Ver­kür­zung der Stu­fen­lauf­zeit – und der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz im Arbeits­recht

§ 17 Abs. 2 Satz 1 TVöD-V gewährt dem Beschäf­tig­ten, der erheb­lich über dem Durch­schnitt lie­gen­de Leis­tun­gen erbracht hat, kei­nen Anspruch auf einen vor­ge­zo­ge­nen Stu­fen­auf­stieg. Die Bestim­mung steckt nur den Rah­men ab, inner­halb des­sen der Arbeit­ge­ber sein ihm tarif­lich eröff­ne­tes Ermes­sen und das damit ver­bun­de­ne Leis­tungs­be­stim­mungs­recht wahr­neh­men kann.

Ver­kür­zung der Stu­fen­lauf­zeit – und der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz im Arbeits­recht

Zu den durch § 17 Abs. 2 Satz 1 TVöD‑V eröff­ne­ten Ent­schei­dungs­mög­lich­kei­ten gehört auch die Ent­schei­dung, gänz­lich von Lauf­zeit­ver­kür­zun­gen abzu­se­hen 1. Von die­ser Mög­lich­keit hat der Land­kreis nach den mit der Revi­si­on nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts Gebrauch gemacht.

In dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall einer beim Land­kreis als kom­mu­na­len Trä­ger ange­stell­ten Fall­ma­na­ge­rin im Job­cen­ter hat die Arbeit­neh­me­rin auch unter dem Gesichts­punkt der Gleich­be­hand­lung mit den Beschäf­tig­ten, die dem Job­cen­ter von der Bun­des­agen­tur für Arbeit zuge­wie­sen wor­den sind, kei­nen Anspruch auf den begehr­ten vor­ge­zo­ge­nen Stu­fen­auf­stieg:

Die Arbeit­neh­me­rin hat vor­lie­gend bereits nicht hin­rei­chend dar­ge­legt, dass sich nach dem Grund­satz der Gleich­be­hand­lung im Arbeits­recht über­haupt ein Anspruch auf den Auf­stieg in die Stu­fe 4 im begehr­ten Umfang erge­ben kann. Dazu wäre Vor­trag erfor­der­lich gewe­sen, dass die Beschäf­tig­ten der Bun­des­agen­tur für Arbeit bei einer ver­gleich­ba­ren Emp­feh­lung, wie sie die Arbeit­neh­me­rin erhal­ten hat, min­des­tens neun Mona­te vor dem regu­lä­ren Stu­fen­auf­stieg der nächst­hö­he­ren Stu­fe zuge­ord­net wor­den sind.

Dar­über hin­aus lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen für ein Ein­grei­fen des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung im Arbeits­recht nicht vor.

Die­ser Grund­satz begrenzt die Gestal­tungs­macht des Arbeit­ge­bers. Er gebie­tet ihm, sei­ne Arbeit­neh­mer oder Grup­pen von Arbeit­neh­mern, die sich in ver­gleich­ba­rer Lage befin­den, bei Anwen­dung einer selbst­ge­setz­ten Regel gleich zu behan­deln. Dies gilt trotz des Grund­sat­zes der Ver­trags­frei­heit auch im Bereich der Ent­gelt­zah­lung, sofern die Ver­gü­tung auf­grund eines bestimm­ten erkenn­ba­ren und gene­ra­li­sie­ren­den Prin­zips erfolgt. Bei der Fest­le­gung der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen durch den Arbeit­ge­ber ist die­sem eine Grup­pen­bil­dung unter­sagt, für die sich kein ver­nünf­ti­ger, aus dem Zweck der Leis­tung erge­ben­der oder sons­ti­ger sach­lich ein­leuch­ten­der Grund fin­den lässt 2.

Die Anwen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes schei­tert vor­lie­gend schon dar­an, dass die­ser Grund­satz nur im Ver­hält­nis zu dem­sel­ben Arbeit­ge­ber gilt, also nur den Ver­trags­ar­beit­ge­ber bin­det. Dar­um wer­den durch die­sen Grund­satz die Trä­ger von Job­cen­tern bzw. deren Geschäfts­füh­rer nicht ver­pflich­tet, die Arbeits­be­din­gun­gen der Beschäf­tig­ten des einen Trä­gers an den Bedin­gun­gen des ande­ren Trä­gers aus­zu­rich­ten. Inso­weit gilt nichts ande­res als im Gemein­schafts­be­trieb 3.

