Ten­den­z­ei­gen­schaft des DRK-Blut­spen­de­diens­tes

Der DRK-Blut­spen­de­dienst ist kein Ten­denz­un­ter­neh­men iSd. § 118 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BetrVG, das unmit­tel­bar und über­wie­gend kari­ta­ti­ven Bestim­mun­gen dient.

Ten­den­z­ei­gen­schaft des DRK-Blut­spen­de­diens­tes

Zur Ermitt­lung der Ten­den­z­ei­gen­schaft der Arbeit­ge­be­rin kommt es nur auf deren Unter­neh­mens­zweck an, weil der Wirt­schafts­aus­schuss bei ihr zu bil­den ist. Es ist des­halb ohne Bedeu­tung, ob der DRK-Bun­des­ver­band, die Lan­des- und Kreis­ver­bän­de oder ande­re Ein­rich­tun­gen des DRK Ten­denz­un­ter­neh­men sind oder nicht.

Mit dem Ten­denz­schutz in § 118 Abs. 1 BetrVG hat der Gesetz­ge­ber das aus dem Demo­kra­tie- und Sozi­al­staats­prin­zip fol­gen­de Recht der Arbeit­neh­mer auf Teil­ha­be an den sie betref­fen­den Ange­le­gen­hei­ten mit Rück­sicht auf die grund­recht­li­chen Frei­heits­rech­te der von § 118 Abs. 1 Satz 1 BetrVG erfass­ten Arbeit­ge­ber begrenzt 1. In Bezug auf die­se Arbeit­ge­ber erweist sich § 118 Abs. 1 BetrVG als eine grund­rechts­aus­ge­stal­ten­de Rege­lung, bei deren Aus­le­gung und Anwen­dung es nicht auf das Gewicht der durch die infra­ge ste­hen­den Mit­be­stim­mungs­rech­te geschütz­ten Belan­ge der Arbeit­neh­mer ankommt 2. Die in ihr bestimm­te ein­ge­schränk­te Gel­tung der orga­ni­sa­to­ri­schen Vor­schrif­ten des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes und sei­ner Betei­li­gungs­rech­te führt zu einer von Ver­fas­sungs wegen gebo­te­nen Pri­vi­le­gie­rung der davon begüns­tig­ten Arbeit­ge­ber. Die Ver­wirk­li­chung ihrer unter­neh­me­ri­schen Zie­le darf durch die betrieb­li­che Mit­be­stim­mung nicht ernst­haft beein­träch­tigt wer­den, da ansons­ten ihre durch § 118 Abs. 1 BetrVG geschütz­ten Frei­heits­rech­te ver­letzt wür­den 3.

An einer sol­chen Beein­träch­ti­gung von grund­recht­li­chen Rechts­po­si­tio­nen fehlt es jedoch bei Unter­neh­men und Betrie­ben, die ledig­lich kari­ta­ti­ven oder erzie­he­ri­schen Bestim­mun­gen außer­halb des durch Art. 7 Abs. 4, Abs. 5 GG geschütz­ten Bereichs die­nen. Bei die­sen beruht die ein­ge­schränk­te Gel­tung des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes allein auf ihrem beson­de­ren Unter­neh­mens­zweck 4. Die damit ver­bun­de­ne Pri­vi­le­gie­rung hält sich zwar im Rah­men des dem Gesetz­ge­ber bei der Aus­ge­stal­tung der betrieb­li­chen Mit­be­stim­mung zuste­hen­den Ent­schei­dungs­spiel­raums und ist des­halb mit Art. 3 Abs. 1 GG ver­ein­bar 3. Der unter­schied­li­che Bezug zu den beson­de­ren Frei­heits­rech­ten des Grund­ge­set­zes und die durch § 118 Abs. 1 BetrVG ver­mit­tel­te Begüns­ti­gung bei der Gel­tung des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes ver­langt jedoch par­ti­ell ande­re Maß­stä­be für die Aus­le­gung und Anwen­dung die­ser Vor­schrift, soweit die­ser beson­de­re Grund­rechts­be­zug fehlt 5. So wird der Ten­denz­schutz von Pres­se- und Rund­funk­un­ter­neh­men nicht durch eine erwerbs­wirt­schaft­li­che Ziel­set­zung infra­ge gestellt, die­se wer­den viel­mehr auch dann von § 118 Abs. 1 BetrVG erfasst, wenn das Unter­neh­men mit dem Zweck der Gewinn­erzie­lung betrie­ben wird 6. Dage­gen ist Vor­aus­set­zung kari­ta­ti­ver Tätig­keit eines Unter­neh­mens, dass die­se fremd­nüt­zig und ohne Absicht der Gewinn­erzie­lung erfolgt 7. Feh­len­de Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht bedeu­tet aller­dings nicht, dass die Hil­fe­leis­tung für lei­den­de Men­schen unent­gelt­lich oder allen­falls zu einem nicht kos­ten­de­cken­den Ent­gelt geschieht. Es genügt viel­mehr, dass der Trä­ger des Unter­neh­mens sei­ner­seits mit sei­ner Hil­fe­leis­tung kei­ne eigen­nüt­zi­gen Zwe­cke im Sin­ne einer Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht ver­folgt. Das ist auch dann der Fall, wenn er bis zur Höhe der Kos­ten­de­ckung Ein­nah­men aus der Betä­ti­gung erzielt 8.

