Ver­jäh­rung und Ver­fall von Urlaubs­an­sprü­chen bei lang­an­dau­ern­der Arbeits­un­fä­hig­keit

Wäh­rend der dau­er­haf­ten krank­heits­be­ding­ten Arbeits­un­fä­hig­keit unter­lie­gen Urlaubs­an­sprü­che im bestehen­den Arbeits­ver­hält­nis weder der gesetz­li­chen Ver­jäh­rung noch (im öffent­li­chen Dienst) der tarif­li­chen Aus­schluss­frist des § 37 Abs. 1 TVöD. Der Anspruch auf Urlaubs­ab­gel­tung ent­steht mit dem Ende des Arbeits­ver­hält­nis­ses als rei­ner Geld­an­spruch. Ab die­sem Zeit­punkt unter­liegt er der gesetz­li­chen Ver­jäh­rung sowie der tarif­li­chen Aus­schluss­frist des § 37 Abs. 1 TVöD.

Ver­jäh­rung und Ver­fall von Urlaubs­an­sprü­chen bei lang­an­dau­ern­der Arbeits­un­fä­hig­keit

Nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts in der Fol­ge der Ent­schei­dung Schultz-Hoff des EuGH vom 20. Janu­ar 2009 1 ist der gesetz­li­che Min­dest­ur­laubs­an­spruch nicht nach § 7 Abs. 3 Satz 3 BUr­lG befris­tet, wenn der Arbeit­neh­mer dau­ernd arbeits­un­fä­hig ist. Der Min­dest­ur­laub ist bei Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses – unab­hän­gig von der Erfüll­bar­keit des Frei­stel­lungs­an­spruchs in einem gedach­ten fort­be­stehen­den Arbeits­ver­hält­nis – nach § 7 Abs. 4 BUr­lG abzu­gel­ten 2.

§ 7 Abs. 3 und 4 BUr­lG ist so zu ver­ste­hen, dass gesetz­li­che Urlaubs­ab­gel­tungs­an­sprü­che nicht erlö­schen, wenn Arbeit­neh­mer bis zum Ende des Urlaubs­jah­res und/​oder des Über­tra­gungs­zeit­raums erkrankt und des­we­gen arbeits­un­fä­hig sind. Das ent­spricht Wort­laut, Sys­te­ma­tik und Zweck der inner­staat­li­chen Rege­lun­gen, wenn die Zie­le des Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/​88/​EG und der regel­mä­ßig anzu­neh­men­de Wil­le des natio­na­len Gesetz­ge­bers zur ord­nungs­ge­mä­ßen Umset­zung von Richt­li­ni­en berück­sich­tigt wer­den 3.

Der aus Art. 12, 20 Abs. 3 GG abge­lei­te­te Grund­satz des Ver­trau­ens­schut­zes kann Ansprü­chen des Arbeit­neh­mers auf Abgel­tung des gesetz­li­chen Urlaubs ent­ge­gen­ste­hen. Jedoch ist auch das Ver­trau­en pri­va­ter Arbeit­ge­ber, gegen­über denen Art. 7 der Arbeits­zeit­richt­li­nie nicht unmit­tel­bar wirkt, seit 24. Novem­ber 1996 nicht län­ger schutz­wür­dig. Die Grund­la­ge des Ver­trau­ens in den Fort­be­stand der frü­he­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, die den Ver­fall von Urlaubs(-abgeltungs)ansprüchen bei Arbeits­un­fä­hig­keit bis zum Ende des Über­tra­gungs­zeit­raums annahm, war nach Ablauf der Umset­zungs­frist für die ers­te Arbeits­zeit­richt­li­nie 93/​104/​EG (vgl. Art. 7 und 18 Abs. 1 Buchst. a, ABl. EG L 307 vom 13. Dezem­ber 1993 S. 18) mit dem 23. Novem­ber 1996 zer­stört (vgl. zu den Fra­gen inner­staat­li­chen Ver­trau­ens­schut­zes im Ein­zel­nen: BAG 23.03.2010 – 9 AZR 128/​09, Rn. 96 ff. mwN, NZA 2010, 810)).

Arbeits­ge­richt Ulm, Urteil vom 16. Sep­tem­ber 2010 – 5 Ca 563/​09

  1. EuGH, Urteil vom 20.01.2009 – C‑350/​06 und C‑520/​06 Rn. 42 ff., AP Richt­li­nie 2003/​88/​EG Nr. 1[]
  2. grund­le­gend BAG 24.03.2009 – 9 AZR 983/​07, Rn. 47 ff. mwN, AP BUr­lG § 7 Nr. 39[]
  3. vgl. zu den Ein­zel­hei­ten der richt­li­ni­en­kon­for­men Rechts­fort­bil­dung durch teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on aus­führ­lich: BAG 24.03.2009 – 9 AZR 983/​07, Rn. 59 ff. mwN, AP BUr­lG § 7 Nr. 39[]
  4. im Fol­gen­den: Arbeits­zeit­richt­li­nie[]