Aus der von der Revi­si­on ange­führ­ten Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 17.11.1998 4 folgt nichts ande­res. Die dort ange­stell­ten – das Urteil nicht tra­gen­den – Erwä­gun­gen betref­fen ledig­lich die betriebs, nicht aber die hier von der Arbeit­neh­me­rin begehr­te unter­neh­mens­über­grei­fen­de Anwen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes.

Ent­ge­gen der Ansicht der Revi­si­on bil­det die Arbeit­neh­me­rin unge­ach­tet der Bestim­mun­gen in §§ 44b ff. SGB II nicht mit sämt­li­chen Mit­ar­bei­tern der gemein­sa­men Ein­rich­tung bezo­gen auf den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz eine Grup­pe. Die gemein­sa­me Ein­rich­tung stellt inso­weit auch kein „eigen­stän­di­ges arbeits­recht­li­ches Gebil­de” dar, in dem sich alle Mit­ar­bei­ter nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers in einer ver­gleich­ba­ren Lage befän­den. Die Revi­si­on berück­sich­tigt bei die­ser Argu­men­ta­ti­on nicht, dass der Gesetz­ge­ber unge­ach­tet sei­nes Ziels, durch die dem Geschäfts­füh­rer nach § 44d Abs. 4 SGB II über­tra­ge­nen Befug­nis­se die „weit­ge­hen­de” Gleich­be­hand­lung des Per­so­nals sowie eine ein­heit­li­che Per­so­nal­füh­rung und ‑steue­rung in den gemein­sa­men Ein­rich­tun­gen zu errei­chen 5, gemäß § 44g Abs. 4 Satz 1 SGB II die arbeits­recht­li­che Stel­lung der zuge­wie­se­nen Arbeit­neh­mer unbe­rührt gelas­sen hat. Deren Ver­trags­ar­beit­ge­ber ist also wei­ter­hin die Bun­des­agen­tur für Arbeit bzw. die Kom­mu­ne. Der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ist in den Job­cen­tern des­halb im Ver­hält­nis der bei­den von den Trä­gern zuge­wie­se­nen Beschäf­tig­ten­grup­pen nicht anwend­bar. Das hat der Gesetz­ge­ber durch die Rege­lung in § 44g Abs. 4 Satz 1 SGB II in Kauf genom­men.

Dar­über hin­aus hat die Geschäfts­füh­re­rin des Job­cen­ters als Vor­ge­setz­te der Arbeit­neh­me­rin 6 zur Umset­zung der Emp­feh­lung von Füh­rungs­kräf­ten, ein­zel­nen Beschäf­tig­ten des Job­cen­ters leis­tungs­be­zo­gen einen vor­ge­zo­ge­nen Stu­fen­auf­stieg zu gewäh­ren, kei­ne Regel gesetzt, die sie unter­schied­lich auf die Arbeit­neh­me­rin als kom­mu­na­le Beschäf­tig­te einer­seits und Beschäf­tig­te, die von der Bun­des­agen­tur für Arbeit zuge­wie­sen wor­den sind, ande­rer­seits ange­wandt hät­te. Es fehlt damit an einer wei­te­ren Vor­aus­set­zung für das Ein­grei­fen des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung im Arbeits­recht.

Die Geschäfts­füh­re­rin konn­te bezüg­lich der von der Bun­des­agen­tur für Arbeit zuge­wie­se­nen Beschäf­tig­ten kei­ne eigen­stän­di­ge Ent­schei­dung über den vor­ge­zo­ge­nen Stu­fen­auf­stieg tref­fen und schon des­halb hin­sicht­lich die­ses Per­so­nen­krei­ses kei­ne selbst­ge­setz­te Regel anwen­den. Der Tarif­ver­trag für die Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer der Bun­des­agen­tur für Arbeit vom 28.03.2006 in der seit 1.11.2008 gel­ten­den Fas­sung des 6. Ände­rungs­ta­rif­ver­trags vom 07.04.2009 (TV-BA) sieht in § 19 Abs. 2 Satz 1 zwar eben­falls die Mög­lich­keit vor, bei erheb­lich über dem Durch­schnitt lie­gen­den Leis­tun­gen die Stu­fen­lauf­zeit in den Ent­wick­lungs­stu­fen 3 bis 6 zu ver­kür­zen. Anders als im Anwen­dungs­be­reich des TVöD‑V trifft die Ent­schei­dung dar­über aber nicht der Arbeit­ge­ber selbst, son­dern gemäß § 19 Abs. 3 TV-BA auf Vor­schlag der vor­ge­setz­ten Füh­rungs­kraft eine Kom­mis­si­on der Dienst­stel­le. Die Geschäfts­füh­re­rin des Job­cen­ters hat­te die­se Ent­schei­dung in den von der Arbeit­neh­me­rin ange­führ­ten Fäl­len, in denen es bei Beschäf­tig­ten der Bun­des­agen­tur für Arbeit zu vor­ge­zo­ge­nen Stu­fen­auf­stie­gen gekom­men ist, nur noch umzu­set­zen.