Hier­von aus­ge­hend dient ein Unter­neh­men nach das Bun­des­ar­beits­ge­richts­recht­spre­chung kari­ta­ti­ven Zwe­cken, wenn es den sozia­len Dienst an kör­per­lich oder see­lisch lei­den­den Men­schen zum Ziel hat, auf Hei­lung oder Mil­de­rung inne­rer oder äuße­rer Nöte des Ein­zel­nen oder auf deren vor­beu­gen­de Abwehr gerich­tet ist, die Tätig­keit ohne Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht erfolgt und der Unter­neh­mer nicht ohne­hin von Geset­zes wegen zu der­ar­ti­gen Hil­fe­leis­tun­gen ver­pflich­tet ist 9. Ob kari­ta­ti­ves Han­deln iSv. § 118 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BetrVG vor­liegt, bestimmt sich nicht nach dem Maß der Hilfs­be­dürf­tig­keit. Ent­schei­dend ist allein, ob die Men­schen, denen die Hil­fe die­nen soll, über­haupt in dem beschrie­be­nen Sin­ne hilfs­be­dürf­tig sind.

Nach dem Wort­laut des § 118 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BetrVG muss das Unter­neh­men den kari­ta­ti­ven Bestim­mun­gen aller­dings unmit­tel­bar die­nen. Ent­ge­gen einer im Schrift­tum 10 und von der Arbeit­ge­be­rin ver­tre­te­nen Auf­fas­sung ist das nur dann der Fall, wenn die Hil­fe von dem Unter­neh­men gegen­über kör­per­lich, geis­tig oder see­lisch lei­den­den Men­schen direkt erbracht 11, also der Ten­denz­zweck in dem Unter­neh­men oder Betrieb selbst ver­wirk­licht wird 12. Mit die­ser Ein­schrän­kung wird dem Umstand Rech­nung getra­gen, dass das Prin­zip der Nächs­ten­lie­be Maß­stab jedes – unter­neh­me­ri­schen – Han­delns sein könn­te, ohne dass es sich unmit­tel­bar bei den Hilfs­be­dürf­ti­gen selbst ver­wirk­licht. Daher bedarf eine kari­ta­ti­ve Ziel­set­zung eines Unter­neh­mens einer in kon­kre­ten Hand­lun­gen erkenn­ba­ren Umset­zung des Prin­zips der Nächs­ten­lie­be gegen­über den Hilfs­be­dürf­ti­gen selbst.

Die Aner­ken­nung der Gemein­nüt­zig­keit eines Unter­neh­mens führt nicht not­wen­dig dazu, dass die­ses auch unmit­tel­bar kari­ta­ti­ven Bestim­mun­gen im Sin­ne des § 118 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BetrVG dient 13. Dies ergibt sich bereits aus der Sys­te­ma­tik der §§ 51 ff. AO. § 52 AO bezieht sich auf die Gemein­nüt­zig­keit und unter­schei­det sich von der Mild­tä­tig­keit (§ 53 AO), die zwar struk­tu­rell dem Begriff des "kari­ta­ti­ven" nahe­kommt, ihn aber nicht für ande­re Rege­lungs­zu­sam­men­hän­ge vor­gibt.

