Urtei­le – und die erfo­der­li­chen Unter­schrif­ten

Nach § 72b Abs. 1 ArbGG kann das Urteil eines Lan­des­ar­beits­ge­richts durch sofor­ti­ge Beschwer­de ange­foch­ten wer­den, wenn es nicht bin­nen fünf Mona­ten nach Ver­kün­dung voll­stän­dig abge­fasst und mit den Unter­schrif­ten sämt­li­cher Mit­glie­der der Kam­mer ver­se­hen der Geschäfts­stel­le über­ge­ben wor­den ist. Die Vor­schrift erfor­dert ledig­lich ein for­mal voll­stän­dig abge­fass­tes Urteil, also ein Urteil, das den Anfor­de­run­gen der §§ 313 bis 313b ZPO, § 69 ArbGG ent­spricht 1. Dazu gehört, dass das Urteil des Lan­des­ar­beits­ge­richts von sämt­li­chen Mit­glie­dern der Kam­mer unter­schrie­ben ist (§ 69 Abs. 1 Satz 1 ArbGG). Erfor­der­lich sind die Unter­schrif­ten der­je­ni­gen Mit­glie­der der Kam­mer, die an der Ent­schei­dung mit­ge­wirkt haben 2.

Urtei­le – und die erfo­der­li­chen Unter­schrif­ten

Außer­dem muss nach § 69 Abs. 1 Satz 1 ArbGG das Urteil des Lan­des­ar­beits­ge­richts von den ehren­amt­li­chen Rich­tern unter­schrie­ben wer­den, die an der Ent­schei­dung mit­ge­wirkt haben, also Teil der Beset­zung sind, in der die Beru­fungs­kam­mer tätig gewor­den ist (§ 35 Abs. 2 ArbGG). Das waren aus­weis­lich des Pro­to­kolls der Beru­fungs­ver­hand­lung vom 05.12 2018 und des Rubrums des anzu­fech­ten­den Urteils die ehren­amt­li­chen Rich­ter P und F. Die­se haben nach Akten­la­ge das Urteil auch tat­säch­lich unter­schrie­ben.

Für die Unter­schrift der ehren­amt­li­chen Rich­ter erfor­der­lich, aber auch aus­rei­chend ist die Unter­zeich­nung mit vol­lem Fami­li­en­na­men, wobei ein indi­vi­dua­li­sier­ba­rer Schrift­zug erkenn­bar sein muss 3.

Dem genü­gen die Unter­schrif­ten der ehren­amt­li­chen Rich­ter P und F.

Die Unter­schrift des ehren­amt­li­chen Rich­ters P ist sowohl auf dem Ori­gi­nal des Urteils als auch auf dem noch am 5.12 2018 gemäß § 69 Abs. 1 Satz 2 iVm. § 60 Abs. 3 Satz 2 ArbGG ver­fass­ten und unter­schrie­be­nen Tenor des anzu­fech­ten­den Urteils nicht nur ein indi­vi­dua­li­sier­ba­rer Schrift­zug, son­dern deut­lich les­bar. Dass er sei­nem Fami­li­en­na­men als Vor­na­men "Han­nes" hin­zu­ge­fügt hat, wäre ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Beschwer­de­füh­re­rin nur dann von Belang, wenn es am Lan­des­ar­beits­ge­richt Mün­chen zwei ehren­amt­li­che Rich­ter mit dem Nach­na­men P gäbe, von denen der eine den Vor­na­men "Johan­nes", der ande­re den Vor­na­men "Han­nes" trü­ge. Das ist aber nicht der Fall. Im Übri­gen ist es, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt, erstaun­lich, dass der in Mün­chen wohn­haf­ten Beschwer­de­füh­re­rin die im täg­li­chen Leben häu­fig gleich­sam syn­ony­me Ver­wen­dung von "Johan­nes" und "Han­nes" gera­de im baye­ri­schen Sprach­raum ver­bor­gen geblie­ben ist.

