­an­sprü­che. Die von der Arbeit­ge­be­rin begehr­te Aus­kunft ist nicht der eigent­li­che Gegen­stand des Rechts­streits, son­dern ein Hilfs­mit­tel zur Begrün­dung der Abwehr der Zah­lungs­kla­ge.

Ein Wider­spruch zwi­schen der Ent­schei­dung über die Aus­kunfts­kla­ge und dem Urteil über die anhän­gi­ge, auf Zah­lung von Annah­me­ver­zugs­ver­gü­tung gerich­te­te Leis­tungs­kla­ge ist zwar denk­bar. Er lässt sich indes­sen aus­schlie­ßen, wenn das durch Teil­ur­teil ent­schei­den­de Gericht den bei ihm ver­blei­ben­den Teil des Rechts­streits gemäß § 148 ZPO bis zur rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung über den Aus­kunfts­an­spruch aus­setzt. Die hier­nach erfor­der­li­che Vor­greif­lich­keit der in dem ande­ren Rechts­streit (Aus­kunfts­kla­ge) zu tref­fen­den Ent­schei­dung im Sin­ne einer zumin­dest teil­wei­se prä­ju­di­zi­el­len Bedeu­tung, dass also die Ent­schei­dung in dem einen Rechts­streit (Aus­kunfts­kla­ge) die Ent­schei­dung des ande­ren (Zah­lungs­kla­ge) recht­lich beein­flus­sen kann [8], ist gege­ben. Denn in dem noch anhän­gi­gen Zah­lungs­rechts­streit ist die rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­dung über das Bestehen und den Umfang einer Aus­kunfts­pflicht über die von der Agen­tur für Arbeit oder dem Job­cen­ter unter­brei­te­ten Ver­mitt­lungs­an­ge­bo­te zugrun­de zu legen. Hier­von aus­ge­hend ist in dem noch anhän­gi­gen Zah­lungs­streit in Bezug auf Arbeits­mög­lich­kei­ten bei Drit­ten über deren Zumut­bar­keit und die Bös­wil­lig­keit der unter­las­se­nen Annah­me iSv. § 11 Nr. 2 KSchG zu befin­den.

Die Erhe­bung einer Wider­kla­ge zur Durch­set­zung des Aus­kunfts­be­geh­rens ist indes­sen nicht erfor­der­lich. Pro­zes­su­al nahe­lie­gen­der und dem Beschleu­ni­gungs­grund­satz eher ent­spre­chend ist es, die Aus­kunft in die Ver­tei­lung der Dar­le­gungs­last zu inte­grie­ren. Aus­gangs­punkt ist dabei, dass der Arbeit­ge­ber für die Ein­wen­dun­gen nach § 615 Satz 2 BGB /​§ 11 Nr. 1 und Nr. 2 KSchG die Dar­le­gungs- und Beweis­last trägt [9]. Den Arbeit­neh­mer trifft unter Berück­sich­ti­gung der aus § 138 Abs. 1 und Abs. 2 ZPO fol­gen­den Pflicht, sich zu den vom Arbeit­ge­ber behaup­te­ten Tat­sa­chen wahr­heits­ge­mäß und voll­stän­dig zu erklä­ren, eine sekun­dä­re Dar­le­gungs­last, wenn der pri­mär dar­le­gungs­be­las­te­te Arbeit­ge­ber kei­ne nähe­re Kennt­nis der maß­geb­li­chen Umstän­de und auch kei­ne Mög­lich­keit zur wei­te­ren Sach­ver­halts­auf­klä­rung hat, wäh­rend dem kla­gen­den Arbeit­neh­mer nähe­re Anga­ben dazu ohne Wei­te­res mög­lich und zumut­bar sind [10]. Die sekun­dä­re Dar­le­gungs­last führt weder zu einer Umkehr der Beweis­last noch zu einer über die pro­zes­sua­le Wahr­heits­pflicht und Erklä­rungs­last (§ 138 Abs. 1 und Abs. 2 ZPO) hin­aus­ge­hen­den Ver­pflich­tung des Arbeit­neh­mers, dem Arbeit­ge­ber alle für sei­nen Pro­zesserfolg benö­tig­ten Infor­ma­tio­nen zu ver­schaf­fen. Denn mit der erteil­ten Aus­kunft steht kei­nes­wegs fest, dass der Arbeit­neh­mer es bös­wil­lig unter­las­sen hat, eine ihm zumut­ba­re Arbeit anzu­neh­men. Ob die Stel­len­an­ge­bo­te Drit­ter „zumut­ba­re“ Arbeit zum Gegen­stand hat­ten und in dem Ver­hal­ten des Arbeit­neh­mers ein „bös­wil­li­ges“ Unter­las­sen gese­hen wer­den kann, hat der Arbeit­ge­ber im Rechts­streit über die Zah­lung der Annah­me­ver­zugs­ver­gü­tung wei­ter­hin dar­zu­le­gen und im Streit­fall zu bewei­sen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 27. Mai 2020 – 5 AZR 387/​19

  1. BGH 11.05.2011 – VIII ZR 42/​10, Rn. 14, BGHZ 189, 356[]
  2. BGH 11.05.2011 – VIII ZR 42/​10, Rn. 13, aaO[]
  3. vgl. BAG 8.09.2011 – 2 AZR 388/​10, Rn. 54; BGH 26.04.2012 – VII ZR 25/​11, Rn. 11[]
  4. im kon­kre­ten Fall zur Vor­be­rei­tung eines Scha­dens­er­satz­be­geh­rens nach §§ 84, 84a Arz­nei­mit­tel­ge­setz – AMG[]
  5. BGH 29.03.2011 – VI ZR 117/​10, Rn. 17 f., BGHZ 189, 79[]
  6. BGH 16.06.2010 – VIII ZR 62/​09, Rn. 22 ff. mwN[]
  7. BGH 29.03.2011 – VI ZR 117/​10, Rn. 18, aaO[]
  8. dazu BGH 28.02.2012 – VIII ZB 54/​11, Rn. 6[]
  9. BAG 6.09.1990 – 2 AZR 165/​90, zu III 3 a der Grün­de; 25.10.2007 – 8 AZR 917/​06, Rn. 56; APS/​Biebl 5. Aufl. KSchG § 11 Rn. 28; Staudinger/​Richardi/​Fischinger BGB [2019] § 615 Rn. 179[]
  10. dazu all­ge­mein BGH 10.02.2015 – VI ZR 343/​13, Rn. 11; 3.06.2014 – VI ZR 394/​13, Rn.20 jeweils mwN; Münch­Komm-ZPO/­Frit­sche 5. Aufl. § 138 Rn. 22[]