Ver­set­zung einer Flug­be­glei­te­rin – und die Bestim­mun­gen des Arbeits­ver­tra­ges

Bei der Prü­fung der Wirk­sam­keit einer Ver­set­zung, die auf Rege­lun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen gemäß §§ 305 ff. BGB beruht, ist zunächst durch Aus­le­gung der Inhalt der ver­trag­li­chen Rege­lun­gen unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls zu ermit­teln 1. Fest­zu­stel­len ist, ob ein bestimm­ter Tätig­keits­in­halt und Tätig­keits­ort ver­trag­lich fest­ge­legt sind und wel­chen Inhalt ein ggf. ver­ein­bar­ter Ver­set­zungs­vor­be­halt hat 2.

Ver­set­zung einer Flug­be­glei­te­rin – und die Bestim­mun­gen des Arbeits­ver­tra­ges

Die Bestim­mung eines Orts der Arbeits­leis­tung in Kom­bi­na­ti­on mit einer im Arbeits­ver­trag durch Ver­set­zungs­vor­be­halt gere­gel­ten Ein­satz­mög­lich­keit im gesam­ten Unter­neh­men ver­hin­dert regel­mä­ßig die ver­trag­li­che Beschrän­kung auf den im Ver­trag genann­ten Ort der Arbeits­leis­tung 3. Fehlt es an einer Fest­le­gung des Inhalts oder des Orts der Leis­tungs­pflicht im Arbeits­ver­trag, ergibt sich der Umfang der Wei­sungs­rech­te des Arbeit­ge­bers aus § 106 GewO. Auf die Zuläs­sig­keit eines dar­über hin­aus ver­ein­bar­ten Ver­set­zungs­vor­be­halts kommt es dann nicht an. Weist der Arbeit­ge­ber dem Arbeit­neh­mer einen ande­ren Arbeits­ort zu, unter­liegt dies der Aus­übungs­kon­trol­le gemäß § 106 Satz 1 GewO, § 315 Abs. 3 BGB 4.

Dem Inha­ber des Bestim­mungs­rechts nach § 106 GewO, § 315 Abs. 1 BGB ver­bleibt auch im Fal­le der Ver­set­zung für die rechts­ge­stal­ten­de Leis­tungs­be­stim­mung ein – hier auf betrieb­li­che Grün­de beschränk­ter – nach bil­li­gem Ermes­sen aus­zu­fül­len­der Spiel­raum. Inner­halb des Spiel­raums kön­nen dem Bestim­mungs­be­rech­tig­ten meh­re­re Ent­schei­dungs­mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung ste­hen. Dem Gericht obliegt nach § 315 Abs. 3 Satz 1 BGB die Prü­fung, ob der Arbeit­ge­ber als Gläu­bi­ger die Gren­zen sei­nes Bestim­mungs­rechts beach­tet hat 5. Bei die­ser Prü­fung kommt es nicht auf die vom Bestim­mungs­be­rech­tig­ten ange­stell­ten Erwä­gun­gen an, son­dern dar­auf, ob das Ergeb­nis der getrof­fe­nen Ent­schei­dung den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen genügt. Die Dar­le­gungs- und Beweis­last für die Ein­hal­tung die­ser Gren­zen hat der Bestim­mungs­be­rech­tig­te 6. Maß­geb­li­cher Zeit­punkt für die Aus­übungs­kon­trol­le ist der Zeit­punkt, zu dem der Arbeit­ge­ber die Ermes­sens­ent­schei­dung zu tref­fen hat 7.

Die Leis­tungs­be­stim­mung nach bil­li­gem Ermes­sen (§ 106 Satz 1 GewO, § 315 BGB) ver­langt eine Abwä­gung der wech­sel­sei­ti­gen Inter­es­sen nach ver­fas­sungs­recht­li­chen und gesetz­li­chen Wert­ent­schei­dun­gen, den all­ge­mei­nen Wer­tungs­grund­sät­zen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit und Ange­mes­sen­heit sowie der Ver­kehrs­sit­te und Zumut­bar­keit. In die Abwä­gung sind alle Umstän­de des Ein­zel­falls ein­zu­be­zie­hen 8.

