Ver­zugs­pau­scha­le – und der Streit­wert

Die Pau­scha­le nach § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB erhöht den Wert des Beschwer­de­ge­gen­stan­des nicht, wenn sie als Neben­for­de­rung zu einer rechts­hän­gi­gen Haupt­for­de­rung gel­tend gemacht wird.

Ver­zugs­pau­scha­le – und der Streit­wert

Das folgt für das Bun­des­ar­beits­ge­richt aus § 4 Abs. 1 Halbs. 2 ZPO.

Die Berech­nung der Beschwer rich­tet sich nach den §§ 3 ff. ZPO1. Nach § 5 Halbs. 1 ZPO wer­den zwar – wovon offen­bar das Arbeits­ge­richt bei sei­ner Streit­wert­fest­set­zung auf 911, 78 Euro aus­ge­gan­gen ist – meh­re­re in einer Kla­ge gel­tend gemach­te Ansprü­che zusam­men­ge­rech­net. Dabei blei­ben aber (u.a.) Kos­ten unbe­rück­sich­tigt, wenn sie als Neben­for­de­rung gel­tend gemacht wer­den, § 4 Abs. 1 Halbs. 2 ZPO.

Die Klä­ge­rin hat die Pau­scha­len nach § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB im hier ent­schie­de­nen Rechts­streit als Neben­for­de­rung2 gel­tend gemacht. Der Anspruch auf die Ver­zugs­pau­scha­le steht in einem Abhän­gig­keits­ver­hält­nis zu der aus dem Arbeits­ver­trag her­ge­lei­te­ten Haupt­for­de­rung auf Nacht­zu­schlä­ge für die im Streit­zeit­raum geleis­te­te Arbeit. Sie hängt sach­lich-recht­lich von der Haupt­for­de­rung ab, weil sie den Bestand der Haupt­for­de­rung und – als eige­ner Ent­ste­hungs­grund – den Ver­zug des Schuld­ners mit der Haupt­for­de­rung vor­aus­setzt.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm3 unter­fällt die Pau­scha­le nach § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB dem Begriff der Kos­ten in § 4 Abs. 1 Halbs. 2 ZPO.

Kos­ten iSd. § 4 Abs. 1 Halbs. 2 ZPO sind die auf die Durch­set­zung des (Haupt-)Anspruchs ver­wen­de­ten Ver­mö­gens­op­fer, zu denen sowohl Pro­zess­kos­ten (sofern sie nicht dem Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren nach § 103 ZPO vor­be­hal­ten sind) als auch die außer­ge­richt­li­chen Kos­ten jeder Art gehö­ren4. In einer älte­ren Ent­schei­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof offen­ge­las­sen, ob bestimm­te Zah­lun­gen nach der fran­zö­si­schen Zivil­pro­zess­ord­nung, die sach­lich einen pau­scha­lier­ten Ersatz für außer­ge­richt­li­che Kos­ten dar­stel­len, gemäß § 4 Abs. 1 Halbs. 2 ZPO bei der Wert­fest­set­zung zu berück­sich­ti­gen sind oder nicht5.

Die Rege­lung des § 288 Abs. 5 BGB erfolg­te in Umset­zung des in Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2011/​7/​EU vor­ge­se­he­nen Anspruchs auf Zah­lung eines Pau­schal­be­trags von min­des­tens 40, 00 Euro bei Zah­lungs­ver­zug6. Bei dem Pau­schal­be­trag han­delt es sich nach Art. 6 Abs. 2 RL 2011/​7/​EU um eine Ent­schä­di­gung für Bei­trei­bungs­kos­ten des Gläu­bi­gers. Die Ent­schä­di­gung in Form eines Pau­schal­be­trags soll eine „gerech­te” sein und dazu die­nen, die mit der Bei­trei­bung ver­bun­de­nen Ver­wal­tungs­kos­ten und inter­ne Kos­ten des Gläu­bi­gers zu beschrän­ken ohne ihm durch den Pau­schal­be­trag die Mög­lich­keit abzu­schnei­den, Ersatz der übri­gen, durch den Zah­lungs­ver­zug des Schuld­ners beding­ten Bei­trei­bungs­kos­ten zu bean­spru­chen7. Es han­delt sich bei der Pau­scha­le nach § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB mit­hin – ähn­lich wie beim Ver­zugs­zins nach § 288 Abs. 1 BGB8 – um einen objek­ti­ven Min­des­ter­satz für dem Gläu­bi­ger bei Säum­nis des Schuld­ners typi­scher­wei­se ent­ste­hen­de Bei­trei­bungs­kos­ten und damit um Kos­ten iSd. § 4 Abs. 1 Halbs. 2 ZPO9.