Nach die­sen Grund­sät­zen ist die Arbeit­ge­be­rin kein Ten­denz­un­ter­neh­men. Ihre Tätig­keit ist nicht unmit­tel­bar auf die Hei­lung, Mil­de­rung oder die vor­beu­gen­de Abwehr der inne­ren oder äuße­ren Nöte Hilfs­be­dürf­ti­ger gerich­tet. Dass Blut­spen­den für die Kran­ken­ver­sor­gung not­wen­dig sind, genügt ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht, denn dies gilt glei­cher­ma­ßen für Arz­nei- und Hilfs­mit­tel, tech­ni­sche Gerä­te, Kran­ken­häu­ser oder die ärzt­li­che Tätig­keit selbst. Maß­geb­lich ist, dass die Arbeit­ge­be­rin die Hil­fe an kör­per­lich, geis­tig oder see­lisch lei­den­den Men­schen nicht unmit­tel­bar erbringt. Ihre Tätig­keit bezieht sich nach ihrem Gesell­schafts­ver­trag über­wie­gend auf die Ent­nah­me, Samm­lung und Auf­be­rei­tung von mensch­li­chem Blut und Blut­be­stand­tei­len, die Ver­sor­gung mit mensch­li­chem Blut und Blut­be­stand­tei­len zum Zwe­cke der Hei­lung durch Blut­trans­fu­sio­nen sowie dar­über hin­aus auf die Mit­wir­kung an Maß­nah­men der Hämo­the­ra­pie, die Erbrin­gung von trans­fu­si­ons­me­di­zi­ni­schen Labor- und Ser­vice­leis­tun­gen sowie die wis­sen­schaft­li­che Betä­ti­gung und Fort­ent­wick­lung des Blut­spen­de­we­sens. Die­se Tätig­kei­ten erfor­dern das Hin­zu­tre­ten einer ärzt­li­cher Heil­be­hand­lung, um beim Erkrank­ten oder Ver­letz­ten eine Hei­lung zu bewir­ken. Die kon­kre­te ärzt­li­che Leis­tung ist dabei nicht von der­art unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung, dass sie nur noch als Aus­füh­rung der eigent­li­chen sozia­len Leis­tung "Zur­ver­fü­gung­stel­lung des Blu­tes" anzu­se­hen wäre, da die Ärz­te über Blut­trans­fu­sio­nen in eige­ner Ver­ant­wor­tung im Rah­men der von ihnen für erfor­der­lich gehal­te­nen The­ra­pie ent­schei­den. Dies mag in Fäl­len der Leuk­ämie­be­hand­lung anders sein, in denen der Blut­spen­de­dienst das Blut­pro­dukt auf den kran­ken Men­schen per­so­na­li­siert. Das bedarf jedoch kei­ner nähe­ren Auf­klä­rung. Die­ser Tätig­keits­be­reich über­wiegt nicht. Nach dem Vor­trag der Arbeit­ge­be­rin betref­fen zumin­dest 77 % der Tätig­keit die Berei­che Spen­der­wer­bung, Ent­nah­me­di­enst, Labor, Her­stel­lung, Erfor­schung und Ent­wick­lung und Ver­trieb.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 22. Mai 2012 – 1 ABR 7/​11

  1. vgl. Fit­ting 26. Aufl. § 118 Rn. 2[]
  2. BAG 20.04.2010 – 1 ABR 78/​08, Rn. 18, BAGE 134, 62[]
  3. BAG 14.09.2010 – 1 ABR 29/​09, Rn. 24, BAGE 135, 291[][]
  4. vgl. Weber GK-BetrVG 9. Aufl. § 118 Rn. 21[]
  5. Weber aaO[]
  6. vgl. BAG 27.07.1993 – 1 ABR 8/​93, zu B III 1 b der Grün­de, AP BetrVG 1972 § 118 Nr. 51 = EzA BetrVG 1972 § 118 Nr. 61[]
  7. vgl. BAG 14.09.2010 – 1 ABR 29/​09, Rn.20 mwN, aaO; Weber aaO Rn. 25[]
  8. BAG 15.03.2006 – 7 ABR 24/​05, Rn. 30, AP BetrVG 1972 § 118 Nr. 79 = EzA BetrVG 2001 § 118 Nr. 5[]
  9. BAG 14.09.2010 – 1 ABR 29/​09, Rn.20 mwN, BAGE 135, 291[]
  10. Thüsing/​Pötters RdA 2011, 280, 287[]
  11. BAG 29.06.1988 – 7 ABR 15/​87, zu B II 3 d der Grün­de, BAGE 59, 120[]
  12. BAG 15.03.2006 – 7 ABR 24/​05, Rn. 33, AP BetrVG 1972 § 118 Nr. 79 = EzA BetrVG 2001 § 118 Nr. 5[]
  13. vgl. BAG 21.06.1989 – 7 ABR 58/​87, zu B II 2 der Grün­de, BAGE 62, 156[]