Die Unter­schrift des ehren­amt­li­chen Rich­ters F ist im Nach­na­men ein indi­vi­dua­li­sier­ba­rer Schrift­zug, der sich trotz leich­ter Abschlei­fung als Wie­der­ga­be eines Namens dar­stellt und – mit etwas gutem Wil­len – sogar les­bar ist 4. Dass der ehren­amt­li­che Rich­ter bei der Unter­schrifts­leis­tung sei­nen Vor­na­men A mit einem deut­lich les­ba­ren "A." abge­kürzt hat, ist unschäd­lich, weil für die nach § 72b Abs. 1 Satz 1 iVm. § 69 Abs. 1 Satz 1 ArbGG erfor­der­li­chen Unter­schrif­ten die Unter­zeich­nung mit dem Nach­na­men jeden­falls dann genügt, wenn – wie hier – kei­ne Ver­wechs­lungs­ge­fahr besteht.

Dage­gen muss­te das anzu­fech­ten­de Urteil nicht von den ehren­amt­li­chen Rich­tern M und H mit­un­ter­schrie­ben wer­den, die nur an einem Zwi­schen­ur­teil mit­ge­wirkt hat­ten. Die Kam­mern des Lan­des­ar­beits­ge­richts ent­schei­den nach § 35 Abs. 2 ArbGG stets in der Beset­zung mit einem (berufs­rich­ter­li­chen) Vor­sit­zen­den und je einem ehren­amt­li­chen Rich­ter aus den Krei­sen der Arbeit­neh­mer und Arbeit­ge­ber. Dem­entspre­chend haben die ehren­amt­li­chen Rich­ter M und H (nur) an dem Zwi­schen­ur­teil vom 02.03.2018, nicht jedoch an dem Urteil vom 19.12 2018 mit­ge­wirkt. Sie haben aus­weis­lich des Pro­to­kolls an der Beru­fungs­ver­hand­lung, auf­grund derer das anzu­fech­ten­de Urteil ergan­gen ist, auch nicht teil­ge­nom­men. Ob sie nach dem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan für das Lan­des­ar­beits­ge­richt Mün­chen statt der ehren­amt­li­chen Rich­ter P und F her­an­zu­zie­hen gewe­sen wären, ist für die sofor­ti­ge Beschwer­de wegen ver­spä­te­ter Abset­zung des Beru­fungs­ur­teils ohne Belang, § 72b Abs. 1 Satz 2 ArbGG 5. Hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Revi­si­on nicht zuge­las­sen und soll die vor­schrifts­mä­ßi­ge Beset­zung des Gerichts gerügt wer­den, kann dar­auf (nur) eine Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gestützt wer­den, § 72a Abs. 3 Nr. 3 Alt. 1 ArbGG iVm. § 547 Nr. 1 ZPO.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 18. Sep­tem­ber 2019 – 5 AZB 20/​19

  1. BAG 20.12 2006 – 5 AZB 35/​06, Rn. 4, BAGE 120, 358; vgl. auch GMP/­Mül­ler-Glö­ge ArbGG 9. Aufl. § 72b Rn. 21 ff.; HWK/​Treber 8. Aufl. § 72b ArbGG Rn. 6, jeweils mwN[]
  2. BAG 19.12 2012 – 2 AZB 45/​12, Rn. 7 mwN[]
  3. hM, vgl. nur GMP/​Schleusener ArbGG 9. Aufl. § 69 Rn. 4; ErfK/​Koch 19. Aufl. ArbGG § 69 Rn. 2; HWK/​Kalb 8. Aufl. § 69 ArbGG Rn. 2; GWBG/​Benecke ArbGG 8. Aufl. § 69 Rn. 2[]
  4. vgl. auch, zu den Vor­aus­set­zun­gen einer Unter­schrift bei Rechts­mit­teln – BAG 25.02.2015 – 5 AZR 849/​13, Rn.19, BAGE 151, 66[]
  5. vgl. nur GMP/­Mül­ler-Glö­ge ArbGG 9. Aufl. § 72b Rn.20a[]