Über­brü­ckungs­bei­hil­fe nach dem TV Soz­Sich – und ihre Rück­for­de­rung

§ 8 Ziff. 4 des Tarif­ver­trags zur sozia­len Siche­rung der Arbeit­neh­mer bei den Sta­tio­nie­rungs­streit­kräf­ten im Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (TV Soz­Sich) sieht die Rück­zah­lung der Über­brü­ckungs­bei­hil­fe in vol­ler Höhe durch den zu Unrecht Begüns­tig­ten im Fall vor­sätz­lich oder grob fahr­läs­sig unrich­ti­ger, unvoll­stän­di­ger oder unter­las­se­ner Anga­ben des Antrags­be­rech­tig­ten vor.

Über­brü­ckungs­bei­hil­fe nach dem TV Soz­Sich – und ihre Rück­for­de­rung

Die­ser kann sich nicht dar­auf beru­fen, er sei ent­rei­chert. Der Begriff der "Anga­ben" bezieht sich auf die für die Fest­stel­lung der Anspruchs­be­rech­ti­gung sowie die zur Berech­nung der Leis­tun­gen durch die zustän­di­ge Stel­le benö­tig­ten und des­halb vom Antrag­stel­ler mit­zu­tei­len­den Umstän­de (vgl. § 8 Ziff. 2 TV Soz­Sich).

Die Anwen­dung des Berei­che­rungs­rechts (§§ §§ 812 ff. BGB) ist in einem sol­chen Fall durch die spe­zi­el­le­re Norm des § 8 Ziff. 4 TV Soz­Sich gesperrt.

Die tarif­li­che Rück­for­de­rungs­re­ge­lung des § 8 Ziff. 4 TV Soz­Sich schließt in ihrem Anwen­dungs­be­reich als Spe­zi­al­re­ge­lung Rück­for­de­rungs­an­sprü­che auf­grund Berei­che­rungs­recht aus. Dies ergibt sich aus Satz 2 die­ser Tarif­norm, wonach eine Rück­zah­lungs­pflicht nicht dadurch aus­ge­schlos­sen ist, dass der Emp­fän­ger nicht mehr berei­chert ist. Die­se Rege­lung wür­de kei­nen Sinn machen, wenn die dis­po­ni­blen Bestim­mun­gen der §§ 812 ff. BGB1 und damit auch § 818 BGB dane­ben Anwen­dung fin­den wür­den. Letz­te­rer soll nach dem Wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en, wie er in § 8 Ziff. 4 Satz 2 TV Soz­Sich sei­nen Aus­druck fin­det, gera­de aus­ge­schlos­sen sein. Der inso­weit erfolg­ten Haf­tungs­ver­schär­fung steht gegen­über, dass die­se nur für den Fall vor­sätz­li­chen oder grob fahr­läs­si­gen Han­delns des Anspruch­stel­lers ein­greift.