Auch hin­sicht­lich der von dem Land­kreis dem Job­cen­ter zuge­wie­se­nen Beschäf­tig­ten fehlt es an der eigen­stän­di­gen Begrün­dung einer Anspruchs­grund­la­ge durch die Geschäfts­füh­re­rin 7. Dabei kann dahin­ste­hen, ob es sich bei der Wei­sung der Ent­wick­lungs­kon­fe­renz vom 19.12 2013 um eine Wei­sung nach § 44k Abs. 2 Satz 2 SGB II han­del­te und ob beja­hen­den­falls die Geschäfts­füh­re­rin ver­pflich­tet war, die­ser Wei­sung Fol­ge zu leis­ten 8. Selbst wenn der Geschäfts­füh­re­rin inso­weit ein Rechts­irr­tum unter­lau­fen sein soll­te, läge ein Fall des ver­meint­li­chen Nor­men- bzw. Wei­sungs­voll­zugs vor, der die Anwen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes aus­schließt 9, weil es dann an einer sub­jek­tiv frei­wil­lig gesetz­ten Regel fehlt 10. Die Geschäfts­füh­re­rin hat bezüg­lich der vom Land­kreis zuge­wie­se­nen Mit­ar­bei­ter kei­ne selbst­ge­setz­te, son­dern eine fremd­ge­setz­te Ver­pflich­tung erfüllt. Es fehlt dar­um an einem Ver­pflich­tungs­ver­hal­ten, das die Anwen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes eröff­net hät­te 11. Der Umstand, dass die Trä­ger­ver­samm­lung in Erfül­lung ihrer gesetz­li­chen Ver­pflich­tung aus § 44c Abs. 5 SGB II ein­heit­li­che Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en auf­ge­stellt hat, ändert dar­an ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on nichts.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 9. Juni 2016 – 6 AZR 321/​15

  1. Fie­berg in Fürst GKÖD Bd. IV Stand März 2008 E § 17 Rn. 13; Clemens/​Scheuring/​Steingen/​Wiese TVöD Stand Juli 2014 § 17 Rn. 6
  2. BAG 25.06.2015 – 6 AZR 383/​14, Rn. 48
  3. vgl. dazu BAG 12.12 2006 – 1 ABR 38/​05, Rn. 23
  4. 1 AZR 147/​98, zu III 1 b aa der Grün­de
  5. BT-Drs. 17/​1555 S. 26
  6. vgl. zu die­ser Funk­ti­on: BAG 23.06.2015 – 9 AZR 261/​14, Rn.20; BVerwG 1.10.2014 – 6 P 15.13, Rn. 14; BT-Drs. 17/​1555 S. 26
  7. vgl. zu die­ser Vor­aus­set­zung für das Ein­grei­fen des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes Creutz­feldt JbArbR Bd. 52 S. 25, 27
  8. eben­falls offen­ge­las­sen von BVerwG 1.10.2014 – 6 P 15.13, Rn. 22; vgl. zum Streit­stand zur Reich­wei­te des Wei­sungs­rechts des jewei­li­gen Trä­gers bei der Über­schnei­dung mit den per­so­nal­recht­li­chen Kom­pe­ten­zen des Geschäfts­füh­rers nach § 44d Abs. 4 SGB II Knapp in Schlegel/​Voelzke juris­PK-SGB II 4. Aufl. § 44k Rn. 16 f.
  9. vgl. BAG 17.03.2016 – 6 AZR 92/​15, Rn. 38
  10. vgl. BAG 21.11.2013 – 6 AZR 23/​12, Rn. 76; Creutz­feldt aaO S. 29 f.
  11. vgl. Creutz­feldt aaO S. 30