Urlaubs­geld – und die Fäl­lig­keits­re­ge­lung im For­mu­lar­ar­beits­ver­trag

All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen sind nach ihrem objek­ti­ven Inhalt und typi­schen Sinn ein­heit­lich so aus­zu­le­gen, wie sie von ver­stän­di­gen und red­li­chen Ver­trags­part­nern unter Abwä­gung der Inter­es­sen der nor­ma­ler­wei­se betei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se ver­stan­den wer­den, wobei die Ver­ständ­nis­mög­lich­kei­ten des durch­schnitt­li­chen Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders zugrun­de zu legen sind 1.

Urlaubs­geld – und die Fäl­lig­keits­re­ge­lung im For­mu­lar­ar­beits­ver­trag

Sieht ein For­mu­lar­ar­beits­ver­trag, der eine pau­scha­le Bezug­nah­me auf einen Tarif­ver­trag ent­hält, eine aus­drück­li­che Rege­lung vor, die von einer tarif­li­chen Bestim­mung abweicht, hat die arbeits­ver­trag­li­che Rege­lung grund­sätz­lich Vor­rang vor der in Bezug genom­me­nen Tarif­vor­schrift 2.

So liegt der Fall in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall: Der For­mu­lar­ar­beits­ver­trag nimmt in sei­nem § 12 in all­ge­mei­ner Form ua. auf die Bestim­mun­gen des Urlaubs­geld­ab­kom­mens Bezug. Wäh­rend § 2 Nr. 4 Satz 1 Halbs. 2 Urlaubs­geld­ab­kom­men die Fäl­lig­keit des Urlaubs­gelds an die Gewäh­rung von Urlaub knüpft, sieht die aus­drück­li­che Rege­lung im Arbeits­ver­trag der Par­tei­en eine Fäl­lig­keit am 30.06.eines jeden Jah­res vor (§ 14 ArbV). Grün­de, die es gebo­ten schei­nen las­sen, von dem zitier­ten Grund­satz abzu­wei­chen, dem zufol­ge die aus­drück­li­che AGB-Rege­lung der in pau­scha­ler Form in Bezug genom­me­nen Tarif­be­stim­mung vor­geht, sind nicht ersicht­lich. Viel­mehr spre­chen im Streit­fall sys­te­ma­ti­sche Erwä­gun­gen gegen die Sicht­wei­se des Lan­des­ar­beits­ge­richts. Der Rege­lungs­zu­sam­men­hang, in den die bei­den Bestim­mun­gen ein­ge­bet­tet sind, belegt ein Spe­zia­li­täts­ver­hält­nis, in des­sen Fol­ge die all­ge­mei­ne Bestim­mung des § 12 ArbV hin­ter der spe­zi­el­le­ren Rege­lung des § 14 ArbV zurück­tritt. Der Arbeits­ver­trag begrün­det nicht selbst einen Anspruch auf Urlaubs­geld, son­dern ver­weist zu die­sem Zweck auf den MTV und das Urlaubs­geld­ab­kom­men. Die­se Rege­lungs­tech­nik erlaub­te es den Par­tei­en, den Anspruch auf Urlaubs­geld in all­ge­mei­ner Form zum Gegen­stand des Arbeits­ver­trags zu machen und die­se all­ge­mei­ne Rege­lung in einer der nach­fol­gen­den Bestim­mun­gen – im Streit­fall hin­sicht­lich der Fäl­lig­keit, zu modi­fi­zie­ren. Im Übri­gen hat – ohne dass dies für die Aus­le­gung der Klau­sel nach objek­ti­ven Merk­ma­len zu berück­sich­ti­gen wäre – auch der Arbeit­neh­mer die Fäl­lig­keits­re­ge­lung im näm­li­chen Sin­ne ver­stan­den. Ande­ren­falls hät­te er die Arbeit­ge­be­rin nicht mit Schrei­ben vom 01.11.2010 zur Zah­lung des Urlaubs­gelds auf­ge­for­dert. Zu die­sem Zeit­punkt hat­te die Arbeit­ge­be­rin ihm noch kei­nen Urlaub aus dem Jahr 2010 gewährt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 20. Janu­ar 2015 – 9 AZR 585/​13

  1. BAG 19.12 2006 – 9 AZR 343/​06, Rn. 12[]
  2. vgl. BAG 13.03.2013 – 5 AZR 954/​11, Rn. 40, BAGE 144, 306[]