Ver­gü­tungs­an­spruch bei Sai­son­kurz­ar­beit im Bau­ge­wer­be

§ 615 BGB wird im Anwen­dungs­be­reich des BRTV-Bau durch § 4 Nr.6.1 BRTV-Bau modi­fi­ziert: Wird die Arbeits­leis­tung ent­we­der aus zwin­gen­den Wit­te­rungs­grün­den oder in der gesetz­li­chen Schlecht­wet­ter­zeit (1. Dezem­ber bis 31. März) aus wirt­schaft­li­chen Grün­den unmög­lich, ent­fällt der Lohn­an­spruch. Bei einer recht­mä­ßig und wirk­sam ein­ge­führ­ten Kurz­ar­beit ent­fällt die Arbeits­pflicht des Arbeit­neh­mers ganz oder teil­wei­se und Annah­me­ver­zug tritt inso­weit nicht ein. Der Arbeit­ge­ber trägt dann nicht mehr das vol­le Risi­ko des Arbeits­aus­falls iSv. § 615 Satz 3 BGB. Aller­dings behält der Arbeit­neh­mer den Lohn­an­spruch in Höhe des Kurz­ar­bei­ter­gelds [1]. Über § 4 Nr.6.1 BRTV-Bau hin­aus­ge­hend begrün­det § 11 Nr. 1 Satz 2 und Satz 3 BRTV-Bau für Werk­po­lie­re, Bau­ma­schi­nen­Fach­meis­ter und Ofen­wär­ter einen wei­ter­ge­hen­den, von den Vor­aus­set­zun­gen des § 615 BGB unab­hän­gi­gen Lohn­an­spruch. Danach ist bei völ­lig ruhen­der Arbeit der Lohn für die ers­te Woche in vol­ler Höhe und – im unge­kün­dig­ten Arbeits­ver­hält­nis – für die nach­fol­gen­de Zeit jeden­falls iHv. 70 vH wei­ter­zu­zah­len. Im Sin­ne die­ser Vor­schrift ruht die Arbeit völ­lig, wenn indi­vi­du­ell dem Werk­po­lier, Bau­ma­schi­nen­Fach­meis­ter oder Ofen­wär­ter im Feue­rungs­bau kei­ne oder nicht aus­rei­chen­de Arbeit sei­ner Lohn­grup­pe oder einer ande­ren Lohn­grup­pe zuge­wie­sen wer­den kann. Ob die­ser Tat­be­stand auf wirt­schaft­li­chen oder wit­te­rungs­be­ding­ten Grün­den beruht, ist für den tarif­li­chen Lohn­fort­zah­lungs­an­spruch nicht erheb­lich.

Ver­gü­tungs­an­spruch bei Sai­son­kurz­ar­beit im Bau­ge­wer­be

Indem § 11 Nr. 1 Satz 1 BRTV-Bau den Fall regelt, dass dem Werk­po­lier, Bau­ma­schi­nen­Fach­meis­ter oder Ofen­wär­ter kei­ne oder nicht aus­rei­chen­de Arbeit als Werk­po­lier, Bau­ma­schi­nen­Fach­meis­ter oder Ofen­wär­ter zuge­wie­sen wer­den kann, erwei­tert die­se Tarif­norm das Direk­ti­ons­recht des Arbeit­ge­bers. Hier­an knüpft Satz 2 des § 11 Nr. 1 BRTV-Bau an. Ist die Beschäf­ti­gung auch durch Zuwei­sung nicht ver­trags­ge­rech­ter Arbeit nicht mög­lich, ruht die Arbeit für die­sen Werk­po­lier, Bau­ma­schi­nen­Fach­meis­ter oder Ofen­wär­ter völ­lig [2].

Der Wort­laut der Tarif­norm schränkt die Lohn­fort­zah­lungs­pflicht nicht auf Fäl­le des wit­te­rungs­be­ding­ten Arbeits­aus­falls ein, son­dern nor­miert kei­ne wei­te­ren Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen. Dem­entspre­chend hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt zu der im Wort­laut glei­chen Rege­lung des § 6 Nr.1.3 Rah­men­ta­rif­ver­trag für die Polie­re und Schacht­meis­ter des Bau­ge­wer­bes im Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land idF vom 14.06.1971 erkannt, dass die­ser Tat­be­stand auch bei Kurz­ar­beit erfüllt sein kann. Die Tarif­norm sei nicht auf bestimm­te Fäl­le des Betriebs­ri­si­kos zu beschrän­ken [3]. Eine der­ar­ti­ge Ein­schrän­kung des Lohn­fort­zah­lungs­an­spruchs der Werk­po­lie­re, Bau­ma­schi­nen­Fach­meis­ter und Ofen­wär­ter folgt auch nicht aus ande­ren Aus­le­gungs­ge­sichts­punk­ten als dem Wort­laut der Norm.