Das bestä­tigt die Anrech­nungs­vor­schrift des § 288 Abs. 5 Satz 3 BGB. Hier­nach ist die Pau­scha­le auf einen geschul­de­ten Scha­dens­er­satz anzu­rech­nen, soweit der Scha­den in Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung begrün­det ist. Damit setzt die Norm vor­aus, dass es auch bei der Pau­scha­le um (vor­ge­richt­li­che) Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung geht. Der Gläu­bi­ger soll – wie von Art. 6 Abs. 3 RL 2011/​7/​EU ver­langt10 – Ersatz aller durch den Zah­lungs­ver­zug des Schuld­ners beding­ten Bei­trei­bungs­kos­ten erhal­ten, indes die­sel­ben Bei­trei­bungs­kos­ten nicht zwei­mal ersetzt bekom­men11.

Die Ein­ord­nung der Pau­scha­le nach § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB als Kos­ten iSd. § 4 Abs. 1 Halbs. 2 ZPO schei­tert ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht dar­an, dass die Pau­scha­le auch der Gläu­bi­ger bean­spru­chen kann, dem kei­ne Bei­trei­bungs­kos­ten ent­stan­den sind. Dies ist ledig­lich eine Fol­ge der Pau­scha­lie­rung, ändert aber an dem Rechts­cha­rak­ter der Pau­scha­le – Ersatz von Bei­trei­bungs­kos­ten – nichts. So kommt es auch bei den Ver­zugs­zin­sen nach § 288 Abs. 1 BGB nicht dar­auf an, ob dem Gläu­bi­ger tat­säch­lich ein Zins­scha­den ent­stan­den ist; gleich­wohl han­delt es sich dabei um Zin­sen iSd. § 4 Abs. 1 Halbs. 2 ZPO12.

Dass der Gesetz­ge­ber mit der Ver­zugs­pau­scha­le meh­re­re Zie­le ver­folg­te (Pau­scha­lie­rung der mit der Bei­trei­bung typi­scher­wei­se ver­bun­de­nen Kos­ten, Anhal­ten des Schuld­ners zur frist­ge­rech­ten Leis­tung, Begren­zung der mit der Bei­trei­bung ver­bun­de­nen Kos­ten), von denen kei­nem auf­grund sei­ner Bedeu­tung der Vor­rang vor ande­ren zukommt13, lässt ihren Rechts­cha­rak­ter als Ersatz von Bei­trei­bungs­kos­ten unbe­rührt und steht ihrer Ein­ord­nung als Kos­ten iSd. § 4 Abs. 1 Halbs. 2 ZPO nicht ent­ge­gen. Die Ver­drän­gung des Anspruchs aus § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB durch § 12a Abs. 1 Satz 1 ArbGG als spe­zi­el­le­re Rege­lung zur Kos­ten­tra­gungs­pflicht14 ist viel­mehr nur dann gerecht­fer­tigt, wenn § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung betrifft.

Abwei­chen­de Streit­wert­fest­set­zung des Amts­ge­richts

Der feh­len­den Statt­haf­tig­keit der Beru­fung der Beklag­ten steht die Streit­wert­fest­set­zung des Arbeits­ge­richts nicht ent­ge­gen.

Der vom Arbeits­ge­richt nach § 61 Abs. 1 ArbGG im Urteil fest­ge­setz­te Streit­wert ist grund­sätz­lich vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zugrun­de zu legen, wenn es im Rah­men der Zuläs­sig­keits­prü­fung fest­stellt, ob der Wert des Beschwer­de­ge­gen­stan­des 600, 00 Euro über­steigt und des­halb die Beru­fung statt­haft ist. Die Bin­dung an den vom Arbeits­ge­richt fest­ge­setz­ten Streit­wert ent­fällt indes jeden­falls dann, wenn die Streit­wert­fest­set­zung offen­sicht­lich unrich­tig ist15.

