Ver­fas­sungs­wid­rig­keit als Revi­si­ons­grund

Aller­dings ist die Ansicht des Ach­ten Senats des Bun­des­ar­beits­ge­richts,
Die Fra­ge der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer streit­ent­schei­den­den Norm stellt – ent­ge­gen der Ansicht des Ach­ten Senats des Bun­des­ar­beits­ge­richts 1 – einen Grund für die Zulas­sung der Revi­si­on nach § 72 Abs. 2 Nr. 1, § 72a Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 ArbGG dar.

Ver­fas­sungs­wid­rig­keit als Revi­si­ons­grund

In der Recht­spre­chung der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des wird die Auf­fas­sung, mit der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Norm kön­ne eine Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de im Hin­blick auf eine Rechts­fra­ge grund­sätz­li­cher Bedeu­tung nicht begrün­det wer­den, sonst nicht ver­tre­ten. So hat ein ande­rer Senat des Bun­des­ar­beits­ge­richts bereits ent­schie­den, dass die Fra­ge, ob eine Norm ver­fas­sungs­ge­mäß ist, eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che Rechts­fra­ge grund­sätz­li­cher Bedeu­tung gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG sein kann 2. Zu ver­gleich­ba­ren Rechts­mit­tel­zu­las­sungs­vor­schrif­ten ande­rer Ver­fah­rens­ord­nun­gen fin­den sich eben­falls Ent­schei­dun­gen, in denen die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Norm als Zulas­sungs­grund unter dem Gesichts­punkt grund­sätz­li­cher Bedeu­tung nicht gene­rell aus­ge­schlos­sen wird, son­dern in denen im jewei­li­gen Ein­zel­fall geprüft wird, ob die dahin­ge­hen­de Begrün­dung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ent­sprach 3.

Den maß­geb­li­chen Nor­men (§ 72 Abs. 2 Nr. 1 und § 72a Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 ArbGG) lässt sich, wie das BVerfG aus­drück­lich fest­stellt, die vom Ach­ten Senat des Bun­des­ar­beits­ge­richts ange­nom­me­ne Ein­schrän­kung nicht ent­neh­men. Die Fra­ge, ob eine gesetz­li­che Rege­lung ver­fas­sungs­wid­rig ist, kann nach den Vor­aus­set­zun­gen, die übli­cher­wei­se für eine Rechts­fra­ge von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung ver­langt wer­den 4, unter die­se Revi­si­ons­zu­las­sungs­vor­schrif­ten sub­su­miert wer­den. So ist ohne wei­te­res vor­stell­bar, dass eine sol­che Fra­ge ent­schei­dungs­er­heb­lich, klä­rungs­be­dürf­tig und von all­ge­mei­ner Bedeu­tung für die Rechts­ord­nung ist.

Pro­ble­ma­tisch kann allen­falls die Vor­aus­set­zung der Klä­rungs­fä­hig­keit sein. Klä­rungs­fä­hig ist eine Rechts­fra­ge, wenn sie in der Revi­si­ons­in­stanz beant­wor­tet wer­den kann 5, das heißt wenn sich die Prü­fungs­be­fug­nis des Revi­si­ons­ge­richts auf die­se Fra­ge erstreckt. Die Klä­rungs­fä­hig­keit ist daher in den Fäl­len des § 73 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit § 65 ArbGG oder dann zu ver­nei­nen, wenn es zur Klä­rung wei­te­rer tat­säch­li­cher Fest­stel­lun­gen bedürf­te, die in der Revi­si­ons­in­stanz nicht mehr in den Rechts­streit ein­ge­führt wer­den kön­nen 6. Die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit eines Geset­zes kann von den Par­tei­en hin­ge­gen durch­aus in der Revi­si­ons­in­stanz gel­tend gemacht wer­den. Gegen die Zulas­sung der Revi­si­on nach § 72 Abs. 2 Nr. 1, § 72a Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 ArbGG spricht unter dem Gesichts­punkt der Klä­rungs­fä­hig­keit auch nicht, dass dem Bun­des­ar­beits­ge­richt dann, wenn es von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Rechts­norm aus­geht, die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung über die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit selbst nicht mög­lich ist, son­dern dass dann eine Vor­la­ge nach Art. 100 Abs. 1 GG erfol­gen muss. Die feh­len­de Ver­wer­fungs­be­fug­nis des Bun­des­ar­beits­ge­richts ändert nichts dar­an, dass die Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit eines ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Geset­zes zur Prü­fungs­be­fug­nis im Revi­si­ons­ver­fah­ren gehört 7.