Die gemein­sa­me Erklä­rung des Zen­tral­ver­bands des Deut­schen Bau­ge­wer­bes, des Haupt­ver­bands der Deut­schen Bau­in­dus­trie und der Indus­trie­ge­werk­schaft Bau­Stei­ne­Er­den vom 18.12.1974, wonach § 6 Nr.1.3 des Rah­men­ta­rif­ver­trags für die Polie­re und Schacht­meis­ter des Bau­ge­wer­bes im Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vom 14.06.1971 ledig­lich bei wit­te­rungs­be­ding­tem Arbeits­aus­fall gel­te, ver­mag kei­ne vom Wort­laut abwei­chen­de Aus­le­gung der Tarif­norm zu recht­fer­ti­gen. Soll­te ein ent­spre­chen­der Wil­le der Tarif­ver­trags­par­tei­en vor­han­den gewe­sen sein, wäre die­ser vom Rechts­an­wen­der nur zu berück­sich­ti­gen, wenn und soweit er in den tarif­li­chen Nor­men sei­nen Nie­der­schlag gefun­den hat. Dies ist bei der gemein­sa­men Erklä­rung vom 18.12.1974 nicht der Fall. Eben­so uner­heb­lich für die Tarif­aus­le­gung ist die Pra­xis der am Tarif­ab­schluss unbe­tei­lig­ten Bun­des­agen­tur für Arbeit.

Sys­te­ma­ti­sche Erwä­gun­gen bestä­ti­gen die Wort­aus­le­gung. § 11 BRTV-Bau beinhal­tet ange­sichts sei­ner Stel­lung im Tarif­ver­trag Son­der­re­ge­lun­gen für ganz unter­schied­li­che Sach­ver­hal­te wie das Direk­ti­ons­recht, die Ent­loh­nung und die Kün­di­gungs­frist. Die­se Son­der­re­ge­lun­gen betref­fen allein Werk­po­lie­re, Bau­ma­schi­nen­Fach­meis­ter und Ofen­wär­ter. Hin­ge­gen sind die all­ge­mei­nen Rege­lun­gen für ver­gü­tungs­re­le­van­te Sach­ver­hal­te in § 4 BRTV-Bau zu fin­den. Aus der all­ge­mei­nen Rege­lung ist zu schlie­ßen, dass die bei­den unter­schied­li­chen Grün­de des Arbeits­aus­falls (näm­lich wit­te­rungs­be­ding­te und wirt­schaft­li­che Grün­de, vgl. die Über­schrift des § 4 Nr.6.1 BRTV-Bau) den Tarif­ver­trags­par­tei­en bekannt waren und in ihren Rege­lungs­plan auf­ge­nom­men wur­den. In § 11 BRTV-Bau haben sie gleich­wohl die­se Dif­fe­ren­zie­rung nicht auf­ge­grif­fen und eine ein­heit­li­che Rege­lung nie­der­ge­legt.

Auch § 12 Nr. 2 BRTV-Bau spricht gegen eine ein­schrän­ken­de Inter­pre­ta­ti­on des § 11 Nr. 1 BRTV-Bau. Nach § 12 Nr. 2 BRTV-Bau darf das Arbeits­ver­hält­nis in der Zeit vom 01.12. bis zum 31.03.(Schlechtwetterzeit) aus Wit­te­rungs­grün­den nicht gekün­digt wer­den. Nach § 11 Nr. 1 Satz 4 BRTV-Bau hat der Polier aber wäh­rend der Kün­di­gungs­frist Anspruch auf Zah­lung des vol­len Lohns, wenn ihm aus „vor­ste­hen­den Grün­den“ gekün­digt wird. Das könn­ten vor dem Hin­ter­grund eines ein­ge­schränk­ten Ver­ständ­nis­ses des § 11 Nr. 1 BRTV-Bau – zumin­dest inner­halb der Schlecht­wet­ter­zeit – wegen § 12 Nr. 2 BRTV-Bau nur ande­re als wit­te­rungs­be­ding­te Grün­de sein. Außer­halb der Schlecht­wet­ter­zeit wäre zwar auch aus wit­te­rungs­be­ding­ten Aus­fall­grün­den eine Kün­di­gung mög­lich, für die nach § 11 Nr. 1 Satz 4 BRTV-Bau nur ein sehr klei­ner Anwen­dungs­be­reich ver­blie­be, denn wit­te­rungs­be­ding­te Kün­di­gun­gen wer­den im Bau­ge­wer­be außer­halb der Schlecht­wet­ter­zeit kaum prak­tisch.