Ob dies anzu­neh­men ist, weil das Arbeits­ge­richt – ohne Begrün­dung – anschei­nend die Pau­scha­len nach § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB dem Streit­wert hin­zu­ge­rech­net hat, bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Denn die Beklag­te ist erst­in­stanz­lich nicht voll­stän­dig unter­le­gen, das Arbeits­ge­richt hat die Kla­ge teil­wei­se abge­wie­sen. In einem sol­chen Fal­le muss und darf das Beru­fungs­ge­richt die Beschwer ohne Bin­dung an die Streit­wert­fest­set­zung im Erst­ur­teil ermit­teln und nach den Bestim­mun­gen der §§ 3 bis 9 ZPO berech­nen16.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 27. März 2019 – 5 AZR 591/​17

  1. all­gA, vgl. nur GMP/​Schleusener ArbGG 9. Aufl. § 64 Rn. 50 mwN
  2. zum Begriff vgl. BGH 19.12 2016 – IX ZR 60/​16, Rn. 2; Musielak/​Voit/​Heinrich ZPO 16. Aufl. § 4 Rn. 10 f.; Zöller/​Herget ZPO 32. Aufl. § 4 Rn. 8 – jeweils mwN
  3. LAG Hamm 29.11.2017 – 6 Sa 620/​17
  4. vgl. nur Stein/​Jonas/​Roth ZPO 23. Aufl. § 4 Rn. 24 ff.; Zöller/​Herget ZPO 32. Aufl. § 4 Rn. 12 f.; Musielak/​Voit/​Heinrich ZPO 16. Aufl. § 4 Rn. 16; zu den vor­ge­richt­li­chen Anwalts­kos­ten sh. auch BGH 17.01.2013 – I ZR 107/​12, Rn. 4; 24.03.2016 – III ZR 52/​15, Rn. 9 – jeweils mwN
  5. BGH 27.09.1990 – IX ZB 63/​90, zu II der Grün­de
  6. BT-Drs. 18/​1309 S. 11
  7. Erwä­gungs­grün­de 19 und 20 RL 2011/​7/​EU
  8. vgl. dazu BGH 20.07.2011 – IV ZR 75/​09, Rn. 16; Palandt/​Grüneberg BGB 78. Aufl. § 288 Rn. 4
  9. im Ergeb­nis eben­so LAG Bre­men 8.02.2018 – 3 Ta 49/​17, zu II 2 der Grün­de betr. Streit­wert; zust. Zie­mann juris­PR-ArbR 15/​2018 Anm. 6
  10. dazu EuGH 13.09.2018 – C‑287/​17, Rn. 17 ff.
  11. zur Aus­le­gung von Art. 6 Abs. 3 RL 2011/​7/​EU sh. auch das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des BGH vom 18.01.2018 – III ZR 174/​17, an dem er mit Beschluss vom 29.11.2018 – III ZR 174/​17 – fest­ge­hal­ten hat
  12. vgl. nur BGH 4.09.2013 – III ZR 191/​12, Rn. 2; Zöller/​Herget ZPO 32. Aufl. § 4 Rn. 11; Musielak/​Voit/​Heinrich ZPO 16. Aufl. § 4 Rn. 14; Stein/​Jonas/​Roth ZPO 23. Aufl. § 4 Rn. 22 – jeweils mwN
  13. BAG 25.09.2018 – 8 AZR 26/​18, Rn. 46 ff.
  14. vgl. BAG 25.09.2018 – 8 AZR 26/​18, Rn. 23 ff.; 12.12 2018 – 5 AZR 588/​17, Rn. 46 ff.; 19.12 2018 – 10 AZR 231/​18, Rn. 75
  15. st. Rspr., vgl. etwa BAG 25.01.2017 – 4 AZR 519/​15, Rn. 16 mwN, BAGE 158, 75; krit. zur Bin­dung an die arbeits­ge­richt­li­che Streit­wert­fest­set­zung GK-ArbGG/­Vos­sen Stand Dezem­ber 2018 § 64 Rn. 31 ff.; BCF/​Creutzfeldt ArbGG 5. Aufl. § 61 Rn.20
  16. im Ergeb­nis eben­so GMP/​Schleusener ArbGG 9. Aufl. § 64 Rn. 49 f.; GK-ArbGG/­Vos­sen Stand Dezem­ber 2018 § 64 Rn. 33 bis 41