Im Hin­blick auf den Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät der Ver­fas­sungs­be­schwer­de kommt eine ein­schrän­ken­de Aus­le­gung der Revi­si­ons­zu­las­sungs­vor­schrif­ten schließ­lich auch nicht des­halb in Betracht, weil der von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Norm betrof­fe­nen Par­tei die Mög­lich­keit einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de offen steht. In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts wird – jeden­falls unter bestimm­ten Umstän­den – gera­de ver­langt, dass vor Erhe­bung einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Norm im Aus­gangs­ver­fah­ren mit allen dort dafür zur Ver­fü­gung ste­hen­den pro­zes­sua­len Mit­teln gel­tend gemacht wird, soweit der Aus­gang des Ver­fah­rens von der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Norm abhängt. Als eine sol­che pro­zes­sua­le Mög­lich­keit wird auch die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung ange­se­hen 8.

Die Grün­de des ange­grif­fe­nen Beschlus­ses las­sen nicht erken­nen, war­um der Ach­te Senat des Bun­des­ar­beits­ge­richts den­noch meint, mit der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Norm kön­ne eine Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gene­rell nicht begrün­det wer­den. Die knap­pen Aus­füh­run­gen des Beschlus­ses an die­ser Stel­le könn­ten den Ein­druck erwe­cken, es feh­le schon des­halb an einer aus­rei­chen­den Begrün­dung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gemäß § 72a Abs. 3 ArbGG, weil der Beschwer­de­füh­rer die Zulas­sung der Revi­si­on mit der Behaup­tung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 104 Abs. 1 Satz 1 SGB VII los­ge­löst von den gesetz­li­chen Zulas­sungs­grün­den des § 72a Abs. 3 Satz 2 ArbGG habe errei­chen wol­len. Dies war jedoch nicht der Fall. Aus der Begrün­dung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ergibt sich, dass aus Sicht des Beschwer­de­füh­rers die Zulas­sung der Revi­si­on mit dem Ziel einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Über­prü­fung des § 104 Abs. 1 Satz 1 SGB VII „nach Maß­ga­be des § 72a Abs. 3 Zif­fer 1 ArbGG“ erfol­gen soll­te. Mög­li­cher­wei­se hät­te die Begrün­dung den Anfor­de­run­gen an die Dar­le­gung einer Rechts­fra­ge von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung im Sin­ne die­ser Vor­schrift nicht genügt. Auf einen sol­chen Begrün­dungs­man­gel im Detail hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Zurück­wei­sung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de jedoch nicht gestützt. Die in der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung ver­tre­te­ne Auf­fas­sung ist daher ein­fach­recht­lich nicht nach­voll­zieh­bar.