Aus die­ser, sich auf die Anga­ben nach § 7 sowie § 8 Ziff. 2 TV Soz­Sich bezie­hen­den dif­fe­ren­zier­ten Rück­zah­lungs­be­stim­mung als geson­der­te Fall­kon­stel­la­ti­on kann ent­ge­gen der Annah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts zwar nicht geschluss­fol­gert wer­den, dass ande­re, von ihrem Anwen­dungs­be­reich nicht erfass­te unge­recht­fer­tig­te Ver­mö­gens­ver­schie­bun­gen nicht mehr rück­gän­gig gemacht wer­den kön­nen2. So greift § 8 Ziff. 4 Satz 1 TV Soz­Sich bei­spiels­wei­se bei nur fahr­läs­si­gen Falsch­an­ga­ben nicht ein, so dass inso­weit ein Rück­griff auf Berei­che­rungs­recht mög­lich ist. Sähe man dies anders, wäre die zwangs­läu­fi­ge Fol­ge, dass auch bei einer ver­se­hent­li­chen Über­zah­lung, bei­spiels­wei­se durch unbe­ab­sich­tig­te Falschein­ga­be ("Zah­len­dre­her") sei­tens der aus­zah­len­den Stel­le, eine Rück­for­de­rung aus­ge­schlos­sen wäre. Es ent­spricht aber nicht Sinn und Zweck des Tarif­ver­trags, zu Unrecht auf­grund eines Ver­se­hens der aus­zah­len­den Stel­le über­zahl­te Beträ­ge beim Leis­tungs­emp­fän­ger zu belas­sen. Hier­auf weist die Revi­si­on zu Recht hin. Soweit das Lan­des­ar­beits­ge­richt hier­zu anführt, dass ein über § 8 Ziff. 4 TV Soz­Sich hin­aus­ge­hen­der Aus­schluss der Rück­for­de­rung nach dem all­ge­mei­nen Berei­che­rungs­recht im Hin­blick auf das schutz­wür­di­ge Ver­trau­en des Begüns­tig­ten, die über­zahl­te Über­brü­ckungs­bei­hil­fe behal­ten zu dür­fen, gerecht­fer­tigt sei, da die­ses immer­hin wie ver­dien­tes Arbeits­ent­gelt der Siche­rung des Lebens­un­ter­halts die­ne, ist zu berück­sich­ti­gen, dass auch Über­zah­lun­gen von Arbeits­ent­gelt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts grund­sätz­lich nach den Vor­schrif­ten der §§ 812 ff. BGB zurück­ge­for­dert wer­den kön­nen3 und die Tarif­ver­trags­par­tei­en die­se Rege­lun­gen nur im unmit­tel­ba­ren Anwen­dungs­be­reich des § 8 Ziff. 4 TV Soz­Sich, dh. soweit die Über­zah­lung auf vor­sätz­lich oder grob fahr­läs­si­ge Falsch­an­ga­ben sei­ner­seits zurück­zu­füh­ren ist, modi­fi­zie­ren woll­ten.

Dem dar­ge­leg­ten Ver­ständ­nis des § 8 Ziff. 4 TV Soz­Sich ste­hen die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 12.05.20164 sowie 7.02.20075 nicht ent­ge­gen. Die­se bezo­gen sich auf Sach­ver­hal­te, in denen die tarif­li­chen Rück­for­de­rungs­vor­aus­set­zun­gen gege­ben waren. Sie behan­del­ten jedoch nicht die Fra­ge, ob das Berei­che­rungs­recht auch für ande­re als den kon­kret tarif­ver­trag­lich gere­gel­ten Fall aus­ge­schlos­sen war. Nichts ande­res ergibt sich aus dem Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 27.06.20186. Dort hat das Gericht ledig­lich fest­ge­stellt, dass einem tarif­li­chen Anspruch nicht die Ein­re­de der Ent­rei­che­rung ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den kön­ne, da § 818 Abs. 3 BGB nur Anwen­dung auf Berei­che­rungs­an­sprü­che aus §§ 812 ff. BGB, nicht aber auf ver­trag­li­che Rück­for­de­rungs­an­sprü­che fin­de7.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 15. Novem­ber 2018 – 6 AZR 522/​17

  1. vgl. BAG 1.10.2002 – 9 AZR 215/​01, zu I 2 b bb (2) der Grün­de, BAGE 103, 45 []
  2. in die­sem Sin­ne auch BAG 26.05.2009 – 3 AZR 797/​07, Rn. 24 zu einem Rück­zah­lungs­an­spruch nach dem Tarif­ver­trag über eine betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung bei der Deut­schen Tele­kom AG vom 01.02.1996 [TV Kapi­tal­kon­ten­plan] []
  3. BAG 19.02.2004 – 6 AZR 664/​02, zu I 2 a der Grün­de; 23.05.2001 – 5 AZR 374/​99, zu I der Grün­de, BAGE 98, 25 []
  4. BAG 12.05.2016 – 6 AZR 365/​15, BAGE 155, 88 []
  5. BAG 7.02.2007 – 5 AZR 260/​06 []
  6. BAG 27.06.2018 – 10 AZR 290/​17 []
  7. vgl. BGH 17.06.2003 – XI ZR 195/​02, zu II 3 der Grün­de, BGHZ 155, 166; eben­so bei gesetz­li­chen Rück­ge­währ­an­sprü­chen BGH 26.09.2006 – XI ZR 283/​03, Rn. 21 []