Ver­bands­kla­ge zwi­schen Tarif­ver­trags­par­tei­en – und der aus­ge­lau­fe­ne Tarif­ver­trag

Der Zuläs­sig­keit der Ver­bands­kla­ge iSv. § 9 TVG steht nicht das Ende der Gel­tungs­dau­er des Tarif­ver­tra­ges ent­ge­gen.

Ver­bands­kla­ge zwi­schen Tarif­ver­trags­par­tei­en – und der aus­ge­lau­fe­ne Tarif­ver­trag

Auch bei einer nur nach­wir­ken­den Gel­tung des Tarif­ver­trags (vgl. § 9 Nr. 1 Satz 2 HTV) wäre die Beklag­te ver­pflich­tet, die ihm unter­fal­len­den Arbeits­ver­hält­nis­se nach sei­ner Maß­ga­be durch­zu­füh­ren, bis eine ande­re Abma­chung die Nach­wir­kung abge­löst hat, § 4 Abs. 5 TVG 1.

Der mit der Ver­bands­kla­ge zu klä­ren­de Inhalt der Tarif­nor­men beruht bei der – von den Tarif­ver­trags­par­tei­en nicht aus­ge­schlos­se­nen – Nach­wir­kung gemäß § 4 Abs. 5 TVG eben­so wie bei der zwin­gen­den Wir­kung der Tarif­nor­men nach § 4 Abs. 1 TVG auf der Rege­lungs­frei­heit der Tarif­ver­trags­part­ner. Sie gestal­tet auch nach dem Ende des Tarif­ver­trags den Inhalt der tarif­ge­bun­de­nen Arbeits­ver­hält­nis­se nach Maß­ga­be der tarif­ver­trag­li­chen Rege­lun­gen.

Dabei ermög­licht die Nach­wir­kung zwar eine Ände­rung durch eine "ande­re Abma­chung" iSv. § 4 Abs. 5 TVG. Eine sol­che ist aber auch zwin­gend erfor­der­lich, wenn die von den Tarif­ver­trags­part­nern sei­ner­zeit ver­ein­bar­ten Arbeits­be­din­gun­gen geän­dert wer­den sol­len. Die durch § 9 TVG geschaf­fe­ne Pri­vi­le­gie­rung der Tarif­ver­trags­part­ner beruht damit in bei­den Fäl­len auf ihrer Norm­set­zungs­be­fug­nis und erstreckt sich des­halb auf den Bestand und die Aus­le­gung die­ser von ihnen selbst gesetz­ten Nor­men 2.

Des­halb hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt eine Ver­bands­kla­ge auch dann als zuläs­sig ange­se­hen, wenn es um den Zeit­raum der – nicht aus­ge­schlos­se­nen – Nach­wir­kung des Tarif­ver­trags ging 3.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 15. Juni 2016 – 4 AZR 805/​14

  1. vgl. BAG 4.07.2007 – 4 AZR 491/​06, Rn. 22, BAGE 123, 213[]
  2. BAG 6.06.2007 – 4 AZR 411/​06, Rn. 68 mwN, BAGE 123, 46[]
  3. vgl. zB BAG 4.07.2007 – 4 AZR 491/​06 – aaO; eben­so HWK/​Henssler 7. Aufl. § 9 TVG Rn. 9; Wiedemann/​Oetker TVG 7. Aufl. § 9 Rn. 27; NK-GA/­Forst § 9 TVG Rn. 13; ErfK/​Franzen 16. Aufl. § 9 TVG Rn. 6; DäublerTVG/​Reinecke/​Rachor 4. Aufl. § 9 Rn. 24; Rieb­le NZA 1992, 250, 252; aA Löwisch/​Rieble TVG 3. Aufl. § 9 Rn. 25[]