Beruht die Wei­sung auf einer unter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung, so kommt die­ser beson­de­res Gewicht zu. Das unter­neh­me­ri­sche Kon­zept ist dabei nicht auf sei­ne Zweck­mä­ßig­keit hin zu über­prü­fen. Die Arbeits­ge­rich­te kön­nen vom Arbeit­ge­ber nicht ver­lan­gen, von ihm nicht gewoll­te Orga­ni­sa­ti­ons­ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Eine unter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung führt aber nicht dazu, dass die Abwä­gung mit Inter­es­sen des Arbeit­neh­mers von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen wäre und sich die Belan­ge des Arbeit­neh­mers nur in dem vom Arbeit­ge­ber durch die unter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung gesetz­ten Rah­men durch­set­zen könn­ten. Die unter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung ist ein zwar wich­ti­ger, aber nicht der allei­ni­ge Abwä­gungs­ge­sichts­punkt. Im Ein­zel­fall kön­nen beson­ders schwer­wie­gen­de, ins­be­son­de­re ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­te Belan­ge des Arbeit­neh­mers ent­ge­gen­ste­hen. Es kommt dar­auf an, ob das Inter­es­se des Arbeit­ge­bers an der Durch­set­zung sei­ner Orga­ni­sa­ti­ons­ent­schei­dung auch im Ein­zel­fall die Wei­sung recht­fer­tigt. Das ist der Fall, wenn die zugrun­de lie­gen­de unter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung die Ver­set­zung auch ange­sichts der für den Arbeit­neh­mer ent­ste­hen­den Nach­tei­le nahe­legt und sie nicht will­kür­lich oder miss­bräuch­lich erschei­nen lässt 9.

Eine sozia­le Aus­wahl – wie im Fall einer betriebs­be­ding­ten Kün­di­gung nach § 1 Abs. 3 KSchG – fin­det bei der Ver­set­zung nicht statt. Soweit es auf die Zumut­bar­keit des neu zuge­wie­se­nen Arbeits­orts ankommt, kann aus den sozi­al­recht­li­chen Regeln über die Zumut­bar­keit einer Beschäf­ti­gung kein belast­ba­rer Maß­stab für die arbeits­recht­li­che Beur­tei­lung des Ermes­sens­ge­brauchs nach § 106 Satz 1 GewO, § 315 BGB bei einer Ver­set­zung abge­lei­tet wer­den 10.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 30. Novem­ber 2016 – 10 AZR 744/​15

  1. im Ein­zel­nen BAG 25.08.2010 – 10 AZR 275/​09, Rn. 17 ff., BAGE 135, 239[]
  2. zuletzt zB BAG 13.11.2013 – 10 AZR 1082/​12, Rn. 25[]
  3. st. Rspr., zuletzt zB BAG 13.11.2013 – 10 AZR 1082/​12, Rn. 26 mwN[]
  4. BAG 26.09.2012 – 10 AZR 311/​11, Rn.19[]
  5. vgl. BAG 13.11.2013 – 10 AZR 1082/​12, Rn. 41; BGH 18.10.2007 – III ZR 277/​06, Rn.20, BGHZ 174, 48[]
  6. st. Rspr., zuletzt zB BAG 3.08.2016 – 10 AZR 710/​14, Rn. 26[]
  7. BAG 14.07.2010 – 10 AZR 182/​09, Rn. 89 mwN, BAGE 135, 128[]
  8. st. Rspr., zuletzt im Hin­blick auf Ver­set­zun­gen zB BAG 28.08.2013 – 10 AZR 569/​12, Rn. 40 mwN[]
  9. BAG 28.08.2013 – 10 AZR 569/​12, Rn. 41 f.[]
  10. vgl. BAG 17.08.2011 – 10 AZR 202/​10, Rn. 22, 25[]