Die Tarif­ge­schich­te bestä­tigt das Ergeb­nis der Wort­laut­in­ter­pre­ta­ti­on. § 4 Nr.6.1 BRTV-Bau wur­de mit der Ein­füh­rung des Sai­son­Kurz­ar­bei­ter­gelds nach Inkraft­tre­ten des Geset­zes zur För­de­rung der ganz­jäh­ri­gen Beschäf­ti­gung [4] mit Wir­kung vom 01.06.2006 geän­dert. Dabei wur­de der Arbeits­aus­fall in der Schlecht­wet­ter­zeit aus wirt­schaft­li­chen Grün­den gera­de im Hin­blick auf die Geset­zes­än­de­rung zusätz­lich auf­ge­nom­men.

Unge­ach­tet die­ser Anpas­sung des § 4 BRTV-Bau an die ver­än­der­te Geset­zes­la­ge, blieb § 11 Nr. 1 BRTV-Bau unver­än­dert. Es wur­den weder Aus­fall­grün­de in den Tat­be­stand auf­ge­nom­men, noch ande­re Kor­rek­tu­ren vor­ge­nom­men.

Der Zweck der Norm zwingt zu kei­ner teleo­lo­gi­schen Reduk­ti­on. Die unter­schied­li­che Behand­lung des in § 11 Nr. 1 BRTV-Bau genann­ten Per­so­nen­krei­ses im Ver­gleich zu den übri­gen gewerb­li­chen Arbeit­neh­mern des Bau­ge­wer­bes ist beab­sich­tigt. Das gegen­über Werk­po­lie­ren, Bau­ma­schi­nen­Fach­meis­tern und Ofen­wär­tern nach § 11 Nr. 1 Satz 1 BRTV-Bau erwei­ter­te Direk­ti­ons­recht des Arbeit­ge­bers besteht in allen Fäl­len, in denen die­sen kei­ne tarif­ge­rech­te Arbeit zuge­wie­sen wer­den kann. Die Grün­de hier­für sind nach dem Tarif­ver­trag uner­heb­lich. Die­sem erwei­ter­ten Direk­ti­ons­recht kor­re­spon­diert der in § 11 Nr. 1 Satz 2 und Satz 3 BRTV-Bau nor­mier­te Lohn­fort­zah­lungs­an­spruch, der zugleich einen Aus­gleich für den Nach­teil der bemer­kens­wert umfas­send erwei­ter­ten Arbeits­pflicht dar­stellt. Mit die­ser tarif­li­chen Gestal­tung bewe­gen sich die Tarif­ver­trags­par­tei­en noch inner­halb des ihnen nach Art. 9 Abs. 3 GG zuste­hen­den Spiel­raums und knüp­fen an unter­schied­li­che Sach­ver­hal­te an, ohne den Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG zu ver­let­zen [5].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 25. Janu­ar 2012 – 5 AZR 671/​10

  1. BAG 22.04.2009 – 5 AZR 310/​08, Rn. 11, BAGE 130, 331[]
  2. so auch BAG 30.08.1989 – 4 AZR 222/​88, AP TVG § 1 Tarif­ver­trä­ge: Bau Nr. 118 zum inso­weit ver­gleich­ba­ren § 6 Nr.1.3 Satz 2 bis Satz 4 des Rah­men­ta­rif­ver­trags für Polie­re und Schacht­meis­ter des Bau­ge­wer­bes vom 12.06.1978 idF vom 26.09.1984[]
  3. BAG 8.09.1976 – 4 AZR 355/​75, AP TVG § 1 Tarif­ver­trä­ge: Bau Nr. 29 = EzA TVG § 4 Bau­in­dus­trie Nr. 24[]
  4. BGBl. I 2006, 926 ff.[]
  5. zu den Anfor­de­run­gen des Art. 3 Abs. 1 GG, vgl. BAG 13.10.2010 – 5 AZR 378/​09, Rn.19 mwN, AP TVG § 1 Tarif­ver­trä­ge: Ver­kehrs­ge­wer­be Nr. 18[]