Die Auf­fas­sung des Ach­ten Senats des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist zugleich ver­fas­sungs­recht­lich bedenk­lich. Die Gerich­te dür­fen im Hin­blick auf das Grund­recht auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. dem Rechts­staats­prin­zip) ver­fah­rens­recht­li­che Rege­lun­gen nicht so aus­le­gen und anwen­den, dass den Par­tei­en der Zugang zu den in den Ver­fah­rens­ord­nun­gen eröff­ne­ten Instan­zen in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwert wird 9. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat dem Beschwer­de­füh­rer im Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren ohne nähe­re Sach­prü­fung die Mög­lich­keit ver­sperrt, die Zulas­sung der Revi­si­on nach § 72a Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 ArbGG mit der Behaup­tung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der streit­ent­schei­den­den Norm zu errei­chen. Dar­in dürf­te eine unzu­mut­ba­re, mit dem Grund­recht auf effek­ti­ven Rechts­schutz unver­ein­ba­re Erschwe­rung des Zugangs zur Revi­si­ons­in­stanz lie­gen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 27. Febru­ar 2009 – 1 BvR 3505/​08

  1. BAG, Beschlüs­se vom 21. August 2008 – 8 AZN 360/​08 – und vom 30. Okto­ber 2008 – 8 AZN 889/​08 (F) []
  2. BAG, Beschluss vom 25. Juli 2006 – 3 AZN 108/​06 -, NZA 2007, S. 407[]
  3. vgl. BSG, Beschluss vom 8. Dezem­ber 2008 – B 12 R 38/​07 B -, juris; BGH, Beschluss vom 28. April 2004 – IV ZR 144/​03 -, VersR 2005, S. 140; BGH, Beschluss vom 26. Novem­ber 2008 – XII ZB 103/​08 -, juris; BFH, Beschluss vom 23. Juni 2005 – IX B 131/​04 -, juris; BFH, Beschluss vom 14. März 2006 – IV B 2/​05 -, juris; BFH, Beschluss vom 11. Sep­tem­ber 2007 – VI B 146/​05 -, juris; zum ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren: OVG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 26. Febru­ar 2001 – 2 L 450/​00 -, juris, m.w.N.; vgl. auch BVerwG, Beschluss vom 18. Sep­tem­ber 2006 – BVerwG 10 B 55.06 -, juris; OVG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 26. Juli 2007 – 6 A 1785/​05 -, juris; vgl. aus der arbeits­recht­li­chen Kom­men­tar­li­te­ra­tur: Mül­ler-Glö­ge, in: Ger­mel­man­n/­Mat­thes/Prüt­tin­g/­Mül­ler-Glö­ge, ArbGG, 6. Aufl. 2008, § 72 Rn. 13; Ulrich, in: Schwab/​Weth, ArbGG, 2. Aufl. 2008, § 72 Rn. 25, § 72a Rn. 56, 58; Koch, in: ErfK, 9. Aufl. 2009, § 72 ArbGG Rn. 6; Bep­ler, in: Henssler/​Willemsen/​Kalb, Arbeits­recht Kom­men­tar, 2. Aufl. 2006, § 72 ArbGG Rn. 10; Klo­se, in: Beck´scher Online Kom­men­tar, Stand: 1. Dezem­ber 2008, § 72 ArbGG Rn. 7.1, § 72a ArbGG Rn. 11[]
  4. vgl. BAG, Beschluss vom 26. Juni 2008 – 6 AZN 648/​07 -, NZA 2008, S. 1145 <1146>; stRspr[]
  5. vgl. BAG, Beschluss vom 26. Juni 2008 – 6 AZN 648/​07 -, NZA 2008, S. 1145 <1146>[]
  6. vgl. Mül­ler-Glö­ge, in: Ger­mel­man­n/­Mat­thes/Prüt­tin­g/­Mül­ler-Glö­ge, ArbGG, 6. Aufl. 2008, § 72 Rn. 16[]
  7. vgl. BAG, Beschluss vom 25. Juli 2006 – 3 AZN 108/​06 -, NZA 2007, S. 407[]
  8. vgl. BVerfG, Beschluss vom 27. Novem­ber 2007 – 1 BvR 2785/​07 -, juris; vgl. auch­BVerfGE 112, 50 <62>[]
  9. vgl.BVerfGE 77, 275 <284>; 88, 118 <125> ; BVerfGK 4, 87 <90 f.>[]